Frisch geschlüpft: Sammlung kurzer deutscher Prosa 44

Ah, das Häschen auf dem Cover erinnert daran, wie lange wir für diese Sammlung gebraucht haben. Sie wurde im April eröffnet und aus der Zeit stammt auch das Cover. Aber was lange wärt, wird auch bunt und abwechslungsreich. Auf Georg Heym hatte ich ja schon anlässlich der letzten Gedichtsammlung hingewiesen. Hier nun zwei Prosastücke von ihm.

Student und Alkohol von Leopold Loewenfeld sei besonders einem bestimmten studierenden Leser dieses Blogs empfohlen.  😉

Und noch ein Wort zu [Begegnung mit Farinelli]. Ich hatte mich sehr gefreut, als ich auf diese historische Quelle gestoßen war, und habe sie sofort aufgenommen. Beim Editieren kamen mir dann aber so einige Zweifel. Welcher Italiener würde sich nichts sehnlicher wünschen, als den Rest seiner Tage in England zu verbringen? Und welcher Musikfreud würde sich vom berühmtesten Sänger seiner Zeit immer nur 4 Arien vorsingen lassen, 10 Jahre lang. Welcher Sänger würde das auf die Dauer mit sich machen lassen? Nebenbei weiß man aus Farinellis Briefen, dass es etwa 200 waren, aus denen er jeden Abend einige für den König von Spanien aussuchte. (Die Quelle dafür ist leider auch nur ein Kommentar zu einem Wikipedia Artikel, aber meine Güte, wäre ich der König von Spanien, würde ich es so haben wollen.) Ich fürchte, Burney schreibselt hier nur zusammen, was er genau so in London und Bologna als Gerücht aufgeschnappt haben kann. (Ein Wort? Na gut, es waren ein paar mehr.)

1 – Der Hochzeitstag (aus: Aus dem Märchenbuch der Wahrheit) von Fritz Mauthner gelesen von Friedrich
2 – Das ovale Portrait von Edgar Allan Poe, übersetzt von Theodor Etzel, gelesen von Hokuspokus
3 – Die Entführung (aus: Volksmärchen der Deutschen) von Johann Karl August Musäus gelesen von Friedrich
4 – Gespräch zweier Liebenden von R. H. gelesen von LordOider & Shanty
5 – Beowulf (aus: Märchen und Sagen) von Karl Müllenhoff gelesen von Karlsson
6 – Student und Alkohol (Vortrag vom 21. Februar 1910) von Leopold Loewenfeld gelesen von Friedrich
7 – Die Nachtigall und die Rose von Oscar Wilde, übersetzt von Wilhelm Cremer, gelesen von Elli
8 – Die Sektion von Georg Heym gelesen von Hokuspokus 06:02
9 – Der Diplomat von Rudolf Presber gelesen von Julia Niedermaier
10 – Der Irre von Georg Heym gelesen von Karlsson
11 – Lucie Gelmeroth von Eduard Mörike gelesen von Hokuspokus
12 – [Begegnung mit Farinelli] (aus: Tagebuch einer Musikalischen Reise durch Frankreich und Italien) von Charles Burney, übersetz von Christoph Daniel Ebeling, gelesen von Hokuspokus
13 – Kalif Storch von Wilhelm Hauff gelesen von Cyamis
14 – Bal macabre von Gustav Meyrink gelesen von Cyamis
15 – Die physische Person von Manfred Kyber gelesen von Hokuspokus

Hörbuch Download bei LibriVox

Textlinks zum selbst Lesen gibt es wie immer auf der LibriVox Katalogseite.

Die nächste Prosasammlung ist schon eröffnet und jeder ist herzlich eingeladen, auch etwas dazu beizutragen!

Mehr deutsche Gedichte und kurze Prosa aus dem LibriVox Katalog bequem nach Titel, Autor oder Vorleser suchbar gibt es in der Liste kurzer deutscher Texte, dem Navi zur Schatzkammer.

