Rettet die Panoramafreiheit!

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Bild: Bundeskanzleramt nach der beabsichtigten Gesetzesänderung (Quelle: Wikipedia)

Wikipedia schreibt dazu:

Eine beabsichtigte Änderung der europäischen Urheberrechtsgesetzgebung gefährdet derzeit den Bildbestand der Wikipedia in europäischen Ländern mit Panoramafreiheit.

Hintergrund

Es geht dabei um den folgenden Abschnitt in dem vom Rechtsausschuss vorgelegten Vorschlag zur Änderung der Urheberrechtsgesetzgebung in der EU:[1]

Das Europäische Parlament […] vertritt die Auffassung, dass die gewerbliche Nutzung von Fotografien, Videomaterial oder anderen Abbildungen von Werken, die dauerhaft an physischen öffentlichen Orten platziert sind, immer an die vorherige Einwilligung der Urheber oder sonstigen Bevollmächtigten geknüpft sein sollte

Der ursprüngliche Text lautete:

Das Europäische Parlament […] fordert den Gesetzgeber der EU auf, sicherzustellen, dass die Nutzung von Fotografien, Videomaterial oder anderen Abbildungen von Werken, die dauerhaft an öffentlichen Orten platziert sind, gestattet ist

Der ursprüngliche Bericht der Europaabgeordneten Julia Reda hatte eine Harmonisierung in Form einer einheitlichen Panoramafreiheit vorgesehen. In Umkehrung dieses Zieles wurde durch den Änderungsantrag 421 des französischen Abgeordneten Jean-Marie Cavada mit nahezu 3/4-Mehrheit eine allgemeine Einschränkung der Panoramafreiheit vom Rechtsausschuss vorgesehen.

Konsequenzen

Da private und kommerzielle Verwendung von Inhalten im Internet nicht klar definiert ist und die Wikimedia-Projekte eine allgemeine und uneingeschränkte Verwendbarkeit von Inhalten vertreten, sind die Inhalte der Wikipedia und anderer Projekte soweit möglich unter einer Lizenz verfügbar, die auch kommerziellen Gebrauch zulässt.

In Ländern der Europäischen Union mit bestehender Panoramafreiheit ist eine Einschränkung auf rein private Verwendung ein Angriff auf die Wissensallmende und die freie Verfügbarbarkeit von Informationen, für die Wikipedia steht. Zahlreiche Bilder auf Wikimedia Commons würden bei einer Umsetzung des Vorschlags gelöscht werden oder zumindest in der deutschsprachigen Wikipedia nicht mehr verwendbar sein. „Zahlreich“ heißt etwas in der Größenordnung zwischen 100.000 und 1.000.000 Bildern. Der Verlust für Inhalt und Qualität der Wikipedia wäre massiv.

Und nicht nur Wikipedia würde leiden, jedem Einzelnen von uns wird einfach ein Recht weggenommen, ohne Not, ohne uns zu fragen! Jeder einzelne von uns kann mit einem Urlaubsschnappschuss zum Gesetzesbrecher werden! Nicht kommerzielle Nutzung soll zwar weiterhin erlaubt sein, aber was genau ist nicht kommerzielle Nutzung?

Wem das nicht gefällt, kann noch bis zum 29.7. den offenen Brief an die Abgeordneten des Europäischen Parlaments gegen die geplante Änderung unterschreiben oder sich direkt an eine Europaabgeordneten wenden.

Frisch geschlüpft: Le petit prince

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par Antoine de Saint-Exupéry, lu par Ezwa

Nein, das ist keine LibriVox Aufnahme und auch keine von Legamus! Dass ich trotzdem einen Beitrag dazu schreibe, liegt daran, dass Der kleine Prinz wirklich ein ganz besonderer Fall ist. (Ein ganz besonderes Buch ist es sowieso.)

Es ist 1943 erschienen und kann nicht bei LibriVox gemacht werden, weil es in den USA noch dem Copyright unterliegt. Da der Autor 1944 gestorben ist, ist es in Europa gemeinfrei. In ganz Europa? Nein, in Frankreich nicht, denn dort gibt es eine besondere Regelung im Urheberrecht, nach der Künstler, die im Krieg gefallen sind, eine 30 Jahre längere Urheberrechtsschutzfrist bekommen. Und da sich der Server von Legamus! in Frankreich befindet, konnte es dort auch nicht gemacht werden.

Aber meine wunderbare LibriVox Kollegin Ezwa hat trotzdem einen Weg gefunden, uns allen ihre Aufnahme zugänglich zu machen. Und um der Aufnahme die Aufmerksamkeit zu verschaffen, die sie verdient, schreibe ich ausnahmsweise einen Frisch-geschlüpft-Beitrag über ein Buch, dass weder bei LibriVox noch bei Legamus ist und noch dazu französisch.

Hörbuch Download bei Audiocite.net

Es gibt dort auch den vollständigen Text und alle Bilder. Wäre das nicht eine wundervolle Gelegenheit, etwa angestaubtes Schulfranzösisch wieder aufzufrischen? Viel Spaß damit – wenn Ihr nicht gerade in Frankreich oder den USA seit.

