Frisch geschlüpft: Aus allen Winkeln

Cover Erzählungen von Hermann Heiberg (1840-1910), gelesen von Friedrich

Heiberg wird von den Naturalisten als deren Vorreiter angesehen. Er war ein Vielschreiber (ca. 80 Novellensammlungen und Romane). Seine Themen fand er durch genaue Beobachtung seiner Umgebung. In den hier vorliegenden Erzählungen treffen wir auf Menschen, deren große Gefühle vor allem auf bürgerlichen Werten wie Ehre, Treue, Redlichkeit fußen. Enge Familienbindung ist vorherrschend, die Rolle der Familie als Keimzelle der Gesellschaft wird deutlich. In fesselnder Darstellungsweise wird der Leser (Zuhörer) in den Bann gezogen und ist oftmals geneigt, mit den Helden mitzufiebern. Die Geschichten enden in der Regel glücklich und voller Harmonie und selbst tragische Handlungsverläufe stimmen nicht pessimistisch und die Helden genießen unsere Sympathie. (Zusammenfassung von Friedrich)

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Frisch geschlüpft: Das Tier im Walde

von Therese Rie (L. Andro) 1878-1934, gelesen von Hokuspokus

Eine Werwolfgeschichte

 

Der junge Maler Ambrosius unternimmt 1836 eine Wanderung im Salzkammergut. Dort sind in letzter Zeit einige tragische Unfälle geschehen, die man der Unvorsichtigkeit der Reisenden zuschreibt. Ambrosius wird von schlechtem Wetter überrascht und findet Unterschlupf bei der Familie eines Försters, wo er einige Tage bleibt. Weitere Unfälle geschehen und die Hinweise verdichten sich, dass die Geschehnisse in dieser Gegend ihren Ursprung haben. Ambrosius gerät unter Mordverdacht.

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Das ist ein echter Glücksfund, der meine Pläne mal eben über den Haufen geworfen hat. Unter der Oberfläche der schlichten, gruselromatischen Novelle tut sich ein Reich an religionsphilosophischen Bezügen auf. Im Gewand wunderbar zarter Waldmystik beleuchtet die Erzählung das Böse im Menschen. Rückblickend mutet die Erzählung der jüdischen Autorin, die 1934 starb, fast schon prophetisch an.

Zuerst begegnet ist mir Therese Rie, die unter dem Pseudonym L. Andro veröffentlicht hat, als Übersetzerin einiger Musikhistorischer Essays von Romain Rolland (französischer Literaturnobelpreisträger, der dieses Jahr gemeinfrei geworden ist). Eigentlich wollte ich nur die Gemeinfreiheit der Übersetzung überprüfen, da verriet mir Wikipedia, dass  Therese Rie selbst geschrieben und sich auch mit phantastischen Stoffen beschäftigt hat. Dem musste Hokuspokus natürlich nachgehen. Das Tier im Walde gab es online. Die Geschichte nahm mich sofort gefangen und ich musste sie auf der Stelle aufnehmen. Ich hoffe, sie macht Euch genau so viel Freude wie mir.

Nachtrag: Ich würde gerne Das entschwundene Ich von Therese Rie in die Finger bekommen. Ich konnte es weder antiquarisch noch online finden. Falls jemand darüber stolpert oder es vielleicht sogar hat und leih- oder verkaufsweise davon trennen würde, würde ich mich über eine Mail sehr freuen.

Leo Perutz: Nachts unter der steinernen Brücke

Auf dem Umschlag steht: historischer Roman. Man schlägt es auf und liest eine Novelle, dann noch eine und noch eine. Man will schon auf den Verlag schimpfen, der mit diesem verkaufsfördernden Etikett so schlampig umgeht, da dämmert einem, dass sich aus den Novellen langsam ein Roman zusammensetzt. Das passiert nicht auf dem Papier, das passiert im Kopf des Lesers und das ist ein faszinierendes Leseerlebnis.

Es geht in der Hauptsache um Rudoph II und Mordechai Meisl, den Bankier des Kaisers, deren Lebensweg die 14 Novellen nachzeichnen, allerdings nicht chronologisch. Sie begegnen sich nur 2 mal, doch ihr Leben ist durch die Liebe zu Esther, der Ehefrau Meisls, die auf magische Weise im Traum die Geliebte des Kaisers wird, unauflöslich miteinander verbunden. Daneben geht es noch um viel mehr.