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Frisch geschlüpft: Der Engel vom westlichen Fenster

gelesen von Hokuspokus

“Sonderbares Gefühl: das verschnürte und versiegelte Eigentum eines Toten in der Hand zu halten! Es ist, als gingen feine, unsichtbare Fäden von ihm aus, zart wie Spinnengewebe, und leiteten hinüber in ein dunkles Reich.”

Baron Müller erbt ein Bündel Dokumente von seinem entfernten Vorfahren John Dee, dem Astrologen von Königin Elisabeth I. Mit der Lektüre der Tagebücher des John Dee beginnt für ihn eine Zeitreise in das Leben seines Ahnen. Bald reicht die bloße Lektüre nicht mehr aus und Baron Müller bedient sich magischer Mittel, um immer tiefer in die alchemistische Suche seines Vorfahren einzudringen. Ihm begegnen Menschen, die geheimnisvoll mit John Dees Leben verbunden scheinen und er erkennt, dass ihn selbst mit seinem Ahnen weit mehr verbindet als nur zufällige Abstammung. (Zusammenfassung von Hokuspokus)

Hörbuch Download bei Legamus!

eBook bei MobileRead

Ich habe hin und her überlegt, ob ich Meyrink aus den Intros entfernen soll, ob ich Schmid Noer im Katalogtext erwähnen soll, mich aber dann doch dagegen entschieden. Es macht sonst keiner, noch nicht mal die DNB. Auch wenn Meyrink auf dem Cover steht und in jeder Sektion genannt wird, wir wissen ja, wer’s wirklich geschrieben hat, Friedrich Alfred Schmid Noerr. Neu gibt es wohl kaum noch etwas von ihm, gebraucht aber noch einiges.

Eigentlich wollte ich noch zig kluge Sachen zu dem Buch erzählen, aber seltsamerweise kann ich das kaum, wenn ich ein Buch einmal aufgenommen habe, je mehr mich ein Buch beeindruckt, desto weniger.

Für das Cover habe ich ein Bild von John Constable (1776-1837) benutzt, Die Netley Abtei, das östliche Fenster.

Neues vom Engel

Ende letzten Jahres hatte ich berichtet, welchen großen Schrecken mir mein weihnachtliches Wunschbuch Gustav Meyrink – Ein Leben im Bann der Magie von Hartmut Binder bereitet hat. Der Engel vom westlichen Fenster ist gar nicht von Meyrink sondern von Friedrich Alfred Schmid Noerr (1877-1969). Das war das Aus für den Engel. Nach 32 aufgenommenen Sektionen – nix is.

Ich hatte mich mächtig aufgeregt, aber irgendwann auch wieder abgeregt. Sollte es nicht möglich sein, die Erben von Schmid Noerr zu finden? Vielleicht bekomme ich ja die Erlaubnis, den Engel fertig aufzunehmen und unter irgend einer Lizenz doch bei Legamus zu veröffentlichen? Anders als bei LibriVox sind bei Legamus auch andere Creativ Commons Lizenzen möglich. Man hätte also kommerzielle Nutzung und die Verarbeitung in anderen Werken ausschließen können. Ich suchte und fand den Sohn des Autors, schrieb ihn an und es folgte ein sehr netter Email Kontakt.

Herr Schmid Noerr jun. war so freundlich mir mitzuteilen, dass das Buch aufgrund eines Vertrages, den sein Vater mit Meyrink hatte, doch gemeinfrei ist. Hier wirkt das vertrackte Urheberrecht doch auch mal zu meinen und unser aller Gunsten. Wundervoll!

Und nun ist er fertig, der Engel. Eben habe ich die letzte Sektion hochgeladen. Hurra! Fehlt noch das Probehören und Katalogisieren, irgendwann nächste Woche darf ich dann den Frisch geschlüpft Beitrag dazu schreiben. Ich war noch nie so froh über ein fertiges Projekt wie über dieses. Mit über 17 Stunden Lauflänge ist es mit Abstand mein längstes. Fast zweieinhalb Jahre habe ich daran gearbeitet und manchmal schien es mir, als müsste ich mir jeden einzelnen Satz abringen. Aber es hat sich gelohnt.

