Frisch geschlüpft: Sammlung kurzer deutscher Prosa 47

cover

Diesmal mit:

01 Lorelei von Heinrich Seidel, gelesen von Hokuspokus
02 Das Gehirn von Gustav Meyrink, gelesen von Templex
03 Auf dem Altenteil von Wilhelm Raabe, gelesen von Eva K.
04 Marthe und ihre Uhr von Theodor Storm, gelesen von Boris
05 Der Stern über dem Walde von Stefan Zweig, gelesen von Boris
06 Um eine Stunde von Arthur Schnitzler, gelesen von Hokuspokus
07 Das Gute von Joachim Ringelnatz, gelesen von Eva K.
08 Am Fenster von Wilhelm Holzamer, gelesen von Boris
09 Das blaue Flämmchen von Ludwig Bechstein, gelesen von Hokuspokus
10 Die Träume von Kurt Tucholsky, gelesen von Boris

Besonders ans Herz legen möchte ich Euch Das Gute von Ringelnatz, diesmal gar nicht lustig, dafür sehr genau beobachtet und einfühlsam beschrieben.

Und wenn Ihr bis zu den Träumen von Tucholsky gekommen seit, geht noch einmal zurück zur Sammlung 39 und werft ein Ohr auf den Traumfabrikanten von Kurd Laßwitz. (Nummer 9) Ich könnte mir gut vorstellen, dass der andere Kurt mit t die Geschichte gekannt hat.

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Happy Birthday LibriVox

Heute feiert LibriVox seinen 10. Geburtstag. Alles begann mit der Frage, ob man nicht über das Internet Menschen zusammen bringen kann, die ein Buch aufnehmen. Vor 10 Jahren startete Hugh McGuire ein Blog um die Arbeit am ersten LV Gruppenprojekt zu organisieren. Diese erste LibriVox-Aufnahme war The Secret Agent von Joseph Conrad, die am 26. September 2005 veröffentlicht wurde. Das ging deshalb so schnell, weil die Arbeit daran schon vorher begonnen und zunächst per Mail organisiert wurde.

Zur Feier des Tages veröffentlicht LibriVox heute die LibriVox 10th Anniversary Collection, die 100 Texte mit der Zahl 10 im Titel enthält. Auf deutsch sind 10 Beträge dabei:

06 – Zehnmal bin ich seit gestern ausgegangen von Johann Peter Eckermann, gelesen von Julia Niedermaier
19 – Die letzten Zehn von Arno Holz, gelesen von Herman Roskams
39 – Tramway Szene 10 Uhr Nachts Baden – Wien von Peter Altenberg, gelesen von Availle
47 – Zehn Mark, My Dear von Joachim Ringelnatz, gelesen von Claudia Salto
53 – Zehn Prozent von Kurt Tucholsky, gelesen von Herman Roskams
65 – Die zehn chinesischen Hofkleider von Paul Ernst, gelesen von Hokuspokus
70 – Zum 10. Dezember von Eduard Mörike, gelesen von tovarisch
79 – Die zehnte Erzählung am ersten Tag des Dekameron von Giovanni Boccaccio, gelesen von Availle
84 – Die zehn Zwerge der Tante Grünwasser, ein Märchen aus Portugal von Teófilo Braga, gelesen von Availle
91 – Zehn Gebote von Kurt Tucholsky, gelesen von Availle

Nach 10 Jahren gibt es immer noch Leute, die noch nie von LibriVox gehört haben. Um dem abzuhelfen, hat LV eine Pressemitteilung herausgegeben:

„Freier Hörbuchproduzent feiert zehnten Geburtstag

LibriVox.org, wahrscheinlich der weltweit größte Produzent freier Hörbücher, feiert am 10. August sein zehnjähriges Bestehen. LibriVox ist eine globale online community von Freiwilligen, die gemeinfreie, klassische Literatur als Hörbücher vertonen.

Die Sammlung von LibriVox umfasst fast 9000 Titel, wobei monatlich etwa 100 neue Bücher hinzukommen. Das Projekt ist 2005 von einer handvoll Lesern ins Rollen gebracht worden, die zusammen ein Hörbuch in Form eines Podcasts aufnahmen. Inzwischen ist daraus ein großes Projekt geworden, mit über 7,000 Lesern und Hörbüchern in 35 Sprachen. Der Katalog listet auch über 1,700 Einträge auf Deutsch – Gedichte, Kurzgeschichten, und ganze Bücher.

