Frisch geschlüpft: Traumnovelle

von Arthur Schnitzler (1862-1931)

Der Arzt Fridolin und seine Frau Albertine führen eine anscheinend glückliche Ehe, doch unter der Oberfläche gären unausgesprochene und ungestillte sexuellen Fantasien. Als die beiden sich eines Abends davon erzählen, bekommt die harmonische Fassade Risse. Beide fühlen sich verletzt und betrogen.
Bevor es zu einer Aussprache kommen kann, wird Fridolin zu einem Patienten gerufen und damit beginnt für ihn eine Kette von erotischen Abenteuern, eine Reise zu seine verdrängten sexuellen Wünschen. Eine Nacht und einen Tag lang wird die Stadt Wien zu Beginn des 20ten Jahrhunderts der Spiegel seines Unterbewusstseins.
Wie Fridolin in der Außenwelt, so begegnet Albertine dem Unbewussten in einem Traum. Beide werden gezwungen, sich selbst und einander ihre Fantasien einzugestehen.
Schnitzlers Novelle voller Symbole und Metaphern hält den Leser/Hörer durch ihre berauschend-bedrückende Atmosphäre und ihre Wahrheit in Bann.
(Zusammenfassung von Hokuspokus)

Hörbuch Download bei Legamus

Werbeanzeigen

Maler Nolten

Was für ein Buch!

Der Maler Nolten von Eduard Mörike ist 1832 als Novelle in zwei Teilen erschienen. Novelle? Eigentlich nicht, eher viele Novellen in einem, mit Gedichten durchsetzt. Zwei der bekanntesten Mörike-Gedichte sind aus dem Maler Nolten: Der Feuerreiter und dieses hier:

Frühling läßt sein blaues Band
Wieder flattern durch die Lüfte,
Süße wohlbekannte Düfte
Streifen ahnungsvoll das Land;
[…]

Ach, und ein Drama ist auch noch dabei.

Theodor Storm schreibt Anfang Oktober 1854 an den 13 Jahre älteren und von ihm sehr verehren Mörike:

„Ich habe das Buch diesen Sommer wieder gelesen, aber wenn Sie mich fragen, was daran zu ändern sei, so muß ich mich in diesem Fall für gänzlich urteilslos erklären. So wie es da ist, ist es seit Jahren für mich eine liebe Tatsache; […] Ändern aber würde ich als Verfasser nichts daran. Es gehört, wie es vorliegt, und überdies hängen wenigstens die von Heyse besprochenen Schwächen so eng mit der Tiefe und eigentümlichen Schönheit des Werkes zusammen, daß mir in der Tat mitunter ist, als hätten Sie es eben um dieser willen geschrieben.“

Als ich dieses Lobeshymne (für den sehr kritischen Storm, geradezu überschwänglich) im Briefwechsel der beiden Dichter las, war klar, dass der Nolten sofort den Platz ganz oben auf dem Stapel zugewiesen bekam.

Mörike (1804-1875) zählt zeitlich zum Biedermeier, idyllisch ist er oft, aber hausbacken und spießig nie. Er wurzelt in der Romantik und besonders im Maler Nolten hatte ich oft das Gefühl, E.T.A. Hoffmann späht hinter einem Busch hervor oder schaut durch’s Fenster herein. Da ist z.B. die seltsame Gestalt, die die Ereignisse um den Maler Nolten überhaupt erst in Gang bringt.

Eines Tages kommt „ein verwahrloster Mensch von schwächlicher Gestalt und kränklichem Aussehen, eine spindeldünne Schneiderfigur“ zu dem arrivierten Maler Tillsen, der allerdings keine rechte Schaffenskraft mehr in sich fühlt, und zeigt ihm einige Entwürfe, die dem Maler die Augen öffnen. Dieses verdächtige Subjekt verschwindet und Tillsen kann ihn nicht ausfindig machen. Die Entwürfe habe es ihm aber so angetan, dass er sie in Öl ausführt. Das Publikum ist begeistert. Später stellt sich heraus, der Geheimnisvolle nennt sich Wispel, ist eigentlich Babier von Beruf und als Diener bei dem jungen unbekannten Maler Theobald Nolten, von dem die Skizzen eigentlich stammen. Tillsen nimmt den jungen Kollegen unter seine Fittiche, gibt ihm ein paar Tipps, führt ihn in die richtigen Kreisen ein und bald ist Theobald gar nicht mehr so unbekannt sondern wird vom Herzog protegiert, erhält Zutritt zum Haus des Grafen von Zarlin, lernt dort die schöne junge Witwe Gräfin Constanze kennen und verliebt sich in sie. Diese Zuneigung wird durchaus erwidert, doch unser Theobald ist zu Hause bereits mit der Tochter seines Ziehvaters, der süßen unschuldigen Agnes verlobt.

