Karl Gjellerup (1857-1919)

Da will man eine Autorenportrait schreiben und findet nichts, oder doch fast nichts, über das Leben eines Mannes, dessen Werk 1917 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde.

nach Wikipedia:
Karl Gjellerup wurde 1857 in Dänemark geboren. Der Vater, ein Pastor, starb drei Jahre später, die Mutter zog mit ihrem Sohn noch im selben Jahr zu ihrem Cousin, dem Schriftsteller und Pastor Johannes Fibiger nach Kopenhagen. Bereits zu Schulzeiten begann Karl Gjellerup zu schreiben. Karl Gjellerup sollte eigentlich wie sein Vater Pastor werden und absolvierte in Kopenhagen ein Studium der Theologie, das er 1878 mit Summa cum laude abschloss. Nach dem Studium veröffentlichte er erste Erzählungen unter Pseudonym. Eine kleine Erbschaft ermöglichte ihm eine ausgedehnte Europareise. Gjellerup lebte 1883 mehrere Monate in Rom; sein Rückweg führte ihn durch die Schweiz, Griechenland, Russland und Deutschland.

1884 heiratete er Eugenia Bendix, eine gebürtigen Dresdnerin. Der Wikipediaartikel nennt sie seine Geliebte, sie war bereits verheiratet.  War sie verwittwet? Geschieden? Der Artikel gibt keinen Aufschluss darüber. Die Liebesgeschichte der beiden soll Gjellerup in seinem Roman Minna (1889; dt. Seit ich zuerst sie sah, 1918) kaum verschlüsselt verarbeitet haben. (Das habe ich leider noch nicht gelesen.) 1892 ließ sich das Paar in Dresden nieder.

Ab 1894 ging Gjellerup dazu über, deutsch zu schreiben, oder jedenfalls seine Texte selbst ins Deutsche zu übersetzen, beides mit Unterstützung seiner Frau.

Gjellerup durchlief eine intensive buddhistische Phase.

„Gjellerups Buddhismus kennt mit der Beziehung zweier Menschen bis zum Nirvana einen positiven Wert im Weltlichen. Die Wiedergeburten erhalten erst unmittelbar vor dem Eintritt der Erlösung überwiegend leidhaften Charakter, der sich in sehr subtilen Formen der Erkenntnis der Nichtdauer zeigt. Zuvor wird das Wandern durch die Welten mit allen Irren und Wirren als große Pilgerreise nicht pessimistisch empfunden, sondern als Prozeß des Reifens.“ (Volker Zotz: Auf den glückseligen Inseln. Buddhismus in der deutschen Kultur. Berlin 200, S. 249–250.)

1917 erhielt Gjellerup den Literaturnobelpreis  „für seine vielseitig reiche und von hohen Idealen getragene Dichtung“. (aus der Begründung) Für das Preisgeld erfüllte er sich einen lang gehegten Traum und kaufte sich im September 1918 die „Villa Baldur“ im Dresdner Vorort Klotzsche. Nur ein Jahr später starb Gjellerup im Alter von 62 Jahren. Er liegt auf dem Alten Friedhof in Klotzsche begraben.

Das war’s. Mehr ist kaum zu finden. Gjellerup ist sowohl hier als auch in Dänemark vergessen. Kein Vereine kümmert sich um die Erhaltung seiner Werke. Dass wir überhaupt das Wenige so bequem nachlesen können, verdanken wir der Initiative einer Bloggerin:

Karl Gjellerup (1857-1919) – Ein Literatur-Nobelpreisträger in Dresden
von Paulae    @ 30.06.2008 – 23:10:12