Die Freiwilligen haben sehr diverse Hintergründe – es finden sich etwa ein Professor der Archäologie, ein ehemaliger Zeppelinpilot, Anwälte, Pfadfinder, Nonnen, eine niederländische Ärztin, die Ebolapatienten in Afrika behandelt hat, eine koreanische Schülerin, ein amerikanischer Falkner, und eine dänische Patentanwältin, um nur einige zu nennen. Im Durchschnitt sind die Freiwilligen 41 Jahre alt, wobei der jüngste Vorleser 9 Jahre alt ist, und die Ältesten über 80 Jahre zählen.

LibriVox hat eine sehr offene Struktur, bei der es in erster Linie um die Leser geht: jeder, der ein Mikrofon und einen Computer hat, und eine beliebige Sprache beherrscht, kann mitmachen. Die Auswahl der zu lesenden Texte bleibt den Freiwilligen überlassen – solange das Urheberrecht an dem Werk nach Amerikanischem Recht erloschen ist (das heißt in den meisten Fällen, dass der Text vor 1923 erschienen sein muss), und der Vorleser das Recht in seinem eigenen Land nicht verletzt (in Europa muss der Autor dafür spätestens 1944 verstorben sein).

Dadurch ist der Katalog sehr divers, von Poesie bis Prosa, Sachbücher und Romane, sogar ganze Theaterstücke werden von einer virtuellen Besetzung eingelesen. Deutsche Autoren sind auch stark vertreten, mit Goethe und Schiller, Alexander von Humboldt, Tucholsky und Heinrich Heine, aber auch Klassiker der Weltliteratur finden sich in Übersetzung, wie zum Beispiel Jules Vernes 20.000 Meilen unter dem Meer, und Mark Twains Abenteuer von Huckleberry Finn.

Alle Produktion dieser Werke findet online in einem Internetforum statt. Leser können zusammen ein Buch aufnehmen, wobei jeder Leser ein Kapitel eines Buches, oder eine Rolle in einem Theaterstück aufnimmt. Oder ein Leser nimmt ein ganzes Buch alleine auf. Ein paar LibriVox Leser sind auch professionell im Geschäft, aber für die meisten ist es ein Hobby.

Die Aufnahmen von LibriVox sind ausnahmslos gratis herunterzuladen und dürfen frei genutzt werden. Auf diese Weise sind LibriVoxaufnahmen in Musik und in Filmen eingespielt, kommen bei Sprachkursen zum Einsatz und werden als YouTube Videos weiterverbreitet. Die meisten Hörer sind aber ganz normale Menschen, die regelmässig dankbare Emails schicken: Lastwagenfahrer auf langen Touren, Hausfrauen, die während des Bügelns zuhören, Hundebesitzer beim Gassi gehen, Wissenschaftler während Nachtschichten im Labor, Bauern bei der Arbeit, durch Krankheit Bettlägerige, oder Studenten beim Joggen – alle genießen die gratis Hörbücher.

Um den ersten runden Geburtstag zu feiern, wird bei LibriVox eine besondere Jubiläumssammlung erscheinen, mit 100 kurzen Aufnahmen von Prosa und Poesie in verschiedenen Sprachen, in deren Titeln die Nummer 10 vorkommt, und es wird einen Geburtstagspodcast geben.

Mehr Informationen gibt es bei http://www.librivox.org

 

Auf dem Nachttisch von Kurt Tucholsky

Kurt Tucholsky war zwischen den Kriegen einer der einflussreichsten Literaturkritiker Deutschlands. Er hat über 500 Kritiken geschrieben, wollte aber „nicht das Literaturpäpstlein zu spielen“.

Sein Gesamtwerk ist bei Zeno.org verfügbar. Darin immer wieder die Überschrift Auf dem Nachttisch. Dahinter verbirgt sich eine Kolumne, die Tucholsky 1927-1932 für Die Weltbühne schrieb. Ich habe ein bisschen darin herum gelesen und war bald schon gefesselt. So müsste man schreiben können! So präzise ohne Geschwafel, kurz und knapp und doch eigenwillig in Stil und Gedanke. In jedem Artikel werden mehrere Bücher besprochen. Interessant zu sehen, welche Namen man kennt und welche nicht mehr oder noch nicht wieder. Man sollte sie sich merken, irgendwann werden alle mal gemeinfrei.

