Eugenie Marlitt (1825 – 1887)

 photo marlitt_zpsseykj5if.jpgSie war die Erfolgsautorin der Gartenlaube. Ihre Romane wurden ins Französische, Englische, Italienische, Russische, Polnische und Spanische übersetzt und sie gilt als erste Bestsellerautorin der Welt. Sie war einer der hellsten Sterne am Himmel der Unterhaltungsromane, doch in ihrem Leben war sie vom Pech verfolgt. Weiterlesen

Karl Gjellerup (1857-1919)

Da will man eine Autorenportrait schreiben und findet nichts, oder doch fast nichts, über das Leben eines Mannes, dessen Werk 1917 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde.

nach Wikipedia:
Karl Gjellerup wurde 1857 in Dänemark geboren. Der Vater, ein Pastor, starb drei Jahre später, die Mutter zog mit ihrem Sohn noch im selben Jahr zu ihrem Cousin, dem Schriftsteller und Pastor Johannes Fibiger nach Kopenhagen. Bereits zu Schulzeiten begann Karl Gjellerup zu schreiben. Karl Gjellerup sollte eigentlich wie sein Vater Pastor werden und absolvierte in Kopenhagen ein Studium der Theologie, das er 1878 mit Summa cum laude abschloss. Nach dem Studium veröffentlichte er erste Erzählungen unter Pseudonym. Eine kleine Erbschaft ermöglichte ihm eine ausgedehnte Europareise. Gjellerup lebte 1883 mehrere Monate in Rom; sein Rückweg führte ihn durch die Schweiz, Griechenland, Russland und Deutschland.

1884 heiratete er Eugenia Bendix, eine gebürtigen Dresdnerin. Der Wikipediaartikel nennt sie seine Geliebte, sie war bereits verheiratet.  War sie verwittwet? Geschieden? Der Artikel gibt keinen Aufschluss darüber. Die Liebesgeschichte der beiden soll Gjellerup in seinem Roman Minna (1889; dt. Seit ich zuerst sie sah, 1918) kaum verschlüsselt verarbeitet haben. (Das habe ich leider noch nicht gelesen.) 1892 ließ sich das Paar in Dresden nieder.

Ab 1894 ging Gjellerup dazu über, deutsch zu schreiben, oder jedenfalls seine Texte selbst ins Deutsche zu übersetzen, beides mit Unterstützung seiner Frau.

Gjellerup durchlief eine intensive buddhistische Phase.

„Gjellerups Buddhismus kennt mit der Beziehung zweier Menschen bis zum Nirvana einen positiven Wert im Weltlichen. Die Wiedergeburten erhalten erst unmittelbar vor dem Eintritt der Erlösung überwiegend leidhaften Charakter, der sich in sehr subtilen Formen der Erkenntnis der Nichtdauer zeigt. Zuvor wird das Wandern durch die Welten mit allen Irren und Wirren als große Pilgerreise nicht pessimistisch empfunden, sondern als Prozeß des Reifens.“ (Volker Zotz: Auf den glückseligen Inseln. Buddhismus in der deutschen Kultur. Berlin 200, S. 249–250.)

1917 erhielt Gjellerup den Literaturnobelpreis  „für seine vielseitig reiche und von hohen Idealen getragene Dichtung“. (aus der Begründung) Für das Preisgeld erfüllte er sich einen lang gehegten Traum und kaufte sich im September 1918 die „Villa Baldur“ im Dresdner Vorort Klotzsche. Nur ein Jahr später starb Gjellerup im Alter von 62 Jahren. Er liegt auf dem Alten Friedhof in Klotzsche begraben.

