Der falsche Engel

Zu Weihnachten habe ich das Buch bekommen, dass auf meinem Wunschzettel stand: Gustav Meyrink – Ein Leben im Bann der Magie von Hartmut Binder. Ein dickes Buch, 784 Seiten und bestimmt 3 kg schwer, randvoll mit sorgfältig recherchierten Informationen zu Meyrinks Vita und mit sehr vielen Fotos von Orten und Menschen, die in Meyrinks Leben eine Rolle spielten. Spannende Lektüre, ich werde berichten, wenn ich durch bin.

Doch gleich in der Einleitung versetzt Binder mir einen Schock: „Besonders ‚beeindruckend‘ in diesem Zusammenhang ist die von Joseph Strelka verfaßte Einleitung zu Meyrinks Roman Der Engel vom westlichen Fenster, der – aber das ist schon wieder eine andere Geschichte – gar nicht von Meyrink selbst stammt.“

WAS!?!

Was nehme ich doch gerade für Legamus auf! Rasch das betreffende Kapitel aufgeblättert: Der Autor soll Friedrich Alfred Schmid Noerr (1877-1969) sein, ein Freund Meyrinks aus den Starnberger Jahren. Aber dann wäre das Buch ja gar nicht gemeinfrei! Dafür will ich Beweise sehen! Und Beweise bringt Binder. Keine stilistische Analyse, die man glauben kann oder auch nicht, nein, ganz handfeste Beweise. Im Nachlass von Schmid Noerr befindet sich die erste Fassung vom Engel in Schmid Noerrs Handschrift. In Meyrinks Nachlass nur der Durchschlag einer überarbeiteten Fassung. Es gibt ein Angebot von Meyrinks Verlages über 15.000 Mark für einen neuen Roman und ein Vertrag zwischen Meyrink und Schmid Noerr, wonach Schmid Noerr die Hälfte Einkünfte des Romans bekommen soll. Die beiden haben einen Coup ausgeheckt, um an die 15.000 Mark zu kommen. Schmid Noerr ist nach Prag gefahren, um sich mit der Stadt vertraut zu machen, in der wichtige Teile des Buches angesiedelt sind. Anhand seines Skizzenbuches kann man nachvollziehen, dass er sich in der Altstadt verlaufen hat und dabei in eine Sackgasse mit einem Brunnen und einem bestimmten Hauszeichen geriet. Später im Roman verläuft sich auch John Dee und kommt an diesen Brunnen und dieses Hauszeichen.

Das überzeugt mich leider restlos. Und auch stilistisch hätte ich schon längst etwas merken müssen. Der Engel ist tatsächlich sehr anders als die anderen Meyrink Bücher. Es gefällt mir besser als Der Golem und Walpurgisnacht, weil es gefälliger erzählt ist, und gefällig erzählt Meyrink eigentlich nie. Also kein Engel für Legamus, dabei war ich zu 2/3 fertig. Und es dauert noch 26 Jahre, bis das Buch tatsächlich gemeinfrei wird.

Von Schmid Noerr hatte ich vorher noch nie etwas gehört, obwohl der Autor heute noch neu aufgelegt wird. Wären seine Text schon gemeinfrei, gäbe es sicher das eine oder andere von ihm bei den einschlägigen Seiten, aber so entschwindet er langsam aber um so sicherer aus dem öffentlichen Bewusstsein. In 26 Jahren wird kaum jemand sich an ihn erinnern und seine Werke werden größtenteils ins Altpapiernirwana entschwunden sein. Die Schutzfrist von 70 Jahren nach dem Tod des Autors ist einfach viel zu lang. Natürlich soll der Autor Zeit Lebens alle Rechte an seinem geistigen Eigentum haben. Auch die Verlage brauchen Planungssicherheit und wenn es für die Kinder von am Hungertuch nagenden Autoren ein bisschen was zu erben gibt, ist das auch nur fair. Aber braucht es wirklich 70 Jahre? Würden 25 oder 50 Jahre nicht genügen? Auch mit gemeinfreien Inhalten lässt sich Geld verdienen, nur müssen die Werke und Autoren dazu wenigstens ein bisschen bekannt sein. Je länger die Schutzfrist dauert, desto weniger schützt sie die Interessen der Autoren, die ja schließlich gelesen werden wollen, desto mehr wird das Urheberrecht zu einer Mauer des Vergessens. Schade eigentlich.