Perutz nimmt seinen Stoff aus der Geschichte (nicht immer historisch korrekt) aber mehr noch aus der jüdischen Überlieferung und den Legenden der magischsten aller Städte: Prag. Wir begegnen Wallenstein und Kopernikus, dem weisen Rabbi Löw, Hunde sprechen und Geister erscheinen auf dem nächtlichen Friedhof. Aber es spukt nur oberflächlich. Darunter geht es um Schuld und Unschuld, Schicksal und Entscheidung, Vergessen und Erinnern und um die Unmöglichkeit, glücklich zu sein.

Jede der Novellen ist eine eigenständige Geschichte von hoher erzählerischer Dichte, die den Leser noch eine Weile beschäftigt. Nachts unter der steinernen Brücke ist kein Buch, dass man mal einfach so wegschmökert. Ich habe gut 6 Wochen an den nicht mal 300 Seiten gelesen, es zwischendurch immer wieder für Tage aus der Hand gelegt, es aber immer wieder gerne aufgenommen, was sonst mit weggelegten Büchern eher selten passiert. Es ist wie ein Puzzle, mit jeder Novelle nimmt man ein Puzzleteil auf und erst, wenn es den richtigen Platz gefunden hat, kann man sich dem nächsten Teil zuwenden. Auf diese Weise entsteht der Roman erst im Kopf des Lesers. Ich habe mich immer wieder dabei beobachtet, wie ich auch fremde Puzzleteile in das Bild einfüge und denke, Perutz hat das durchaus beabsichtigt. Jeder Leser erschafft sich so beim Lesen seinen eigenen Roman, und das in noch viel größerem Maße als bei konventioneller Erzähltechnik.

Leo Perutz wurde 1882 in Prag geboren, wo er auch seine Kindheit und Jugend verbrachte. Er stammt aus einer nicht besonders religösen jüdischen Familie. 1905-1907 studierte er als Gasthörer in Wien, er hatte die Hochschulreife nicht. Perutz arbeitete ab 1907 (wieder in Prag?) als Versicherungsmathematiker für die gleich Gesellschaft, für die auch Kafka tätig war. Seine erste Erzählung wurde 1906 veröffentlicht. Später übersiedelte er nach Wien und arbeitete auch hier für eine Versicherung. Nebenbei schreibt er mit immer größerem Erfolg weiter. Seine Bücher waren bei Publikum und Kritikern beliebt. Nach dem Anschluss Österreichs emigrierte er mit seiner Familie 1938 nach Palästina. Heimisch wurde er dort nicht, unter anderem, weil er die Sprache nicht sehr gut beherrschte und kulturell vereinsamte. Bereits 1945 dachte er über eine Rückkehr nach Europa nach. Das war allerdings bei den damaligen politischen Verhältnissen nicht einfach. Erst 1950 konnte Perutz wieder nach Österreich reisen. Ab 1952 verbrachte er regelmäßig die Sommermonate dort. Er starb 1957 in Bad Ischl.

Nachts unter der steinernen Brücke ist der letzte Roman, der zu Perutz‘ Lebzeiten erschien. Obwohl er die Arbeit daran schon 1924 begonnen hatte, stellte er ihn erst 1951 fertig. Danach brauchte es noch zwei Jahre, bis sich ein Verleger fand, da das Thema zu jüdisch war. Der Roman wurde von der Kritik wegen seiner einzigartigen Erzähltechnik sehr gelobt, war aber nur ein mäßiger Publikumserfolg.

Schon nach den ersten 2 oder 3 Novellen wollte ich das Buch unbedingt aufnehmen. Aber damit muss ich noch bis 2028 warten. Wenn ich jedes Jahre eine Novelle aufnehme, ist es fertig, wenn Perutz gemeinfrei wird und ich die Aufnahmen veröffentlichen darf. Vielleicht sollte ich das machen … Inzwischen besorge ich mir auf jeden Fall den nächsten Perutz.

Frisch geschlüpft: Die grüne Nachtigall

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und andere Novellen von Michail Kusmin (1872-1936), übersetzt von Alexander Eliasberg (1878-1924), gelesen von Friedrich.

Die Sammlung dieser Novellen soll den Dichter Kusmin – der eigentlich Komponist war – dem Zuhörer bekannt machen.

