Der Qualitätsanspruch von LibriVox

Böse Zungen behaupten ja, wir hätten keinen, aber diese Einschätzung beruht auf einem Missverständnis.

LibriVox hat nicht den Anspruch, professionelle Hörbücher herzustellen. Das versuchen wir erst gar nicht. Wir sind sehr froh, dass es uns doch ziemlich oft gelingt und freuen über jede Perle in unserem Katalog, die den Vergleich mit Profiproduktionen nicht scheuen muss. Und davon gibt es jede Menge.

Man sollte vielleicht auch nicht sagen, dass wir Hörbücher machen. Wir lesen vor. Punkt. Und wir, dass sind ganz normale Leute. Jemand hat mal in unserem Forum einen Vergleich gebraucht, der sehr treffend beschreibt, was LibriVox ist: Stellt Euch vor, Ihr trefft Euch bei einem Freund im Wohnzimmer. Ein paar Menschen lesen ein Buch vor, lassen das Buch dabei Kapitel für Kapitel von Hand zu Hand gehen. Versetzt Euch einmal gedanklich in diese Situation. Ihr seit eingeladen, einen gemütlichen Abend zu verbringen. Es gibt vielleicht Tee und Kekse. Und dann hört Ihr der Geschichte zu. Ein Vorleser hat vielleicht ein paar Schwierigkeiten mit dem Text und verspricht sich hie und da. Einem anderen hört man vielleicht an, dass er aus Bayern kommt und ein weiterer ist vielleicht Engländer oder Franzose. Einer spricht recht leise, ein anderer spricht vielleicht ein bisschen schnell. Es sind, wie gesagt, ganz normale Leute. Wäre es nicht trotzdem gemütlich? Wäre es nicht trotzdem schön, der Geschichte zuzuhören? Das genau ist unsere Anspruch. Und wer sich mit dieser Erwartung unsere Lesungen anhört, kann jede Menge Spaß dabei haben.

Es kann natürlich sein, dass man sich so sehr den kleinen Schönheitsfehlern stört, dass man lieber nicht zu einem weiteren Leseabend kommt. Das ist OK. Die Geschmäcker sind nun mal verschieden.

Und eben weil die Geschmäcker so verschieden sind, wollen und können wir auch keinen Leser ausschließen. Nach welchen Kriterien sollte das Geschehen? Der eine findet eine Stimme vielleicht ermüdend monoton, den anderen erinnert die Stimme an den Großvater, der früher immer vorgelesen hat, und findet das besonders heimelig. Der einen mag man vielleicht vorwerfen wollen, sie würde unnatürlich überakzentuiert lesen, aber da kommt schon ein anderer Hörer, der sich darüber freut, das endlich mal jemand klar und deutlich liest. Welcher Hörer hat recht, welcher unrecht? Und selbst unsere umstrittensten Leser bekommen auch Lob und Dankesbotschaften über das sog. „Thank a reader feature“ (auf den LV Katalogseiten oben links). Jeder Leser und jede Aufnahme findet ihr Publikum! Manchmal eine kleineres, manchmal ein größeres. So lange ein Leser Willens ist, die Zeit und Arbeit aufzuwenden um die Aufnahmen herzustellen, freuen wir uns, die Aufnahmen in unseren Katalog aufzunehmen. Die Hörer sind dazu eingeladen, sich die Rosinen aus dem Kuchen zu picken und den Rest einfach liegen zu lassen. Es findet sich immer jemand, der auch die Nüsse oder das Zitronat mag.

Eine Regel gibt es allerdings: Unsere Aufnahmen müssen für einen Muttersprachler verständlich sein. Ich bin seit nunmehr 49 Folgen Buchkoordinator und Probehörer für die Sammlung kurzer deutscher Prosa und habe dabei so ziemlich jedem deutschsprachigen LV-Leser zugehört. Das sind über den Daumen 800 Aufnahmen. Ich würde keine einzige davon aus dem Katalog streichen wollen. Ich würde keinen einzigen unserer Leser wegschicken wollen.