 

 

Am Rande: Öffentliche Konsultation zur Überprüfung der Regeln zum EU-Urheberrecht

Die EU lädt ein zu einer Anhörung zum Thema Binnenmarkt, Geistiges Eigentum ‑ Urheberrecht. http://ec.europa.eu/internal_market/consultations/2013/copyright-rules/index_de.htm

Man kann ein 41 seitiges Word Dokument durchackern (lesen sollte man es mal, sehr interessant) oder sich hier an eine Sammel/Kurzfassung beteiligen http://copywrongs.eu/ Ich habe aber noch nicht herausgefunden, wer oder was genau copywrong ist.

Der falsche Engel

Zu Weihnachten habe ich das Buch bekommen, dass auf meinem Wunschzettel stand: Gustav Meyrink – Ein Leben im Bann der Magie von Hartmut Binder. Ein dickes Buch, 784 Seiten und bestimmt 3 kg schwer, randvoll mit sorgfältig recherchierten Informationen zu Meyrinks Vita und mit sehr vielen Fotos von Orten und Menschen, die in Meyrinks Leben eine Rolle spielten. Spannende Lektüre, ich werde berichten, wenn ich durch bin.

Doch gleich in der Einleitung versetzt Binder mir einen Schock: „Besonders ‚beeindruckend‘ in diesem Zusammenhang ist die von Joseph Strelka verfaßte Einleitung zu Meyrinks Roman Der Engel vom westlichen Fenster, der – aber das ist schon wieder eine andere Geschichte – gar nicht von Meyrink selbst stammt.“

WAS!?!

Was nehme ich doch gerade für Legamus auf! Rasch das betreffende Kapitel aufgeblättert: Der Autor soll Friedrich Alfred Schmid Noerr (1877-1969) sein, ein Freund Meyrinks aus den Starnberger Jahren. Aber dann wäre das Buch ja gar nicht gemeinfrei! Dafür will ich Beweise sehen! Und Beweise bringt Binder. Keine stilistische Analyse, die man glauben kann oder auch nicht, nein, ganz handfeste Beweise. Im Nachlass von Schmid Noerr befindet sich die erste Fassung vom Engel in Schmid Noerrs Handschrift. In Meyrinks Nachlass nur der Durchschlag einer überarbeiteten Fassung. Es gibt ein Angebot von Meyrinks Verlages über 15.000 Mark für einen neuen Roman und ein Vertrag zwischen Meyrink und Schmid Noerr, wonach Schmid Noerr die Hälfte Einkünfte des Romans bekommen soll. Die beiden haben einen Coup ausgeheckt, um an die 15.000 Mark zu kommen. Schmid Noerr ist nach Prag gefahren, um sich mit der Stadt vertraut zu machen, in der wichtige Teile des Buches angesiedelt sind. Anhand seines Skizzenbuches kann man nachvollziehen, dass er sich in der Altstadt verlaufen hat und dabei in eine Sackgasse mit einem Brunnen und einem bestimmten Hauszeichen geriet. Später im Roman verläuft sich auch John Dee und kommt an diesen Brunnen und dieses Hauszeichen.

Das überzeugt mich leider restlos. Und auch stilistisch hätte ich schon längst etwas merken müssen. Der Engel ist tatsächlich sehr anders als die anderen Meyrink Bücher. Es gefällt mir besser als Der Golem und Walpurgisnacht, weil es gefälliger erzählt ist, und gefällig erzählt Meyrink eigentlich nie. Also kein Engel für Legamus, dabei war ich zu 2/3 fertig. Und es dauert noch 26 Jahre, bis das Buch tatsächlich gemeinfrei wird.

Von Schmid Noerr hatte ich vorher noch nie etwas gehört, obwohl der Autor heute noch neu aufgelegt wird. Wären seine Text schon gemeinfrei, gäbe es sicher das eine oder andere von ihm bei den einschlägigen Seiten, aber so entschwindet er langsam aber um so sicherer aus dem öffentlichen Bewusstsein. In 26 Jahren wird kaum jemand sich an ihn erinnern und seine Werke werden größtenteils ins Altpapiernirwana entschwunden sein. Die Schutzfrist von 70 Jahren nach dem Tod des Autors ist einfach viel zu lang. Natürlich soll der Autor Zeit Lebens alle Rechte an seinem geistigen Eigentum haben. Auch die Verlage brauchen Planungssicherheit und wenn es für die Kinder von am Hungertuch nagenden Autoren ein bisschen was zu erben gibt, ist das auch nur fair. Aber braucht es wirklich 70 Jahre? Würden 25 oder 50 Jahre nicht genügen? Auch mit gemeinfreien Inhalten lässt sich Geld verdienen, nur müssen die Werke und Autoren dazu wenigstens ein bisschen bekannt sein. Je länger die Schutzfrist dauert, desto weniger schützt sie die Interessen der Autoren, die ja schließlich gelesen werden wollen, desto mehr wird das Urheberrecht zu einer Mauer des Vergessens. Schade eigentlich.