Frisch geschlüpft: Aus allen Winkeln

Cover Erzählungen von Hermann Heiberg (1840-1910), gelesen von Friedrich

Heiberg wird von den Naturalisten als deren Vorreiter angesehen. Er war ein Vielschreiber (ca. 80 Novellensammlungen und Romane). Seine Themen fand er durch genaue Beobachtung seiner Umgebung. In den hier vorliegenden Erzählungen treffen wir auf Menschen, deren große Gefühle vor allem auf bürgerlichen Werten wie Ehre, Treue, Redlichkeit fußen. Enge Familienbindung ist vorherrschend, die Rolle der Familie als Keimzelle der Gesellschaft wird deutlich. In fesselnder Darstellungsweise wird der Leser (Zuhörer) in den Bann gezogen und ist oftmals geneigt, mit den Helden mitzufiebern. Die Geschichten enden in der Regel glücklich und voller Harmonie und selbst tragische Handlungsverläufe stimmen nicht pessimistisch und die Helden genießen unsere Sympathie. (Zusammenfassung von Friedrich)

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Frisch geschlüpft: Das Tier im Walde

 photo tierimwalde_rie_zpsfd47a545.jpgvon Therese Rie (L. Andro) 1878-1934, gelesen von Hokuspokus

Eine Werwolfgeschichte

 

Der junge Maler Ambrosius unternimmt 1836 eine Wanderung im Salzkammergut. Dort sind in letzter Zeit einige tragische Unfälle geschehen, die man der Unvorsichtigkeit der Reisenden zuschreibt. Ambrosius wird von schlechtem Wetter überrascht und findet Unterschlupf bei der Familie eines Försters, wo er einige Tage bleibt. Weitere Unfälle geschehen und die Hinweise verdichten sich, dass die Geschehnisse in dieser Gegend ihren Ursprung haben. Ambrosius gerät unter Mordverdacht.

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Das ist ein echter Glücksfund, der meine Pläne mal eben über den Haufen geworfen hat. Unter der Oberfläche der schlichten, gruselromatischen Novelle tut sich ein Reich an religionsphilosophischen Bezügen auf. Im Gewand wunderbar zarter Waldmystik beleuchtet die Erzählung das Böse im Menschen. Rückblickend mutet die Erzählung der jüdischen Autorin, die 1934 starb, fast schon prophetisch an.

Zuerst begegnet ist mir Therese Rie, die unter dem Pseudonym L. Andro veröffentlicht hat, als Übersetzerin einiger Musikhistorischer Essays von Romain Rolland (französischer Literaturnobelpreisträger, der dieses Jahr gemeinfrei geworden ist). Eigentlich wollte ich nur die Gemeinfreiheit der Übersetzung überprüfen, da verriet mir Wikipedia, dass  Therese Rie selbst geschrieben und sich auch mit phantastischen Stoffen beschäftigt hat. Dem musste Hokuspokus natürlich nachgehen. Das Tier im Walde gab es online. Die Geschichte nahm mich sofort gefangen und ich musste sie auf der Stelle aufnehmen. Ich hoffe, sie macht Euch genau so viel Freude wie mir.

Nachtrag: Ich würde gerne Das entschwundene Ich von Therese Rie in die Finger bekommen. Ich konnte es weder antiquarisch noch online finden. Falls jemand darüber stolpert oder es vielleicht sogar hat und leih- oder verkaufsweise davon trennen würde, würde ich mich über eine Mail sehr freuen.

Leo Perutz: Nachts unter der steinernen Brücke

Auf dem Umschlag steht: historischer Roman. Man schlägt es auf und liest eine Novelle, dann noch eine und noch eine. Man will schon auf den Verlag schimpfen, der mit diesem verkaufsfördernden Etikett so schlampig umgeht, da dämmert einem, dass sich aus den Novellen langsam ein Roman zusammensetzt. Das passiert nicht auf dem Papier, das passiert im Kopf des Lesers und das ist ein faszinierendes Leseerlebnis.

Es geht in der Hauptsache um Rudoph II und Mordechai Meisl, den Bankier des Kaisers, deren Lebensweg die 14 Novellen nachzeichnen, allerdings nicht chronologisch. Sie begegnen sich nur 2 mal, doch ihr Leben ist durch die Liebe zu Esther, der Ehefrau Meisls, die auf magische Weise im Traum die Geliebte des Kaisers wird, unauflöslich miteinander verbunden. Daneben geht es noch um viel mehr.