Gustav Meyrink (1868-1932)

Von Meyrink war ja nun schon öfter die Rede, es wird Zeit, ihn ausführlich vorzustellen.

Geboren wurde er 1868 in Wien als unehelicher Sohn des württembergischen Staatsministers Karl von Varnbüler und der Hofschauspielerin Marie Meyer und hieß zunächst nach seiner Mutter Gustav Meyer. Den Engagements seiner Mutter folgend ging er in München, Hamburg und Prag zur Schule. Als unehelicher Sohn einer Schauspielerin im 19. Jahrhundert Abitur zu machen, das kann nicht einfach gewesen sein; in den Quellen heißt es, seine Kindheit sei unglücklich gewesen.

Als er mit 21 Jahren von seinem Vater „erhebliche Vermögenswerte“ (NDB) erhielt, gründete er in Prag zusammen mit Johann David Morgenstern, einem Neffen des Dichters Morgenstern, mit dem Meyrink verwandt war, das Bankhaus „Meyer und Morgenstern“. Glücklich hat das Vermögen ihn nicht gemacht, er trug sich mit Selbstmordgedanken, die er nur deshalb nicht ausführte, weil ein zufällig übersandtes Verlagsprospekt ihn zum Studium des Okkultismus anregte. Er war Mitglied in zahlreichen esoterischen Vereinigungen, aus denen er oft bald wieder austrat. Das Okkulte war um 1900 sehr in Mode, verschwurbelte Esoterik trieb die seltsamsten Blüten, aber Meyrink war kein verschwurbleter Schwärmer, er hatte ein wissenschaftliches Interesse und suchte nachprüfbaren Ergebnisse. Er unternahm Versuche in Alchemie, außersinnlicher Wahrnehmung und Telepathie. (Man kann dabei sehr seltsame Erfahrungen machen.)

1900 erkrankte er an einem Rückenmarksleiden, dass er mit Yoga therapierte, von dem er sich aber nie ganz erholte.

1902 verdächtigte man Meyrink des Betruges und nahm ihn in Untersuchungshaft. Die Anschuldigungen erwiesen sich als grundlos, aber der Skandal ruinierte sein Bankhaus. Notgedrungen wandte er sich der Schriftstellerei zu. Angeregt wurde er dazu von einem Schwager Alfred Kubins. Die Geschichte Der heiße Soldat soll erst im Simplicissimus erschienen sein, nach dem Ludwig Thoma sie aus dem Papierkorb gerettet hatte. Das war der Anfang einer Blitzkarriere. Meyrink wurde Mitarbeiter beim Simpicissimus. Seine satirischen Novellen wurden 1913 in drei Bänden gesammelt herausgegeben. Kurt Tucholsky hat sie geliebt. Er schreibt:

Ein neuer Klassiker

Wer hätte das gedacht! Meyrink, unser Gustav Meyrink in drei Bänden. Richtig in einer hübschen Kassette und: ›Gesammelte Schriften‹. Man wild alt.

Ja, nun werden ihn die Schulbuben in den Lesebüchern studieren müssen, und ich höre schon, wie mein kleines Enkelmädchen mühsam und ausdrucksvoll buchstabiert: »Bitt – Sie – was ist – das – – ei – gent – lich . . . Bus – – hi – – do – –? fragte der – Pan – ter – und – spielte – Ei – chel – ass – aus . . . « Und ihr fettes Fingerchen wird die Seiten herunter- und herauffahren müssen, und sie wird die Geschichte lesen von der Urne in Sankt Gingolph und die gemütvolle Legende vom Löwen Alois – und kurz und gut: da haben wir nun die ganze Teufelsbibel in drei Bänden wohlgeordnet vor uns liegen. Man wird alt.