Ja, wenn ich (fast) nichts zu tun habe, komme ich auf komische Gedanken. Einer der komischen Gedanken heute war der, was es eigentlich so für Friedhöfe in meiner Gegend gibt. Gut, unser Dorf hat einen, aber da liegen keine bekannten Leute drin. Dresden-Klotzsche war meine nächste Idee und prompt wurde ich fündig. Deutsche Literaturnobelpreisträger gab es ja nicht allzu viele und die sind auch nicht in Dresden begraben. Trotzdem gibt es einen Autor, der mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde UND in Dresden seine letzte Ruhe gefunden hat: Die Rede ist von dem dänischen Schriftsteller Karl Gjellerup, der 1917 ausgezeichnet wurde. [weiterlesen]

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Mir ist von Gjellerup zuerst sein Roman Die Weltwanderer (1910) in die Finger gekommen. Er spielt in Nordindien in der ersten Hälfte des vorletzten Jahrhunderts. Die Protagonisten sind ein weiser indischen Minister, ein deutschen Gelehrten, dessen hübsche Tochter und ein skrupellosen Engländer, der ein Freund Lord Byrons war. Auf den ersten Blick eine Abenteuergeschichte mit einer guten Dosis Liebe. Es geht um ein altes Manuskript, Thugs und Intrigen in einem erfundenen kleinen Fürstentum. Unter dieser spannend zu lesenden Oberfläche setzt sich der Autor mit dem buddhistischen Konzept der Wiedergeburt auseinander und gibt ihm seinen ganz eigenen Anstrich. Es hat mir auf Anhieb so gut gefallen, dass wir es bei LibriVox als Gruppenprojekt aufgenommen haben.

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Auch das nächste Buch, dass ich von Gjellerup las, war ein Volltreffer. Die Gottesfreundin (1916) ist ein historischer Roman über die Inquisition. Da haben wir zunächst die guten Ketzer, die nur in Frieden auf der Burg der Protagonistin ihrem weisen Meister und seiner Lehre folgen wollen. Dann rückt der böse Inquisitor an, um das Ketzernest auszuheben. Doch Burgfrau und Inquisitor sind einander seit frühester Jugend in Liebe verbunden. Der innere Kampf, der daraus resultiert, ist bewegender und spannender als der unvermeidliche Kampf um die Burg. Auch davon gibt es ein LibriVox Gruppenprojekt.

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Danach habe ich noch das eine oder andere Buch von Gjellerup angelesen, aber bisher hat mich keins mehr so gefesselt wie diese beiden.

Beide Bücher gibt es auch bei MobileRead zum Selbstlesen.

Die Weltwanderer
Die Gottesfreundin

Frisch geschlüpft: Späte Erzählungen

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von Gustav Meyrink, gelesen von Hokuspokus

Wer Des deutschen Spießers Wunderhorn kennt, wird in den hier versammelten Erzählungen den Autor nur zum Teil wiedererkennen. Wenig ist geblieben von dem spitzen Satiriker, der die Bohème vor dem ersten Weltkrieg begeisterte. Gereift ist der Sucher nach esoterischer Wahrheit und an den Wegen und Zielen seiner Suche lässt Meyrink uns in diesen Erzählungen teilnehmen.

Meyrink hat in seinen späten Jahren das Schreiben gehasst. Am liebsten hätte er seinen Füller in den Starnberger See geworfen, wie seine Frau berichtet. Diese Erzählungen sind Brotprodukte, aber von einem Autor, der sein Handwerk versteht und der uns einiges zu sagen hat, wenn wir auf dem sinnsuchenden Auge nicht ganz blind sind. Er hätte ohne Zweifel ein Guru auf dem Esoterikmarkt werden können, den es auch damals schon gab. Das hat er nicht einmal versucht. Und nein, keine Angst, er predigt auch hier nicht und will schon gar nicht bekehren.

Ich frage mich, wie verdaulich diese Texte für Leser sind, denen jedes esoterische Interesse abgeht. Vielleicht eine müßige Frage, denn diese Menschen lesen Meyrink in der Regel erst gar nicht.

