Frisch geschlüpft: Sammlung kurzer deutscher Prosa 46

Cover

Und wieder ist ein interessanter Streifzug kreuz und quer durch die Literatur zusammengekommen. Diesmal dabei:

01 Das Faß Amontillado von Edgar Allan Poe, übersetzt von Gisela Etzel, gelesen von Hokuspokus – 20:03
02 Der Schatten von Hermann Stehr, gelesen von Ramona Deininger-Schnabel – 36:16
03 [David und Goliath] 1 Samuel 17 aus der Lutherbibel, gelesen von Willi Rabe – 12:43
04 Weibertreu von Unbekannt, gelesen von DomBombadil – 4:05
05 Ritter Gluck von E. T. A. Hoffmann, gelesen von Hokuspokus – 31:08
06 Posthuma von Theodor Storm, gelesen von Cyamis – 8:24
07 Vor der Galavorstellung von Octave Mirbeau, übersetzt von Franz Weil, gelesen von Bernd Ungerer – 17:05
08 Im Jahre 1984 von Heinrich Seidel, gelesen von Hokuspokus – 22:23
09 Ein verirrter Telephondraht (aus: Der Marsspion und andere Novellen) von Carl Grunert, gelesen von Bernd Ungerer – 25:16
10 Der Schmugglersteig (aus: Haschisch) von Oscar A. H. Schmitz, gelesen von Bernd Ungerer – 40:35
11 Die dreifache Warnung von Arthur Schnitzler, gelesen von Hokuspokus – 13:07
12 Der erste Brief des Paulus an die Korinther, Kapitel 1-10 aus der Lutherbibel, gelesen von DomBombadil – 38:07
13 Im Volksgarten von Peter Altenberg, gelesen von Hokuspokus – 2:34
14 Generationen von Rainer Maria Rilke, gelesen von Eva K. – 5:49
15 Der weiße Wolf von Ludwig Bechstein, gelesen von Hokuspokus – 9:51

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Frisch geschlüpft: Sammlung kurzer deutscher Prosa 45

Cover

Diesmal dabei:

01 – Heilungs-Amputation von Franz Gräffer, gelesen von Julia Niedermaier 06:20
02 – J. H. Obereits Besuch bei den Zeit-egeln von Gustav Meyrink, gelesen von Hokuspokus 26:11
03 – Verteidigung des Unsinns von G. K. Chesterton, gelesen von DomBombadil 07:59
04 – [Die Belagerung von Dresden] Brief an Kunz von E. T. A. Hoffmann, gelesen von Hokuspokus 07:59
05 – [Die Belagerung von Dresden] Tagebucheinträge von E. T. A. Hoffmann, gelesen von Hokuspokus 10:55
06 – Der Verstandverkäufer (aus: Schwänke vom Bosporus) von unbekannt, gelesen von BigLil 05:02
07 – Nachbar Krippelmacher von Ada Christen, gelesen von Klaus Neubauer 23:58
08 – In der Spinnstuben von Lena Christ, gelesen von keltoi 04:47
09 – Die Postkutsche von Manfred Kyber, gelesen von Hokuspokus 09:19
10 – Das Männchen mit dem Kohlkopf von Manfred Kyber, gelesen von Hokuspokus 08:18
11 – 14 – Mitteilungen aus den Memoiren des Satan, Einleitung, Kapitel 1 – 4 von Wilhelm Hauff , gelesen von Hokuspokus 1:10:25
15 – Der Besuch im Carcer von Ernst Eckstein gelesen von Karlsson 36:24

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Besonders ans Herz legen möchte ich Euch den Besuch im Carcer. Die Geschichte von einem Schülerstreich gilt als Inspiration und Vorläufer des berühmten Heinz Rühmann Films Die Feuerzangenbowle. Karlsson liest ganz köstlich!

Die Sammlung enthält zwei Miniprojekte von mir, bei denen ich ganz froh bin, hier noch ein bisschen was dazu sagen zu können. E.T.A. Hoffmann hatte das Pech, auf dem Weg von Bamberg nach Leipzig in Dresden vom Krieg gegen Napoleon überrascht und für etwa einen Monat in der Stadt festgehalten zu werden. In einem Brief an seinen Verleger Kunz berichtet er davon. Die zweite Aufnahme enthält Hoffmanns Tagebucheinträge aus der Zeit. Extremer Telegrammstil und dann noch direkt von Frakturscann gelesen. Das war nicht so einfach. Hab die Hälfte der Rohaufnahme rausgeschnitten. Einen Schnipsel habe ich Euch aufgehoben.

