Der Qualitätsanspruch von LibriVox

Böse Zungen behaupten ja, wir hätten keinen, aber diese Einschätzung beruht auf einem Missverständnis.

LibriVox hat nicht den Anspruch, professionelle Hörbücher herzustellen. Das versuchen wir erst gar nicht. Wir sind sehr froh, dass es uns doch ziemlich oft gelingt und freuen über jede Perle in unserem Katalog, die den Vergleich mit Profiproduktionen nicht scheuen muss. Und davon gibt es jede Menge.

Man sollte vielleicht auch nicht sagen, dass wir Hörbücher machen. Wir lesen vor. Punkt. Und wir, dass sind ganz normale Leute. Jemand hat mal in unserem Forum einen Vergleich gebraucht, der sehr treffend beschreibt, was LibriVox ist: Stellt Euch vor, Ihr trefft Euch bei einem Freund im Wohnzimmer. Ein paar Menschen lesen ein Buch vor, lassen das Buch dabei Kapitel für Kapitel von Hand zu Hand gehen. Versetzt Euch einmal gedanklich in diese Situation. Ihr seit eingeladen, einen gemütlichen Abend zu verbringen. Es gibt vielleicht Tee und Kekse. Und dann hört Ihr der Geschichte zu. Ein Vorleser hat vielleicht ein paar Schwierigkeiten mit dem Text und verspricht sich hie und da. Einem anderen hört man vielleicht an, dass er aus Bayern kommt und ein weiterer ist vielleicht Engländer oder Franzose. Einer spricht recht leise, ein anderer spricht vielleicht ein bisschen schnell. Es sind, wie gesagt, ganz normale Leute. Wäre es nicht trotzdem gemütlich? Wäre es nicht trotzdem schön, der Geschichte zuzuhören? Das genau ist unsere Anspruch. Und wer sich mit dieser Erwartung unsere Lesungen anhört, kann jede Menge Spaß dabei haben.

Es kann natürlich sein, dass man sich so sehr den kleinen Schönheitsfehlern stört, dass man lieber nicht zu einem weiteren Leseabend kommt. Das ist OK. Die Geschmäcker sind nun mal verschieden.

Und eben weil die Geschmäcker so verschieden sind, wollen und können wir auch keinen Leser ausschließen. Nach welchen Kriterien sollte das Geschehen? Der eine findet eine Stimme vielleicht ermüdend monoton, den anderen erinnert die Stimme an den Großvater, der früher immer vorgelesen hat, und findet das besonders heimelig. Der einen mag man vielleicht vorwerfen wollen, sie würde unnatürlich überakzentuiert lesen, aber da kommt schon ein anderer Hörer, der sich darüber freut, das endlich mal jemand klar und deutlich liest. Welcher Hörer hat recht, welcher unrecht? Und selbst unsere umstrittensten Leser bekommen auch Lob und Dankesbotschaften über das sog. „Thank a reader feature“ (auf den LV Katalogseiten oben links). Jeder Leser und jede Aufnahme findet ihr Publikum! Manchmal eine kleineres, manchmal ein größeres. So lange ein Leser Willens ist, die Zeit und Arbeit aufzuwenden um die Aufnahmen herzustellen, freuen wir uns, die Aufnahmen in unseren Katalog aufzunehmen. Die Hörer sind dazu eingeladen, sich die Rosinen aus dem Kuchen zu picken und den Rest einfach liegen zu lassen. Es findet sich immer jemand, der auch die Nüsse oder das Zitronat mag.

Eine Regel gibt es allerdings: Unsere Aufnahmen müssen für einen Muttersprachler verständlich sein. Ich bin seit nunmehr 49 Folgen Buchkoordinator und Probehörer für die Sammlung kurzer deutscher Prosa und habe dabei so ziemlich jedem deutschsprachigen LV-Leser zugehört. Das sind über den Daumen 800 Aufnahmen. Ich würde keine einzige davon aus dem Katalog streichen wollen. Ich würde keinen einzigen unserer Leser wegschicken wollen.