Und worum geht es eigentlich beim Engel? Tja, die Zusammenfassung muss ich noch schreiben.

Frisch geschlüpft: David Copperfield

von Charles Dickes, übersetzt von Gustav Meyrink, gelesen von Hans Hafen

Normalerweise zitiere ich an dieser Stelle den LibriVox Katalogtext. Der ist diesmal von Wikipedia übernommen und noch dazu stark gekürzt. Deshalb hier der Link zum vollständigen Wikipedia-Artikel.

Was für ein Buch! Ich bin selbst kein großer Freund von Dickes und hab’s nicht gelesen, die Bemerkung bezieht sich rein auf’s Äußerliche. Mehr als 500.000 Wörter, über 43 Stunden Audio, bei LibriVox gibt es nicht sehr viele Hörbücher mit auch nur annähernd dieser Länge.

Es gibt unzählige Übersetzungen davon, gemeinfrei ist neben der von Meyrink noch die von Richard Zoozmann (bei Gutenberg DE). Wenn man nur mal den ersten Satz vergleicht, wird schon deutlich, dass Meyrink besseres Deutsch schreibt. Er hat auch freimütig bekannt, dass er Dickens hier und da korrigiert hat. Die Geschichte wurde nach und nach als Fortsetzungsroman veröffentlicht und da konnte es schon mal vorkommen, dass sich der Meister mit Namen und Orten vertat.

Hörbuch Download bei LibriVox

Bei LibriVox gibt es das englische Original gleich zwei mal, als Gemeinschaftsprojekt von verschiedenen Lesern und als Solo von Tadhg.

Als eBook gibt es bei MobileRead das englische Original und die Meyrink Übersetzung zum selbst Lesen.

So viel Auswahl!

Der falsche Engel

Zu Weihnachten habe ich das Buch bekommen, dass auf meinem Wunschzettel stand: Gustav Meyrink – Ein Leben im Bann der Magie von Hartmut Binder. Ein dickes Buch, 784 Seiten und bestimmt 3 kg schwer, randvoll mit sorgfältig recherchierten Informationen zu Meyrinks Vita und mit sehr vielen Fotos von Orten und Menschen, die in Meyrinks Leben eine Rolle spielten. Spannende Lektüre, ich werde berichten, wenn ich durch bin.

Doch gleich in der Einleitung versetzt Binder mir einen Schock: „Besonders ‚beeindruckend‘ in diesem Zusammenhang ist die von Joseph Strelka verfaßte Einleitung zu Meyrinks Roman Der Engel vom westlichen Fenster, der – aber das ist schon wieder eine andere Geschichte – gar nicht von Meyrink selbst stammt.“

WAS!?!

Was nehme ich doch gerade für Legamus auf! Rasch das betreffende Kapitel aufgeblättert: Der Autor soll Friedrich Alfred Schmid Noerr (1877-1969) sein, ein Freund Meyrinks aus den Starnberger Jahren. Aber dann wäre das Buch ja gar nicht gemeinfrei! Dafür will ich Beweise sehen! Und Beweise bringt Binder. Keine stilistische Analyse, die man glauben kann oder auch nicht, nein, ganz handfeste Beweise. Im Nachlass von Schmid Noerr befindet sich die erste Fassung vom Engel in Schmid Noerrs Handschrift. In Meyrinks Nachlass nur der Durchschlag einer überarbeiteten Fassung. Es gibt ein Angebot von Meyrinks Verlages über 15.000 Mark für einen neuen Roman und ein Vertrag zwischen Meyrink und Schmid Noerr, wonach Schmid Noerr die Hälfte Einkünfte des Romans bekommen soll. Die beiden haben einen Coup ausgeheckt, um an die 15.000 Mark zu kommen. Schmid Noerr ist nach Prag gefahren, um sich mit der Stadt vertraut zu machen, in der wichtige Teile des Buches angesiedelt sind. Anhand seines Skizzenbuches kann man nachvollziehen, dass er sich in der Altstadt verlaufen hat und dabei in eine Sackgasse mit einem Brunnen und einem bestimmten Hauszeichen geriet. Später im Roman verläuft sich auch John Dee und kommt an diesen Brunnen und dieses Hauszeichen.

