Nebensache: Frankfurter Küche

Die knapp 100 Jahre alte Großmutter der modernen Einbauküche ist wohl kaum das, was man sich heute unter Design vorstellt – doch ist sie gerade dadurch eine gestalterische Revolution. Die 20er Jahre sind nicht nur in der Literatur eine äußerst spannende Zeit. Viele Dinge, die uns heute selbstverständlich sind, wurden damals erdacht.

Ich würde zu gerne einmal ein Süppchen in solch einer Küche kochen, haben wollte ich im echten Leben wohl keine – ist absolut eine Ein-Frau-Angelegenheit.

Bei YouTube gibt’s einen sehr interessanten original Werbefilm.

Wikipedia – Frankfurter Küche

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„Ezio“ von Christoph Willibald Gluck (1714-1787)

Hokuspokus war mal wieder in der Oper. Ezio ist eine Geschichte voller Intrigen, Gegenintrigen, Komplotten und Verrat, und natürlich, es ist ja eine Oper, auch unglücklicher Liebe. Dabei könnte alles so schön sein. Ezio (Sonia Prina) liebt Fluvia (Paula Murrihy) und Fluvia liebt Ezio, der gerade Attila besiegt hat und nun vom Volk als Held gefeiert wird. Auch Kaiser Valentiniano (Max Emanuel Cencic) ist zunächst voller Huld und Dankbarkeit, doch auch voller Begierde für die schöne Fluvia. Fluvias Vater Massimo (Beau Gibson) sieht in Valentinianos Werben um seine Tochter die lang ersehnte Chance, sich endlich am Kaiser zu rächen, der ganz unkaiserlich Massimos Gattin vergewaltigt hatte. Er bedrängt Fluvia, den Antrag anzunehmen und strickt gleichzeitig ein Mordkomplott gegen den Kaiser. Falls es schief geht, soll Ezio als Sündenbock herhalten, dazu träufelt Massimo vorsorglich schon mal dem Kaiser ins Ohr, dass Ezio beflügelt von der Gunst des Volkes, durchaus mehr wollen könnte, als nur den Dank des Kaisers, vielleicht gleich lieber den Thron. Um dem vorzubeugen und Ezio enger an sich zu binden, soll Ezio Onoria (Sofia Fomina), die Schwester des Kaisers, heiraten. Ezio, ganz Aufrichtigkeit und Treue, ahnt von alle dem nichts und gesteht Valentiniano, dass er Fluvia liebt. Böser Fehler. Das Mordkomplott geht schief, der Verdacht fällt auf Ezio und Fluvia kann nun entweder den Vater verraten, um den Mann, den sie liebt, zu retten, oder den Vater beschützen und Ezio sterben sehen. Doch der Kaiser hat Ezios Tod schon beschlossen. Durch einige weitere Verwicklungen ist Massimos Komplott so gut wie entdeckt und in einem verzweifelten Versuch sich selbst zu retten, versucht Massimo nun selbst ein Attentat auf den Kaiser. Doch in diesem Moment taucht der totgeglaubte Ezio wieder auf und rettet dem Kaiser das Leben. Valentiniano erkennt seine Fehler, wird geläutert und Ezio und Fluvia kriegen sich, ist ja schließlich eine Barockoper und ein Happy-End ist da Pflicht. So weit der wirklich spannende Plot der Oper, deren Libretto von Metastasio stammt, dem Star unter den Librettisten dieser Zeit. Das Libretto wurde unter anderem auch von Händel und Porpora vertont. In der „klassische“ Barockoper wird die Geschichte gekürzt, teils so weit, dass sie kaum noch einen Sinn ergibt. Übrig bleibt eine „Nummernrevue“ aus Bravurarien, durch kurze Dialoge (Rezitative) mehr oder weniger sinnvoll miteinander verknüpft. Gluck wollte weg davon und hin zu einem wirklichen Musik-Theater. Er beginnt, die starre Ordnung aus Arien und Rezitativen aufzulösen und behält die Dialoge, die andere Komponisten zugunsten der Arien rigoros zusammenstreichen, größtenteils bei. Das ist gut für den Plot, aber leider nicht so gut für die Musik. Ich kannte von Ezio nur die Highlights, die man bei YouTube findet (hier und hier) und hatte mich auf mehr davon gefreut, aber leider sind es nur diese zwei