Was würde auch Gutes dabei herausspringen? Es gäbe einfach nur weniger Aufnahmen. Wir bieten jedem, der sich bei uns beschwert, an, den Text noch einmal für uns aufzunehmen. So weit ich weiß, hat uns da noch nie jemand beim Wort genommen. Jeder Leser sucht sich selbst aus, welche Texte er lesen möchte, jeder Buchkoordinator entscheidet selbst, welches Buch er produzieren möchte. Zweit- und Drittaufnahmen sind jederzeit möglich und sehr willkommen. Wir nennen das „choice of voices“. Im deutschsprachigen Bereich kommt das seltener vor, weil wir relativ wenige sind. Aber von besonders populären englischen Titeln gibt es bereits eine Gruppenaufnahme, mehrere Solo-Versionen und sog. „dramatic readings“ mit verteilten Rollen. Je mehr Leser wir sind, desto größer wird die Wahrscheinlichkeit, dass wir von einem Text eine weitere Aufnahme machen, die dann wieder anderen Hörern gefällt. Deshalb brauchen wir auch jede einzelne Stimme. Immerhin ist es unser Ziel, jedes Buch in der public domain aufzunehmen. Wir haben noch viel zu tun.

Ihr, liebe Leser, könnt gerne Eure Gedanken zu diesem umstrittenen Thema hier lassen. Ich möchte aber dringend darum bitten hier auf meinem Blog keine Kritik an diesem oder jenem Leser oder diesem oder jenem Projekt zu schreiben und werde entsprechende Kommentare editieren oder löschen. Wie ich aus eigener Erfahrung weiß, sind Vorleser empfindliche Pflänzchen. Ich möchte hier niemanden gekränkt sehen.

Nachtrag

Die Party geht weiter mit dem LibriVox Community Podcast #140

(ist zwar englisch, aber es ist quasi der Geist von LV konzentriert)

celebrating LibriVox’s tenth birthday

Hosted by RuthieG.

Duration: 25:57

Featuring SonoftheExiles, chocoholic, commonsparrow3, Peter Why, commonsparrow3, hugh, mhhbook, smike, GregGiordano and a host of others.

00:00 Song: Ten years, ten years and still going strong!
03:22 Introduction
03:37 SonoftheExiles offers advice from Bachelor 1, a truly amazing reader!
05:04 So you think recording is straightforward…
06:33 Laurie Anne (chocoholic): the tribulations of recording with dogs and children around.
07:48 Freudian slips.
08:53 Peter Yearsley (Peter Why) takes us through his (nearly) 10 years with LibriVox.
10:13 A tweet and blog post from a listener.
12:17 Maria Kasper (commonsparrow3) tells us of the liberation of her voice.
14:31 Message from Hugh McGuire (hugh).
16:50 Mary from Arkansas (mhhbook) tells us of 10 favourite listens.
18:58 Claudia Salto (smike) sings her celebrations!
20:57 Greg Giordano (GregGiordano) tells us how he discovered LibriVox, and the benefits it has brought to him.
22:00 Mary in Arkansas (mhhbook) on how YOU can help LibriVox, even if you don’t have time to record.
23:26 Reprise of the Boomdeyada song.

Geburtstagsstatistik:
Gesamtzahl aller Projekte: 9595
Fertige Projekte: 8977
Nicht englische Projekte: 1231
Anzahl der Sprachen: 35
Anzahl der Solo-Aufnahmen: 5021
Anzahl der Leser: 7035
Zeit, die man brauchen würde, um den gesamten LV Katalog zu hören: 6 Jahre und 49 Tage.

Radio Interview über LibriVox

Die Tage klingelte das Telefon und eine Mitarbeiterin von Radio Corax fragte mich, ob ich Zeit und Lust für ein Interview über LibriVox hätte. Hatte ich natürlich, nachdem ich mich von dem anfänglichen Schreck erholt hatte.