Die Entfernung von Agnes hat seine Liebe zu ihr schon merklich abgekühlt, als er Constanze begegnet. Agnes ist zwischenzeitlich auch nicht mehr so ganz von dem Verlobten überzeugt. Auf einem Spaziergang trifft sie die Zigeunerin Elisabeth, die ihr prophezeit, sie werde nicht den Maler sondern ihren Vetter heiraten.

Ach ja, der Vetter. Agnes Papa, Theobalds Pflegevater, ist sich nicht so sicher, dass unser Maler sein Töchterlein auch ordentlich wird versorgen können und hätte gerne ein zweites Eisen im Feuer. Agnes mag den Vetter zwar leiden, unterhält sich gern mit ihm usw. usf., denkt sich aber weiter nichts dabei. Diese unschuldige Zuneigung zum Vetter wird Nolten unter ganz falschen Vorzeichen hinterbracht und gibt seiner abgekühlten Liebe den Todesstoß. Doch wie soll er es Agnes beibringen? Er übergibt die ganze Angelegenheit seinem Freund Larkens. Larkens jedoch ist in dieser Sache ganz anderer Meinung als Nolten. Agnes ist die einzig Richtige für Theobald, glaubt Larkens, der Agnes nur aus den Erzählungen des Malers kennt, und führt mit verstellter Schrift unter Theobalds Namen die Briefkontakt zur nun doch nicht Exverlobten weiter. Die war von der Begegnung mit der Zigeunerin und der Prophezeiung so erschüttert, dass sie von einer heftigen Nervenkrankheit befallen worden war.

Das wäre ja jetzt erst mal genug Material für allerlei Ver- und Entwicklungen, sollte man meinen, aber es kommt noch schlimmer. Larkens spielt der Gräfin Constanze, just als sie und Theobald sich ihre gegenseitige Liebe gestanden haben, die Briefe von Agnes zu. Constanze ist verletzt, empört, tief gekränkt, und sorgt dafür, dass Nolten und Larkens wegen unterstellter Majestätsbeleidigung in einem Schattenspiel (das Drama mittendrin) eingesperrt werden. Nach ihrer Freilassung – zu einem Prozess und Verurteilung kam es dann doch nicht – gesteht Larkens Theobald schließlich die Geschichte mit den gefälschten Briefen und taucht erst mal unter. Und Elisabeth ist, wie sich herausstellt, Theobalds Cousine und ein bisschen wahnsinnig.

Trotzdem wendet sich alles zunächst zum Guten, Theobald kehrt zu Agnes zurück, die Hochzeit wird beschlossen, man reist zusammen nach einer anderen, entfernten Stadt, wo Theobald einen Posten antreten soll. Auf der Reise aber geht alles schief. Theobald trifft Larkens wieder, und der bringt sich um. Theobald gesteht Agnes die Sache mit den Briefen, und die fällt zurück in ihr Nervenleiden, „einen stillen Wahnsinn“. Dann wird alles nur noch schlimmer.

Es ist ein ganz verschwurbelter Haufen von Geschichten in Geschichten, Bildern in Bildern, und über allem Mondschein und Frühlingsduft, ganz viel davon. Und Theobald mitten drin, als Spielball seiner eigenen Vorstellungen und Wünsche, als Opfer seltsamer Verwicklungen aus der Vergangenheit und dem willkürlichen Eingreifen Dritter hilflos ausgeliefert. Er begreift nichts (wie auch!), ist unfähig, sein Leben in die Hand zu nehmen, teils, weil er sich treiben lässt, teils, weil sein Leben sich auch gar nicht in die Hand nehmen lässt. Es wendet sich alle Augenblicke in unvorhersehbare Richtungen.