Kusmins Helden sind (fast) ganz normale, sympathische und liebenswerte Menschen. Aber durch kleine Missverständnisse, die meist auf Mangel an Kommunikation zurückzuführen sind oder durch winzige persönliche „Macken“ geraten sie meist selbstverschuldet in nicht alltägliche Situationen, und der Leser ist geneigt, mit ihnen Mitleid zu haben. Der Autor erzählt mit viel Einfühlungsvermögen und ein wenig Ironie kurzweilige Geschichten, wie wir sie täglich erleben könnten. (Zusammenfassung von Friedrich)

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Frisch geschlüpft: Leutnant Gustl

von Arthur Schnitzler (1862-1931), gelesen von Availle

Am Ende eines gelangweilt verfolgten Konzertes drängt Leutnant Gustl erleichtert zum Ausgang und gerät an der Garderobe mit einem ihm flüchtig bekannten Bäckermeister in Streit. Außer sich vor Wut, als „dummer Bub“ beschimpft worden zu sein und darob keine Satisfaktion fordern zu können, läuft er durch Wien und beschließt schließlich, sich am nächsten Morgen zu erschießen. Leutnant Gustl geht ziellos vor sich hin sinnierend weiter durch Wien und landet schließlich im Prater, wo er auf einer Parkbank einschläft. Als er nach ein paar Stunden wieder aufwacht, möchte er sein Vorhaben in die Tat umsetzen, kehrt aber auf dem Nachhauseweg noch in seinem Stammcafé ein, wo er Neuigkeiten über den Bäckermeister erfährt…

Leutnant Gustl ist wohl die bekannteste Novelle des Wiener Autors Arthur Schnitzler. Der fast durchgehende innere Monolog Gustls stellte eine Neuerung in der deutschsprachigen Literatur dieser Zeit dar. Bei ihrer Erstveröffentlichung in 1900 verursachte die Novelle in ihrer offenen Anklage des Militarismus und des öffentlichen Bildes eines k.u.k. Offiziers einen Skandal, der Schnitzler seinen Rang als Reserveoffizier kostete.(Zusammenfassung von Availle)

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Ich kenne den Gustl noch nicht, das Thema Selbstmord hat mich bis jetzt davon abgehalten, ihn auch nur zu lesen. Availle versichert mir aber, dass an der Novelle mehr dran ist als das. Bin sehr gespannt.

Regina de Lago

ist eine Novelle von Walter Calé (1881-1904), eine Novelle wie ein Märchen, wie ein Traum – kein glücklicher. Erzählt wird die Geschichte von Blanche, die ein völlig in sich selbst zurückgezogenes, auf sich selbst bezogenes, einsames Leben führt.

Bis eines Tages der Baumeister Balthasar (auf einem weißen Pferd) mit seinen Kavalieren erscheint und ihr ein Schloss baut. Ein Schloss wie ein Grabmal.

Die Sprache ist leise, langsam, lakonisch, erzählt ohne Höhen und Tiefen, entwickelt ein Seelenbild nach dem anderen, zieht den Leser immer mehr in die Psyche eines Menschen, der unfähig ist, Kontakt zur Außenwelt aufzunehmen. Man kann nur gebannt lauschen.

Walter Calé hat zu seinen Lebzeiten nichts veröffentlicht. Kurz vor seinem Freitod hat er alle seine Schriften verbrannt. Regina de Lago und eine weitere Erzählung sind die einzigen Überlebenden eines fast vollendeten Romans, auf uns gekommen, weil sie sich beim Tod des Autors in fremden Händen befanden.

Beide Erzählungen, Gedichte und wenige Tagebucheinträge sind in seinen Nachgelassenen Schriften veröffentlicht.

Scann bei Archive.org

Nicht in depressiver Stimmung lesen!

Frisch geschlüpft: Das Kloster bei Sendomir

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von Franz Grillparzer (1791-1872), gelesen von Availle

Zwei Ritter treffen spät in der Nacht im Kloster von Sendomir ein und bitten dort um Unterschlupf, der ihnen gewährt wird. Von einem Mönch erfahren sie, dass das Kloster erst seit 30 Jahren besteht, und auf Nachfragen erzählt er ihnen die tragische Geschichte des Klostergründers, des Grafen Starschensky.
Franz Grillparzer zählt zu den wichtigsten österreichischen Dramatikern. Er wird auch gerne als der österreichische Nationaldichter bezeichnet. Das Kloster bei Sendomir, erschienen 1828, ist eine von nur zwei Novellen Grillparzers. (Zusammenfassung von Availle)

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eBook bei Mobileread

Bei LibriVox und MobileRead gibt es auch Grillparzers andere Novelle Der arme Spielmann.

