Die Dunkelgräfin oder Das geheimnißvolle Grab

Für LibriVox bin ich ja immer mal wieder auf der Suche nach interessanten Texten. Vor einiger Zeit schon stieß ich dabei in der Gartenlaube auf einen Bericht mit einem interessanten Bild und der vielversprechenden Überschrift Das geheimnißvolle Grab. Ziemlich lang, also ab damit in die Lesezeichen.

Gestern Abend nun kramte ich das Lesezeichen heraus und begann zu lesen. Zunächst schien es eine recht belanglose Reportage über ein unbekanntes Paar zu sein, das 1807 in dem kleinen thüringischen Städtchen Hildburghausen wohnte. Doch die Begleitumstände dieses Wohnens wurden zunehmend geheimnisvoller und nachgerade bizarr. Die Leute am Ort nannten die beiden bald schon Graf und Gräfin, weil sie so sichtbar vornehm waren. Die Gräfin wurde fast ausschließlich tief verschleiert gesehen, um den Garten wurde ein hoher Bretterzaun gezogen, der Graf stand in regem Briefverkehr mit den Pfarrer, bis zu 10 Briefe täglich per Bote, doch er hat nie auch nur ein einziges Wort persönlich mit ihm gewechselt. Die Köchin war vertraglich verpflichtet, das Haus nicht zu verlassen (und sie hat sich beinahe 30 Jahre daran gehalten). Der Graf verweigerte dem sterbenden Diener den Beistand sowohl eines Arztes als auch eines Priesters. Das Grab aus dem Titel des Gartenlauben-Artikels ist das Grab der sog. Gräfin und noch 30 Jahre nach dem Geschehen konnte die Reportage keinen Aufschluss über die Identität der beiden geben.

Nun, dachte ich, wenn es in Hildburghausen wirklich solch ein geheimnisvolles Grab gibt, weiß man heute sicher mehr darüber, Wikipedia wird’s wissen. Wikipedia weiß von dem Grab, das ja, aber bis heute weiß niemand, wer die geheimnisvolle Gräfin und ihr Begleiter waren.

Dafür gibt es viele Spekulationen. Dass es sich um Marie Thérèse Charlotte, die Tochter des hingerichteten französischen Königs Ludwig XVI. und seiner Frau Marie Antoinette, gehandelt haben könnte, lässt schon Friedrich Hofmann, der Autor der Gartenlaube Reportage, durchblicken. Das ist bis heute die meist diskutierte Variante.

Auch literarisch wird spekuliert, unter anderem von Ludwig Bechstein, der sich in seinem Roman Der Dunkelgraf (1854) hauptsächlich mit dem geheimnisvollen Herrn beschäftigt. Von Bechsteins Roman hat die Unbekannte von Hildburghausen auch den Beinamen Dunkelgräfin.

Albert Emil Brachvogel spekuliert in Das Rätsel von Hildburghausen (1872) auch in Richtung Bourbonen-Prinzessin, eben so Kurt Kluge in seiner Erzählung Nocturno (1939)

Über die Bourbonen-Theorie hat der Interessenkreis Madame Royale viel interessantes Material zusammengetragen, darunter eine Literaturliste mit weiteren Titeln.

In einem sehr viel späterer Artikel für die Gartenlaube von 1886 nennt Friedrich Hofmann weitere Untersuchungen zu dem Thema und stützt sich hauptsächlich auf die Veröffentlichung Der Dunkelgraf von Eishausen. Erinnerungsblätter aus dem Leben eines Diplomaten, von R. A. Human, Bd. I (1883) und II (1886). Human muss direkten Zugang zum Nachlass des Grafen gehabt haben, Briefe gelesen und Dokumente eingesehen haben, und auch er kommt dem Geheimnis nicht auf die Spur und kann nur Theorien aufstellen. Dieses Buch habe ich noch nicht ausgraben können, aber ich arbeite weiter daran.

Das ist alles so unglaublich spannend, dass ich kurzerhand aus den Gartenlaube Artikeln von Hofmann ein epub gemacht und bei MobileRead eingestellt habe. Link siehe unten.

Die größte Überraschung aber war, dass sich eben jetzt der mdr der Sache annimmt. In einer Dokumentation ähnlich der zu Schillers Schädel will der Sender die Frage klären, ob es sich bei der Person im geheimnisvollen Grab tatsächlich um Marie Thérèse Charlotte, Madame Royal handelt. Letzten Herbst wurde das Grab geöffnet, Proben zur DNA Analyse wurden entnommen, seit März wird am Originalschauplatz an den Spielszenen gedreht. Ergebnisse sind noch nicht veröffentlicht, ein Sendetermin steht auch noch nicht fest, die Doku soll aber wohl dieses Jahr noch ausgestrahlt werden. Ich bin sehr gespannt.