Das war’s. Mehr ist kaum zu finden. Gjellerup ist sowohl hier als auch in Dänemark vergessen. Kein Vereine kümmert sich um die Erhaltung seiner Werke. Dass wir überhaupt das Wenige so bequem nachlesen können, verdanken wir der Initiative einer Bloggerin:

Karl Gjellerup (1857-1919) – Ein Literatur-Nobelpreisträger in Dresden
von Paulae    @ 30.06.2008 – 23:10:12

Ja, wenn ich (fast) nichts zu tun habe, komme ich auf komische Gedanken. Einer der komischen Gedanken heute war der, was es eigentlich so für Friedhöfe in meiner Gegend gibt. Gut, unser Dorf hat einen, aber da liegen keine bekannten Leute drin. Dresden-Klotzsche war meine nächste Idee und prompt wurde ich fündig. Deutsche Literaturnobelpreisträger gab es ja nicht allzu viele und die sind auch nicht in Dresden begraben. Trotzdem gibt es einen Autor, der mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde UND in Dresden seine letzte Ruhe gefunden hat: Die Rede ist von dem dänischen Schriftsteller Karl Gjellerup, der 1917 ausgezeichnet wurde. [weiterlesen]

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Mir ist von Gjellerup zuerst sein Roman Die Weltwanderer (1910) in die Finger gekommen. Er spielt in Nordindien in der ersten Hälfte des vorletzten Jahrhunderts. Die Protagonisten sind ein weiser indischen Minister, ein deutschen Gelehrten, dessen hübsche Tochter und ein skrupellosen Engländer, der ein Freund Lord Byrons war. Auf den ersten Blick eine Abenteuergeschichte mit einer guten Dosis Liebe. Es geht um ein altes Manuskript, Thugs und Intrigen in einem erfundenen kleinen Fürstentum. Unter dieser spannend zu lesenden Oberfläche setzt sich der Autor mit dem buddhistischen Konzept der Wiedergeburt auseinander und gibt ihm seinen ganz eigenen Anstrich. Es hat mir auf Anhieb so gut gefallen, dass wir es bei LibriVox als Gruppenprojekt aufgenommen haben.

Hörbuch Download bei LibriVox

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Auch das nächste Buch, dass ich von Gjellerup las, war ein Volltreffer. Die Gottesfreundin (1916) ist ein historischer Roman über die Inquisition. Da haben wir zunächst die guten Ketzer, die nur in Frieden auf der Burg der Protagonistin ihrem weisen Meister und seiner Lehre folgen wollen. Dann rückt der böse Inquisitor an, um das Ketzernest auszuheben. Doch Burgfrau und Inquisitor sind einander seit frühester Jugend in Liebe verbunden. Der innere Kampf, der daraus resultiert, ist bewegender und spannender als der unvermeidliche Kampf um die Burg. Auch davon gibt es ein LibriVox Gruppenprojekt.

Hörbuch Download bei LibriVox

Danach habe ich noch das eine oder andere Buch von Gjellerup angelesen, aber bisher hat mich keins mehr so gefesselt wie diese beiden.

Beide Bücher gibt es auch bei MobileRead zum Selbstlesen.

Die Weltwanderer
Die Gottesfreundin

Friedrich Gerstäcker (1816-1872)

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Auch so ein vergessener, doch nicht ganz vergessener Autor. Immerhin bin ich ihm das erste mal zwischen den Regalen unserer Kleinstadt-Bibliothek begegnet.

Autor trifft es nicht ganz, Gerstäcker war in erster Linie ein Reisender, ein Abenteurer und erst in zweiter oder gar dritter Linie ein Schriftsteller. Man hat bei ihm den Eindruck, er habe geschrieben, um reisen zu können. „Die schriftstellerische Tätigkeit sagte mir allerdings insofern zu, als ich dabei ein vollkommen unabhängiges Leben führen konnte, aber ich hatte selber kaum eine Idee, daß ich je etwas Selbstständiges schaffen könne – die einfache Erzählung meiner Erlebnisse ausgenommen.“ (Gerstäcker in: Selbstbiographie zu einem Bilde in Die Gartenlaube.)