Diese Geschichten sind unwahrscheinlich, an den Haaren herbeigezogen zum Teil, und doch lassen sie mich nicht mehr los. Die Figuren wirken auf uns heute oft hahnebüchen, man will sich an den Kopf greifen und laut ausrufen: Kein Mensch tut das, kein Mensch fühlt so! Aber man greift nicht und man ruft nicht, den trotz aller hahnebüchenen Verschwurbeltheit sind sie wahr und lebendig, auch oder gerade weil sie so sind. Wir denken nicht mehr, dass Menschen so sind, kein Autor würde heute solche Figuren erdichten, aber in Mörikes Text sind diese Personen und ihre Schicksale gefühlsmäßig glaubhaft. Deshalb lassen sie mich nicht los.

Und auch Mörike hat der Maler Nolten nicht wieder losgelassen. Etwa 10 Jahre nach der Erstveröffentlichung sollte eine zweite Auflage gedruckt werden, doch Mörike wollte das Buch erst  noch einmal überarbeiten. Eine Nachdruck des ursprünglichen Textes hat er strikt untersagt. Mit der Überarbeitung war Mörike dann den Rest seines Lebens beschäftigt und hat doch nur den ersten Teil geschafft. Nach Mörikes Tod hat Julius Klaiber aus dem fertiggestellten ersten Teil und Mörikes Notizen und Entwürfen zum zweiten Teil eine neue Version zusammengesetzt.  Diese Fassung, erster Teil von Mörike, zweiter Teil von Mörike und Klaiber zu unwägbaren Anteilen, gibt es bei Interesse als Scann bei Archive.org.

Der Text, der bis heute immer wieder aufgelegt wird, ist meist die erste Fassung von 1832, von der Mörike nicht gewollt hat, dass sie noch einmal gedruckt wird. Das ist auch der Text, den ich gelesen habe. Falls Ihr den Nolten im Regal habt, und nicht dabei steht, welche Fassung es ist, die Fassung von 1832 beginnt mit diesem Satz: Ein heiterer Juniusnachmittag besonnte die Straßen der Residenzstadt. In der zweiten Fassung heißt es: An einem heiteren Sonntagabend um die Mitte des Mai lustwandelte, ritt oder fuhr die elegante Welt der Residenz in den schattigen Alleen und offenen Gängen des Hofgartens. Welch ein Unterschied schon im ersten Satz! Es wäre interessant, die Unterschiede weiter zu verfolgen. Also auf Wiederlesen, Maler Nolten!

Auf Wiederhören? Es wäre reizvoll, das als Hörbuch bei LibriVox zu machen.  Für mich allein als Solo wäre es allerdings viel zu lang und dann ist da ja noch das Drama mitten drin, der Text der Schattenspiels. Als Gruppenprojekt vielleicht? Mal sehen …

Quellen und Links:
Wikipedia hat eine ausführlicher Zusammenfassung des Inhalts.
Text der 1832er Ausgabe bei Zeno.org
ePub der 1832er Ausgabe bei MobileRead
Scann der 1878er Fassung bei Archive.org

Theodor Storm: Ein Doppelgänger

Der Doppelgänger stand schon einige Zeit auf meiner Lesen-will-Liste. Dank dieses gelungenen Beitrags von Buchwolf kommt er ungelesen auf die Vorlesen-will-Liste.

buchwolf

Wolfgang Krisai: Haus im Waldviertel. Aquarell. 1987.

Theodor Storms Erzählung „Ein Doppelgänger“ schlägt den Leser sofort in ihren Bann. Mit geschickten Mitteln wird Spannung aufgebaut. Der Ich-Erzähler, ein junger Mann aus Norddeutschland, der eine Reise in den Süden des Landes getan hat, lernt im Wirtshaus einen freundlichen Oberförster kennen, der ein seltsames Interesse an ihm entwickelt. Die beiden vertiefen sich in eine angeregtes Gespräch, und schließlich bittet der Förster den jungen Mann, doch auf ein paar Tage bei ihm zu Gast sein zu wollen. (Selige Zeiten, wo einem dies auf Reisen passieren konnte.) Der Mann willigt ein und begibt sich am nächsten Tag zu Fuß in die Försterei. Nicht ohne sich zuvor beim Wirt nach dem Förster erkundigt zu haben. Von diesem erfährt er, dass der Oberförster wohl deshalb Interesse gezeigt habe, weil der Gast und die Frau des Försters vermutlich aus derselben Stadt kämen.