Dazwischen gibt es intelligente, ernste und heitere Betrachtungen über Kultur und Politik der Zeit – sehr spannend. Und unterhaltsam zu lesen ist Tucholsky allemal. Ich war bald so von diesem Nachttisch angetan, dass ich alle Nachttisch Beiträge gesammelt und in ein eBook gesteckt habe, das es jetzt bei MobileRead gibt. Als Printbuch gibt es das nicht, so weit ich weiß.

eBook bei MobileRead

Tucholsky bei LibriVox

Tucholsky bei Legamus!

Priester und Detektiv

(rebloggt, sozusagen)

von Peter Panter (Kurt Tucholsky) in Die Weltbühne, 10.06.1920

Der lustige Fall, daß einer einen kleinen Religionstraktat schreibt und Detektivgeschichten und nachdenklich-unterhaltsame Betrachtungen über den europäischen Gesellschaftskörper, und das alles in einem hin –: dieser Fall ist wirklich eingetreten. Wer anders kann das getan haben als unser guter dicker alter Chesterton? Habt ihr einmal ein Bild von ihm gesehen? Ihr solltet das nicht versäumen. (Dick sein ist keine physiologische Eigenschaft – das ist eine Weltanschauung.) Der Dicke also, dem der Krieg viel von seiner schönen antiken Ruhe raubte, also daß es geschah, daß er statt guter Erkenntnisse mit giftigen Invektiven aufwartete – im Gegensatz zu Wells, im Gegensatz zu Shaw, die beide mehr nachgedacht hatten – der Dicke also hat vor Jahren ein Buch vom Vater Brown geschrieben, das nun übersetzt vorliegt. (›Priester und Detektiv‹, bei Friedrich Pustet zu Regensburg und Köln, 1920.)

In den Geschichten geht es so her: ein ganz verwickelter und böser Kriminalfall harrt seiner Lösung – niemand weiß aus noch ein. Da kommt ganz zufällig, gerufen oder ungerufen, der bescheidene, unauffällige und kleine Vater Brown dazu, ein Priester, ein Sohn der katholischen Kirche, kommt, sieht, schweigt und siegt. Dieser Sherlock Holmes ist katholisch – ich hätte nie geglaubt, daß Sellerie und Spargel nebeneinander möglich wären. Es schmeckt. Es schmeckt sogar sehr gut.

Spaßig und neu ist an den Geschichten natürlich nicht die Fabel. Das kennen wir nun bis zur Übermüdung, und jeder einigermaßen gewandte Groschenjournalist in Deutschland und auf der ganzen Welt dürfte wohl nachgrade fähig sein, dergleichen zu erfinden. Spaßig ist das Beiwerk (wie fast immer in dieser Art Geschichten). Spaßig ist der unnachahmliche Chestertonsche Humor. »Glauben Sie nicht«, sagt einer, »daß es Sünde ist, Fünfpfennig-Brötchen zu essen? Man sollte sie wachsen lassen, bis sie Zehnpfennig-Brötchen geworden sind . . . « Spaßig sind die kleinen, scheinbar unabsichtlich eingestreuten Privatkollegs über Soziologie und das bürgerliche Leben. Als ob ich den berliner Westen vor mir sehe, den berliner Westen, wie er mit seinen Dienstboten umgeht, so ist mir, wenn ich das da lese: Es ist die Rede davon, daß in ein sehr vornehmes Diner ein Kellner hereinplatzt, offenbar mit irgendeiner Schreckensnachricht. »Der Kellner stand und starrte einige Sekunden, während auf jedem Gesicht am Tisch eine eigentümliche Scham zutage trat, durchaus ein Erzeugnis unsrer Zeit. Es ist die Vermischung des modernen Menschlichkeitsdusels mit dem schrecklichen modernen Abgrunde zwischen den Seelen der Reichen und der Armen. Ein echter historischer Aristokrat würde dem Kellner alles Mögliche an den Kopf geworfen haben, anfangend mit leeren Flaschen und aufhörend wahrscheinlich mit Bargeld. Ein echter Demokrat würde mit kameradschaftlicher Gradheit in der Stimme gefragt haben, was zum Teufel er denn habe. Aber diese modernen Plutokraten konnten einen armen Mann nicht in ihrer Nähe vertragen, weder als Sklaven noch als Freund. Brutal wollten sie nicht sein, und wohlwollend sein zu wollen, davor schreckten sie zurück.« Warum wohl nicht? Ist es das Gefühl einer Schuld . . . ? Und wie famos, wenn manchmal in zwei Sätzen so ein Wurfgeschoß daherflitzt: »Ich finde, daß Leute, die Diamanten stehlen, nicht von Sozialismus reden. Sie sind eher von jener Art, die ihn ablehnen.«

Von Berlin nach Hannover – und wenn ihr einen Sitzplatz bekommt und dieses Buch und wenn euch keine dicke Frau ihr Kind so lange zu halten gibt (ihr seid sicherlich Intellektuelle, also fahrt ihr Dritter) – für so eine Eisenbahnfahrt ist dieser Chesterton grade recht. Man kann ihn aber auch auf dem festen Lande lesen.