Radio Corax ist ein freies Radio im Raum Halle. Es sendet auf UKW 95.5 und hat einen Internetstream auf der Homepage: http://959.radiocorax.de/

Die Sendung an sich habe ich leider verpasst, aber die Radiomitarbeiterin Franziska Näther, die mit mir gesprochen hat, war so freundlich, mir einen Mitschnitt unseres Geprächs zuzusenden. Und ich darf es auch mit Euch teilen, denn alles, was Corax produziert, ist frei weiterverbreitbar oder verwendbar. Dankeschön!

Mein bevorzugter Filesharing-Dienst lässt mich gerade im Stich, deshalb habe ich es Euch bei Google hochgladen.

https://drive.google.com/file/d/0B0R3hlCdfK81QmRQRGx3TjM5RFk/view?usp=sharing

Abspielen funktioniert bei mir leider nicht, aber runterladen scheint zu gehen.

Good reading for tech crabs

Schöner und interessanter Artikel in/auf The Boston Globe über LibriVox von Carlo Rotella, director of American studies at Boston College.

As opposed to the professionally produced audiobooks sold on commercial sites, readings on LibriVox are often uneven, which is part of their charm. Several volunteers might collaborate on a longer work, so that a woman with a lilting Italian accent will read a couple of chapters of an Edith Wharton novel and then be succeeded by a man who sounds like he stopped for a beer in Erie last week and just woke up in Buffalo. Reading may be the quintessential solitary activity, but these collaboratively read books become a kind of aural community, crowded with not only authors’ and characters’ voices but also those of readers. Here, oddly, within a book, is a technologically enabled, meaningful connection to other people of the sort that gadget makers’ ads are always unconvincingly promising to provide.

Frisch geschlüpft: Ferien vom Ich

Paul Keller (1873 – 1932), gelesen von Rebecca Braunert-Plunkett

Rezept für eine leicht bekömmliche (Urlaubs-) Lektüre: Man nehme einen Arzt mit originellem Kur-Konzept, einen hiervon begeisterten amerikanischen Millionär und eine ganze Reihe Kurgäste, die ihr Leben an der Rezeption abzulegen bereit sind um „Ferien vom Ich“ zu machen. Diese Mischung wird garniert mit einem Schuss Familientragödie, diversen Verwechslungen, Romanzen und unvorhergesehenen Zwischenfällen- und schließlich mit einer ordentlichen Portion Humor serviert. (Zusammenfassung von Rebecca Braunert-Plunkett)

Hörbuch bei LibriVox

Der schlesische Schriftsteller Paul Keller gehörte zu den meistgelesenen Autoren in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, was sich in einer Gesamtauflage seiner Bücher 1931 bei 5 Millionen widerspiegelt. Seine Werke wurden in 17 Sprachen übersetzt. (Wikipedia)

Ferien vom Ich ist das 1000. nicht englische LibriVox Projekt.

eBook bei Gutenberg.org

Frisch geschlüpft: Sammlung kurzer deutscher Prosa 42

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Diesmal dabei:

Die Gänsemagd von Jacob & Wilhelm Grimm gelesen von Claudia Salto
Die Wahrsagerin von Joseph Emil Nürnberger gelesen von Hokuspokus
Nürnberger, Joseph Christian Emil (aus: Allgemeine Deutsche Biographie) von Franz Brümmer gelesen von Hokuspokus
Modespionage von Anton Oskar Klaußmann gelesen von Rebecca Braunert-Plunkett
Hans im Glück von Ludwig Bechstein gelesen von Rebecca Braunert-Plunkett
Antonello, der Gondolier (aus: Venezianische Novellen) von Franz von Gaudy gelesen von Rebecca Braunert-Plunkett
Turmwächter Ole von Hans Christian Andersen gelesen von Elli
Ein Gang durch die römische Unterwelt (aus: Die Gartenlaube 1866) von C.B. gelesen von Rebecca Braunert-Plunkett
Der Andere von Arthur Schnitzler gelesen von Hokuspokus
[Rauchstinken] Achter Brief aus: Die Forschungsreise das Afrikaners Lukanga Mukara ins innerste Deutschland von Hans Paasche gelesen von Hokuspokus
Das Buch Hiopp oder wie das Buch Hiob ausgefallen wäre, wenn es Pastor Frenssen und nicht Luther übersetzt hätte von Gustav Meyrink gelesen von Karlsson
Handbüchlein der Moral von Epictetus gelesen von Rebecca Braunert-Plunkett
Eine Bagatelle (aus: Von Frauen und Kindern) von Anton Tschechow gelesen von Karlsson
Die wilde Miß vom Ohio von Joachim Ringelnatz gelesen von Claudia Salto
Die letzte Mohikanerin (aus: Von Frauen und Kindern) von Anton Tschechow gelesen von Karlsson