Was würde auch Gutes dabei herausspringen? Es gäbe einfach nur weniger Aufnahmen. Wir bieten jedem, der sich bei uns beschwert, an, den Text noch einmal für uns aufzunehmen. So weit ich weiß, hat uns da noch nie jemand beim Wort genommen. Jeder Leser sucht sich selbst aus, welche Texte er lesen möchte, jeder Buchkoordinator entscheidet selbst, welches Buch er produzieren möchte. Zweit- und Drittaufnahmen sind jederzeit möglich und sehr willkommen. Wir nennen das „choice of voices“. Im deutschsprachigen Bereich kommt das seltener vor, weil wir relativ wenige sind. Aber von besonders populären englischen Titeln gibt es bereits eine Gruppenaufnahme, mehrere Solo-Versionen und sog. „dramatic readings“ mit verteilten Rollen. Je mehr Leser wir sind, desto größer wird die Wahrscheinlichkeit, dass wir von einem Text eine weitere Aufnahme machen, die dann wieder anderen Hörern gefällt. Deshalb brauchen wir auch jede einzelne Stimme. Immerhin ist es unser Ziel, jedes Buch in der public domain aufzunehmen. Wir haben noch viel zu tun.

Ihr, liebe Leser, könnt gerne Eure Gedanken zu diesem umstrittenen Thema hier lassen. Ich möchte aber dringend darum bitten hier auf meinem Blog keine Kritik an diesem oder jenem Leser oder diesem oder jenem Projekt zu schreiben und werde entsprechende Kommentare editieren oder löschen. Wie ich aus eigener Erfahrung weiß, sind Vorleser empfindliche Pflänzchen. Ich möchte hier niemanden gekränkt sehen.

Nachtrag

Die Party geht weiter mit dem LibriVox Community Podcast #140

(ist zwar englisch, aber es ist quasi der Geist von LV konzentriert)

celebrating LibriVox’s tenth birthday

Hosted by RuthieG.

Duration: 25:57

Featuring SonoftheExiles, chocoholic, commonsparrow3, Peter Why, commonsparrow3, hugh, mhhbook, smike, GregGiordano and a host of others.

00:00 Song: Ten years, ten years and still going strong!
03:22 Introduction
03:37 SonoftheExiles offers advice from Bachelor 1, a truly amazing reader!
05:04 So you think recording is straightforward…
06:33 Laurie Anne (chocoholic): the tribulations of recording with dogs and children around.
07:48 Freudian slips.
08:53 Peter Yearsley (Peter Why) takes us through his (nearly) 10 years with LibriVox.
10:13 A tweet and blog post from a listener.
12:17 Maria Kasper (commonsparrow3) tells us of the liberation of her voice.
14:31 Message from Hugh McGuire (hugh).
16:50 Mary from Arkansas (mhhbook) tells us of 10 favourite listens.
18:58 Claudia Salto (smike) sings her celebrations!
20:57 Greg Giordano (GregGiordano) tells us how he discovered LibriVox, and the benefits it has brought to him.
22:00 Mary in Arkansas (mhhbook) on how YOU can help LibriVox, even if you don’t have time to record.
23:26 Reprise of the Boomdeyada song.

Geburtstagsstatistik:
Gesamtzahl aller Projekte: 9595
Fertige Projekte: 8977
Nicht englische Projekte: 1231
Anzahl der Sprachen: 35
Anzahl der Solo-Aufnahmen: 5021
Anzahl der Leser: 7035
Zeit, die man brauchen würde, um den gesamten LV Katalog zu hören: 6 Jahre und 49 Tage.

Radio Interview über LibriVox

Die Tage klingelte das Telefon und eine Mitarbeiterin von Radio Corax fragte mich, ob ich Zeit und Lust für ein Interview über LibriVox hätte. Hatte ich natürlich, nachdem ich mich von dem anfänglichen Schreck erholt hatte.

Radio Corax ist ein freies Radio im Raum Halle. Es sendet auf UKW 95.5 und hat einen Internetstream auf der Homepage: http://959.radiocorax.de/

Die Sendung an sich habe ich leider verpasst, aber die Radiomitarbeiterin Franziska Näther, die mit mir gesprochen hat, war so freundlich, mir einen Mitschnitt unseres Geprächs zuzusenden. Und ich darf es auch mit Euch teilen, denn alles, was Corax produziert, ist frei weiterverbreitbar oder verwendbar. Dankeschön!