01 – Der Uhrmacher
02 – Der Astrologe
03 – Die Keimdrüse des Herrn Kommerzienrates
04 – Dr. Haselmayers weißer Kakadu
05 – Der schwarze Habicht
06 – Žaba
07 – Sonnenspuk
08 – Der Sulzfleck im Karpfenwinkel
09 – Das Nachtgespräch des Kameralrat Blaps
10 – Spiegelbilder
11 – Unermeßlich reich
12 – Mondschein über Berlin
13 – Magie und Hasard

Hörbuch Download bei Legamus!

Zum selbst Lesen gibt die Erzählungen nebst einiger Essays aus Meyrinks späten Jahren auch bei MobileRead als eBook.

Frisch geschlüpft: Märchen

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von Charles Perrault (1628-1703), gelesen von Hokuspokus

Viele der Märchen von Charles Perrault sind sehr bekannt – allerdings unter dem Namen der Brüder Grimm, die sie vielleicht von der berühmten Viehmännin, einer Kaufmannsfrau mit hugenottischen Wurzeln, erzählt bekommen haben. Perraults Versionen sind gut 100 Jahre älter und auch sie gehen auf ältere Quellen zurück. Eine Ausgabe der „Blauen Bibliothek aller Nationen“, aus der diese Übersetzung von 1790 stammt, stand auch in der Bibliothek der Grimms.

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Diese Märchen sind in der Aufnahme enthalten:
Rothkäppchen; Die Feen; Blaubart; Die schlafende Schöne; Die gestiefelte Katze; Fräulein Aschenbrödel, oder das Glaspantöffelchen; Ruprecht mit der Kuppe; Der kleine Däumeling; Eselshaut

Frisch geschlüpft: Weiße Nächte

von Fjodor Dostojewski (1821-1881), übersetzt von Alexander Eliasberg (1878-1924). gelesen von Willi Rabe.

Erzählt wird diese Petersburger Geschichte von einem jungen, einsamen Träumer, der aus seiner selbst geschaffenen Welt durch eine unerwartete Begegnung gleichsam herausgeschleudert wird: Er trifft auf das unglückliche Mädchen Nastenka, und zwischen ihnen entsteht eine besondere Freundschaft … (Zusammenfassung von Willi Rabe)

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Frisch geschlüpft: Tschun

von Elisabeth von Heyking, gelesen von Ramona Deininger-Schnabel/Crowwings

Tschun ist ein kleiner chinesischer Junge in Peking, der von den kolonialen Gesandtschaften hingezogen fühlt und dort – gegen den Willen seiner Familie – eine Stellung als Boy erhält. Nach und nach wird er erwachsen, allmählich verändern sich seine Einstellungen zu den fremden Herren und ihrem überlegenen Gebahren. Dabei gerät er mitten in die blutigen Wirren des Boxeraufstandes. … Dieser Roman liefert einen tiefen Einblick in chinesische Traditionen und die uralte chinesische Seele, verpackt in den abenteuerlichen Umständen politischer Umbrüche, hintergründige Machtkämpfe und dem tieferen Sinn angeblich zivilisatorischer Fortschrittsbestrebungen der Besatzungsmächte … dies macht das Werk zeitlos und aktuell zugleich. – Zusammenfassung von Crowwings

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Frisch geschlüpft: Judith Trachtenberg

von Karl Emil Franzos (1848-1904), gelesen von Friedrich

Der Roman ist ein Sittengemälde, in dem die komplizierten, von Vorurteilen geprägten Verhältnisse der jüdischen und christlichen Bevölkerungsgruppen im österreichischen Osteuropa des 19. Jahrhunderts am Beispiel der Liebe der hübschen Jüdin Judith zu dem christlichen Grafen Agenor dargestellt werden.
Durch seinen Standesdünkel gezwungen, kann der Graf Judith nicht heiraten und baut sein Verhältnis zu ihr auf ein Fundament aus Lügen und Täuschungen. Auch Judith muss ihrer auf verknöcherte Traditionen gestellten Umgebung entfliehen, um nicht verstoßen zu werden. Letztendlich wird deutlich, dass es eine gemeinsame, für beide glückliche Zukunft nicht geben kann.
Neben der eigentlichen Handlung – der Entwicklung der Beziehung zwischen Judith und Agenor – werden die gesellschaftlichen Verhältnisse der damaligen Zeit durch das Einbeziehen weiterer, klar gezeichneter Charaktere in den Handlungsverlauf treffend beleuchtet. […]
(Zusammenfassung von Friedrich)