Der Erzähler kann sich beim besten Willen nicht an eine Dame des…

Ursprünglichen Post anzeigen 971 weitere Wörter

Abenteuer und Magie

55 Novellen von Karl Federn (1868-1943)

Dieser Titel muss Hokuspokus natürlich neugierig machen, also habe ich mich gleich darauf gestürzt, als ich die beiden Bände neulich bei Gutenberg DE fand – und war ein bisschen enttäuscht, als es nicht so wirklich abenteuerlich oder fantastisch wurde.

Bis jetzt habe ich nur ein paar der Novellen gelesen, und wundere mich, warum Federn heute so unbekannt ist. Nein, eigentlich wundere ich mich nicht. Was Themen und Ausführung angeht, erinnern die Novellen an Maupassant und Schnitzler, das ist es wohl. Sie sind nicht ganz originell genug, um 100 Jahre überdauern zu können, obwohl sie tatsächlich heute noch aufgelegt werden und über den Buchhandel zu beziehen sind.

Da ist die Geschichte vom Pfau von Irville, wo der Freiheitsdrang besagten Vogels eine Familientragödie heraufbeschwört. Oder die Geschichte eines italienischstämmigen k & k Offiziers, der in einen unlösbaren Gewissenskonflikt gerät. Oder die Geschichte von den schrecklichen Folgen eines vermiedenen Duells.

Die 55 Novellen der Ausgabe von 1926 scheinen schon 1912/13 zusammen mit anderen unter dem Titel Hundert Novellen erschienen zu sein. Der reißerische Titel der 1926er Ausgabe ist irreführend, was schade ist, denn mit diesem Etikett  kommen die Novellen schwerer an die richtigen Leser. Wer Maupassant und Schnitzler mag und ein Freund der kurzen Form ist, liegt mit Federn nicht ganz falsch. Ich bin jedenfalls gar nicht mehr enttäuscht, sonder freue mich über meinen Fund. Viel zu Schade, um vergessen zu werden. Darum gibt’s das ganze jetzt auch als eBook bei Mobileread.

eBook bei MobleRead

 

 

Frisch geschlüpft: Menschen im Krieg

 photo alterafrikaner_bolg_zps797d2eea.jpg

von Andreas Latzko (1876 – 1943), gelesen von Julia Niedermaier

6 Novellen über den Krieg. 6 tragische Menschenschicksale. 6 Geschichten über die Auswirkungen des 1. Weltkrieges. Geschichten über Angst, Schuldgefühle, Trauma, Wut … Sie zeigen die Sinnlosigkeit des Krieges und schildern anschaulich – teils sehr graphisch – die Zustände an der Front und zu Hause und die inneren Beweggründe der Protagonisten. Der Autor richtet gekonnt und ergreifend den Krieg, aber nicht den Menschen – selbst die vermeintlichen Antagonisten sind einfach nur Menschen mit tragischem Schicksal. (Zusammenfassung von Julia Niedermaier)

Hörbuch Download bei LibriVox

eBook Download bei MobileRead

Wikipedia schreibt:Nach acht Monaten im Lazarett wurde er Ende 1916 entlassen für ein Jahr in die Schweiz zur Kur geschickt. 1917 schrieb er in Davos sechs Novellen für sein Buch „Menschen im Krieg“, das sich mit der Situation des Krieges an der Isonzofront auseinandersetzte. Noch im selben Jahr erschien das Buch im Zürcher Rascher Verlag in der ersten Auflage allerdings anonym. Das Buch wurde ein großer Erfolg und in 19 Sprachen übersetzt und in allen kriegführenden Staaten verboten. Latzko selbst wurde deshalb vom Armee-Oberkommando der k.u.k. Wehrmacht degradiert. Schon 1918 betrug die Auflage des Buches dreiunddreißigtausend.

Frisch geschlüpft: Ausgewählte Novellen von Guy de Maupassant

übersetzt von Georg von Ompteda, gelesen von Hokuspokus

Die Liebe und das Leben – in aller Leichtigkeit und Leidenschaft, mit ihren Abgründen und ihrer Vergänglichkeit – das sind die Hauptthemen dieser Novellen. Von der Erotik des Augenblicks über die Düsternis des Wahnsinns bis zur bitteren Erkenntnis der Endlichkeit aller Dinge spannt sich der Bogen, in dem der meisterhafte Beobachter und Erzähler Maupassant die Tiefen des menschlichen Herzens auslotet.