Und sollte dann nicht versäumen, die andern, ernsten Werke von ihm zu studieren: ›Häretiker‹ und ›Orthodoxie‹. Und das lustige: ›Der Mann, der Donnerstag war‹.

Hörbuch Priester und Detektiv bei LibriVox

Chesterton bei LibriVox

eBook Priester und Detektiv bei MobileRead

eBook Ein Pfeil vom Himmel bei MobilRead

 

Frisch geschlüpft: Sammlung deutscher Gedichte 15

Diesmal dabei:

Trost von Theodor Fontane gelesen von Karlsson
Die Libelle von Heinrich Heine gelesen von Julia Niedermaier
Der Panther von Rainer Maria Rilke gelesen von DasPiano
Die drei Teiche von Hellbrunn von Georg Trakl gelesen von Claudia Salto
Trost von Karl May gelesen von Claudia Salto
Das Hohelied von Heinrich Heine gelesen von Julia Niedermaier
Der wackere Schwabe von Ludwig Uhland gelesen von Karlsson
Abenddämmerung von Heinrich Heine gelesen von Kristof Dreier
Vom Büblein auf dem Eise von Friedrich Güll gelesen von Claudia Salto
Die Schnupftabaksdose von Joachim Ringelnatz gelesen von Julia Niedermaier
Das Schlüsselloch von Joachim Ringelnatz gelesen von Julia Niedermaier
Der Ohrwurm mochte die Taube nicht leiden… von Joachim Ringelnatz gelesen von Julia Niedermaier
Ein männlicher Briefmark erlebte von Joachim Ringelnatz gelesen von Julia Niedermaier
Meta und der Finkenschafter von Erich Mühsam gelesen von Karlsson
Kuttel Daddeldu und die Kinder von Joachim Ringelnatz gelesen von Friedrich
Die unmögliche Tatsache von Christian Morgenstern gelesen von Friedrich
Die Mausefalle von Christian Morgenstern gelesen von Friedrich
Entschluss von Joseph von Eichendorff gelesen von Hokuspokus
Osterspaziergang von Kurt Tucholsky gelesen von Hokuspokus
[Osterspaziergang] aus: Faust von Johann Wolfgang von Goethe gelesen von Hokuspokus

Hörbuch-Download bei LibriVox

Meta und der Finkenschafter ist übrigens das Gedicht, das Erich Mühsam nach dem Verzehr von Königsberger Klopse geschrieben haben will. (Vom Wirken des Künstlers, Sammlung kurzer deutscher Prosa 43)

Gustav Meyrink (1868-1932)

Von Meyrink war ja nun schon öfter die Rede, es wird Zeit, ihn ausführlich vorzustellen.

Geboren wurde er 1868 in Wien als unehelicher Sohn des württembergischen Staatsministers Karl von Varnbüler und der Hofschauspielerin Marie Meyer und hieß zunächst nach seiner Mutter Gustav Meyer. Den Engagements seiner Mutter folgend ging er in München, Hamburg und Prag zur Schule. Als unehelicher Sohn einer Schauspielerin im 19. Jahrhundert Abitur zu machen, das kann nicht einfach gewesen sein; in den Quellen heißt es, seine Kindheit sei unglücklich gewesen.

Als er mit 21 Jahren von seinem Vater „erhebliche Vermögenswerte“ (NDB) erhielt, gründete er in Prag zusammen mit Johann David Morgenstern, einem Neffen des Dichters Morgenstern, mit dem Meyrink verwandt war, das Bankhaus „Meyer und Morgenstern“. Glücklich hat das Vermögen ihn nicht gemacht, er trug sich mit Selbstmordgedanken, die er nur deshalb nicht ausführte, weil ein zufällig übersandtes Verlagsprospekt ihn zum Studium des Okkultismus anregte. Er war Mitglied in zahlreichen esoterischen Vereinigungen, aus denen er oft bald wieder austrat. Das Okkulte war um 1900 sehr in Mode, verschwurbelte Esoterik trieb die seltsamsten Blüten, aber Meyrink war kein verschwurbleter Schwärmer, er hatte ein wissenschaftliches Interesse und suchte nachprüfbaren Ergebnisse. Er unternahm Versuche in Alchemie, außersinnlicher Wahrnehmung und Telepathie. (Man kann dabei sehr seltsame Erfahrungen machen.)