Mein bevorzugter Filesharing-Dienst lässt mich gerade im Stich, deshalb habe ich es Euch bei Google hochgladen.

https://drive.google.com/file/d/0B0R3hlCdfK81QmRQRGx3TjM5RFk/view?usp=sharing

Abspielen funktioniert bei mir leider nicht, aber runterladen scheint zu gehen.

Good reading for tech crabs

Schöner und interessanter Artikel in/auf The Boston Globe über LibriVox von Carlo Rotella, director of American studies at Boston College.

As opposed to the professionally produced audiobooks sold on commercial sites, readings on LibriVox are often uneven, which is part of their charm. Several volunteers might collaborate on a longer work, so that a woman with a lilting Italian accent will read a couple of chapters of an Edith Wharton novel and then be succeeded by a man who sounds like he stopped for a beer in Erie last week and just woke up in Buffalo. Reading may be the quintessential solitary activity, but these collaboratively read books become a kind of aural community, crowded with not only authors’ and characters’ voices but also those of readers. Here, oddly, within a book, is a technologically enabled, meaningful connection to other people of the sort that gadget makers’ ads are always unconvincingly promising to provide.

Frisch geschlüpft: Ferien vom Ich

Paul Keller (1873 – 1932), gelesen von Rebecca Braunert-Plunkett

Rezept für eine leicht bekömmliche (Urlaubs-) Lektüre: Man nehme einen Arzt mit originellem Kur-Konzept, einen hiervon begeisterten amerikanischen Millionär und eine ganze Reihe Kurgäste, die ihr Leben an der Rezeption abzulegen bereit sind um „Ferien vom Ich“ zu machen. Diese Mischung wird garniert mit einem Schuss Familientragödie, diversen Verwechslungen, Romanzen und unvorhergesehenen Zwischenfällen- und schließlich mit einer ordentlichen Portion Humor serviert. (Zusammenfassung von Rebecca Braunert-Plunkett)

Hörbuch bei LibriVox

Der schlesische Schriftsteller Paul Keller gehörte zu den meistgelesenen Autoren in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, was sich in einer Gesamtauflage seiner Bücher 1931 bei 5 Millionen widerspiegelt. Seine Werke wurden in 17 Sprachen übersetzt. (Wikipedia)

Ferien vom Ich ist das 1000. nicht englische LibriVox Projekt.

eBook bei Gutenberg.org

Frisch geschlüpft: Sammlung kurzer deutscher Prosa 42

Diesmal dabei:

Die Gänsemagd von Jacob & Wilhelm Grimm gelesen von Claudia Salto
Die Wahrsagerin von Joseph Emil Nürnberger gelesen von Hokuspokus
Nürnberger, Joseph Christian Emil (aus: Allgemeine Deutsche Biographie) von Franz Brümmer gelesen von Hokuspokus
Modespionage von Anton Oskar Klaußmann gelesen von Rebecca Braunert-Plunkett
Hans im Glück von Ludwig Bechstein gelesen von Rebecca Braunert-Plunkett
Antonello, der Gondolier (aus: Venezianische Novellen) von Franz von Gaudy gelesen von Rebecca Braunert-Plunkett
Turmwächter Ole von Hans Christian Andersen gelesen von Elli
Ein Gang durch die römische Unterwelt (aus: Die Gartenlaube 1866) von C.B. gelesen von Rebecca Braunert-Plunkett
Der Andere von Arthur Schnitzler gelesen von Hokuspokus
[Rauchstinken] Achter Brief aus: Die Forschungsreise das Afrikaners Lukanga Mukara ins innerste Deutschland von Hans Paasche gelesen von Hokuspokus
Das Buch Hiopp oder wie das Buch Hiob ausgefallen wäre, wenn es Pastor Frenssen und nicht Luther übersetzt hätte von Gustav Meyrink gelesen von Karlsson
Handbüchlein der Moral von Epictetus gelesen von Rebecca Braunert-Plunkett
Eine Bagatelle (aus: Von Frauen und Kindern) von Anton Tschechow gelesen von Karlsson
Die wilde Miß vom Ohio von Joachim Ringelnatz gelesen von Claudia Salto
Die letzte Mohikanerin (aus: Von Frauen und Kindern) von Anton Tschechow gelesen von Karlsson