Gerstäcker wird heute hauptsächlich als Reise- und Abenteuerschriftsteller gehandelt, was auch sein Hauptwerk ausmacht. Seine Bücher waren eine der Hauptquellen für Karl May, der ja die Länder, in denen seine Geschichten angesiedelt sind, nicht selbst gesehen hat, bzw. erst sehr viel später touristisch bereiste. Ich habe einige von Gerstäckers Reisebeschreibungen und Romanen gelesen oder angelesen. Literarisch sind sie nicht berauschend, nicht poetisch oder besonders spannend. Was sie besonders macht, ist die Echtheit des wirklich Erlebten, die Unmittelbarkeit der Darstellung, die wie ein frischer Wind durch die noch sehr biedermeierliche Weltsicht seiner Leser gefahren sein muss. Aber das hat mich nicht dazu gebracht, hier über ihn zu schreiben. Ich mag seine kleinen Erzählungen und besonders seine Berichte, die er unter anderem in der Zeitschrift Die Gartenlaube veröffentlichte. (Die Gartenlaube ist eine höchst interessante Sache, über die ich unbedingt mehr lesen und vielleicht auch bald etwas schreiben werde.) Gerstäckers kleine Schriften zeigen, dass er ein sehr genauer und gut informierter Beobachter war, der sich vergleichsweise unbeeinflusst vom Zeitgeist seine eigenen Gedanken machte.

Nein, gebessert hat die Civilisation die Menschen nicht, und in ihren Leidenschaften und Trieben selbst wenig verändert, […] so sehen wir gerade in der Civilisation, so lange sie nicht unsere Herzen veredelte und uns selber besser machte, auch nichts anderes als die Kunst sich selber Bedürfnisse zu erschaffen, um sie dann zu befriedigen. (Gerstäcker in: Civilisation und Wildnis. Die Gartenlaube, 1855)

Geboren wurde er 1816 in Hamburg als Sohn eines Opernsängers und einer Schauspielerin (Opernsängerin nach einer anderen Quelle.) Nach der mittleren Reife begann er 1833 eine kaufmännische Lehre, brach sie aber nach ein paar Monaten ab. Er wollte nach Amerika auswandern! Dazu inspiriert hatten ihn der Roman Robinson Crusoe von Daniel Defoe und die ersten Lederstrumpferzählungen von James Fenimore Cooper. Seine Mutter konnte ihn überreden, zunächst eine landwirtschaftliche Ausbildung zu absolvieren und so vergleichsweise gut vorbereitet reiste er 1837 zum ersten mal nach Amerika.

Sechs Jahre lang reiste er kreuz und quer durch Nordamerika und verdiente sich seinen Lebensunterhalt als Heizer, Matrose, Farmer, Koch, Silberschmied, Holzfäller, Schokoladenerzeuger, Hotelier und Jäger. Er kam weit herum, von Kanada bis Texas und von Arkansas bis Louisiana, und er schrieb Tagebuch, dass er seiner Mutter schickte.

1843 kehrte er nach Deutschland zurück und verfasste sein erstes Buch: Streif- und Jagdzüge durch die Vereinigten Staaten Nordamerikas (1844) nach seinen Tagebüchern. Dann übersetzte er zunächst bekannte Autoren aus dem Englischen. Eigene Romane folgten. Die Regulatoren in Arkansas (1846) und Die Flußpiraten des Mississippi (1848) wurden zunächst in Zeitschriften veröffentlicht und machten ihn als Autor spannender Abenteuergeschichten bekannt.

Obwohl er 1845 geheiratet hatte, machte er sich 1849 zu einer weiteren großen Reise nach Südamerika, Kalifornien, Tahiti und Australien auf, von der er erst 1852 zurückkehrte. Eine solche Reise wäre auch heutzutage mit Reisebüros, Hotels, Satellitentelefonen, Internet und internationalem Geldtransfer ein großes Abenteurer. Um so mehr vor 160 Jahren. Gerstäcker verdiente sich unterwegs seinen Lebensunterhalt mit allen möglichen Arbeiten. Seine junge Familie war inzwischen durch die Erträge der bereits veröffentlichten Werke versorgt.

1860-61 folgte eine Reise nach Südamerika. 1861 starb auch seine Frau, ich konnte aber nicht herausfinden, ob vor oder nach Gerstäckers Rückkehr. 1862 war er Mitglied der Reisegesellschaft von Herzog Ernst II. von Sachsen-Coburg und Gotha, den er nach Ägypten begleitete. 1863 heiratete er ein zweites mal und 1867 brach er zu seiner letzten großen Reise auf, die ihn nach Nordamerika, Mexiko, und über die Westindischen Inseln nach Venezuela führte. Am Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 nahm er als Kriegsberichterstatter teil.