1900 erkrankte er an einem Rückenmarksleiden, dass er mit Yoga therapierte, von dem er sich aber nie ganz erholte.

1902 verdächtigte man Meyrink des Betruges und nahm ihn in Untersuchungshaft. Die Anschuldigungen erwiesen sich als grundlos, aber der Skandal ruinierte sein Bankhaus. Notgedrungen wandte er sich der Schriftstellerei zu. Angeregt wurde er dazu von einem Schwager Alfred Kubins. Die Geschichte Der heiße Soldat soll erst im Simplicissimus erschienen sein, nach dem Ludwig Thoma sie aus dem Papierkorb gerettet hatte. Das war der Anfang einer Blitzkarriere. Meyrink wurde Mitarbeiter beim Simpicissimus. Seine satirischen Novellen wurden 1913 in drei Bänden gesammelt herausgegeben. Kurt Tucholsky hat sie geliebt. Er schreibt:

Ein neuer Klassiker

Wer hätte das gedacht! Meyrink, unser Gustav Meyrink in drei Bänden. Richtig in einer hübschen Kassette und: ›Gesammelte Schriften‹. Man wild alt.

Ja, nun werden ihn die Schulbuben in den Lesebüchern studieren müssen, und ich höre schon, wie mein kleines Enkelmädchen mühsam und ausdrucksvoll buchstabiert: »Bitt – Sie – was ist – das – – ei – gent – lich . . . Bus – – hi – – do – –? fragte der – Pan – ter – und – spielte – Ei – chel – ass – aus . . . « Und ihr fettes Fingerchen wird die Seiten herunter- und herauffahren müssen, und sie wird die Geschichte lesen von der Urne in Sankt Gingolph und die gemütvolle Legende vom Löwen Alois – und kurz und gut: da haben wir nun die ganze Teufelsbibel in drei Bänden wohlgeordnet vor uns liegen. Man wird alt.

Und liebevoll, nicht wie zum ersten Mal, aber schwelgend in Erinnerungen, lesen wir noch einmal alles, was uns damals aufrührte. Jeder hatte seinen eigenen Meyrink, jeder wußte neue Schönheiten zu berichten, die der andre noch gar nicht entdeckt hatte, und wenn wir uns abends nach Hause standen, brachen wir an jeder Straßenecke in ein Geheul aus (darob die Bürger erwachten), weil uns wieder etwas Neues eingefallen war von diesem Teufelskerl.

Wir kennen ja nun die hundert Meyrinks: den lyrischen und den hassenden und den lächelnden und den traurigen und den grinsenden und den schlagenden und den tötenden. Und beim Durchblättern ist uns manches wirklich neu, was wir vorher in alten Heften des ›März‹ und des ›Simplicissimus‹ uns zusammensuchen mußten, dürfen wir uns nunmehr auf der Zunge zergehen lassen: ›Die Belagerung von Serajewo‹ und ›Prag‹ und gar ›Montreux‹ – sehen Sie, das kannten Sie auch nicht! Und wenn man dann noch am Leben ist, darf man sich an dem bisher gänzlich unbekannten ›Wahrheitstropfen‹ erfreuen, an der Geschichte des Herrn Ohrringle. Und an ›Veronika, dem Heimatsschwein‹ und am ›Automobil‹.

Das Schönste aber an diesen reizenden Bändchen ist der Titel. Er ist sinnig, anheimelnd, und der Gebissene merkt erst etwas von seinem zerrissenen Hosenboden, wenn der trauliche Autor schon in weiter Ferne ist, das Hütel auf dem linken Ohr und leise pfeifend: »Drei Lihilien, dreihei Lihilien – die pflanzt ich auf mein Grab . . . «

Der Titel: ›Des deutschen Spielers Wunderhorn‹.

(Peter Panter in Die Schaubühne, 1914.)

1907 übersiedelte Meyrink nach München. Er war zu diesem Zeitpunkt zum zweiten Mal verheiratet und hatte ein Tochter. Sonst geben die Quellen über sein Privatleben nichts her. Er wird aber mehrfach in Erich Mühsams Unpolitische Erinnerungen erwähnt, die ich bei Gelegenheit als eBook aufbereiten und lesen werde.