Ein etwas ungewöhnliches Projekt, das mir schon lange in der Nase steckte, sind die Mitteilungen aus den Memoiren des Satan von Wilhelm Hauff. Nur die Einleitung ist wirklich interessant, die dafür um so mehr. Die Einleitung erzählt in 4 Kapiteln, wie der Herausgeber an die Memoiren kam. Die Memoiren selbst handeln vom deutschen Kulturbetrieb vor 200 Jahren, die meisten Namen kennt man nicht (mehr) und so entgeht einem der Witz, weil man die Zusammenhänge nicht kennt.
Die Einleitung ist eine in sich abgeschlossene Geschichte, in der Hauff den Gentleman-Teufel quasi erfindet. Mir jedenfalls ist kein früheres Auftauchen des Salon-Satan bekannt.

Die nächste Sammlung ist bereits eröffnet und jeder ist eingeladen, etwas dazu beizutragen.

 

 

E.T.A. Hoffmann

In letzter Zeit bin ich bei Archive.org auf ein paar sehr interessante Scanns gestoßen, die ich den Hoffmann Fans unter Euch nicht vorenthalten möchte. Zwei Schmankerl zuerst:

E.T.A. Hoffmann und sein Leihbibliothecar; fünf Billets Hoffmanns an Kralowsky. Davon wurden nur 200 Exemplate gedruckt. Hier kann man Hoffmann bei der Recherche über die Schulter schauen. (Hrsg. Hans von Müller)

Hoffmann und Härtel: Neue Mitteilungen über ihren Verkehr in den Jahren 1799-1819 ist ein Privatdruck in 250 Exemplaren, der uns Einblick gibt, wie Hoffmann sich immer wieder durchwusteln musste, unter anderem auch als Musikalienhändler. Der Notendruck war damals gerade mal 50 Jahre erfunden. (Hrsg. Hans von Müller)

Im persönlichen und brieflichen Verkehr: Sein Briefwechsel und die Erinnerungen seiner Bekannten Bd I Briefe an Hippel (seinen ältesten und engsten Freund)

Im persönlichen und brieflichen Verkehr: sein Briefwechsel und die Erinnerungen seiner Bekannten. Bd II-1

Im persönlichen und brieflichen Verkehr: sein Briefwechsel und die Erinnerungen seiner Bekannten. Bd II-2

Im persönlichen und brieflichen Verkehr: sein Briefwechsel und die Erinnerungen seiner Bekannten. Bd II-3 Anhänge (alle 4 Bände Hrsg. Hans von Müller)

E.T.A. Hoffmanns Tagebücher und literarische Entwürfe. Hoffmann schreibt in seinen Tagebüchern extremen Telegrammstil, aber die Mühe lohnt sich. (Hrsg. Hans von Müller)

E.T.A. Hoffmann; Studien zu seiner Persönlichkeit und seinen Werken von Arthur Sakheim. Hier schreibt ein Fan. Interessant die Informationen zur Hoffmann-Rezeption außerhalb Deutschlands.

E.T.A. Hoffmann: Das Leben eines Künstlers. Bd I, von Walther Harich

E.T.A. Hoffmann: Das Leben eines Künstlers. Bd. II, von Walther Harich

Das ist natürlich alles schon älter. Gerne würde ich auch einmal eine aktuelle Hoffmann Biographie lesen. Wikipedia listet ja einige, aber kann jemand von Euch vielleicht eine gute empfehlen?

Mord. Erzählungen aus dem 19. Jahrhundert

Es hat mich mal gereizt, Herausgeber zu spielen. Das ist eine spannende Sache. Als erste (Schand)tat präsentiere ich Euch eine Auswahl erlesener Morde.