Das überzeugt mich leider restlos. Und auch stilistisch hätte ich schon längst etwas merken müssen. Der Engel ist tatsächlich sehr anders als die anderen Meyrink Bücher. Es gefällt mir besser als Der Golem und Walpurgisnacht, weil es gefälliger erzählt ist, und gefällig erzählt Meyrink eigentlich nie. Also kein Engel für Legamus, dabei war ich zu 2/3 fertig. Und es dauert noch 26 Jahre, bis das Buch tatsächlich gemeinfrei wird.

Von Schmid Noerr hatte ich vorher noch nie etwas gehört, obwohl der Autor heute noch neu aufgelegt wird. Wären seine Text schon gemeinfrei, gäbe es sicher das eine oder andere von ihm bei den einschlägigen Seiten, aber so entschwindet er langsam aber um so sicherer aus dem öffentlichen Bewusstsein. In 26 Jahren wird kaum jemand sich an ihn erinnern und seine Werke werden größtenteils ins Altpapiernirwana entschwunden sein. Die Schutzfrist von 70 Jahren nach dem Tod des Autors ist einfach viel zu lang. Natürlich soll der Autor Zeit Lebens alle Rechte an seinem geistigen Eigentum haben. Auch die Verlage brauchen Planungssicherheit und wenn es für die Kinder von am Hungertuch nagenden Autoren ein bisschen was zu erben gibt, ist das auch nur fair. Aber braucht es wirklich 70 Jahre? Würden 25 oder 50 Jahre nicht genügen? Auch mit gemeinfreien Inhalten lässt sich Geld verdienen, nur müssen die Werke und Autoren dazu wenigstens ein bisschen bekannt sein. Je länger die Schutzfrist dauert, desto weniger schützt sie die Interessen der Autoren, die ja schließlich gelesen werden wollen, desto mehr wird das Urheberrecht zu einer Mauer des Vergessens. Schade eigentlich.

Gustav Meyrink (1868-1932)

Von Meyrink war ja nun schon öfter die Rede, es wird Zeit, ihn ausführlich vorzustellen.

Geboren wurde er 1868 in Wien als unehelicher Sohn des württembergischen Staatsministers Karl von Varnbüler und der Hofschauspielerin Marie Meyer und hieß zunächst nach seiner Mutter Gustav Meyer. Den Engagements seiner Mutter folgend ging er in München, Hamburg und Prag zur Schule. Als unehelicher Sohn einer Schauspielerin im 19. Jahrhundert Abitur zu machen, das kann nicht einfach gewesen sein; in den Quellen heißt es, seine Kindheit sei unglücklich gewesen.

Als er mit 21 Jahren von seinem Vater „erhebliche Vermögenswerte“ (NDB) erhielt, gründete er in Prag zusammen mit Johann David Morgenstern, einem Neffen des Dichters Morgenstern, mit dem Meyrink verwandt war, das Bankhaus „Meyer und Morgenstern“. Glücklich hat das Vermögen ihn nicht gemacht, er trug sich mit Selbstmordgedanken, die er nur deshalb nicht ausführte, weil ein zufällig übersandtes Verlagsprospekt ihn zum Studium des Okkultismus anregte. Er war Mitglied in zahlreichen esoterischen Vereinigungen, aus denen er oft bald wieder austrat. Das Okkulte war um 1900 sehr in Mode, verschwurbelte Esoterik trieb die seltsamsten Blüten, aber Meyrink war kein verschwurbleter Schwärmer, er hatte ein wissenschaftliches Interesse und suchte nachprüfbaren Ergebnisse. Er unternahm Versuche in Alchemie, außersinnlicher Wahrnehmung und Telepathie. (Man kann dabei sehr seltsame Erfahrungen machen.)