Meyrink bekam ein monatlichen Fixums vom Verlag des Simplicissimus, aber es reichte nicht, um die Schulden aus dem Bankrott abzudecken und Meyrinks Lebensunterhalt zu sichern. Er arbeitete deshalb auch als Übersetzer, unter anderem von Charles Dickens und Rudyard Kipling. Er ist dabei reichlich frei mit den Originalen umgegangen.

1911 kaufte Meyrink ein Haus in Starnberg, dass er wegen finanzieller Probleme 1928 wieder verkaufen musste.

1915 erschien sein Roman Der Golem, der dank groß angelegter Werbung des Verlags ein Publikumserfolg und Meyrinks bekanntestes Werk wurde. Seine weiteren Romane, Das grüne Gesicht (1917) Walpurgisnacht (1917), Der weiße Dominikaner (1921), Der Engel vom westlichen Fenster (1927) werden immer esoterischer und konnten nicht an den Erfolg anknüpfen.

Kurt Tucholsky hat dann auch nur noch Das grüne Gesicht rezensiert. Er schreibt:

Ich zweifle nicht, daß Meyrink zu den einsichtsreichsten Menschen gehört, die unter uns leben. Er weiß ungeheuer viel – nicht Positiva, sondern eben das, was man nicht lernen kann –, er hat tief hinunter gesehen, und man muß ihn stets hochachten, eben um dieser Erkenntnis willen. […]

Es liegt also nicht etwa vor: Suchen der Gunst des Publikums. Es liegt aber wohl vor: Bewußtes oder unbewußtes Nachlassen der künstlerischen Kraft. Es ist schade, daß ein großer Erkenner uns einen großen Künstler kostet. Rechnet man dazu, daß sich heute alles, was sonst unterdrückt wird, unter dieses allumfassende Dach der Theosophie flüchtet, weil es sich in den unscharfen und verschwommenen Thesen wiedererkennt und bestätigt zu finden glaubt, so wird man die große Gefolgschaft dieser Bücher verstehen.

[…]

Der Meister zaubert wirklich – stellungslose Kommis und gelangweilte Damen hören zu, freuen sich an den bunten Glaskugeln und sehen den Gott nicht. Der bleibt im Tempel und lächelt. Und so ist in Wahrheit keinem geholfen. Der Meister selbst hat kein Publikum, und das Parkett bestaunt, im Grunde genommen, Kulissen.

(Ignaz Wrobel in Die Schaubühne, 1917)

Während des ersten Weltkriegs kam Meyrink auf sehr kuriose Weise mit der Freimaurerei in Berührung. Er erhielt vom Auswärtigen Amt in Berlin den Auftrag, einen Roman zu verfassen, der suggerieren sollte, dass die Freimaurer am Krieg schuld seien. Meyrink nahm den Auftrag an, verzögerte und verschleppte die Arbeit aber immer wieder, wohl im Bestreben, die Sache scheitern zu lassen. Der Auftrag wurde ihn entzogen und einem deutsch-nationalen Politiker übergeben, der mehrere Pamphlete über die freimaurerisch-jüdische Weltverschwörung verfasste, die später in der Nazi-Zeit besonders traurige Blüten trieb.

1927 konvertiert er vom Protestantismus zum Mahajana-Buddhismus.

Meyrink starb 1932 im Alter von 64 Jahren in Starnberg.

Bei den Recherchen zu diesem Beitrag bin ich auf ein Buch aufmerksam geworden, dass jetzt auf meinem Weihnachtswunschzettel steht: Binder, Hartmut (2009): Gustav Meyrink. Ein Leben im Bann der Magie. Prag.

Meyrink bei LibriVox

Meyrink bei MobielRead
Des deutschen Spießers Wunderhorn, zwei Bände. Band 1 und Band 2
Der Golem
Die Fledermäuse
Das grüne Gesicht
Walpurgisnacht
Der weiße Dominikaner
Vielen Dank an netseeker für Das grüne Gesicht, Der Golem und Der weiße Dominikaner

Quellen:
Wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Gustav_Meyrink
NDB: http://www.deutsche-biographie.de/xsfz62973.html
Literatur Portal Bayern: http://www.literaturportal-bayern.de/autorenlexikon?task=lpbauthor.default&pnd=118582046

Tucholsky über Meyrink bei Zeno.org:
http://www.zeno.org/nid/20005803624
http://www.zeno.org/nid/20005804272

siehe auch Meyrink bei Gutenberg DE http://gutenberg.spiegel.de/autor/413