Leo Perutz: Nachts unter der steinernen Brücke

Auf dem Umschlag steht: historischer Roman. Man schlägt es auf und liest eine Novelle, dann noch eine und noch eine. Man will schon auf den Verlag schimpfen, der mit diesem verkaufsfördernden Etikett so schlampig umgeht, da dämmert einem, dass sich aus den Novellen langsam ein Roman zusammensetzt. Das passiert nicht auf dem Papier, das passiert im Kopf des Lesers und das ist ein faszinierendes Leseerlebnis.

Es geht in der Hauptsache um Rudoph II und Mordechai Meisl, den Bankier des Kaisers, deren Lebensweg die 14 Novellen nachzeichnen, allerdings nicht chronologisch. Sie begegnen sich nur 2 mal, doch ihr Leben ist durch die Liebe zu Esther, der Ehefrau Meisls, die auf magische Weise im Traum die Geliebte des Kaisers wird, unauflöslich miteinander verbunden. Daneben geht es noch um viel mehr.

Perutz nimmt seinen Stoff aus der Geschichte (nicht immer historisch korrekt) aber mehr noch aus der jüdischen Überlieferung und den Legenden der magischsten aller Städte: Prag. Wir begegnen Wallenstein und Kopernikus, dem weisen Rabbi Löw, Hunde sprechen und Geister erscheinen auf dem nächtlichen Friedhof. Aber es spukt nur oberflächlich. Darunter geht es um Schuld und Unschuld, Schicksal und Entscheidung, Vergessen und Erinnern und um die Unmöglichkeit, glücklich zu sein.

Jede der Novellen ist eine eigenständige Geschichte von hoher erzählerischer Dichte, die den Leser noch eine Weile beschäftigt. Nachts unter der steinernen Brücke ist kein Buch, dass man mal einfach so wegschmökert. Ich habe gut 6 Wochen an den nicht mal 300 Seiten gelesen, es zwischendurch immer wieder für Tage aus der Hand gelegt, es aber immer wieder gerne aufgenommen, was sonst mit weggelegten Büchern eher selten passiert. Es ist wie ein Puzzle, mit jeder Novelle nimmt man ein Puzzleteil auf und erst, wenn es den richtigen Platz gefunden hat, kann man sich dem nächsten Teil zuwenden. Auf diese Weise entsteht der Roman erst im Kopf des Lesers. Ich habe mich immer wieder dabei beobachtet, wie ich auch fremde Puzzleteile in das Bild einfüge und denke, Perutz hat das durchaus beabsichtigt. Jeder Leser erschafft sich so beim Lesen seinen eigenen Roman, und das in noch viel größerem Maße als bei konventioneller Erzähltechnik.

Leo Perutz wurde 1882 in Prag geboren, wo er auch seine Kindheit und Jugend verbrachte. Er stammt aus einer nicht besonders religösen jüdischen Familie. 1905-1907 studierte er als Gasthörer in Wien, er hatte die Hochschulreife nicht. Perutz arbeitete ab 1907 (wieder in Prag?) als Versicherungsmathematiker für die gleich Gesellschaft, für die auch Kafka tätig war. Seine erste Erzählung wurde 1906 veröffentlicht. Später übersiedelte er nach Wien und arbeitete auch hier für eine Versicherung. Nebenbei schreibt er mit immer größerem Erfolg weiter. Seine Bücher waren bei Publikum und Kritikern beliebt. Nach dem Anschluss Österreichs emigrierte er mit seiner Familie 1938 nach Palästina. Heimisch wurde er dort nicht, unter anderem, weil er die Sprache nicht sehr gut beherrschte und kulturell vereinsamte. Bereits 1945 dachte er über eine Rückkehr nach Europa nach. Das war allerdings bei den damaligen politischen Verhältnissen nicht einfach. Erst 1950 konnte Perutz wieder nach Österreich reisen. Ab 1952 verbrachte er regelmäßig die Sommermonate dort. Er starb 1957 in Bad Ischl.

Nachts unter der steinernen Brücke ist der letzte Roman, der zu Perutz‘ Lebzeiten erschien. Obwohl er die Arbeit daran schon 1924 begonnen hatte, stellte er ihn erst 1951 fertig. Danach brauchte es noch zwei Jahre, bis sich ein Verleger fand, da das Thema zu jüdisch war. Der Roman wurde von der Kritik wegen seiner einzigartigen Erzähltechnik sehr gelobt, war aber nur ein mäßiger Publikumserfolg.