Maupassant hat etwa 300 Novellen geschrieben. Er gilt als einer der großen französischen Erzähler des 19. Jahrhunderts.

Wie neulich schon berichtet, bin ich Anfang des Jahres auf ein paar ganz entzückende Novelle von Maupassant gestoßen, die ich für die Sammlung kurzer deutscher Prosa aufgenommen hatte. Aber da waren noch so viele andere wunderbare Novellen, dass ich beschloss, ein Soloprojekt daraus zu machen.

Für Euch, liebe Leser, gibt es hier eine erweitere Auswahl, die nicht nur die Novellen des frisch katalogisierten Solos sondern auch noch die ersten Aufnahmen aus der Prosa-Sammlung enthält.

Download bei Archive.org

Für diese Auswahl habe ich etwa die Hälfte der Novellen Maupassants gelesen und zunächst einfach die ausgesucht, die mir am besten gefallen haben, ohne groß darüber nachzudenken. Haben sie einen gemeinsamen Nenner? Auf den ersten Blick nicht. Und doch sind in letzter Minute noch 4 Novellen, die schon in der engeren Auswahl waren, nicht mit hinein gekommen, weil sie nicht zu passen schienen. Was ist es also, dass die hier versammelten Novellen verbindet und jene anderen ausschließt? Eine gewisse Leichtigkeit, selbst am Rande des Abgrunds, selbst oder gerade im Angesicht des Scheiterns oder des Todes.

Viele der Novellen sind durchaus erotisch, was mir großen Spaß gemacht hat. Manchmal kamen mir Bedenken – sollte ich als Frau diese Geschichten vorlesen, in denen Frauen oft als Objekte männlicher Lust mit wenig eigenem Verstand dargestellt werden? Das Frauenbild, das Maupassant hier zeichnet, ist das eines Lebemannes im Paris des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Und doch bleibt Maupassant nicht im Geist oder Ungeist seiner Zeit stecken. Oft haben seine Frauen ihren eigenen Kopf, ihren eigenen Witz und auch ihre eigenen Lust, in einer Zeit, in der das nicht nur ein Tabu sondern vielfach auch einfach undenkbar war. Und wenn man sich so umschaut, heute sind wir nur stellenweise wirklich weiter. Es ist gut, sich heute an diesem Frauenbild zu stoßen und die wunde Stelle vielleicht auch mit in den Alltag zu nehmen.

Meine erste Begegnung mit Maupassant war zu Schulzeiten in Gestalt der Novelle „Der Schmuck“. Ich fand sie schrecklich. Für einen pubertierende Teeny scheint ja alles möglich, die ganze Welt steht einem offen in diesem Alter. Die ausweglose Tragik, die Sinnlosigkeit und Dummheit in dieser Geschichte hat mir gar nicht geschmeckt, hat mich zutiefst erschreckt, hat mich aber doch nicht dazu gebracht, über mein Weltbild nachzudenken. Ist auch eigentlich ganz gut, dass Literatur diese Macht nicht hat – einem Jugendlichen die Möglichkeit des vollständigen Scheiterns vor Augen zu führen. Ein großer Teil der Macht der Jugend beruht ja gerade auf ihrem Glauben an die eigene Unsterblichkeit. Das ist nun eine Weile her und das Leben hat inzwischen schon dafür gesorgt, dass ich mich weder für unsterblich noch unfehlbar halte. Der Schmuck gehört aber immer noch nicht zu meinen Lieblingsnovellen.

Noch stehen vier Novellen auf der Liste, die ich in nächster Zeit für die Prosa-Sammlung aufnehmen werde und einige Bände mit Novellen habe ich noch gar nicht gelesen. Kann gut sein, dass es irgendwann eine zweite Auswahl gibt. Auf jeden Fall will ich in den nächsten Wochen die Geschichten zusammenstellen, die andere Vorleser schon für LibriVox aufgenommen haben. Stay tuned …

Meine persönlichen Favoriten in dieser Auswahl sind Menuet, An Bettes Rand und Das Bett. Es würde mich sehr interessieren, welche Geschichten Euch am besten gefallen, in dieser Auswahl oder auch sonst in Maupassants Werk.

Für Leute, die lieber selbst lesen, bei MobileRead gibt es die Gesammelten Werke auch als eBook. Vielen Dank an brucewelch!