Und liebevoll, nicht wie zum ersten Mal, aber schwelgend in Erinnerungen, lesen wir noch einmal alles, was uns damals aufrührte. Jeder hatte seinen eigenen Meyrink, jeder wußte neue Schönheiten zu berichten, die der andre noch gar nicht entdeckt hatte, und wenn wir uns abends nach Hause standen, brachen wir an jeder Straßenecke in ein Geheul aus (darob die Bürger erwachten), weil uns wieder etwas Neues eingefallen war von diesem Teufelskerl.

Wir kennen ja nun die hundert Meyrinks: den lyrischen und den hassenden und den lächelnden und den traurigen und den grinsenden und den schlagenden und den tötenden. Und beim Durchblättern ist uns manches wirklich neu, was wir vorher in alten Heften des ›März‹ und des ›Simplicissimus‹ uns zusammensuchen mußten, dürfen wir uns nunmehr auf der Zunge zergehen lassen: ›Die Belagerung von Serajewo‹ und ›Prag‹ und gar ›Montreux‹ – sehen Sie, das kannten Sie auch nicht! Und wenn man dann noch am Leben ist, darf man sich an dem bisher gänzlich unbekannten ›Wahrheitstropfen‹ erfreuen, an der Geschichte des Herrn Ohrringle. Und an ›Veronika, dem Heimatsschwein‹ und am ›Automobil‹.

Das Schönste aber an diesen reizenden Bändchen ist der Titel. Er ist sinnig, anheimelnd, und der Gebissene merkt erst etwas von seinem zerrissenen Hosenboden, wenn der trauliche Autor schon in weiter Ferne ist, das Hütel auf dem linken Ohr und leise pfeifend: »Drei Lihilien, dreihei Lihilien – die pflanzt ich auf mein Grab . . . «

Der Titel: ›Des deutschen Spielers Wunderhorn‹.

(Peter Panter in Die Schaubühne, 1914.)

1907 übersiedelte Meyrink nach München. Er war zu diesem Zeitpunkt zum zweiten Mal verheiratet und hatte ein Tochter. Sonst geben die Quellen über sein Privatleben nichts her. Er wird aber mehrfach in Erich Mühsams Unpolitische Erinnerungen erwähnt, die ich bei Gelegenheit als eBook aufbereiten und lesen werde.

Meyrink bekam ein monatlichen Fixums vom Verlag des Simplicissimus, aber es reichte nicht, um die Schulden aus dem Bankrott abzudecken und Meyrinks Lebensunterhalt zu sichern. Er arbeitete deshalb auch als Übersetzer, unter anderem von Charles Dickens und Rudyard Kipling. Er ist dabei reichlich frei mit den Originalen umgegangen.

1911 kaufte Meyrink ein Haus in Starnberg, dass er wegen finanzieller Probleme 1928 wieder verkaufen musste.

1915 erschien sein Roman Der Golem, der dank groß angelegter Werbung des Verlags ein Publikumserfolg und Meyrinks bekanntestes Werk wurde. Seine weiteren Romane, Das grüne Gesicht (1917) Walpurgisnacht (1917), Der weiße Dominikaner (1921), Der Engel vom westlichen Fenster (1927) werden immer esoterischer und konnten nicht an den Erfolg anknüpfen.