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Frisch geschlüpft: Traumnovelle

von Arthur Schnitzler (1862-1931)

Der Arzt Fridolin und seine Frau Albertine führen eine anscheinend glückliche Ehe, doch unter der Oberfläche gären unausgesprochene und ungestillte sexuellen Fantasien. Als die beiden sich eines Abends davon erzählen, bekommt die harmonische Fassade Risse. Beide fühlen sich verletzt und betrogen.
Bevor es zu einer Aussprache kommen kann, wird Fridolin zu einem Patienten gerufen und damit beginnt für ihn eine Kette von erotischen Abenteuern, eine Reise zu seine verdrängten sexuellen Wünschen. Eine Nacht und einen Tag lang wird die Stadt Wien zu Beginn des 20ten Jahrhunderts der Spiegel seines Unterbewusstseins.
Wie Fridolin in der Außenwelt, so begegnet Albertine dem Unbewussten in einem Traum. Beide werden gezwungen, sich selbst und einander ihre Fantasien einzugestehen.
Schnitzlers Novelle voller Symbole und Metaphern hält den Leser/Hörer durch ihre berauschend-bedrückende Atmosphäre und ihre Wahrheit in Bann.
(Zusammenfassung von Hokuspokus)

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Maler Nolten

Was für ein Buch!

Der Maler Nolten von Eduard Mörike ist 1832 als Novelle in zwei Teilen erschienen. Novelle? Eigentlich nicht, eher viele Novellen in einem, mit Gedichten durchsetzt. Zwei der bekanntesten Mörike-Gedichte sind aus dem Maler Nolten: Der Feuerreiter und dieses hier:

Frühling läßt sein blaues Band
Wieder flattern durch die Lüfte,
Süße wohlbekannte Düfte
Streifen ahnungsvoll das Land;
[…]

Ach, und ein Drama ist auch noch dabei.

Theodor Storm schreibt Anfang Oktober 1854 an den 13 Jahre älteren und von ihm sehr verehren Mörike:

„Ich habe das Buch diesen Sommer wieder gelesen, aber wenn Sie mich fragen, was daran zu ändern sei, so muß ich mich in diesem Fall für gänzlich urteilslos erklären. So wie es da ist, ist es seit Jahren für mich eine liebe Tatsache; […] Ändern aber würde ich als Verfasser nichts daran. Es gehört, wie es vorliegt, und überdies hängen wenigstens die von Heyse besprochenen Schwächen so eng mit der Tiefe und eigentümlichen Schönheit des Werkes zusammen, daß mir in der Tat mitunter ist, als hätten Sie es eben um dieser willen geschrieben.“

Als ich dieses Lobeshymne (für den sehr kritischen Storm, geradezu überschwänglich) im Briefwechsel der beiden Dichter las, war klar, dass der Nolten sofort den Platz ganz oben auf dem Stapel zugewiesen bekam.

Mörike (1804-1875) zählt zeitlich zum Biedermeier, idyllisch ist er oft, aber hausbacken und spießig nie. Er wurzelt in der Romantik und besonders im Maler Nolten hatte ich oft das Gefühl, E.T.A. Hoffmann späht hinter einem Busch hervor oder schaut durch’s Fenster herein. Da ist z.B. die seltsame Gestalt, die die Ereignisse um den Maler Nolten überhaupt erst in Gang bringt.

Eines Tages kommt „ein verwahrloster Mensch von schwächlicher Gestalt und kränklichem Aussehen, eine spindeldünne Schneiderfigur“ zu dem arrivierten Maler Tillsen, der allerdings keine rechte Schaffenskraft mehr in sich fühlt, und zeigt ihm einige Entwürfe, die dem Maler die Augen öffnen. Dieses verdächtige Subjekt verschwindet und Tillsen kann ihn nicht ausfindig machen. Die Entwürfe habe es ihm aber so angetan, dass er sie in Öl ausführt. Das Publikum ist begeistert. Später stellt sich heraus, der Geheimnisvolle nennt sich Wispel, ist eigentlich Babier von Beruf und als Diener bei dem jungen unbekannten Maler Theobald Nolten, von dem die Skizzen eigentlich stammen. Tillsen nimmt den jungen Kollegen unter seine Fittiche, gibt ihm ein paar Tipps, führt ihn in die richtigen Kreisen ein und bald ist Theobald gar nicht mehr so unbekannt sondern wird vom Herzog protegiert, erhält Zutritt zum Haus des Grafen von Zarlin, lernt dort die schöne junge Witwe Gräfin Constanze kennen und verliebt sich in sie. Diese Zuneigung wird durchaus erwidert, doch unser Theobald ist zu Hause bereits mit der Tochter seines Ziehvaters, der süßen unschuldigen Agnes verlobt.