Der Fortschritt dieses Jahrhunderts hat so Vieles gewirkt, er hat auch Archive an das Tageslicht gezogen, die früher dem Forscher hermetisch verschlossen waren – nur über dieses Geheimniß ergoß er kein Licht. Man hat, mit menschlicher Gefühlsweise, geglaubt, in den vielen Räumen des Eishäuser Schlosses könne doch wohl irgend Etwas sich verborgen finden, das zur Enthüllung der peinigenden Dunkelheit des hier vollendeten Schicksals einen Fingerzeig biete – auch das war vergeblich. Das Schloß ist niedergerissen und beim Einlegen der Dächer und Wände, beim Aufreißen der Böden und Keller auf das Eifrigste durchsucht worden – aber das Haus blieb stumm. Nichts ist von den Geheimnißvollen noch sichtbar, als ihre Gräber. Aber – diese Steine reden noch, sie reden noch heute mit aller Macht und allem Zauber des Geheimnisses.

[…] Zu beklagen wäre es, wenn die Hülle von einer offenbaren Unthat ungehoben bliebe. Ist das arme Wesen um sein Leben betrogen worden, hat es abgeschlossen von der menschlichen Gesellschaft sterben müssen und liegt nun so einsam auf dem Stadtberg von Hildburghausen begraben, was wäre dann gerechter, als daß ihm wenigstens das Andenken der Nachwelt gerettet und das an ihm begangene Verbrechen von der Geschichte gerichtet würde! –

Friedrich Hofmann, Noch heute das „geheimnißvolle Grab“. Die Gartenlaube 1886

Ich bin gerade schrecklich dankbar. Vor 20 Jahren hätte ich all das nicht an einem Nachmittag herausfinden, recherchieren und zusammentragen können, ohne auch nur das Haus zu verlassen.

Downloads, Links und Quellen

eBooks bei MobileRead
Ludwig Bechstein: Der Dunkelgraf http://www.mobileread.com/forums/showthread.php?t=63232
Friedrich Hofmann: Ein geheimnißvolles Grab und andere Beiträge aus Die Gartenlaube http://www.mobileread.com/forums/showthread.php?t=239488
Kurt Kluge: Nocturno http://www.mobileread.com/forums/showthread.php?p=2831350#post2831350

Wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Dunkelgr%C3%A4fin
Die Dunkelgräfin bei Wikisource: http://de.wikisource.org/wiki/Dunkelgr%C3%A4fin
Interessenkreis „Madame Royal“ http://www.madame-royale.de/

Texte bei Gutenberg DE
Ludwig Bechstein: Der Dunkelgraf http://gutenberg.spiegel.de/buch/622/1
Friedrich von Bülau: Die Geheimnisvollen im Schlosse zu Eishausen http://gutenberg.spiegel.de/buch/6188/1
Kurt Kluge: Nocturno http://gutenberg.spiegel.de/buch/7777/1
Alber Emil Brachvogel: Das Räthsel von Hildburghausen Bd. 1 http://reader.digitale-sammlungen.de/resolve/display/bsb11015719.html (Band 2-4 ebenfalls dort)

Videoclips zur Doku in der ARD Mediathek http://www.ardmediathek.de/mdr-fernsehen/geschichte-mitteldeutschlands/das-geheimnis-der-dunkelgraefin?documentId=18083740
Artikel in der FAZ zu Graböffnung und Fernsehdoku http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/dokumentation-dunkelgraefin-ein-leichenschauermaerchen-12589875.html

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Am Rande: Die Gartenlaube

Neulich erst habe ich im Zusammenhang mit Gerstäcker die Zeitschrift Die Gartenlaube erwähnt. Jetzt stolpere ich über eine Ausstellung zu diesem Thema in der Deutsche Nationalbibliothek Leipzig.

Illustrierte Idylle?
Die Gartenlaube: Gesichter eines Massenblattes

Eine Ausstellung des Deutschen Buch- und Schriftmuseums im Schautresor der Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig vom 8. November 2013 bis 11. Mai 2014

Auf der Seite der DNB kann man einen virtuellen Rundgang ansehen und den Flyer zur Ausstellung runderladen. Ich liebe ja besonders die alten Illustrationen und das breite Themenspektrum der Zeitschrift. Muss wirklich bald mal ausführlich dazu recherchieren. Wer also nach Leipzig kommt und ein Stündchen Zeit hat, der Eintritt in die Ausstellung ist frei, wenn ich das richtig verstanden habe.

Bei Wikisource gibt es viele Artikel als Scann und OCRt.