1872 starb er im Alter von 56 Jahren an einem Hirnschlag, mitten in den Vorbereitungen für eine weitere Reise, die ihn nach Asien und Indien führen sollte.

Man sollte meinen, dass ein solcher Mensch, hartgesotten durch seine sicher mehr als unbequemen und gefahrvollen Reisen, ein knallharter Realist war. Aber Gerstäcker hat mehr als eine Facette und in seinem Werk gibt es immer wieder Einsprengsel von Fantastischem und Spukhaftem, ganz besonders in seinem Roman Das alte Haus, den wir auch bei LibriVox haben. Man hat bei dem Buch den Eindruck, E.T.A. Hoffmann habe eine Fortsetzung zu Bulemanns Haus von Storm geschrieben.

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Es ist nicht geheuer in dem alten Haus nebenan, davon sind die Dienstboten im Hause Hechner fest überzeugt und auch im Städtchen gehen wunderliche Geschichten um von Lichtern in der Nacht und dem alten Herrn Quetzlinberger, der dort schon seit wohl 100 Jahren seine einsame Wacht halten soll. Manch einer möchte wohl gerne einmal einen Blick riskieren hinter die gelben Seidengardinen, doch das Haus ist verschlossen und versiegelt, denn schon lange streiten die Erben um das Haus und das hinterlassene Vermögen. Einzig die kleine Marie Hechner ist einmal durch die Verbindungstür im Treppenhaus des Hechnerschen Hauses nach nebenan geschlüpft und hat wunderliche Dinge dort gesehen. Oder war das alles nur ein Äthertraum? Jahre später, als das Erlebnis fast vergessen ist, nähert sich der Prozess um das Quetzlinbergersche Erbe seinem Höhepunkt. Der junge Herr Schierling soll sich als Haupterbe legitimieren. Gastfreundlich wird er von Familie Hechner aufgenommen, doch Marie kann es kaum fassen, als sie in ihm Gundelrebe aus ihrem Traum, einen der geisterhaften Bewohner des alten Hauses erkennt. Sein Hauptgegner in dem Prozess ist Doktor Hetzelhofer, der mit seiner Schwester, einer Freundin Maries, und seinem Famulus Schwiebus gegenüber dem verschlossenen Haus wohnt. Schwiebus‘ freundliches Wesen bildet einen krassen Gegensatz zu den grausigen fantastischen Geschichten, die er manchmal erzählt. Auch er scheint eine Verbindung zu dem alten Haus zu haben.

Ich wollte es unbedingt aufnehmen, nachdem ich es gelesen hatte, aber es war mir immer ein bisschen lang, andere Texte waren reizvoller und so habe ich es lange vor mir her geschoben. Bis dann Karlsson einen anderen Text von Gerstäcker ausgenommen hat: Das Wrack. Und da ich Karlssons Geschmack schon ein bisschen kannte, kam mir der Verdacht, Das alte Haus könne auch ihn interessieren. Also habe ich mal ganz beiläufig erwähnt, dass ich gerne Das alte Haus aufnehmen würde. Karlsson bestätigte meinen Verdacht und ohne langes hin und her haben wir uns darauf geeinigt, das Buch gemeinsam aufzunehmen. Die Arbeit daran gehört zu den angenehmsten Erfahrungen, die ich je bei LibriVox gemacht habe und ich denke, das merkt man dem Hörbuch auch an. Danke, Karlsson!

Bei der Recherche für dieses Post bin ich auf diesen interessanten Artikel in Das Blättchen gestoßen. Gerstäcker wird ja immer noch neu aufgelegt, aber wie der Blättchen-Autor Matthias Käther berichtet, hauptsächlich in stark überarbeiteter Form, was sehr schade ist. Ich halte das Kürzen und Überarbeiten alter Texte nicht per se für schlecht. Es kann dazu beitragen, einem Autor neue Leserschaft zu erschließen, aber eine Bearbeitung sollte auf jeden Fall gekennzeichnet sein und der Zugang zu den Originalen gewährleistet bleiben. Wie schön, wie wichtig ist es da, dass wir heute Digitalisate der Originalpublikationen von vielen Autoren über das Internet jederzeit zur Verfügung haben. Von Gerstäcker findet sich vieles im Zentralen Verzeichnis digitalisierter Drucke, besonders auch Sammelbände seiner kleineren Schriften, die er selbst besorgt hat.