Kurt Tucholsky hat dann auch nur noch Das grüne Gesicht rezensiert. Er schreibt:

Ich zweifle nicht, daß Meyrink zu den einsichtsreichsten Menschen gehört, die unter uns leben. Er weiß ungeheuer viel – nicht Positiva, sondern eben das, was man nicht lernen kann –, er hat tief hinunter gesehen, und man muß ihn stets hochachten, eben um dieser Erkenntnis willen. […]

Es liegt also nicht etwa vor: Suchen der Gunst des Publikums. Es liegt aber wohl vor: Bewußtes oder unbewußtes Nachlassen der künstlerischen Kraft. Es ist schade, daß ein großer Erkenner uns einen großen Künstler kostet. Rechnet man dazu, daß sich heute alles, was sonst unterdrückt wird, unter dieses allumfassende Dach der Theosophie flüchtet, weil es sich in den unscharfen und verschwommenen Thesen wiedererkennt und bestätigt zu finden glaubt, so wird man die große Gefolgschaft dieser Bücher verstehen.

[…]

Der Meister zaubert wirklich – stellungslose Kommis und gelangweilte Damen hören zu, freuen sich an den bunten Glaskugeln und sehen den Gott nicht. Der bleibt im Tempel und lächelt. Und so ist in Wahrheit keinem geholfen. Der Meister selbst hat kein Publikum, und das Parkett bestaunt, im Grunde genommen, Kulissen.

(Ignaz Wrobel in Die Schaubühne, 1917)

Während des ersten Weltkriegs kam Meyrink auf sehr kuriose Weise mit der Freimaurerei in Berührung. Er erhielt vom Auswärtigen Amt in Berlin den Auftrag, einen Roman zu verfassen, der suggerieren sollte, dass die Freimaurer am Krieg schuld seien. Meyrink nahm den Auftrag an, verzögerte und verschleppte die Arbeit aber immer wieder, wohl im Bestreben, die Sache scheitern zu lassen. Der Auftrag wurde ihn entzogen und einem deutsch-nationalen Politiker übergeben, der mehrere Pamphlete über die freimaurerisch-jüdische Weltverschwörung verfasste, die später in der Nazi-Zeit besonders traurige Blüten trieb.

1927 konvertiert er vom Protestantismus zum Mahajana-Buddhismus.

Meyrink starb 1932 im Alter von 64 Jahren in Starnberg.

Bei den Recherchen zu diesem Beitrag bin ich auf ein Buch aufmerksam geworden, dass jetzt auf meinem Weihnachtswunschzettel steht: Binder, Hartmut (2009): Gustav Meyrink. Ein Leben im Bann der Magie. Prag.

Meyrink bei LibriVox

Meyrink bei MobielRead
Des deutschen Spießers Wunderhorn, zwei Bände. Band 1 und Band 2
Der Golem
Die Fledermäuse
Das grüne Gesicht
Walpurgisnacht
Der weiße Dominikaner
Vielen Dank an netseeker für Das grüne Gesicht, Der Golem und Der weiße Dominikaner

Quellen:
Wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Gustav_Meyrink
NDB: http://www.deutsche-biographie.de/xsfz62973.html
Literatur Portal Bayern: http://www.literaturportal-bayern.de/autorenlexikon?task=lpbauthor.default&pnd=118582046

Tucholsky über Meyrink bei Zeno.org:
http://www.zeno.org/nid/20005803624
http://www.zeno.org/nid/20005804272

siehe auch Meyrink bei Gutenberg DE http://gutenberg.spiegel.de/autor/413

Frisch geschlüpft: SPUK

Von Klabund (1890 – 1928) gelesen von Karlsson

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Geschrieben im Fieber einer Krankheit, Januar bis April 1921.

In  SPUK erlebt der Ich-Erzähler metaphysische Visionen, die sich immer wieder mit der Realität vermischen, so dass die Grenze zwischen Traum und Wirklichkeit oft aufgehoben zu sein scheint. Er hat mitten im Kabarett einen Blutsturz erlitten und ist zusammengebrochen. Von einem ihm unbekannten Paar wird er in die Charité gebracht. Seine Schwäche und der Einfluss von Medikamenten, Schuldgefühle wegen des Todes seiner Frau und die Erinnerungen an eine lieb- und freudlose Kindheit quälen den Erzähler in einer für ihn aussichtslos erscheinenden Situation.

HINWEIS: Die Geschichte enthält einige recht drastische Schilderungen und ist nichts für zarte Gemüter!