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Frisch geschlüpft: Dr. Jekyll und Mr. Hyde

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von Robert Louis Stevenson (1850-1894), gelesen von Hokuspokus

Von seinem Cousin Mr. Utterson erfährt Mr. Enfield zuerst von dem zwielichtigen Mr. Hyde, der durch sein besonders brutales Verhalten auffällt und auf alle, die ihm begegnen, einen gemeinen und bösartigen Eindruck macht. Als Mr. Enfield erfährt, dass dieser Hyde offenbar ein Bekannter von seinem Freund Dr. Jekyll ist, ist er sehr besorgt. Hat dieser Hyde etwas gegen Jekyll in der Hand? Wird Jekyll von ihm erpresst? Als Mr. Hyde auf offener Straße einen brutalen Mord begeht und daraufhin untertaucht, scheint sich zunächst alles zum Guten zu wenden. Doch nach einiger Zeit wird Dr. Jekylls Verhalten immer seltsamer und es wird klar, dass Mr. Hyde zurück ist. (Zusammenfassung von Hokuspokus)

Hörbuch Download bei LibriVox

Bei diesem Monument der Horrorliteratur ist es ganz besonders schade, dass es eigentlich jeder schon in irgendeiner Form kennt, es gibt allein 123 Verfilmungen, dazu Comics, Hörspiele und eine Legion von literarischen und filmischen Zitaten. Stevenson hat die Erzählung 1885 geschrieben (Erstveröffentlichung 1886). Angeblich hat er sie geträumt, unter dem Einfluss von Drogen, sagen manche, bettlägerig und im Fieber, sagen andere. In nur wenigen Tagen soll er die Geschichte aufgeschrieben haben, anschießend das Manuskript aber verbrannt und noch einmal von vorn begonnen haben.

Bereits 1888 erschien in der Zeitschrift Vom Fels zum Meer, die ein paar Jahre später übrigens in der Gartenlaube aufging, eine anonyme deutsche Übersetzung, von der es glücklicherweise einen Scann bei Wikisource gibt. Der Titel Wunderbares Ereignis des Dr. Jekyll und Mr. Hyde ist ein bisschen hölzern und vor allem ungewohnt, sonst ist die Übersetzung für solch ein Zeitschriftenprodukt gar nicht mal schlecht. OCR (Umwandlung in editierbaren Text) gibt es nicht, ich musste also direkt von der fotografierten Frakturseite lesen, was immer ein bisschen mühsam ist.

Stevenson erzählt die Geschichte anders, als wir sie zu kennen meinen. Mr. Hyde ist z.B. kein muskelbepackter Riese, das verrät ja schon das Coverbild, ein Werbeplakat für das Buch oder eine Theaterproduktion aus den späten 1880er Jahren. Auch andere vertraute Plotelemente fehlen. Es ist kein Horrorschocker sondern ein Geheimnis, dass sich immer mehr verdichtet und schließlich eine tragische und für den jungfräulichen Leser sehr überraschende Auflösung findet. Wie schade, dass wir schon wissen, wie es ausgeht!

Das englische Original gibt es gleich drei mal bei LibriVox. Ich kenne die Aufnahme von David Barnes (Version 1) und kann sie sehr empfehlen.

Für Lieber-selbst-Leser gibt es das eBook bei MobileRead, illustriert von Charles Raymond Macauley, tolle Illustrationen, schon dafür lohnt sich ein Blick.