Download bei LibriVox

Besonders ans Herz legen möchte ich Euch „Das Buch Hiopp oder wie das Buch Hiob ausgefallen wäre, wenn es Pastor Frenssen und nicht Luther übersetzt hätte“ von Gustav Meyrink. Nicht nur, weil ich ein Fan von Karlsson bin, auch weil ich ein großer Fan von Meyrink bin. Ich haben die Geschichte vor ein paar Jahren gelesen und hätte sie am liebsten sofort aufgenommen, aber mir war nur zu klar, dass dieser Text mein bisschen Talent von damals weit überstiegen hätte. Gut, dass ich es nicht gemacht habe, denn Karlssons Stimme hat genau den richtigen trockenen Humor für diese Geschichte und der norddeutsche Akzent in der Erzählung klingt absolut authentisch. Ich hab Tränen gelacht beim Proofen.

Bei der Gelegenheit vielleicht ein paar Worte zur Sammlung kurzer deutscher Prosa, die ich ja schon ein paar mal erwähnt habe. Bei LibriVox gibt es eine ganze Menge verschiedener Collections für englische Texte, Ghost and Horror Story Collection, Mystery Collection, Sci-Fi Collection, Poetry Collection und andere. Allen gemeinsam ist, dass die Aufnahmen nicht länger als maximal 70 Minuten sind und dass die Leser selbst aussuchen, was sie aufnehmen. Erfunden wurden die Collections, um den Meta-Koordinatoren die Arbeit ein bisschen zu erleichtern, die ja sonst jede kurze Erzählung einzeln in den Katalog bringen müssten. Sie sind aber auch ein schöner Spielplatz für Leser, die sich ihre Texte lieber selbst aussuchen, anstatt einzelne Kapitel in einem Gemeinschaftsprojekt aufzunehmen.

Wir sind leider viel zu wenige deutschsprachige Leser, um die vielen verschiedenen Collections auch auf deutsch zu haben und so ist die Prosa-Sammlung ein Ort für alle kurzen deutschen Texte, die sich nicht reimen. Hier werden Märchen genauso aufgenommen wie Lexikonartikel, Erzählungen, Novellen, alles, was die deutschsprachige Literatur vor 1923 so hergibt. Ich betreue die Prosa-Sammlung seit ihren Anfängen und das meiste, was ich über Literatur weiß, habe ich hier gelernt, entweder auf der Suche nach Texten, die ich aufnehmen könnte oder beim Probehören der Aufnahmen anderer Leser. Das Probehören ist immer besonders interessant, denn oft bekomme ich Texte auf die Ohren, die ich von selbst nicht gelesen hätte.

Die kurze Texte sind natürlich für die Vorleser deshalb interessant, weil man in relativ kurzer Zeit etwas fertig hat. Viele Hörer, scheint mir, mögen lieber längere Hörbücher, in die sie sich richtig versenken können. Aber die kurze Form hat auch ihre Reize. Eine Situation, ein ganzes Leben manchmal, in unter 8000 Wörtern auf den Punkt zu bringen, ist eine besondere Kunst. Im Durchschnitt 20 Minuten Audio passen wunderbar für die Fahrt auf die Arbeit oder einen kurzen Spaziergang. Und wenn die Aufnahme nicht gefällt, einfach weiter klicken zum nächsten Text, zum nächsten Autor, zum nächsten Leser, zum nächsten Literaturabenteuer. Im LibriVox Katalog warten über 500 Abenteuer darauf, entdeckt und erhört zu werden. http://librivox.org/group/458