1900 erkrankte er an einem Rückenmarksleiden, dass er mit Yoga therapierte, von dem er sich aber nie ganz erholte.

1902 verdächtigte man Meyrink des Betruges und nahm ihn in Untersuchungshaft. Die Anschuldigungen erwiesen sich als grundlos, aber der Skandal ruinierte sein Bankhaus. Notgedrungen wandte er sich der Schriftstellerei zu. Angeregt wurde er dazu von einem Schwager Alfred Kubins. Die Geschichte Der heiße Soldat soll erst im Simplicissimus erschienen sein, nach dem Ludwig Thoma sie aus dem Papierkorb gerettet hatte. Das war der Anfang einer Blitzkarriere. Meyrink wurde Mitarbeiter beim Simpicissimus. Seine satirischen Novellen wurden 1913 in drei Bänden gesammelt herausgegeben. Kurt Tucholsky hat sie geliebt. Er schreibt:

Ein neuer Klassiker

Wer hätte das gedacht! Meyrink, unser Gustav Meyrink in drei Bänden. Richtig in einer hübschen Kassette und: ›Gesammelte Schriften‹. Man wild alt.

Ja, nun werden ihn die Schulbuben in den Lesebüchern studieren müssen, und ich höre schon, wie mein kleines Enkelmädchen mühsam und ausdrucksvoll buchstabiert: »Bitt – Sie – was ist – das – – ei – gent – lich . . . Bus – – hi – – do – –? fragte der – Pan – ter – und – spielte – Ei – chel – ass – aus . . . « Und ihr fettes Fingerchen wird die Seiten herunter- und herauffahren müssen, und sie wird die Geschichte lesen von der Urne in Sankt Gingolph und die gemütvolle Legende vom Löwen Alois – und kurz und gut: da haben wir nun die ganze Teufelsbibel in drei Bänden wohlgeordnet vor uns liegen. Man wird alt.

Und liebevoll, nicht wie zum ersten Mal, aber schwelgend in Erinnerungen, lesen wir noch einmal alles, was uns damals aufrührte. Jeder hatte seinen eigenen Meyrink, jeder wußte neue Schönheiten zu berichten, die der andre noch gar nicht entdeckt hatte, und wenn wir uns abends nach Hause standen, brachen wir an jeder Straßenecke in ein Geheul aus (darob die Bürger erwachten), weil uns wieder etwas Neues eingefallen war von diesem Teufelskerl.

Wir kennen ja nun die hundert Meyrinks: den lyrischen und den hassenden und den lächelnden und den traurigen und den grinsenden und den schlagenden und den tötenden. Und beim Durchblättern ist uns manches wirklich neu, was wir vorher in alten Heften des ›März‹ und des ›Simplicissimus‹ uns zusammensuchen mußten, dürfen wir uns nunmehr auf der Zunge zergehen lassen: ›Die Belagerung von Serajewo‹ und ›Prag‹ und gar ›Montreux‹ – sehen Sie, das kannten Sie auch nicht! Und wenn man dann noch am Leben ist, darf man sich an dem bisher gänzlich unbekannten ›Wahrheitstropfen‹ erfreuen, an der Geschichte des Herrn Ohrringle. Und an ›Veronika, dem Heimatsschwein‹ und am ›Automobil‹.

Das Schönste aber an diesen reizenden Bändchen ist der Titel. Er ist sinnig, anheimelnd, und der Gebissene merkt erst etwas von seinem zerrissenen Hosenboden, wenn der trauliche Autor schon in weiter Ferne ist, das Hütel auf dem linken Ohr und leise pfeifend: »Drei Lihilien, dreihei Lihilien – die pflanzt ich auf mein Grab . . . «

Der Titel: ›Des deutschen Spielers Wunderhorn‹.