oder drei Highlights, der Rest sind schier endlose musikalisch eher langweilige Rezitative und noch endlosere Arien, in denen überwiegend lamentiert wird. Und bei diesem Plot hat einfach jede Figur was zu jammern. Wo sind die furiosen Zornesausbrüche, der herzzerreißende Liebesschmerz, zu dem die Geschichte hinreichend Anlass gegeben hätte? In der Musik habe ich sie nicht gefunden. Ich habe ja schon früher bekannt, dass ich eigentlich keine Ahnung von Musik habe, das mag ein Grund gewesen sein, warum ich mich gestern über weite Strecken schlicht gelangweilt habe. Dazu kam, dass die „Action“ sich überwiegend auf der linken Seite der Bühne abspielte und da ich links oben saß, konnte ich ziemlich wenig davon sehen. Ich habe tatsächlich überlegt, ob ich in der Pause nicht lieber gehen soll. Und ich war nicht die einzige, nach der Pause war der Zuschauerraum deutlich leerer. Es gab mehrere Gründe, warum ich doch geblieben bin, allen voran Max Emanuel Cencic als Valentiniano. Und jetzt muss ich mich einen Moment auf meine Hände setzen, um nicht in eine fanatische Lobeshymne auszubrechen. Ich schreibe einfach nur, dass er toll war, wundervolle Stimme, fantastischer Gesang, großartige schauspielerische Darstellung der Figur (ich hätte so gerne auf der anderen Seite gesessen, um mehr davon zu sehen). Unglaublich, welchen Ausdruck der Mann in einen einzigen Ton, eine einzigen Geste legen kann. Genug davon. Ich bin ein Fan. Der zweite Grund war Sonia Prina als Ezio, die gesanglich und darstellerisch ebenfalls wirklich ganz großartig war. Auch die anderen Sänger und Sängerinnen haben mir sehr gefallen. Und falls sich jetzt jemand wundert, dass der durchaus männliche Ezio von einer Frau gesungen wird – das war im Barock durchaus üblich, wenn für die Produktion kein geeigneter Kastrat zur Verfügung stand. Kastraten mit knabenhaft hohen Stimmen aber unglaublichem Lungenvolumen waren die Stars der Barockzeit. Der Film „Farinelli“ wird vielleicht dem einen oder anderen noch in Erinnerung sein. Seit es (zum Glück) an der Oper keine Kastraten mehr gibt, werden diese Partien von Frauen oder von Countertenören gesungen, von denen Cencic unbestritten einer der besten ist. (Ich würde jetzt schreiben: Der Beste, aber ich wollte ja nicht mehr schwärmen.) Wirklich sehenswert waren die Kostüme von Christian Lacroix, sehr schön anzuschauen (ich finde, Oper live sollte auch etwas Schönes zum Gucken sein), aber weit mehr als bloße Dekoration. Jedes Kostüm war eine feine und detaillierte Charakterisierung der Figur. Das Bühnenbild und die Regie waren unaufdringlich, was ich mag. Keiner hat das Rad neu erfinden oder die Geschichte auf den Kopf stellen wollen. In einer Kritik, die ich vorher gelesen hatte, wurde das Licht sehr gelobt. Ich fand es interessant, aber die einzelnen Effekte irgendwie zu schlaglichtartig und zusammenhanglos, was aber gut an meinem billigen Platz oben links gelegen haben kann. Jetzt würde ich gerne schreiben: Hingehen, angucken, aber das kann ich trotz Cencic, Prina und Lacroix nur denjenigen empfehlen, die sicher sind, die Musik von Gluck nicht langweilig zu finden. Und wenn, dann auf jeden Fall einen Platz in der Mitte oder rechts. Mehr Infos zu den weiteren Terminen, Szenenfotos und ein sehenswertes Video gibt es auf der Homepage der Oper Frankfurt. Der spannendste und emotionalste Moment des Abends war übrigens der, in dem ich mutterseelenallein nachts um halb zwölf vor dem Kassenautomaten des Parkhauses stand und das dumme Ding den einzigen Geldschein, den ich noch dabei hatte, einfach nicht schlucken wollte – es ging dann doch, nach gefühlten 100 Versuchen.