Das ZVDD ist überhaupt eine Fundgrube für alte Texte, hier gibt es vieles, das noch nicht auf Gutenberg.org, Zeno.org oder Gutenberg DE zu finden ist und das man auch bei Archive.org vergeblich sucht. Die Scanns sind meist von sehr guter Qualität. Mehrere Gerstäcker Sammelbände habe ich mir dort besorgt und das eine oder andere wird bestimmt über kurz oder lang in der Prosa-Sammlung bei LibriVox auftauchen.

Quellen und Links:

Wikipedia
Allgemeine deutsche Biographie
Wikisource (Liste von Veröffentlichungen mit Links zu Quellen)
Gerstäcker bei ABLIT
Gerstäcker bei LibriVox
ZVDD Startseite
Auch MobileRead hat einiges von Gerstäcker. Titel und Links finden sich in dieser Liste.

Gustav Meyrink (1868-1932)

Von Meyrink war ja nun schon öfter die Rede, es wird Zeit, ihn ausführlich vorzustellen.

Geboren wurde er 1868 in Wien als unehelicher Sohn des württembergischen Staatsministers Karl von Varnbüler und der Hofschauspielerin Marie Meyer und hieß zunächst nach seiner Mutter Gustav Meyer. Den Engagements seiner Mutter folgend ging er in München, Hamburg und Prag zur Schule. Als unehelicher Sohn einer Schauspielerin im 19. Jahrhundert Abitur zu machen, das kann nicht einfach gewesen sein; in den Quellen heißt es, seine Kindheit sei unglücklich gewesen.

Als er mit 21 Jahren von seinem Vater „erhebliche Vermögenswerte“ (NDB) erhielt, gründete er in Prag zusammen mit Johann David Morgenstern, einem Neffen des Dichters Morgenstern, mit dem Meyrink verwandt war, das Bankhaus „Meyer und Morgenstern“. Glücklich hat das Vermögen ihn nicht gemacht, er trug sich mit Selbstmordgedanken, die er nur deshalb nicht ausführte, weil ein zufällig übersandtes Verlagsprospekt ihn zum Studium des Okkultismus anregte. Er war Mitglied in zahlreichen esoterischen Vereinigungen, aus denen er oft bald wieder austrat. Das Okkulte war um 1900 sehr in Mode, verschwurbelte Esoterik trieb die seltsamsten Blüten, aber Meyrink war kein verschwurbleter Schwärmer, er hatte ein wissenschaftliches Interesse und suchte nachprüfbaren Ergebnisse. Er unternahm Versuche in Alchemie, außersinnlicher Wahrnehmung und Telepathie. (Man kann dabei sehr seltsame Erfahrungen machen.)

1900 erkrankte er an einem Rückenmarksleiden, dass er mit Yoga therapierte, von dem er sich aber nie ganz erholte.

1902 verdächtigte man Meyrink des Betruges und nahm ihn in Untersuchungshaft. Die Anschuldigungen erwiesen sich als grundlos, aber der Skandal ruinierte sein Bankhaus. Notgedrungen wandte er sich der Schriftstellerei zu. Angeregt wurde er dazu von einem Schwager Alfred Kubins. Die Geschichte Der heiße Soldat soll erst im Simplicissimus erschienen sein, nach dem Ludwig Thoma sie aus dem Papierkorb gerettet hatte. Das war der Anfang einer Blitzkarriere. Meyrink wurde Mitarbeiter beim Simpicissimus. Seine satirischen Novellen wurden 1913 in drei Bänden gesammelt herausgegeben. Kurt Tucholsky hat sie geliebt. Er schreibt:

Ein neuer Klassiker

Wer hätte das gedacht! Meyrink, unser Gustav Meyrink in drei Bänden. Richtig in einer hübschen Kassette und: ›Gesammelte Schriften‹. Man wild alt.