Frisch geschlüpft: Klein Zaches, genannt Zinnober

von E.T.A. Hoffmann, gelesen von Karlsson

Der hässliche und dumme Wechselbalg Klein Zaches wird aus Mitleid von der Fee Rosabelverde mit einem Zauber belegt, so dass alle ihn für außergewöhnlich schön und begabt halten und die guten Leistungen anderer stets ihm zugeschrieben werden, die anderen jedoch für seine Frechheiten bestraft werden. Als er in die Universitätsstadt Kerepes kommt, nennt er sich stolz „Zinnober“. Obwohl der dort regierende Fürst Paphnutius erst kürzlich per Dekret die Aufklärung eingeführt hat, erliegen alle dem Zauber und der Herr Zinnober macht eine schnelle Karriere bis hin zum Minister am fürstlichen Hofe. Einer der wenigen, die die Blendung durchschauen, ist der romantische Schwärmer und Dichter Balthasar, der sich gerade Hoffnungen macht, das Herz der schönen Candida zu gewinnen, nun aber zusehen muss, wie auch diese völlig dem falschen Zauber des Zinnober verfällt und diesen sogar küsst. Verzweifelt sucht Balthasar Hilfe bei dem versteckt lebenden Magier Prosper Alpanus. Doch es ist eine schwierige Aufgabe, den Feenzauber zu brechen…

Das humoristische Kunstmärchen „Klein Zaches, genannt Zinnober“ ist nach Hoffmanns eigenem Bekunden „die lose, lockere Ausführung einer scherzhaften Idee“. Es lag dem Autor fern, sich über missgebildete Menschen lustig zu machen (der einzige, der dies in der Geschichte tut, der Student Fabian, wird vom Magier Prosper Alpanus abgestraft). Die Bezeichnung des Zaches als „Missgeburt“ soll vielmehr von vorn herein die charakterliche und fachliche Inkompetenz des späteren Ministers deutlich machen. „Klein Zaches“ ist eine humorvolle, ironische und skurrile Geschichte und eine teilweise groteske Satire auf blinden Wissenschaftsglauben, höfisches Leben, Politiker und das Obrigkeitsdenken. (Zusammenfassung von Karlsson)

Download bei LibriVox

Ein neuer Hoffmann, wie schön! Hoffmann hielt sich übrigens selbst für hässlich und hat ziemlich darunter gelitten. In dieser Geschichte steckt wohl auch ein Quäntchen Selbstironie.

Heinrich Zschokke 1771-1848

Zschokke? Nie gehört. Wie spricht man das eigentlich? Zsch… Zscho… Zschokke?

Ich bin ja immer auf der Suche nach interessanten Texten für die Sammlung kurzer deutscher Prosa bei LibriVox, oder kurz Prosa-Sammlung, und eine gute Möglichkeit ist die Suche nach „Erzählungen“. Die sind häufig nicht ganz so lang. 8000 Wörter macht vorgelesen immerhin schon ungefähr eine Stunde und viel länger sollten die Beiträge zur Prosa-Sammlung auch nicht sein. Also habe ich mir eines Tages mal angesehen, was es unter dem Stichwort Erzählung bei Zeno.org so gibt. So bin ich auf diesen ungewöhnlichen Nachnamen gestoßen und auf die erste von Zschokkes Erzählungen, die ich je gelesen habe: Das Abenteuer der Neujahrsnacht.

Ich fand sie ganz nett, unterhaltsam, aber nicht wirklich umwerfend. Es geht dabei um einen Rollentausch, zwischen einem Prinzen und einem armen Burschen, die sich (so ein Zufall!) zum verwechseln ähnlich sehen. Solch ein Szenario haben uns inzwischen schon viele Autoren und Filmemacher vorgesetzt. Meistens ist es ja der Prinz, der bei der Geschichte richtig ins Schwitzen kommt, geläutert wird und am Ende ein besserer Mensch und König wird. Nicht so bei Zschokke. Da kommt der arme redlich Bursche von einer Zwickmühle in die andere und ist am Ende herzlich froh, dass er des Prinzen Rock wieder mit seinem eigenen zerschlissenen Wams eintauschen darf.

Nicht berauschend, doch meine Neugier war geweckt. Wer war dieser Zschokke den nun eigentlich?