Es gibt viele Kriterien, nach denen man so eine Auswahl zusammenstellen kann. Die äußere Grenze bildet meine Belesenheit. Alle Mordgeschichte, die ich kenne, sind es aber auch nicht. Man vermisst natürlich die berühmten Werke von Poe, Der Doppelmord in der Rue Morgue und Das Geheimnis der Marie Rogêt. Diese beiden sind nicht enthalten, weil sie so sattsam bekannt sind und man sie in einer solchen Auswahl erwarten würde.
Erwarten würde man auch Das Fräulein von Scuderi, und doch ist diese Erzählung enthalten, aus keinem besseren Grund als dass ich sie sehr mag. Die Geschichte von der abgehauenen Hand ist enthalten, weil Leser von Mordgeschichten nicht in Märchenbüchern nach Lesestoff suchen.
In Die Sängerin erzählt Hauff zwar nur einen versuchten Mord, verwendet aber schon sehr viele Elemente der späteren Kriminalerzählung. Die Scuderi wird immer genannt, wenn es um die Entwicklung des Krimis geht, Die Sängerin habe ich nie in diesem Zusammenhang erwähnt gefunden, mag es sein, weil die Erzählung so unbekannt ist, mag es auch sein, weil Hauff damit seiner Zeit so weit voraus war, dass spätere Autoren diese Elemente neu erfunden haben und sie sich nicht auf Hauff zurückführen lassen.
Selbst der träumende Lyriker Mörike hat einmal über Mord geschrieben. Schon das rechtfertigt die Anwesenheit von Lucie Gelmeroth in dieser Auswahl.
In Das schwatzende Herz erzählt der Mörder selbst seine Geschichte. Auch sattsam bekannt, aber mit das Beste, was Poe geschrieben hat, musste unbedingt mit rein (das Pochen im Bücherregal hätte mich sonst zur Verzweiflung gebracht).
Die Hand ist ein Alptraum von einem Mord, unaufgeklärt, weil das Übernatürliche nicht gerichtsrelevant ist.
Ein Wahnsinniger kommt ganz ohne das Übernatürliche aus und ist darum um so beklemmender. Es wäre interessant zu wissen, ob Maupassant Das schwatzende Herz gekannt hat.
Und zum Schluss ein Mord von Storm, nun, eigentlich ist Ein Doppelgänger eine beklemmend realistische Studie über einen Totschlag. Die Novelle erlaubt uns aber wie einige andere in diesem Band einen Blick in die Seele des Täters.
Um 1900 geht es dann mit dem Kriminalroman so richtig los. Man denkt sofort an Arthur Conan Doyle, Gilbert Keith Chesterton, Friedrich Glauser. Dort ist das Genre voll ausgebildet, in dieser Auswahl schauen wir auf die Anfänge. Keine Krimis im heutigen Sinne, aber schon damals Mord wohin man schaut, auch dort, wo man ihn gar nicht suchen würde.

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Eigentlich verwundert es wenig, dass ich fast alle Erzählungen auch für LibriVox aufgenommen habe. Nur Ein Doppelgänger fehlt noch, steht aber schon auf der Liste.

Lebens-Ansichten des Kater Murr

nebst fragmentarischer Biographie des Kapellmeisters Johannes Kreisler in zufälligen Makulaturblättern von E.T.A. Hoffmann

Ein Kater, der schreibt. Nun, von Hoffmann sind wir ja einiges gewohnt. Diesmal ein schreibender Kater, der uns seine Lebensansichten mitteilt. Erlebt hat er ja einiges, der Murr. Schon als Katzenbaby beinahe aufgefressen und beinahe ertränkt, wird er von dem gelehrten Meister Abraham aufgenommen und schaut ihm die Fertigkeit des Lesens und dann des Schreibens ab. Er liest sich plan- und wahllos durch Abrahams Bibliothek, häuft dabei jede Menge „Bildung“ an, aber keine Weisheit. Auch seine Ausflüge in die Welt der Katzen und Hunde machen ihn nicht klüger, denn er dünkt sich den anderen Tieren sowieso schon weit überlegen. Eine Satire auf den Bildungsroman, gespickt mit jeder Menge Zitaten, und weil’s von Hoffmann ist, auch amüsant zu lesen.

Das allein würde uns Lesern aber nicht genügen. Obwohl, es soll Ausgaben nur mit dem Murr Teil der Geschichte geben. Da hat man Hoffmann aber so was von missverstanden. Zum Glück des Lesers hat Murr ein Manuskript seines Besitzers zerrissen, um die Blätter als Unterlage und Löschblätter zu verwenden. Diese losen Seiten sind aus Versehen auch an die Druckerei gegangen und mit abgedruckt worden. Sie beinhalten die fragmentarische Biographie des Kapellmeisters Johannes Kreisler und machen 2/3 des Buches aus. Kreisler ist eine echte Künstlernatur. Gerade hat er seine Anstellung an einem Fürstenhof fluchtartig verlassen, weil er sich mit der Jobbeschreibung (wie man heute sagen würde) nicht arrangieren konnte. Eher zufällig kommt er nach Sieghartsweiler und bringt dort alles durcheinander. Dieses Sieghartsweiler ist so recht eine Schöpfung Hoffmanns. Es ist die Residenz des nicht mehr regierenden Fürsten Irenäus, dessen Ländchen in einem größeren Herzogtum aufgegangen ist. Der Fürst lässt sich seine fürstliche Hofhaltung aber trotzdem nicht nehmen. Alles nur Staffage und Dekoration, aber trotzdem hochwichtig für alle Beteiligten. Hier begegnet Kreisler auch einem Meister Abraham, den er von früher kennt. Dieser Abraham ist aber Orgelbauer, was der aus der Murr-Geschichte nicht ist. Auch Kreisler ist uns schon bei Murr begegnet, allerdings nicht als Kapellmeisters. Was ist Wirklichkeit, was Fiktion? Ein schreibender Kater kann ja nun wirklich nicht wirklich sein. Und doch ist die Geschichte Kreislers noch viel fantastischer.