Die Entfernung von Agnes hat seine Liebe zu ihr schon merklich abgekühlt, als er Constanze begegnet. Agnes ist zwischenzeitlich auch nicht mehr so ganz von dem Verlobten überzeugt. Auf einem Spaziergang trifft sie die Zigeunerin Elisabeth, die ihr prophezeit, sie werde nicht den Maler sondern ihren Vetter heiraten.

Ach ja, der Vetter. Agnes Papa, Theobalds Pflegevater, ist sich nicht so sicher, dass unser Maler sein Töchterlein auch ordentlich wird versorgen können und hätte gerne ein zweites Eisen im Feuer. Agnes mag den Vetter zwar leiden, unterhält sich gern mit ihm usw. usf., denkt sich aber weiter nichts dabei. Diese unschuldige Zuneigung zum Vetter wird Nolten unter ganz falschen Vorzeichen hinterbracht und gibt seiner abgekühlten Liebe den Todesstoß. Doch wie soll er es Agnes beibringen? Er übergibt die ganze Angelegenheit seinem Freund Larkens. Larkens jedoch ist in dieser Sache ganz anderer Meinung als Nolten. Agnes ist die einzig Richtige für Theobald, glaubt Larkens, der Agnes nur aus den Erzählungen des Malers kennt, und führt mit verstellter Schrift unter Theobalds Namen die Briefkontakt zur nun doch nicht Exverlobten weiter. Die war von der Begegnung mit der Zigeunerin und der Prophezeiung so erschüttert, dass sie von einer heftigen Nervenkrankheit befallen worden war.

Das wäre ja jetzt erst mal genug Material für allerlei Ver- und Entwicklungen, sollte man meinen, aber es kommt noch schlimmer. Larkens spielt der Gräfin Constanze, just als sie und Theobald sich ihre gegenseitige Liebe gestanden haben, die Briefe von Agnes zu. Constanze ist verletzt, empört, tief gekränkt, und sorgt dafür, dass Nolten und Larkens wegen unterstellter Majestätsbeleidigung in einem Schattenspiel (das Drama mittendrin) eingesperrt werden. Nach ihrer Freilassung – zu einem Prozess und Verurteilung kam es dann doch nicht – gesteht Larkens Theobald schließlich die Geschichte mit den gefälschten Briefen und taucht erst mal unter. Und Elisabeth ist, wie sich herausstellt, Theobalds Cousine und ein bisschen wahnsinnig.

Trotzdem wendet sich alles zunächst zum Guten, Theobald kehrt zu Agnes zurück, die Hochzeit wird beschlossen, man reist zusammen nach einer anderen, entfernten Stadt, wo Theobald einen Posten antreten soll. Auf der Reise aber geht alles schief. Theobald trifft Larkens wieder, und der bringt sich um. Theobald gesteht Agnes die Sache mit den Briefen, und die fällt zurück in ihr Nervenleiden, „einen stillen Wahnsinn“. Dann wird alles nur noch schlimmer.

Es ist ein ganz verschwurbelter Haufen von Geschichten in Geschichten, Bildern in Bildern, und über allem Mondschein und Frühlingsduft, ganz viel davon. Und Theobald mitten drin, als Spielball seiner eigenen Vorstellungen und Wünsche, als Opfer seltsamer Verwicklungen aus der Vergangenheit und dem willkürlichen Eingreifen Dritter hilflos ausgeliefert. Er begreift nichts (wie auch!), ist unfähig, sein Leben in die Hand zu nehmen, teils, weil er sich treiben lässt, teils, weil sein Leben sich auch gar nicht in die Hand nehmen lässt. Es wendet sich alle Augenblicke in unvorhersehbare Richtungen.