1771 geboren in Magdeburg als Sohn eines Tuchmachermeisters. Er besuchte das Gymnasium und war danach erst einmal für 2 Jahre Dichter bei einer Wandertheatertruppe. „Ich stutzte heroischen Tragoedien die Schleppe des Talars kürzer, gab altväterischen Dramen modigern (sic) Schnitt, setzte in abgebrauchte Stücke neue Flicken, wie es eben das Bedürfniß des Theaterpersonals forderte, schrieb selber ein Paar Saus- und Grausstücke, reimte Prologen und Epilogen und wechselte mit wohllöblichen Magistraten kleiner Städte Briefe, ihnen zur Geschmacksveredlung ihrer Bürgerschaft unsere musterhaften Darstellungen zu empfehlen“ (Zitat Zschokke)

Nach dem die Truppe sich aufgelöst hatte, studierte Zschokke 1790-1792 an der Universität Frankfurt (Oder) Theologie und Philosophie. Nach der Promotion (damals ging das noch so schnell) war er drei Jahre Privatdozent für Philosophie und wurde Freimaurer. Und er schrieb! Erzählungen zunächst zur Unterhaltung eines ausgesuchten Freundeskreises, der Chokoladenbrüder, weil sie sich aus studentischen Trinkgelagen nichts machten, dann Theaterstücke. Abelino z.B., „der, bald darauf gedruckt, mit Geräusch über die meisten Bühnen Deutschlands gieng“ (Zitat Zschokke) Die Zschokkebibliothek in Aarau besitzt ein Bühnenexemplar, in das Fleck und Iffland Rollen-Anmerkungen eingetragen hatten. Beide waren berühmte Schauspieler dieser Zeit. Schiller sah am 2. Januar 1791 eine Aufführung des Stückes in Erfurt.

1795-1796 machte Zschokke eine Bildungsreise durch Deutschland, Frankreich und die Schweiz. Die Schweiz sollte sein Schicksal werden. Er ließ sich dort nieder, wurde Leiter einer Erziehungsanstalt und arbeitete an der Verbesserung des Schulwesens. Das kann nicht ganz einfach gewesen sein und er machte seine Sache mehr als gut, denn: „Es wurde ihm sogar eine Ehre zu Theil, welche im Laufe eines Jahrhunderts nur einem einzigen gewährt wurde. Die Räthe und Gemeinden Raetiens schenkten ihm das Staatsbürgerrecht.“ (ADB, siehe Quellen)

Ich gestehe, ich bin in der Geschichte der Schweiz so gar nicht bewandert und meine Quellen haben mich da auch nicht wirklich viel schlauer gemacht. Es gab damals wohl eine französische und eine österreichische Partei. Zschokke bezog Stellung für die französisch Seite, doch die österreichische gewann zunächst eine Volksabstimmung und eine Zeit lang sah es schlimm aus für Zschokke. Das Bürgerrecht wurde ihm entzogen, ein Preis auf seinen Kopf ausgesetzt und er musste fliehen.

1801 wendete sich das Blatt, Zschokke erhielt sein Bürgerrecht zurück und arbeitete in verschiedenen Ämtern für die Helvetische Regierung in Luzern. In dieser Zeit verkehrte er unter anderem mit Heinrich von Kleist.

1805 heiratete Zschokke Nanny Nüsperli, die Tochter eines Pfarrers. Das Ehepaar hatte eine Tochter und zwölf Söhne, von denen es drei zu einem eigenen Wikipedia-Eintrag gebracht haben. Vier seiner Enkel haben das ebenfalls geschafft.

Zschokke arbeitet bis 1843 in verschiedenen Ämtern für die Helvetische Regierung.

Er forschte und publizierte zahlreiche Werke über die Geschichte Bayerns und der Schweiz und schrieb weiter Novellen und Erzählungen, die beim Publikum sehr beliebt waren. Tatsächlich war er zu seiner Zeit einer der meistgelesenen deutschen Schriftsteller. Wenn das Volk der Dichter und Denker genug hatte von Goethe und Schiller, las es – Zschokke!