Kreisler verläuft sich also in den Park des Fürsten Irenäus und stolpert dort über die Tochter des Fürsten, die Prinzessin Hedwiga, und deren Freundin Julia. Julia ist fasziniert von dem Künstler, Hedwiga entsetzt. Im Grunde aber verlieben sie sich beide in ihn. Und Kreisler? Man ahnt, dass er für beide Frauen Gefühle entwickelt, aber das ist gar nicht so wichtig. Die Musik, seine Musik, ist viel wichtiger. Überhaupt ist Musik sehr wichtig in diesem Buch. Hoffmann war ja auch Musiker und Komponist.

Dann ist da noch die Rätin Benzon, Julias Mutter, die mit dem Fürsten viel vertrauter ist, als die Öffentlichkeit wissen darf. Das ist eine Geschichte, die nicht erzählt, nur angedeutet wird. Die Geschichte von dem Orgelbauer Abraham und seinem unsichtbaren Mädchen wird erzählt, auch die Geschichte vom verrückten Maler, der Hedwiga einst so sehr erschreckte, die Geschichte des Mönch, der von der Jungfrau Maria wieder ins Leben zurückgebracht wurde, die Geschichte des Prinzen, der – aber halt, hier will ich nicht zu viel verraten. All diese Geschichten sind miteinander verflochten, bilden ein Netz, in das sich Kreisler immer mehr verstrickt.

Diese verwickelten Geschichten und Bruchstücke von Geschichten werden immer wieder unterbrochen von den Ergüssen des Kater Murr, die ohne Zusammenhang dazwischen auftauchen und die Kreislergeschichte an den spannendsten Stellen unterbrechen. Ohne Zusammenhang? So scheint es, und doch bilden sie einen raffinierten Kontrapunkt zur Kreisler-Melodie. Das eine kommentiert das andere durch die Hintertür.

Überhaupt wird Hoffmann hier sehr autobiographisch, nicht nur, was die Musik angeht. Kreislers Vita enthält viele Elemente aus Hoffmanns eigener Kindheit und Jugend. Auch Kreisler war zunächst Jurist. Hoffmann hat unter dem Namen Johannes Kreisler in der Leipziger Allgemeinen Zeitung Musikrezensionen veröffentlicht. Und er war unsterblich in eine Julia verliebt, als er schon lange verheiratet war. Auch dass Hoffmann besonders im zweiten der beiden Bände sehr viel von Religion spricht, scheint mir autobiografisch begründet.

Die Auflösung seines Geschichtennetzes bleibt Hoffmann uns schuldig. Am Ende des Buchs in zwei Teilen verspricht er einen dritten, der zur Ostermesse erscheinen soll, der kam aber nie. Hoffmann ist im Jahr der Veröffentlichung des zweiten Bandes gestorben. Aber war ein dritter Band wirklich geplant oder ist der dritte Teil auch nur eine Fiktion? Hat Hoffmann sich hoffnungslos in seinem eigenen Netz verfangen und konnte es nicht mehr auflösen? Oder wollte er es vielleicht von Anfang an nicht auflösen? Wollte er uns selbst die Auflösung überlassen? Die Entscheidung, in welcher Welt wir leben wollen, wie wir die Welt sehen wollen? Die Auflösung der Geschichte nach der Weltsicht des Katers liegt auf der Hand – und wäre furchtbar. Eine Auflösung à la Kreisler kann nur besser sein. Doch wie könnte die aussehen? Happy End nicht in Sicht, aber die Geschichte geht weiter, in unseren Köpfen.

Neugierig? Lesen! Lohnt sich.