Download bei LibriVox

Besonders ans Herz legen möchte ich Euch „Das Buch Hiopp oder wie das Buch Hiob ausgefallen wäre, wenn es Pastor Frenssen und nicht Luther übersetzt hätte“ von Gustav Meyrink. Nicht nur, weil ich ein Fan von Karlsson bin, auch weil ich ein großer Fan von Meyrink bin. Ich haben die Geschichte vor ein paar Jahren gelesen und hätte sie am liebsten sofort aufgenommen, aber mir war nur zu klar, dass dieser Text mein bisschen Talent von damals weit überstiegen hätte. Gut, dass ich es nicht gemacht habe, denn Karlssons Stimme hat genau den richtigen trockenen Humor für diese Geschichte und der norddeutsche Akzent in der Erzählung klingt absolut authentisch. Ich hab Tränen gelacht beim Proofen.

Bei der Gelegenheit vielleicht ein paar Worte zur Sammlung kurzer deutscher Prosa, die ich ja schon ein paar mal erwähnt habe. Bei LibriVox gibt es eine ganze Menge verschiedener Collections für englische Texte, Ghost and Horror Story Collection, Mystery Collection, Sci-Fi Collection, Poetry Collection und andere. Allen gemeinsam ist, dass die Aufnahmen nicht länger als maximal 70 Minuten sind und dass die Leser selbst aussuchen, was sie aufnehmen. Erfunden wurden die Collections, um den Meta-Koordinatoren die Arbeit ein bisschen zu erleichtern, die ja sonst jede kurze Erzählung einzeln in den Katalog bringen müssten. Sie sind aber auch ein schöner Spielplatz für Leser, die sich ihre Texte lieber selbst aussuchen, anstatt einzelne Kapitel in einem Gemeinschaftsprojekt aufzunehmen.

Wir sind leider viel zu wenige deutschsprachige Leser, um die vielen verschiedenen Collections auch auf deutsch zu haben und so ist die Prosa-Sammlung ein Ort für alle kurzen deutschen Texte, die sich nicht reimen. Hier werden Märchen genauso aufgenommen wie Lexikonartikel, Erzählungen, Novellen, alles, was die deutschsprachige Literatur vor 1923 so hergibt. Ich betreue die Prosa-Sammlung seit ihren Anfängen und das meiste, was ich über Literatur weiß, habe ich hier gelernt, entweder auf der Suche nach Texten, die ich aufnehmen könnte oder beim Probehören der Aufnahmen anderer Leser. Das Probehören ist immer besonders interessant, denn oft bekomme ich Texte auf die Ohren, die ich von selbst nicht gelesen hätte.

Die kurze Texte sind natürlich für die Vorleser deshalb interessant, weil man in relativ kurzer Zeit etwas fertig hat. Viele Hörer, scheint mir, mögen lieber längere Hörbücher, in die sie sich richtig versenken können. Aber die kurze Form hat auch ihre Reize. Eine Situation, ein ganzes Leben manchmal, in unter 8000 Wörtern auf den Punkt zu bringen, ist eine besondere Kunst. Im Durchschnitt 20 Minuten Audio passen wunderbar für die Fahrt auf die Arbeit oder einen kurzen Spaziergang. Und wenn die Aufnahme nicht gefällt, einfach weiter klicken zum nächsten Text, zum nächsten Autor, zum nächsten Leser, zum nächsten Literaturabenteuer. Im LibriVox Katalog warten über 500 Abenteuer darauf, entdeckt und erhört zu werden. http://librivox.org/group/458