(Peter Panter in Die Schaubühne, 1914.)

1907 übersiedelte Meyrink nach München. Er war zu diesem Zeitpunkt zum zweiten Mal verheiratet und hatte ein Tochter. Sonst geben die Quellen über sein Privatleben nichts her. Er wird aber mehrfach in Erich Mühsams Unpolitische Erinnerungen erwähnt, die ich bei Gelegenheit als eBook aufbereiten und lesen werde.

Meyrink bekam ein monatlichen Fixums vom Verlag des Simplicissimus, aber es reichte nicht, um die Schulden aus dem Bankrott abzudecken und Meyrinks Lebensunterhalt zu sichern. Er arbeitete deshalb auch als Übersetzer, unter anderem von Charles Dickens und Rudyard Kipling. Er ist dabei reichlich frei mit den Originalen umgegangen.

1911 kaufte Meyrink ein Haus in Starnberg, dass er wegen finanzieller Probleme 1928 wieder verkaufen musste.

1915 erschien sein Roman Der Golem, der dank groß angelegter Werbung des Verlags ein Publikumserfolg und Meyrinks bekanntestes Werk wurde. Seine weiteren Romane, Das grüne Gesicht (1917) Walpurgisnacht (1917), Der weiße Dominikaner (1921), Der Engel vom westlichen Fenster (1927) werden immer esoterischer und konnten nicht an den Erfolg anknüpfen.

Kurt Tucholsky hat dann auch nur noch Das grüne Gesicht rezensiert. Er schreibt:

Ich zweifle nicht, daß Meyrink zu den einsichtsreichsten Menschen gehört, die unter uns leben. Er weiß ungeheuer viel – nicht Positiva, sondern eben das, was man nicht lernen kann –, er hat tief hinunter gesehen, und man muß ihn stets hochachten, eben um dieser Erkenntnis willen. […]

Es liegt also nicht etwa vor: Suchen der Gunst des Publikums. Es liegt aber wohl vor: Bewußtes oder unbewußtes Nachlassen der künstlerischen Kraft. Es ist schade, daß ein großer Erkenner uns einen großen Künstler kostet. Rechnet man dazu, daß sich heute alles, was sonst unterdrückt wird, unter dieses allumfassende Dach der Theosophie flüchtet, weil es sich in den unscharfen und verschwommenen Thesen wiedererkennt und bestätigt zu finden glaubt, so wird man die große Gefolgschaft dieser Bücher verstehen.

[…]

Der Meister zaubert wirklich – stellungslose Kommis und gelangweilte Damen hören zu, freuen sich an den bunten Glaskugeln und sehen den Gott nicht. Der bleibt im Tempel und lächelt. Und so ist in Wahrheit keinem geholfen. Der Meister selbst hat kein Publikum, und das Parkett bestaunt, im Grunde genommen, Kulissen.

(Ignaz Wrobel in Die Schaubühne, 1917)

Während des ersten Weltkriegs kam Meyrink auf sehr kuriose Weise mit der Freimaurerei in Berührung. Er erhielt vom Auswärtigen Amt in Berlin den Auftrag, einen Roman zu verfassen, der suggerieren sollte, dass die Freimaurer am Krieg schuld seien. Meyrink nahm den Auftrag an, verzögerte und verschleppte die Arbeit aber immer wieder, wohl im Bestreben, die Sache scheitern zu lassen. Der Auftrag wurde ihn entzogen und einem deutsch-nationalen Politiker übergeben, der mehrere Pamphlete über die freimaurerisch-jüdische Weltverschwörung verfasste, die später in der Nazi-Zeit besonders traurige Blüten trieb.

1927 konvertiert er vom Protestantismus zum Mahajana-Buddhismus.

Meyrink starb 1932 im Alter von 64 Jahren in Starnberg.

Bei den Recherchen zu diesem Beitrag bin ich auf ein Buch aufmerksam geworden, dass jetzt auf meinem Weihnachtswunschzettel steht: Binder, Hartmut (2009): Gustav Meyrink. Ein Leben im Bann der Magie. Prag.