Ja, nun werden ihn die Schulbuben in den Lesebüchern studieren müssen, und ich höre schon, wie mein kleines Enkelmädchen mühsam und ausdrucksvoll buchstabiert: »Bitt – Sie – was ist – das – – ei – gent – lich . . . Bus – – hi – – do – –? fragte der – Pan – ter – und – spielte – Ei – chel – ass – aus . . . « Und ihr fettes Fingerchen wird die Seiten herunter- und herauffahren müssen, und sie wird die Geschichte lesen von der Urne in Sankt Gingolph und die gemütvolle Legende vom Löwen Alois – und kurz und gut: da haben wir nun die ganze Teufelsbibel in drei Bänden wohlgeordnet vor uns liegen. Man wird alt.

Und liebevoll, nicht wie zum ersten Mal, aber schwelgend in Erinnerungen, lesen wir noch einmal alles, was uns damals aufrührte. Jeder hatte seinen eigenen Meyrink, jeder wußte neue Schönheiten zu berichten, die der andre noch gar nicht entdeckt hatte, und wenn wir uns abends nach Hause standen, brachen wir an jeder Straßenecke in ein Geheul aus (darob die Bürger erwachten), weil uns wieder etwas Neues eingefallen war von diesem Teufelskerl.

Wir kennen ja nun die hundert Meyrinks: den lyrischen und den hassenden und den lächelnden und den traurigen und den grinsenden und den schlagenden und den tötenden. Und beim Durchblättern ist uns manches wirklich neu, was wir vorher in alten Heften des ›März‹ und des ›Simplicissimus‹ uns zusammensuchen mußten, dürfen wir uns nunmehr auf der Zunge zergehen lassen: ›Die Belagerung von Serajewo‹ und ›Prag‹ und gar ›Montreux‹ – sehen Sie, das kannten Sie auch nicht! Und wenn man dann noch am Leben ist, darf man sich an dem bisher gänzlich unbekannten ›Wahrheitstropfen‹ erfreuen, an der Geschichte des Herrn Ohrringle. Und an ›Veronika, dem Heimatsschwein‹ und am ›Automobil‹.

Das Schönste aber an diesen reizenden Bändchen ist der Titel. Er ist sinnig, anheimelnd, und der Gebissene merkt erst etwas von seinem zerrissenen Hosenboden, wenn der trauliche Autor schon in weiter Ferne ist, das Hütel auf dem linken Ohr und leise pfeifend: »Drei Lihilien, dreihei Lihilien – die pflanzt ich auf mein Grab . . . «

Der Titel: ›Des deutschen Spielers Wunderhorn‹.

(Peter Panter in Die Schaubühne, 1914.)

1907 übersiedelte Meyrink nach München. Er war zu diesem Zeitpunkt zum zweiten Mal verheiratet und hatte ein Tochter. Sonst geben die Quellen über sein Privatleben nichts her. Er wird aber mehrfach in Erich Mühsams Unpolitische Erinnerungen erwähnt, die ich bei Gelegenheit als eBook aufbereiten und lesen werde.

Meyrink bekam ein monatlichen Fixums vom Verlag des Simplicissimus, aber es reichte nicht, um die Schulden aus dem Bankrott abzudecken und Meyrinks Lebensunterhalt zu sichern. Er arbeitete deshalb auch als Übersetzer, unter anderem von Charles Dickens und Rudyard Kipling. Er ist dabei reichlich frei mit den Originalen umgegangen.

1911 kaufte Meyrink ein Haus in Starnberg, dass er wegen finanzieller Probleme 1928 wieder verkaufen musste.

1915 erschien sein Roman Der Golem, der dank groß angelegter Werbung des Verlags ein Publikumserfolg und Meyrinks bekanntestes Werk wurde. Seine weiteren Romane, Das grüne Gesicht (1917) Walpurgisnacht (1917), Der weiße Dominikaner (1921), Der Engel vom westlichen Fenster (1927) werden immer esoterischer und konnten nicht an den Erfolg anknüpfen.