Tja, das habe ich dann auch gemacht und herausgekommen sind als Hörbuch bei LibriVox:

Der tote Gast

In „Der tote Gast“ entwickelt sich vor dem Hintergrund einer halb vergessenen Gespenstergeschichte aus der Vergangenheit des Städtchens Herbesheim die zarte Liebesgeschichte zwischen der Fabrikantentochter Friederike und dem Oberleutnant Georg Waldrichs. Doch nicht nur die Fabel des toten Gastes überschattet ihre Liebe.

Die Walpurgisnacht

Robert *** ist in Geschäften in Prag, als ihm in einem Kaffeehaus ein Mann auffällt, dessen Physiognomie in allem sehr an den Teufel erinnert. Wenig später verliert er seine Brieftasche und der Finder ist kein anderer als der Teufel aus dem Kaffeehaus. Kaum zu Hause angekommen, macht der Teufel ihm einen Besuch, in der Walpurgisnacht, „wo die Hexen und Kobolde ihr Wesen treiben“ und von da an überschlagen sich die Ereignisse.

Als eBooks gibt es bei MobileRead:

Gesammelte Werke http://www.mobileread.com/forums/showthread.php?t=183021 Vielen Dank, mmat1!
Die schwarzen Brüder http://www.mobileread.com/forums/showthread.php?t=217668 Vielen Dank, brucewelch!

(und wie alles bei LibriVox, Legamus und MobileRead natürlich ganz kostenlos und ohne Anmeldung und ähnlichen Schnickschnack)

Quellen:
Wikipedia http://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_Zschokke
ADB (Allgemeine Deutsche Biographie) Bd.45 bei Wikisource http://de.wikisource.org/wiki/ADB:Zschokke,_Heinrich (interessante Lektüre übrigens)

In Arbeit: Maupassant und Meyrink

Bei LibriVox bastele ich gerade an einer Auswahl von Novellen von Guy de Maupassant. Maupassant mag ich schon lange. In diesem Frühling bin ich auf ein paar ganz entzückende Novelle von ihm gestoßen, die ich ich für die Sammlung kurzer deutscher Prosa aufgenommen habe: Kirchhofsliebe, Das Bild, Das Bett, Im Lenz, Die Verzeihung. Das Bett hat es mir besonders angetan, es ist einer der schönsten Texte, die ich je aufgenommen habe. Es fängt etwas langweilig an, aber dann …

Aber da waren noch so viel mehr wunderbare Novellen, also beschloss ich, ein Soloprojekt daraus zu machen. Leider – was heißt leider – zum Glück! hat Maupassant über 300 Novellen geschrieben, die ich lange noch nicht alle gelesen habe. Und die Auswahl ist schwer. Bis jetzt habe ich 18 Novellen aufgenommen: phantastische, erotische, abgründige; die realistischen lasse ich außen vor. Der andere Maupassant ist viel interessanter.

Im Moment ist mir der Stoff ausgegangen, aber es warten noch ein paar Bände mit Novellen darauf, gelesen zu werden.

Die andere Baustelle ist Der Engel vom westlichen Fenster von Gustav Meyrink, das ich bei Legamus! aufnehme. Das Buch ist in den USA noch nicht in der public domain, weshalb ich es nicht bei LibriVox aufnehmen kann.

Tatsächlich ist dieses Buch der Hauptgrund, warum ich bei Legamus! mitmache. Ich wollte es unbedingt aufnehmen. Trotzdem geht die Arbeit daran ziemlich langsam voran. Monatelang passiert rein gar nichts, dann gibt es kurz hintereinander ein paar Abschnitt und dann ist wieder Sendepause. Meyrink klingt so modern, ist auch tatsächlich einer der modernsten Autoren, die schon gemeinfrei sind, aber er ist sehr eigen. Selbst an guten Tagen muss ich bei ihm mindestnes so viel editieren wie bei Hoffmann, der immerhin 100 Jahre älter ist. Und das Buch ist laaang! 29 Abschnitte sind jetzt im Kasten, mehr als 12 Stunden audio und es ist gerade mal Halbzeit. Die erste Aufnahme ist vom März 2012. Noch eineinhalb Jahre …

Ohne meine wunderbare Probehörerin Elli, die das alles mitmacht, wäre ich ganz schön aufgeschmissen. Dankeschön!

Aber immerhin das epub gibt es schon bei MobileRead.