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Karl Wilhelm Salice-Contessa (1777-1825)

Schon wieder ist es der ungewöhnliche Name, der mich auf diesen interessanten Autor aufmerksam gemacht hat. Kein großer Autor, kein bedeutender Autor, aber viel zu interessant, um vergessen zu bleiben, denn vergessen ist er leider fast ganz. Man erinnert sich seiner eigentlich nur noch als einen der Serapionsbrüder um E.T.A. Hoffmann.

Entsprechend spärlich sind die Quellen zu seinem Leben. Der Wikipedia-Artikel ist fast schon winzig und die Allgemeine Deutsche Biographie gibt noch weniger her, verweist aber auf das Vorwort der Gesammelten Schriften, herausgegeben von Contessas Freund aus Jugendtagen, Ernst von Houwald, ebenfalls Schriftsteller und Dramatiker. Hier schreibt der Freund über den erst ein Jahr zuvor verstorbenen Freund. Ich könnte das jetzt zusammenfassen, aber mich berührt die Freundschaft und Liebe, die einem aus den Zeilen entgegen weht so sehr, dass ich Houwald leicht gekürzt selbst zu Wort kommen lassen möchte.

[…] Was von ihm bereits durch den Druck bekannt geworden ist, hat diesem Verfasser die allgemeine Achtung erworben, so daß man dem Namen Contessa einen ehrenvollen Rang unter den Schriftstellern Deutschlands angewiesen hat. Seine dramatischen Dichtungen werden fortwährend und gern auf den Bühnen gesehen, und wegen der geistreichen und fleißigen Behandlung ihres Stoffes, und wegen der überraschenden Wahrheit der Charaktere zu den besten deutschen Lustspielen gezählt. Seine Novellen, reich an Humor, wie an Tiefe des Gefühls, hat man wegen ihrer lebendigen, oft großartigen und dennoch einfachen Darstellung; und wegen der reinen prunklosen gediegenen Sprache als Muster aufgestellt; man hat den Verfasser stets zu den wenigen gezählt, die mit einfachen und gering scheinenden Mitteln bedeutende Wirkungen hervorzubringen wußten, und in ihm deshalb einen Dichter geehrt, der im ruhigen Gefühl seiner Geisteskraft und Sicherheit alle die gewöhnlichen Hülfsmittel, ein schnelles Aufsehen zu erregen, verschmähte, und der immer nur dasjenige anspruchslos darstellen mochte wozu ihn sein Genius aufforderte.

Ein solcher Dichter darf nicht untergehen, ihn wird sein Vaterland nicht vergessen wollen! Es hat vielmehr ein Recht zu der Forderung, daß diejenigen, welche dem Vollendeten am nächsten gestanden, seine geistigen Verlassenschaften nunmehr dem Volke, dem er angehörte, als ein rechtmäßiges Erbe desselben ausantworten sollen. Diesem Gefühle, dieser Überzeugung bin ich gefolgt; ich habe die sämmtlichen Schriften meines Freundes aus diesem Nachlasse gesammelt, sie nach der Zeit ihrer Entstehung geordnet, und so eine heilige Pflicht erfüllt.

Früher gedachte ich, auch seine Lebensbeschreibung diesen Werken anzufügen, sie sollte aus der Feder eines seiner im nächsten Freunde, des Biographen von Callot-Hoffmann und Zacharias Werner fließen, der ihm bis zum letzten Augenblicke mit am nächsten gestanden hat, und deshalb auch willig die Hand dazu bot. – Als wir jedoch die wenigen Materialien hierzu gemeinschaftlich zusammengestellt hatten, und die erste Skitze seines Lebensbildes vor uns stand, wurde es uns bald klar, dass es sich zur weiteren Ausführung und öffentlichen Mittheilung nicht eigne, weil es trotz der reichen Ausstattung, welche Contessa von der Natur erhalten, trotz seiner seltnen Geistesbildung, seiner anspruchslosen Liebenswürdigkeit im Umgang, seines durchaus edlen Sinnes, dennoch nur die Züge eines äußerlich unbedeutenden, an interessanten Ereignissen armen, durch Verstimmung und Kränklichkeit vielfältig getrübten, ja wohl verfehlten Lebens geben würde. Ich habe es daher vorgezogen, bloß ein treues Bild des Dichters mit dem sehr gelungenen Kupferstiche, und, als seine vollständigste Charakteristik, seine Schriften selbst dem Publikum zu übergeben. Nur folgende kurze Nachrichten über ihn mögen hier noch Platz finden:

Carl Wilhelm Salice Contessa wurde zu Hirschberg in Schlesien, wo sein Vater ein reicher angesehener Kaufmann war, am 19. August 1777 geboren. Nach dem Tode des Vaters bezog er im Jahre 1794 das Pädagogium zu Halle und ging als einer der ausgezeichnesten Zöglinge desselben im Jahre 1798 auf die Universität nach Erlangen. [Studium der Rechtswissenschaften] Nach einem Aufenthalte von einem Jahre hier kehrte er von dort nach Halle zurück, reiste dann im Winter 1800 auf einige Monate nach Paris, und begab sich im Sommer 1802, nachdem er sich in Halle mit Johanna Jahn verheiratet hatte, nach Weimar, um dort als Privatmann zu leben. Der Tod trennte diese Ehe bald, die Mutter starb mit ihrem Kinde im ersten Wochenbette. Contessa ging hierauf im Jahre 1805 nach Berlin, und ließ hier, im Verein mit seinem ältern Bruder, zuerst einige seiner Dichtungen im Druck erscheinen. Im Jahre 1808 verheiratete er sich zum zweiten Male mit Henriette Nauendorf, von welcher ihm sein jetzt noch lebender Sohn geboren wurde. Auch in Berlin führte Contessa ein höchst eingezogenes nur von wenigen gekanntes Privatleben. Eine öffentliche Anstellung hat er nie gesucht, er widmete seine Zeit abwechselnd einigen literarischen Arbeiten, oder selbstgewählten oft veränderten wissenschaftlichen Studien, als alter und neuer Literatur, Mineralogie, Geschichte u.s.w. oder künstlerischen Beschäftigungen, als Musik und Malerei. Im Jahre 1816 starb ihm auch die zweite Gattin, worauf er Berlin verließ, und nunmehr den Aufenthalt in meinem Hause wählte, um seinen sechsjährigen Sohn mit meinen Kindern erziehen zu lassen. Seit jener Zeit genoss ich nun das seltne Glück meinen ältesten vertrautesten Freund völlig als ein Mitglied meiner Familie betrachten und mit ihm alles was das Leben giebt, selbst jeden Gedanken teilen zu können; bis er sich im Herbst des Jahres 1824, seines bedenklichen Gesundheitszustands wegen, auf einige Monate nach Berlin zu wenden beschloss, wo er Heilung zu finden hoffte. […] und starb dort am 2. Juni 1825. Auf dem St. Hedwigs Kirchhofe in Berlin […] bezeichnen folgende Worte auf einem einfachen Denkmal seine Grabstätte:

Hier ruht Karl Wilhelm Salice Contessa,geboren zu Hirschberg in Schlesien, am 19. August 1777,gestorben zu Berlin, am 2. Juni 1825.

Als Freund den Freunden, als Mensch allen, die in kannten, als Dichter dem ganzen Deutschland teuer und unvergesslich!

Endlich muss ich noch erwähnen, daß mir die Achtung und Liebe, in welcher der Verstorbene allgemeinen stand, aufs neue wieder recht offenbar geworden ist, während ich seine Schriften sammelte; denn man hat mir nicht allein zu dem vollständigen Gelingen dieses Unternehmens allenthalben bereitwillig die Hand geboten, sondern auch die frühern Verleger von Contessas einzelnen Schriften, und namentlich sein erster Verleger, Herr Buchhändler Reimer in Berlin, und die Herren Buchhändler Dümmler in Berlin und Arnold in Dresden haben zu Gunsten des Sohnes, für dessen Vorteil die Schriften des Vaters hier in einer Gesammtausgabe erscheinen, auf alle Ansprüche freiwillig verzichtet, die ihre frühern Verlagsrechte ihnen gesetzlich hierauf gewähren könnten. –

Die Oper: Der Liebhaber nach dem Tode! hatte Contessa eigentlich für seinen Freund Callot-Hoffmann gedichtet, der, nachdem ihm Fouque’s Undine gelungen war, nun auch eine Dichtung von Contessa komponieren wollte. Er [Hoffmann] wurde jedoch hierbei vom Tode überrascht. […]

Neuhaus bei Lübben in der Niederlausitz,
den 1. März 1826.
Ernst von Houwald

(Quelle: Scann bei archive.org https://archive.org/details/cwcontessasschr01contgoog)