Perutz nimmt seinen Stoff aus der Geschichte (nicht immer historisch korrekt) aber mehr noch aus der jüdischen Überlieferung und den Legenden der magischsten aller Städte: Prag. Wir begegnen Wallenstein und Kopernikus, dem weisen Rabbi Löw, Hunde sprechen und Geister erscheinen auf dem nächtlichen Friedhof. Aber es spukt nur oberflächlich. Darunter geht es um Schuld und Unschuld, Schicksal und Entscheidung, Vergessen und Erinnern und um die Unmöglichkeit, glücklich zu sein.

Jede der Novellen ist eine eigenständige Geschichte von hoher erzählerischer Dichte, die den Leser noch eine Weile beschäftigt. Nachts unter der steinernen Brücke ist kein Buch, dass man mal einfach so wegschmökert. Ich habe gut 6 Wochen an den nicht mal 300 Seiten gelesen, es zwischendurch immer wieder für Tage aus der Hand gelegt, es aber immer wieder gerne aufgenommen, was sonst mit weggelegten Büchern eher selten passiert. Es ist wie ein Puzzle, mit jeder Novelle nimmt man ein Puzzleteil auf und erst, wenn es den richtigen Platz gefunden hat, kann man sich dem nächsten Teil zuwenden. Auf diese Weise entsteht der Roman erst im Kopf des Lesers. Ich habe mich immer wieder dabei beobachtet, wie ich auch fremde Puzzleteile in das Bild einfüge und denke, Perutz hat das durchaus beabsichtigt. Jeder Leser erschafft sich so beim Lesen seinen eigenen Roman, und das in noch viel größerem Maße als bei konventioneller Erzähltechnik.

Leo Perutz wurde 1882 in Prag geboren, wo er auch seine Kindheit und Jugend verbrachte. Er stammt aus einer nicht besonders religösen jüdischen Familie. 1905-1907 studierte er als Gasthörer in Wien, er hatte die Hochschulreife nicht. Perutz arbeitete ab 1907 (wieder in Prag?) als Versicherungsmathematiker für die gleich Gesellschaft, für die auch Kafka tätig war. Seine erste Erzählung wurde 1906 veröffentlicht. Später übersiedelte er nach Wien und arbeitete auch hier für eine Versicherung. Nebenbei schreibt er mit immer größerem Erfolg weiter. Seine Bücher waren bei Publikum und Kritikern beliebt. Nach dem Anschluss Österreichs emigrierte er mit seiner Familie 1938 nach Palästina. Heimisch wurde er dort nicht, unter anderem, weil er die Sprache nicht sehr gut beherrschte und kulturell vereinsamte. Bereits 1945 dachte er über eine Rückkehr nach Europa nach. Das war allerdings bei den damaligen politischen Verhältnissen nicht einfach. Erst 1950 konnte Perutz wieder nach Österreich reisen. Ab 1952 verbrachte er regelmäßig die Sommermonate dort. Er starb 1957 in Bad Ischl.

Nachts unter der steinernen Brücke ist der letzte Roman, der zu Perutz‘ Lebzeiten erschien. Obwohl er die Arbeit daran schon 1924 begonnen hatte, stellte er ihn erst 1951 fertig. Danach brauchte es noch zwei Jahre, bis sich ein Verleger fand, da das Thema zu jüdisch war. Der Roman wurde von der Kritik wegen seiner einzigartigen Erzähltechnik sehr gelobt, war aber nur ein mäßiger Publikumserfolg.

Schon nach den ersten 2 oder 3 Novellen wollte ich das Buch unbedingt aufnehmen. Aber damit muss ich noch bis 2028 warten. Wenn ich jedes Jahre eine Novelle aufnehme, ist es fertig, wenn Perutz gemeinfrei wird und ich die Aufnahmen veröffentlichen darf. Vielleicht sollte ich das machen … Inzwischen besorge ich mir auf jeden Fall den nächsten Perutz.

Frisch geschlüpft: Die grüne Nachtigall

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und andere Novellen von Michail Kusmin (1872-1936), übersetzt von Alexander Eliasberg (1878-1924), gelesen von Friedrich.

Die Sammlung dieser Novellen soll den Dichter Kusmin – der eigentlich Komponist war – dem Zuhörer bekannt machen.