Nebensache: Hokuspokus geht in die Oper

Um es gleich vorweg zu sagen, ich habe keine Ahnung von Musik, spiele kein Instrument und kann keinen geraden Ton singen. Doch seit etwa einem Jahr hat mich der Opernwahn in den Klauen und ich hoffe, er lässt so schnell nicht mehr los. In meinem speziellen Fall konzentriert sich der Wahn auf die Musik des Barock, Händel, Vivaldi und Konsorten. Zuerst habe ich gehört und gesehen, was das Netz so her gibt (erstaunlich viel!) dann habe ich angefangen CDs zu kaufen und im Mai habe ich mich dann das erste mal getraut, eine Oper live anzusehen. Fantastisch!

Es ist ein ganz besonderes Erlebnis, handgemachte Musik live zu erleben. Wir sind ja so an Konserven, elektronische Verstärkung, digitale Bearbeitung gewöhnt. In einer Oper gibt’s das alles nicht, nur die Musiker mit ihren Instrumenten und die Sänger auf der Bühne. Und der Klang, der dabei heraus kommt, ist unbeschreiblich. Das kann man auch mit der besten Stereoanlage nicht zu Hause erleben.

Gestern also Idomeneo von Mozart in Frankfurt. http://www.oper-frankfurt.de/de/page1020.cfm?stueck=481

Nach Frankfurt zu kommen, ist immer ein Abenteuer. Ich mag nicht mit dem Auto fahren, weil ich mich nicht auskenne und dann in der Innenstadt einen Parkplatz suchen – du liebe Güte! Also S-Bahn. Das Bahnticket ist ja in der Eintrittskarte enthalten. Man stelle sich das vor, man bezahlt 13, 14, 15 € für einen der billigen Plätze und bekommt zusätzlich ein Bahnticket, das schon alleine genau so viel oder doppelt so viel kosten würde. Wenn das kein Deal ist! Also mit dem Auto an einen der nächsten Bahnhöfe, von denen ich hier einige zur Auswahl habe, und dann in den Zug, umsteigen in die U-Bahn und schon ist man da. So weit, so gut. Die Rückfahrt gestaltet sich da schon schwieriger. Es gibt auch nachts um elf noch genug Züge in meine Richtung, aber halten die dann auch an dem Bahnhof, an dem meine Auto steht? Und der Bahnhof, zu dem alle Züge fahren, hat ausgerechnet keinen Parkplatz. Mit etwas Getüftel findet sich dann eine Verbindung, die passt, aber wehe, wenn man die ver-passt, dann sitzt man eine Stunde in FfM fest, was für ein Mädel nachts allein keine angenehme Vorstellung ist.

Dann die nächste Frage: Was ziehe ich an? Diese Frage stellen sich Mädels ja gerne und öfters, aber mal ehrlich, was zieht „man“ denn in der Oper an? Das Netz ist voller aufgeregter Meinungen, was da alles „absolut uuunmöööglich“ ist. Vor meiner ersten Oper war das eine wichtige Frage für mich, hatte keine Lust, mir den lang ersehnten Opernabend durch die missbilligenden Blicke snobistischer Bildungsspießbürger trüben zu lassen. Hab mich dann für elegantes Schwarz mit einem etwas dramatischen roten Schal entschieden und lag nicht schlecht damit. Man sieht alles, karierte Hemden, schlabberigen Strickpullis und lange Abendroben, der Großteil des Publikums ist „fein gemacht“, etwa so, wie man auch zu einer Hochzeit oder dem runden Geburtstag der Großtante gehen würde, aber die „großen Geschütze“ sieht man selten. Ich finde es sehr schön, mich für so einen Anlass etwas eleganter anzuziehen, es unterstreicht das Besondere des Abends, aber ich würde mich nicht so weit erheben, über jemanden die Nase zu rümpfen, der in Jeans und Turnschuhen geht. Ganz im Gegenteil hätte ich eher Respekt für so ein Mode-Statement, ob bewusst oder unbewusst. Respektlos gegenüber den Künstlern finde ich so ein Out-fit jedenfalls nicht, die sehen das eh nicht wirklich. Wichtiger wird den Künstlern ein volles Haus, ein aufmerksames Publikum und der Applaus am Ende sein.