Bekannt war Contessa wohl vor allem wegen seiner Lustspiele, die auch den größten Teil seines Werkes ausmachen. Interessanter aus heutiger Sicht sind seine Novellen und Märchen. Die Novellen erinnern sehr an Hoffmann, sind handwerklich sorgfältiger aber nicht ganz so inspiriert wie die des berühmten Freundes. Seine Märchen sind etwas ganz besonderes, selbst in dieser an Märchensammlern und Märchenerzählern so reichen Epoche. Sie erinnern mich irgendwie an Tolkien, obwohl mehr als 100 Jahre zwischen den beiden liegen, vielleicht, weil sich beide ganz bewusst von einer reichen Tradition zu etwas ganz Neuem und Eigenständigen inspirieren ließen und dabei mit einer nicht zu überhörenden Spielfreude ans Werk gingen.

Trotzdem Contessas Lustspiele sehr beliebt waren, konnte er von seiner schriftstellerischen Arbeit allein nicht leben und war auf die Unterstützung seines Bruders Christian Jakob Salice-Contessa angewiesen, der nicht nur Großkaufmann und Kommunalpolitiker sondern auch Schriftstellen war.

In der Berliner Zeit sollen Contessa, Hoffmann und de la Motte Fouqué einmal in einem Biergarten im Tiergarten beobachtet haben, wie einem jungen Fräulein, das mit seiner Familie in diesem Lokal war, ein Billet zugesteckt wurde. Das Mädchen las das Billet in einem unbeobachteten Moment und eine Träne ran über seine Wange. Die drei malten sich aus, was für eine Geschichte wohl hinter dieser Szene stecken mochte und verabredeten, dass jeder eine Erzählung darüber verfassen solle. Hoffmann schrieb darauf Ein Fragment aus dem Leben dreier Freunde und Contessa Die Schatzgräber.

Die Schatzgräber, Das Gastmal und Das Schwert und die Schlagen gibt es als Hörbuch bei LibriVox.

Das gesamte erzählerische Werk könnt Ihr teils als für den eReader aufbereitete Scanns, teils als epub bei Archive.org herunterladen.

Wer E.T.A. Hoffmann mag, wird auch von Contessa nicht enttäuscht werden.

Die Liste in meinem Kopf – Zukünftige Baustellen

Die Liste in meinem Kopf, auf der die Bücher stehen, die ich vielleicht, wahrscheinlich, ganz sicher irgendwann mal aufnehmen will, ist mal wieder ein Stück kürzer geworden. „Die acht Gesichter vom Biwasee“ von Max Dauthendey (japanische Liebesgeschichten) habe ich als Solo angefangen, „Deutsche Literaturgeschichte in einer Stunde“ von Klabund ist als Gruppenprojekt gestartet, wird aber wohl etwas mehr als 3 Stunden lang sein, wenn es fertig ist. Es sind noch Sektionen offen, falls jemand Lust hat, sich zu beteiligen. Man braucht nur ein Mikrophon und etwas Mut.

Als nächstes wird es dann wahrscheinlich „Das Geheimnis der alten Mamsel“ von Eugenie Marlitt als Gruppenprojekt geben. Eugenie Marlitt wird als eine der erste Bestsellerautorinnen der Welt angesehen. Sie schrieb am Ende des 19. Jahrhunderts wahre Perlen der Unterhaltungsliteratur. Von ihr haben wir schon „Die Frau mit den Karfunkelsteinen“ im LibriVox-Katalog, das sich großer Beliebtheit zu erfreuen scheint.

Schön wäre auch „Das alte Testament in Auszügen“. Auf englisch gibt es die Bibel in verschiedenen Übersetzungen mehrmals komplett, auf deutsch hat LibriVox gerade mal drei Bücher und ganz wenige Auszüge im Katalog. Jonas und der Wal, Die Mauern von Jericho, Susanna im Bade, jeder kennt die Schlagworte, aber kaum einer hat sie wirklich gelesen. Dabei durchziehen diese Bilder und Geschichten unsere ganze Kultur, tauchen immer wieder in Literatur, Musik und bildender Kunst auf. Noch wichtiger: Die Bibelübersetzung von Luther hat unsere Sprache entscheidend mitgeprägt.

„Der Ursprung der Familie, des Privateigenthums und des Staats“ von Friedrich Engels würde ich auch gerne im Katalog sehen. Seine Gedanken zur Entwicklung der menschlichen Gesellschaft sind sehr interessant, gar nicht mal überholt und außerdem schreibt Engels eine sehr klare Prosa, selten im 19. Jahrhundert.