Schon nach den ersten 2 oder 3 Novellen wollte ich das Buch unbedingt aufnehmen. Aber damit muss ich noch bis 2028 warten. Wenn ich jedes Jahre eine Novelle aufnehme, ist es fertig, wenn Perutz gemeinfrei wird und ich die Aufnahmen veröffentlichen darf. Vielleicht sollte ich das machen … Inzwischen besorge ich mir auf jeden Fall den nächsten Perutz.

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Buchpläne 2015

Nach all den Rückblicken der letzten Tage fangen ich das Jahr lieber mit einer Vorschau an. Pläne gibt es viele. Es mag interessant sein, in 12 Monaten nachzusehen, welche Wirklichkeit geworden sind.

Um gleich mit dem dicksten Brocken anzufangen: Mit Die Ahnen von Gustav Freytag habe ich einiges vor. Das Buch hat es ganz und gar nicht verdient, als ungelesener Bildungsbeweis im Regal Staub anzusetzen. Es ist tatsächlich sehr interessant und spannend. Zum einen haben wir bei LibriVox angefangen, den ersten von 6 Bänden aufzunehmen. Erfahrungsgemäß wird es ungefähr ein Jahr dauern, bis das Projekt fertig ist. Jeder ist herzlich eingeladen, dabei mitzuhelfen. Hier auf dem Blog möchte ich für jeden Band eine Zusammenfassung und Kurzbesprechung schreiben. Man findet im Netz kaum etwas darüber. Dazu muss ich aber erst mal alle Bände lesen, bisher kenne ich nur die Hälfte. Das eBook gibt es komplett bei MobileRead.

Ein weiterer Autor, der mich durch das neue Jahr begleiten wird, ist Gustav Meyrink. Mein aktuelles Solo bei Legamus! beinhaltet späte Erzählungen von ihm. Parallel dazu ist ein eBook in Arbeit, dass Meyrinks Spätwerk sammelt. Es sind einige Erzählungen und ein Romanfragment darunter, die es bisher noch nicht im Netz gibt. Das ist eine Baustelle aus dem letzten Jahr und wird hoffentlich nicht mehr lange auf sich warten lassen. Kein wirklicher Plan aber eine Idee im Hinterkopf ist die Hörbuchversion der Goldmachergeschichten (dazu auch das eBook) und des Wachsfigurenkabinetts.

Eine weitere Altbaustelle ist die Übersetzung von Mrs Zant and the Ghost, einer Erzählung von Wilkie Collins. Sollte die endlich fertig werden, gibt es die dann auch als Hörbuch und eBook. Allerdings arbeite ich daran schon seit Jahren …

Lesen möchte ich mehr von Leo Perutz, auf den ich erst vor kurzem durch eine Empfehlung aufmerksam geworden bin. Gerade lese ich Nachts unter der steinernen Brücke von ihm, bis jetzt gefällt es mir sehr gut, mehr dazu, wenn ich durch bin. Perutz ist allerdings noch lange nicht gemeinfrei, also kein Hör- oder eBook für die nächsten +- 20 Jahre.

Schreiben möchte ich noch das eine oder andere Autorenportrait, fest auf der Liste steht Eugenie Marlitt, der Autorin des heute frisch katalogisierten LibriVox Projekts. (Frisch geschlüpft Beitrag kommt gleich im Anschluss.)

Und schließlich soll es auch noch ein paar Häkelkrimi-Beiträge geben.

Und schließlich ist ja heute auch Public Domain Day. Mit dem heutigen Tag sind die Werke aller 1944 gestorbenen Autoren in die Gemeinfreiheit entkommen. Da gibt es bestimmt viel Neues zu lesen und zu entdecken. Bei Wikisource gibt es eine Liste. Viele Menschen auf dieser Liste sind in KZs umgebracht worden.

Ich wünsche Euch allen einen guten Start ins neue Jahr, viel Lesezeit und spannende, inspirierende Lektüre, ob nun Papier- oder eBuch, mit den Augen oder mit den Ohren gelesen – ganz egal. Hauptsache Bücher!