Meyrink bei LibriVox

Meyrink bei MobielRead
Des deutschen Spießers Wunderhorn, zwei Bände. Band 1 und Band 2
Der Golem
Die Fledermäuse
Das grüne Gesicht
Walpurgisnacht
Der weiße Dominikaner
Vielen Dank an netseeker für Das grüne Gesicht, Der Golem und Der weiße Dominikaner

Quellen:
Wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Gustav_Meyrink
NDB: http://www.deutsche-biographie.de/xsfz62973.html
Literatur Portal Bayern: http://www.literaturportal-bayern.de/autorenlexikon?task=lpbauthor.default&pnd=118582046

Tucholsky über Meyrink bei Zeno.org:
http://www.zeno.org/nid/20005803624
http://www.zeno.org/nid/20005804272

siehe auch Meyrink bei Gutenberg DE http://gutenberg.spiegel.de/autor/413

Die Liste in meinem Kopf – Zukünftige Baustellen

Die Liste in meinem Kopf, auf der die Bücher stehen, die ich vielleicht, wahrscheinlich, ganz sicher irgendwann mal aufnehmen will, ist mal wieder ein Stück kürzer geworden. „Die acht Gesichter vom Biwasee“ von Max Dauthendey (japanische Liebesgeschichten) habe ich als Solo angefangen, „Deutsche Literaturgeschichte in einer Stunde“ von Klabund ist als Gruppenprojekt gestartet, wird aber wohl etwas mehr als 3 Stunden lang sein, wenn es fertig ist. Es sind noch Sektionen offen, falls jemand Lust hat, sich zu beteiligen. Man braucht nur ein Mikrophon und etwas Mut.

Als nächstes wird es dann wahrscheinlich „Das Geheimnis der alten Mamsel“ von Eugenie Marlitt als Gruppenprojekt geben. Eugenie Marlitt wird als eine der erste Bestsellerautorinnen der Welt angesehen. Sie schrieb am Ende des 19. Jahrhunderts wahre Perlen der Unterhaltungsliteratur. Von ihr haben wir schon „Die Frau mit den Karfunkelsteinen“ im LibriVox-Katalog, das sich großer Beliebtheit zu erfreuen scheint.

Schön wäre auch „Das alte Testament in Auszügen“. Auf englisch gibt es die Bibel in verschiedenen Übersetzungen mehrmals komplett, auf deutsch hat LibriVox gerade mal drei Bücher und ganz wenige Auszüge im Katalog. Jonas und der Wal, Die Mauern von Jericho, Susanna im Bade, jeder kennt die Schlagworte, aber kaum einer hat sie wirklich gelesen. Dabei durchziehen diese Bilder und Geschichten unsere ganze Kultur, tauchen immer wieder in Literatur, Musik und bildender Kunst auf. Noch wichtiger: Die Bibelübersetzung von Luther hat unsere Sprache entscheidend mitgeprägt.

„Der Ursprung der Familie, des Privateigenthums und des Staats“ von Friedrich Engels würde ich auch gerne im Katalog sehen. Seine Gedanken zur Entwicklung der menschlichen Gesellschaft sind sehr interessant, gar nicht mal überholt und außerdem schreibt Engels eine sehr klare Prosa, selten im 19. Jahrhundert.

Wir haben erstaunlich wenig bekannte Unterhaltungsromane bei LibriVox. Die Bücher sind meistens ziemlich lang, da braucht der Buchkoordinator einen langen Atem, aber es würde sich schon lohnen. Man denke nur an „Ivanhoe“ von Walter Scott, „Der Graf von Monte Christo“ oder „Die Drei Musketiere“ von Alexandre Dumas, „In achtzig Tagen um die Welt“ von Jules Verne, die Liste ließe sich endlos fortsetzen. Schaun wir mal.