Kurt Tucholsky hat dann auch nur noch Das grüne Gesicht rezensiert. Er schreibt:

Ich zweifle nicht, daß Meyrink zu den einsichtsreichsten Menschen gehört, die unter uns leben. Er weiß ungeheuer viel – nicht Positiva, sondern eben das, was man nicht lernen kann –, er hat tief hinunter gesehen, und man muß ihn stets hochachten, eben um dieser Erkenntnis willen. […]

Es liegt also nicht etwa vor: Suchen der Gunst des Publikums. Es liegt aber wohl vor: Bewußtes oder unbewußtes Nachlassen der künstlerischen Kraft. Es ist schade, daß ein großer Erkenner uns einen großen Künstler kostet. Rechnet man dazu, daß sich heute alles, was sonst unterdrückt wird, unter dieses allumfassende Dach der Theosophie flüchtet, weil es sich in den unscharfen und verschwommenen Thesen wiedererkennt und bestätigt zu finden glaubt, so wird man die große Gefolgschaft dieser Bücher verstehen.

[…]

Der Meister zaubert wirklich – stellungslose Kommis und gelangweilte Damen hören zu, freuen sich an den bunten Glaskugeln und sehen den Gott nicht. Der bleibt im Tempel und lächelt. Und so ist in Wahrheit keinem geholfen. Der Meister selbst hat kein Publikum, und das Parkett bestaunt, im Grunde genommen, Kulissen.

(Ignaz Wrobel in Die Schaubühne, 1917)

Während des ersten Weltkriegs kam Meyrink auf sehr kuriose Weise mit der Freimaurerei in Berührung. Er erhielt vom Auswärtigen Amt in Berlin den Auftrag, einen Roman zu verfassen, der suggerieren sollte, dass die Freimaurer am Krieg schuld seien. Meyrink nahm den Auftrag an, verzögerte und verschleppte die Arbeit aber immer wieder, wohl im Bestreben, die Sache scheitern zu lassen. Der Auftrag wurde ihn entzogen und einem deutsch-nationalen Politiker übergeben, der mehrere Pamphlete über die freimaurerisch-jüdische Weltverschwörung verfasste, die später in der Nazi-Zeit besonders traurige Blüten trieb.

1927 konvertiert er vom Protestantismus zum Mahajana-Buddhismus.

Meyrink starb 1932 im Alter von 64 Jahren in Starnberg.

Bei den Recherchen zu diesem Beitrag bin ich auf ein Buch aufmerksam geworden, dass jetzt auf meinem Weihnachtswunschzettel steht: Binder, Hartmut (2009): Gustav Meyrink. Ein Leben im Bann der Magie. Prag.

Meyrink bei LibriVox

Meyrink bei MobielRead
Des deutschen Spießers Wunderhorn, zwei Bände. Band 1 und Band 2
Der Golem
Die Fledermäuse
Das grüne Gesicht
Walpurgisnacht
Der weiße Dominikaner
Vielen Dank an netseeker für Das grüne Gesicht, Der Golem und Der weiße Dominikaner

Quellen:
Wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Gustav_Meyrink
NDB: http://www.deutsche-biographie.de/xsfz62973.html
Literatur Portal Bayern: http://www.literaturportal-bayern.de/autorenlexikon?task=lpbauthor.default&pnd=118582046

Tucholsky über Meyrink bei Zeno.org:
http://www.zeno.org/nid/20005803624
http://www.zeno.org/nid/20005804272

siehe auch Meyrink bei Gutenberg DE http://gutenberg.spiegel.de/autor/413

Wilhelm Hauff (1802-1827)

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Eines meiner liebsten Bücher als Kind war Die schönsten Märchen von Wilhelm Hauff und mein Lieblingsmärchen war und ist immer noch Kalif Storch. Mutabor!