Klabund ist das Pseudonym des Schriftstellers Alfred Henschke. In SPUK erzeugt er mit kurzen Sätzen und einer kraftvollen und schonungslosen Sprache eine eindringliche Stimmung. Bezeichnenderweise hat Klabund den 1922 erschienenen Roman im Januar bis April 1921 „im Fieber einer Krankheit“ geschrieben, wie er in einer Vorbemerkung festhält. Der Autor litt seit seiner frühen Jugend an Tuberkulose; als 1928 noch eine Lungenentzündung hinzu kam, erlag er seinen Leiden im Alter von nur 38 Jahren. Klabund verfasste 25 Dramen und 14 Romane, die zum Teil erst postum veröffentlicht wurden, viele Erzählungen, zahlreiche Nachdichtungen und auch literaturgeschichtliche Werke. (Zusammenfassung von Karlsson)

Download bei LibriVox

Was für ein Buch! Nicht nur im Fieber geschrieben, eine Fieberfantasie, ein Fieberwahn!  Ich war Probehörer für die Aufnahme und kenne es also schon. Zwischenzeitig hat mich der Autor an einer Stelle verloren, Kapitel 31 insbesondere ist wirklich nichts für zarte Gemüter. Aber auch danach wollte ich unbedingt wissen, wie es weiter geht. Es ist ein besonderes Buch, ein Buch, das einen berührt, wenn auch bisweilen unangenehm. Karlssons Lesung aber ist an keiner Stelle unangenehm oder unangemessen, ganz im Gegenteil.

Poesiealbum – Blatt 1

Ich freue mich sehr, heute mit Euch mein neues Poesiealbum aufblättern zu dürfen. Das erste von hoffentlich noch ganz vielen Albumblättern stammt von brucewelch, eBookmacher bei MobileRead.

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(Bild: „Liebeskampf“ von Paul Cézanne 1839-1906)

Liebeskampf

von August Stramm 1874-1915

Das Wollen steht
Du fliehst und fliehst
Nicht halten
Suchen nicht
Ich
Will
Dich
Nicht!
Das Wollen steht
Und reißt die Wände nieder
Das Wollen steht
Und ebbt die Ströme ab
Das Wollen steht
Und schrumpft die Meilen in sich
Das Wollen steht
Und keucht und keucht
Und keucht
Vor dir!
Vor dir
Und hassen
Vor dir
Und wehren
Vor dir
Und beugen sich
Und
Sinken
Treten
Streicheln
Fluchen
Segnen
Um und um
Die runde runde hetze Welt!
Das Wollen steht!
Geschehn geschieht!
Im gleichen Krampfe
Pressen unsre Hände
Und unsre Tränen
Wellen
Auf
Den gleichen Strom!
Das Wollen steht!
Nicht Du!
Nicht Dich!
Das Wollen steht!
Nicht
Ich!

Hat August Stramm in seinem Gedicht das Bild „Liebeskampf“ von Cézanne vor Augen gehabt, mit seinen erotischen Phantasien inmitten archaischer Natur? Faunische Gestalten bevölkern die Szene, die Landschaft scheint über den Kämpfenden zusammen zu stürzen – so sehr nimmt sie am Geschehen teil.

Einen Kampf liefert sich der Dichter auch mit seinem Wortmaterial, das er nicht als gegeben hinnimmt. Da ist er, trotz zeitlicher Trennung, mit dem bildenden Künstler einig: der Umgang mit dem Material muss die eigentliche Auskunft geben. Keiner unter den Wortkünstlern seiner, der expressionistischen Generation, ist da so weit gegangen – ein genialer Dichter, jedoch unbekannt, strikt der Wahrheit verpflichtet und kompromisslos. Er hat den ersten Weltkrieg nicht überlebt, wie viele seiner Dichterkollegen. In Geistern wie Arno Schmidt, dem er Vorbild war, lebt er weiter.