Kusmins Helden sind (fast) ganz normale, sympathische und liebenswerte Menschen. Aber durch kleine Missverständnisse, die meist auf Mangel an Kommunikation zurückzuführen sind oder durch winzige persönliche „Macken“ geraten sie meist selbstverschuldet in nicht alltägliche Situationen, und der Leser ist geneigt, mit ihnen Mitleid zu haben. Der Autor erzählt mit viel Einfühlungsvermögen und ein wenig Ironie kurzweilige Geschichten, wie wir sie täglich erleben könnten. (Zusammenfassung von Friedrich)

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Frisch geschlüpft: Leutnant Gustl

von Arthur Schnitzler (1862-1931), gelesen von Availle

Am Ende eines gelangweilt verfolgten Konzertes drängt Leutnant Gustl erleichtert zum Ausgang und gerät an der Garderobe mit einem ihm flüchtig bekannten Bäckermeister in Streit. Außer sich vor Wut, als „dummer Bub“ beschimpft worden zu sein und darob keine Satisfaktion fordern zu können, läuft er durch Wien und beschließt schließlich, sich am nächsten Morgen zu erschießen. Leutnant Gustl geht ziellos vor sich hin sinnierend weiter durch Wien und landet schließlich im Prater, wo er auf einer Parkbank einschläft. Als er nach ein paar Stunden wieder aufwacht, möchte er sein Vorhaben in die Tat umsetzen, kehrt aber auf dem Nachhauseweg noch in seinem Stammcafé ein, wo er Neuigkeiten über den Bäckermeister erfährt…

Leutnant Gustl ist wohl die bekannteste Novelle des Wiener Autors Arthur Schnitzler. Der fast durchgehende innere Monolog Gustls stellte eine Neuerung in der deutschsprachigen Literatur dieser Zeit dar. Bei ihrer Erstveröffentlichung in 1900 verursachte die Novelle in ihrer offenen Anklage des Militarismus und des öffentlichen Bildes eines k.u.k. Offiziers einen Skandal, der Schnitzler seinen Rang als Reserveoffizier kostete.(Zusammenfassung von Availle)

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Ich kenne den Gustl noch nicht, das Thema Selbstmord hat mich bis jetzt davon abgehalten, ihn auch nur zu lesen. Availle versichert mir aber, dass an der Novelle mehr dran ist als das. Bin sehr gespannt.

Regina de Lago

ist eine Novelle von Walter Calé (1881-1904), eine Novelle wie ein Märchen, wie ein Traum – kein glücklicher. Erzählt wird die Geschichte von Blanche, die ein völlig in sich selbst zurückgezogenes, auf sich selbst bezogenes, einsames Leben führt.

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Bis eines Tages der Baumeister Balthasar (auf einem weißen Pferd) mit seinen Kavalieren erscheint und ihr ein Schloss baut. Ein Schloss wie ein Grabmal.

Die Sprache ist leise, langsam, lakonisch, erzählt ohne Höhen und Tiefen, entwickelt ein Seelenbild nach dem anderen, zieht den Leser immer mehr in die Psyche eines Menschen, der unfähig ist, Kontakt zur Außenwelt aufzunehmen. Man kann nur gebannt lauschen.

Walter Calé hat zu seinen Lebzeiten nichts veröffentlicht. Kurz vor seinem Freitod hat er alle seine Schriften verbrannt. Regina de Lago und eine weitere Erzählung sind die einzigen Überlebenden eines fast vollendeten Romans, auf uns gekommen, weil sie sich beim Tod des Autors in fremden Händen befanden.

Beide Erzählungen, Gedichte und wenige Tagebucheinträge sind in seinen Nachgelassenen Schriften veröffentlicht.

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Nicht in depressiver Stimmung lesen!

Frisch geschlüpft: Das Kloster bei Sendomir

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von Franz Grillparzer (1791-1872), gelesen von Availle

Zwei Ritter treffen spät in der Nacht im Kloster von Sendomir ein und bitten dort um Unterschlupf, der ihnen gewährt wird. Von einem Mönch erfahren sie, dass das Kloster erst seit 30 Jahren besteht, und auf Nachfragen erzählt er ihnen die tragische Geschichte des Klostergründers, des Grafen Starschensky.
Franz Grillparzer zählt zu den wichtigsten österreichischen Dramatikern. Er wird auch gerne als der österreichische Nationaldichter bezeichnet. Das Kloster bei Sendomir, erschienen 1828, ist eine von nur zwei Novellen Grillparzers. (Zusammenfassung von Availle)

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Bei LibriVox und MobileRead gibt es auch Grillparzers andere Novelle Der arme Spielmann.

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