Diese Geschichten sind unwahrscheinlich, an den Haaren herbeigezogen zum Teil, und doch lassen sie mich nicht mehr los. Die Figuren wirken auf uns heute oft hahnebüchen, man will sich an den Kopf greifen und laut ausrufen: Kein Mensch tut das, kein Mensch fühlt so! Aber man greift nicht und man ruft nicht, den trotz aller hahnebüchenen Verschwurbeltheit sind sie wahr und lebendig, auch oder gerade weil sie so sind. Wir denken nicht mehr, dass Menschen so sind, kein Autor würde heute solche Figuren erdichten, aber in Mörikes Text sind diese Personen und ihre Schicksale gefühlsmäßig glaubhaft. Deshalb lassen sie mich nicht los.

Und auch Mörike hat der Maler Nolten nicht wieder losgelassen. Etwa 10 Jahre nach der Erstveröffentlichung sollte eine zweite Auflage gedruckt werden, doch Mörike wollte das Buch erst  noch einmal überarbeiten. Eine Nachdruck des ursprünglichen Textes hat er strikt untersagt. Mit der Überarbeitung war Mörike dann den Rest seines Lebens beschäftigt und hat doch nur den ersten Teil geschafft. Nach Mörikes Tod hat Julius Klaiber aus dem fertiggestellten ersten Teil und Mörikes Notizen und Entwürfen zum zweiten Teil eine neue Version zusammengesetzt.  Diese Fassung, erster Teil von Mörike, zweiter Teil von Mörike und Klaiber zu unwägbaren Anteilen, gibt es bei Interesse als Scann bei Archive.org.

Der Text, der bis heute immer wieder aufgelegt wird, ist meist die erste Fassung von 1832, von der Mörike nicht gewollt hat, dass sie noch einmal gedruckt wird. Das ist auch der Text, den ich gelesen habe. Falls Ihr den Nolten im Regal habt, und nicht dabei steht, welche Fassung es ist, die Fassung von 1832 beginnt mit diesem Satz: Ein heiterer Juniusnachmittag besonnte die Straßen der Residenzstadt. In der zweiten Fassung heißt es: An einem heiteren Sonntagabend um die Mitte des Mai lustwandelte, ritt oder fuhr die elegante Welt der Residenz in den schattigen Alleen und offenen Gängen des Hofgartens. Welch ein Unterschied schon im ersten Satz! Es wäre interessant, die Unterschiede weiter zu verfolgen. Also auf Wiederlesen, Maler Nolten!

Auf Wiederhören? Es wäre reizvoll, das als Hörbuch bei LibriVox zu machen.  Für mich allein als Solo wäre es allerdings viel zu lang und dann ist da ja noch das Drama mitten drin, der Text der Schattenspiels. Als Gruppenprojekt vielleicht? Mal sehen …

Quellen und Links:
Wikipedia hat eine ausführlicher Zusammenfassung des Inhalts.
Text der 1832er Ausgabe bei Zeno.org
ePub der 1832er Ausgabe bei MobileRead
Scann der 1878er Fassung bei Archive.org

Theodor Storm: Ein Doppelgänger

Der Doppelgänger stand schon einige Zeit auf meiner Lesen-will-Liste. Dank dieses gelungenen Beitrags von Buchwolf kommt er ungelesen auf die Vorlesen-will-Liste.

buchwolf

Wolfgang Krisai: Haus im Waldviertel. Aquarell. 1987.

Theodor Storms Erzählung „Ein Doppelgänger“ schlägt den Leser sofort in ihren Bann. Mit geschickten Mitteln wird Spannung aufgebaut. Der Ich-Erzähler, ein junger Mann aus Norddeutschland, der eine Reise in den Süden des Landes getan hat, lernt im Wirtshaus einen freundlichen Oberförster kennen, der ein seltsames Interesse an ihm entwickelt. Die beiden vertiefen sich in eine angeregtes Gespräch, und schließlich bittet der Förster den jungen Mann, doch auf ein paar Tage bei ihm zu Gast sein zu wollen. (Selige Zeiten, wo einem dies auf Reisen passieren konnte.) Der Mann willigt ein und begibt sich am nächsten Tag zu Fuß in die Försterei. Nicht ohne sich zuvor beim Wirt nach dem Förster erkundigt zu haben. Von diesem erfährt er, dass der Oberförster wohl deshalb Interesse gezeigt habe, weil der Gast und die Frau des Försters vermutlich aus derselben Stadt kämen.

Der Erzähler kann sich beim besten Willen nicht an eine Dame des…

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