Frisch geschlüpft: Märchen von Oscar Wilde

übersetzt von Wilhelm Cremer, gelesen von Rebecca Braunert-Plunkett.

Oscar Wildes Kunstmärchen bieten dem Leser (und Hörer) Zugang zu zauberhaften, filigran gestalteten Welten. Liebe, Leidenschaft, Aufopferung und Läuterung sind einige der vom Erzähler prachtvoll in Szene gesetzten Motive. Wildes Erzählungen spannen eine Bogen von augenzwinkernd-satirischer Gesellschaftskritik über philosophische Einsichten zu einem alles unterliegenden tiefgehenden Appell an die Menschlichkeit. (Zusammenfassung von Rebecca Braunert-Plunkett)

Download bei LibriVox

Da gibt es diese Liste in meinem Kopf, auf der alle Bücher stehen, die ich vielleicht, wahrscheinlich, ganz sicher irgendwann mal aufnehmen will. Die Märchen von Oscar Wilde standen da auch lange drauf. Rebecca war schneller als ich und das ist auch gut so, denn Ihr könnt die Märchen jetzt schon hören und ich kann sie ja (vielleicht) irgendwann später immer noch aufnehmen, wenn die Liste irgendwann mal leer werden sollte.

Für Leute, die lieber selbst lesen, bei MobileRead gibt’s auch das eBook, es sind aber nicht alle Märchen enthalten, die Ihr im Hörbuch findet.

Frisch geschlüpft: Ausgewählte Novellen von Guy de Maupassant

übersetzt von Georg von Ompteda, gelesen von Hokuspokus

Die Liebe und das Leben – in aller Leichtigkeit und Leidenschaft, mit ihren Abgründen und ihrer Vergänglichkeit – das sind die Hauptthemen dieser Novellen. Von der Erotik des Augenblicks über die Düsternis des Wahnsinns bis zur bitteren Erkenntnis der Endlichkeit aller Dinge spannt sich der Bogen, in dem der meisterhafte Beobachter und Erzähler Maupassant die Tiefen des menschlichen Herzens auslotet.

Maupassant hat etwa 300 Novellen geschrieben. Er gilt als einer der großen französischen Erzähler des 19. Jahrhunderts.

Wie neulich schon berichtet, bin ich Anfang des Jahres auf ein paar ganz entzückende Novelle von Maupassant gestoßen, die ich für die Sammlung kurzer deutscher Prosa aufgenommen hatte. Aber da waren noch so viele andere wunderbare Novellen, dass ich beschloss, ein Soloprojekt daraus zu machen.

Für Euch, liebe Leser, gibt es hier eine erweitere Auswahl, die nicht nur die Novellen des frisch katalogisierten Solos sondern auch noch die ersten Aufnahmen aus der Prosa-Sammlung enthält.

Download bei Archive.org

Für diese Auswahl habe ich etwa die Hälfte der Novellen Maupassants gelesen und zunächst einfach die ausgesucht, die mir am besten gefallen haben, ohne groß darüber nachzudenken. Haben sie einen gemeinsamen Nenner? Auf den ersten Blick nicht. Und doch sind in letzter Minute noch 4 Novellen, die schon in der engeren Auswahl waren, nicht mit hinein gekommen, weil sie nicht zu passen schienen. Was ist es also, dass die hier versammelten Novellen verbindet und jene anderen ausschließt? Eine gewisse Leichtigkeit, selbst am Rande des Abgrunds, selbst oder gerade im Angesicht des Scheiterns oder des Todes.

Viele der Novellen sind durchaus erotisch, was mir großen Spaß gemacht hat. Manchmal kamen mir Bedenken – sollte ich als Frau diese Geschichten vorlesen, in denen Frauen oft als Objekte männlicher Lust mit wenig eigenem Verstand dargestellt werden? Das Frauenbild, das Maupassant hier zeichnet, ist das eines Lebemannes im Paris des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Und doch bleibt Maupassant nicht im Geist oder Ungeist seiner Zeit stecken. Oft haben seine Frauen ihren eigenen Kopf, ihren eigenen Witz und auch ihre eigenen Lust, in einer Zeit, in der das nicht nur ein Tabu sondern vielfach auch einfach undenkbar war. Und wenn man sich so umschaut, heute sind wir nur stellenweise wirklich weiter. Es ist gut, sich heute an diesem Frauenbild zu stoßen und die wunde Stelle vielleicht auch mit in den Alltag zu nehmen.