Auf meiner Solo-Liste steht ganz oben „Briefe, die ihn nicht erreichten“ von Elisabeth von Heyking, eine todtraurige Liebesgeschichte in Briefen. Heyking schreibt wunderschöne Prosa. Allein ihre Sprache ist schon Grund genug, das aufzunehmen. Interessant sind aber auch Zeit und Ort des Romans. In leichtem Plauderton berichtet die Briefeschreiberin von den gesellschaftlichen und politischen Verhältnissen in den USA (Ostküste) um 1900 an einen Freund in Peking, wo sie zuvor ein paar Jahre gelebt hat. Wenn sie von den gemeinsamen Erinnerungen an die Zeit in China schreibt, wird ihre tiefe Zuneigung zum Empfänger der Briefe zwischen den Zeilen immer deutlicher, doch mehr als Freundschaft durfte es zwischen den beiden offensichtlich nicht geben. Erst im Laufe der Romans erfährt der Leser, warum.

„Der Tee der drei alten Damen“ von Friedrich Glauser. Der Kriminalroman wäre für Legamus, er ist nicht PD in den USA.

„Das fremde Kind“ von E.T.A. Hoffmann. „Die Räuber“, „Der Magnetiseur“, „Der unheimliche Gast“ und vielleicht noch das eine oder andere aus den Nachtstücken, aber die haben wir ja schon. Hoffmann hat unglaublich viel geschrieben. Ich habe längst nicht alles gelesen. „Das fremde Kind“ habe ich sogar schon angefangen aufzunehmen, aber dann nicht weiter daran gearbeitet.

„Fledermäuse“ (Erzählungen) und „Die Abenteuer des Polen Sendivogius“ von Gustav Meyrink. In den Fledermäusen gibt es ein paar sehr berührende und weise Stücke, anderes hat den ironisch-augenzwinkernden Ton, der auch die Geschichten in „Des deutschen Spießers Wunderhorn“ so ergötzlich macht. Der Sendivogius hat lange nicht die Tiefe von „Walpurgisnacht“ oder „Der Golem“, ist aber spannende und vergleichsweise leiste Kost. Aber bevor „Der Engel vom westlichen Fenster“ nicht fertig ist, fange ich keinen weiteren Meyrink an. Ich hoffe, ich schaffe das diesen Winter, aber für Meyrink muss ich in der richtigen Stimmung sein.

„Florentinische Nächte“ von Heinrich Heine steht auch schon Jahre auf meiner Liste, seit ich einmal einen Auszug daraus für die Prosa-Sammlung aufgenommen habe. Ich liebe Heines Sprache. Präzise, klar und doch mit schönem Rhythmus und Klang. Es ist unendlich schade, dass er nicht mehr Erzählprosa geschrieben hat. Für die nächste Gedichtsammlung habe ich einen ganzen Gedichtzyklus von ihm aufgenommen, angeregt von einem Post auf Durchleser’s Blog, dass ich bei schreibtischmetamorphosen reblogged gefunden habe. Das Blog ist ja noch ein ganz neues Spielzeug für mich und ich bin immer noch ganz beglückt von dieser neuen Welt, die sich da vor mir auftut.

Da ist sie nun, die Liste mit den Schätzen, die ich im Laufe der Zeit angehäuft habe. Und was mache ich, wenn sich der eine oder die anderen davon inspirieren lässt und die Texte vor mir aufnimmt? Ist schon ein paar mal vorgekommen, das jemand schneller war als ich. Dann habe ich das Buch von der Liste gestrichen. Wir haben so wenig auf Deutsch im Katalog und die Liste ist so lang, dass es schon ein bisschen Zeitverschwendung wäre, die Texte mehrfach aufzunehmen. Aber es gibt ein paar Schätze, in die ich so verliebt bin, dass ich sie vorlesen will, egal wie oft sie schon im Katalog stehen. Seit gewarnt.

Zum Schluss ein herzliches Dankeschön an die Buchmacher von MobileRead für die verlinkten eBooks.