Wir haben erstaunlich wenig bekannte Unterhaltungsromane bei LibriVox. Die Bücher sind meistens ziemlich lang, da braucht der Buchkoordinator einen langen Atem, aber es würde sich schon lohnen. Man denke nur an „Ivanhoe“ von Walter Scott, „Der Graf von Monte Christo“ oder „Die Drei Musketiere“ von Alexandre Dumas, „In achtzig Tagen um die Welt“ von Jules Verne, die Liste ließe sich endlos fortsetzen. Schaun wir mal.

Auf meiner Solo-Liste steht ganz oben „Briefe, die ihn nicht erreichten“ von Elisabeth von Heyking, eine todtraurige Liebesgeschichte in Briefen. Heyking schreibt wunderschöne Prosa. Allein ihre Sprache ist schon Grund genug, das aufzunehmen. Interessant sind aber auch Zeit und Ort des Romans. In leichtem Plauderton berichtet die Briefeschreiberin von den gesellschaftlichen und politischen Verhältnissen in den USA (Ostküste) um 1900 an einen Freund in Peking, wo sie zuvor ein paar Jahre gelebt hat. Wenn sie von den gemeinsamen Erinnerungen an die Zeit in China schreibt, wird ihre tiefe Zuneigung zum Empfänger der Briefe zwischen den Zeilen immer deutlicher, doch mehr als Freundschaft durfte es zwischen den beiden offensichtlich nicht geben. Erst im Laufe der Romans erfährt der Leser, warum.

„Der Tee der drei alten Damen“ von Friedrich Glauser. Der Kriminalroman wäre für Legamus, er ist nicht PD in den USA.

„Das fremde Kind“ von E.T.A. Hoffmann. „Die Räuber“, „Der Magnetiseur“, „Der unheimliche Gast“ und vielleicht noch das eine oder andere aus den Nachtstücken, aber die haben wir ja schon. Hoffmann hat unglaublich viel geschrieben. Ich habe längst nicht alles gelesen. „Das fremde Kind“ habe ich sogar schon angefangen aufzunehmen, aber dann nicht weiter daran gearbeitet.

„Fledermäuse“ (Erzählungen) und „Die Abenteuer des Polen Sendivogius“ von Gustav Meyrink. In den Fledermäusen gibt es ein paar sehr berührende und weise Stücke, anderes hat den ironisch-augenzwinkernden Ton, der auch die Geschichten in „Des deutschen Spießers Wunderhorn“ so ergötzlich macht. Der Sendivogius hat lange nicht die Tiefe von „Walpurgisnacht“ oder „Der Golem“, ist aber spannende und vergleichsweise leiste Kost. Aber bevor „Der Engel vom westlichen Fenster“ nicht fertig ist, fange ich keinen weiteren Meyrink an. Ich hoffe, ich schaffe das diesen Winter, aber für Meyrink muss ich in der richtigen Stimmung sein.

„Florentinische Nächte“ von Heinrich Heine steht auch schon Jahre auf meiner Liste, seit ich einmal einen Auszug daraus für die Prosa-Sammlung aufgenommen habe. Ich liebe Heines Sprache. Präzise, klar und doch mit schönem Rhythmus und Klang. Es ist unendlich schade, dass er nicht mehr Erzählprosa geschrieben hat. Für die nächste Gedichtsammlung habe ich einen ganzen Gedichtzyklus von ihm aufgenommen, angeregt von einem Post auf Durchleser’s Blog, dass ich bei schreibtischmetamorphosen reblogged gefunden habe. Das Blog ist ja noch ein ganz neues Spielzeug für mich und ich bin immer noch ganz beglückt von dieser neuen Welt, die sich da vor mir auftut.

Da ist sie nun, die Liste mit den Schätzen, die ich im Laufe der Zeit angehäuft habe. Und was mache ich, wenn sich der eine oder die anderen davon inspirieren lässt und die Texte vor mir aufnimmt? Ist schon ein paar mal vorgekommen, das jemand schneller war als ich. Dann habe ich das Buch von der Liste gestrichen. Wir haben so wenig auf Deutsch im Katalog und die Liste ist so lang, dass es schon ein bisschen Zeitverschwendung wäre, die Texte mehrfach aufzunehmen. Aber es gibt ein paar Schätze, in die ich so verliebt bin, dass ich sie vorlesen will, egal wie oft sie schon im Katalog stehen. Seit gewarnt.

Zum Schluss ein herzliches Dankeschön an die Buchmacher von MobileRead für die verlinkten eBooks.