Meine erste Begegnung mit Maupassant war zu Schulzeiten in Gestalt der Novelle „Der Schmuck“. Ich fand sie schrecklich. Für einen pubertierende Teeny scheint ja alles möglich, die ganze Welt steht einem offen in diesem Alter. Die ausweglose Tragik, die Sinnlosigkeit und Dummheit in dieser Geschichte hat mir gar nicht geschmeckt, hat mich zutiefst erschreckt, hat mich aber doch nicht dazu gebracht, über mein Weltbild nachzudenken. Ist auch eigentlich ganz gut, dass Literatur diese Macht nicht hat – einem Jugendlichen die Möglichkeit des vollständigen Scheiterns vor Augen zu führen. Ein großer Teil der Macht der Jugend beruht ja gerade auf ihrem Glauben an die eigene Unsterblichkeit. Das ist nun eine Weile her und das Leben hat inzwischen schon dafür gesorgt, dass ich mich weder für unsterblich noch unfehlbar halte. Der Schmuck gehört aber immer noch nicht zu meinen Lieblingsnovellen.

Noch stehen vier Novellen auf der Liste, die ich in nächster Zeit für die Prosa-Sammlung aufnehmen werde und einige Bände mit Novellen habe ich noch gar nicht gelesen. Kann gut sein, dass es irgendwann eine zweite Auswahl gibt. Auf jeden Fall will ich in den nächsten Wochen die Geschichten zusammenstellen, die andere Vorleser schon für LibriVox aufgenommen haben. Stay tuned …

Meine persönlichen Favoriten in dieser Auswahl sind Menuet, An Bettes Rand und Das Bett. Es würde mich sehr interessieren, welche Geschichten Euch am besten gefallen, in dieser Auswahl oder auch sonst in Maupassants Werk.

Für Leute, die lieber selbst lesen, bei MobileRead gibt es die Gesammelten Werke auch als eBook. Vielen Dank an brucewelch!

Frisch geschlüpft: Das grüne Gesicht

von Gustav Meyrink, gelesen von crowwings.

Der Roman dreht sich um ein etwas unfreiwilliges Liebespaar, das in Kontakt mit immer abstruser werdenden Gestalten, Diebstählen, Morden … mehr und mehr in ein Reich der Mystik und Fantasie abgedrängt und schliesslich getrennt zu werden droht. Dabei tauchen immer wieder Visionen des Ewigen Juden auf, den Meyrink unter dem Namen Cidher Grün auch in anderen Werken thematisiert. Als schliesslich das Unfassbare geschieht, bleibt dem Helden Hauberrisser am Ende nur, zu versuchen, den Tod zu überwinden, um zu einem inneren und äußeren unendlichen Leben zu finden, die geistige Blindheit abzuschütteln und die Erleuchtung zu erlangen, – während um ihn herum die Welt in einer Apokalypse unterzugehen droht … (Zusammenfassung von crowwings)

Download bei LibriVox

Ich gestehe, dass ich mit diesem Buch nie so richtig warm geworden bin, obwohl ich Meyrink sonst sehr mag. Bei drei Anläufen bin ich nie über 80 oder 100 Seiten hinausgekommen. Ich fand’s dabei nicht mal schlecht, nur hat es sich mir nicht erschlossen. Aber wenn ich die Zusammenfassung von crowwings so lese, muss ich dem Buch unbedingt noch eine weitere Chance geben.

Für Leute, die lieber selbst lesen, bei MobileRead gibt’s auch das eBook. Vielen Dank an netseeker!