Wie war sie denn nun, die Oper gestern Abend? Schööön! Sehr schööön! Mozart ist einfach ein Genie. Idomeneo ist ein früher Mozart, ziemlich wild und hochdramatisch. Die Oper steht noch sehr in der Tradition der barocken Opera seria. Idomeneo (Daniel Behle), der König von Kreta, gerät auf dem Heimweg vom trojanischen Krieg in Seenot und gelobt Neptun, für seine Rettung den ersten Menschen zu opfern, den er zu Hause erblickt. Das ist ausgerechnet sein Sohn Idamante (Jenny Carlstedt). Idomeneo zögert das versprochene Opfer hinaus, versucht seinen Sohn zu retten, aber Neptun lässt nicht mit sich spaßen. Ein Ungeheuer erscheint (nur in der Musik, nicht auf der Bühne), verwüstet die Stadt und verschlingt die unschuldigen Bürger zu Tausenden. Idamante bietet sich schließlich freiwillig als Opfer an. Natürlich geht es auch um Liebe. Da ist die schöne trojanische Prinzessin Ilia (Anne-Catherine Gillet), die beide lieben, der Vater und der Sohn. Sie liebt Idamante, aber er ist ja der alte Feind. Dann ist da noch Elektra (Katie Van Kooten), die auch Idamante liebt, aber der will ja Ilia, die Tochter des alten Feindes. Welche Schmach! In moderneren Opern wird ja gerne viel gestorben, hier sind wir noch ein bisschen in der Nähe der Barock-Oper, wo es, egal wie sehr an den Haaren herbei gezogen, ein Happy End geben muss. Idamante und Ilia kriegen sich am Ende, aber die Freude ist getrübt. Idomeneo ist ein gebrochener Mann und Elektra hat eine furiose Zornesarie (für mich eins der Highlights des Abends!), die sie zumindest in dieser Inszenierung nicht überlebt.

Die Inszenierung hat mir gut gefallen, der Kern der Geschichte wird ohne viel Schnickschnack erzählt, was der Musik viel Raum lässt. Die Bühne ist karg, was ich mag. Nichts ist schlimmer, als Sänger, die sich im Dreck wälzen oder gegen überschäumende Regie- und Dekorationsidee ansingen müssen, weil der Regisseur unbedingt das Rad neu erfinden und dem Publikum seine Interpretation der Geschichte mit dem Holzhammer in den Kopf dreschen will. In der Oper will ich in erster Linie die Musik hören und die Geschichte erzählt bekommen. Je schlichter die Inszenierung, desto mehr kommt die Musik zu ihrem Recht, und interpretieren kann und will ich selbst, danke bestens. Natürlich ist jede Inszenierung auch eine Interpretation, diese kommt ohne Holzhammer und Geschmacklosigkeit aus, ganz meine Linie.

Die Sänger waren durch die Bank gut und besser, schöne Stimmen, mit viel Ausdruck und Gespür für die Rollen gesungen. Daniel Behle kannte ich schon von einer CD und habe mich besonders darauf gefreut, ihn live zu hören. Sehr schön! Mich nervt die elitäre Krümelpickerei, die man in vielen Rezensionen liest, kleine Schwächen hier, Schönheitsfehler da, blablabla, als wäre eine Besprechung nur komplett, wenn man möglichst an jedem Sänger auch was zu meckern findet. Das Orchester war toll. Zwischendurch musste ich mir immer wieder vergegenwärtigen, dass da unten plus/minus 20 Menschen sitzen, die diese fantastischen Klangwelten mit nichts weiter als ein bisschen Holz und Blech erzeugen. Nix Eletrick, aber ganz viel Können und perfektes Zusammenspiel. Der elitäre Bildungsbürger mag jetzt einwenden, dass man das von Profis ja wohl auch erwarten darf. Aber versuch doch mal, selbst etwas so perfekt hinzukriegen! Wer keine Bewunderung mehr für handwerkliches Können aufbringen kann, der kann eigentlich gleich zu Hause bleiben.

Die Oper Frankfurt ist übrigens mit dem Preis OPERA COMPANY OF THE YEAR 2013 ausgezeichnet worden, vor der MET, vor der Scala. Das will was heißen!

Also, liebe Leser, falls Ihr in der Nähe von Frankfurt wohnt, Idomeneo gibt es noch mal am 28.9. und am 6.10. Hingehen, anhören, ansehen! Es lohnt sich! Und wenn Ihr anderswo wohnt, gibt es vielleicht auch in Eurer Nähe eine Oper. Oper gucken ist ein kulturelles Abenteuer, das man mal gewagt haben sollte.

Ich freue mich als nächstes auf Ezio von Gluck, auch in Frankfurt, mit meinem absoluten Nummer 1 Lieblingssänger, dem fantastischen Counter-Tenor Max Emanuel Cencic. Wie es aussieht, wieder allein. Hat vielleicht jemand Lust, sich das mit mir zusammen anzutun?