Es sind die Märchen, die wir bis heute von Hauff kennen, Zwerg Nase, Der kleine Muck, Das kalte Herz. Meine Ausgabe war nicht vollständig, eben nur die schönsten, und so ist auch wieder LibriVox dafür verantwortlich, dass ich alle Märchen in ihrer ursprünglichen Gestalt kennenlernte. Die Märchen sind in drei Bänden, als Almanach auf die Jahre 1826, 1827 und 1828 erschienen. Jeder Almanach hat eine Rahmenhandlung, in die die Märchen eingebettet sind. Die bekanntest Rahmenhandlung ist wohl Das Wirtshaus im Spessart aus dem dritten Almanach. Als Kind war ich vor allem fasziniert vom orientalischen Gepräge vieler Märchen aus dem ersten und zweiten Band und beim Wiederlesen war die Faszination nicht kleiner. Jetzt konnte ich alle Märchen inklusive Rahmenhandlung lesen; manche sind aus gutem Grund nicht in meiner Kinderausgabe enthalten, denn sie sind aus heutiger Sicht absolut nicht für Kinder geeignet (Die Geschichte von der abgehauenen Hand ist so blutig wie ein Thriller) und waren auch damals nicht für kleine Kinder gedacht. Märchen sind sowieso keine Kindergeschichten, das ist ein Missverständnis aus neuerer Zeit.

Die größte Überraschung aber war der Wikipedia-Artikel über Hauff. Als Kind habe ich mir keine Gedanken über Autoren gemacht, wenn überhaupt, habe ich mir den Märchenonkel Hauff als alten Herrn mit langem Bart vorgestellt. Doch Hauff hat die Märchen mit Anfang 20 geschrieben und leider ist er auch nicht viel älter geworden, er starb im Alter von 25 Jahren und hat das Erscheinen seines dritten Almanachs gar nicht mehr erlebt.

Geboren wurde Hauff am 29. November 1802 (er hätte heute Geburtstag) in Stuttgart. Er besuchte die Lateinschule in Thübingen und studierte an der dortigen Universität Theologie. 1824 wurde Hauff zum Dr. phil. promoviert. Von 1824 bis 1826 arbeitete er als Hauslehrer in Stuttgart bei Ernst Eugen Freiherr von Hügel. Im Januar 1827 wurde er Redakteur des Cottaschen Morgenblattes für gebildete Stände. Im November des selben Jahres starb er an einer Typhus-Erkrankung, die er sich während einer Reise durch Tirol zugezogen hatte.

Alle seine Veröffentlichungen fallen in die Jahre 1825-1827, wie die Märchen, aber er hat viel mehr geschrieben. Da sind z.B. die Mittheilungen aus den Memoiren des Satan (1825/1826). In der Einleitung beschreibt Hauff den Teufel als Gentleman, der mit seinem Charme eine ganze Tischgesellschaft in einem Gasthaus bezaubert. Was für ein Teufel! Das Motiv kennen wir heute zur Genüge aus Film, Funk und Fernsehen, aber 1825 war das neu, der Teufel neigte damals noch zu Pferdefuß und Schwefelgestank. Und erst das Kapitel über Satans Besuch bei Goethe, dem Zeus im Olymp der Literatur. Da kommt so ein junger, unbekannter Spring-ins-Feld und reibt sich frech und respektlos an dem großen Mann und wagt es, ihn und seinen Mephisto zu kritisieren. Hauff soll das später als seicht und unziemlich zurückgenommen haben. Schade.

Wirklich berühmt wurde er mit Der Mann im Mond, oder eigentlich mit Controvers-Predigt über H. Clauren und den Mann im Mond. Und das kam so. H. Clauren war damals ein unglaublich populärer Unterhaltungsschriftsteller, der süßlich Romanzen nach immer dem selben Muster verfasste und damit vor allem die weibliche Leserschaft entzückte. Von literarischer Qualität keine Spur. Hauff wollte dem Publikum den Geschmack an der überzuckerten Massenware ein für alle mal verderben, schrieb eine Satire nach dem bekannten Muster, eben den Mann im Mond und veröffentlichte sie 1825 unter dem Namen Claurens. Er hat es zu gut gemacht, oder zu schlecht, wie man es nimmt. Das Buch war ein Erfolg, niemand bemerkte die Satire. Es ist auch heute noch eine nette Lektüre, spannend und gut geschrieben, nur die bebenden Busen und kußlichen Mündchen allüberall stören ein wenig. Das Publikum damals hat es nicht gestört und so hat Hauff sich in einer öffentlichen Predigt 1827 als Autor zu erkennen gegeben und sein Absicht erklären müssen. Ein Skandal!

Weitgehend vergessen sind Hauffs Erzählungen, bis auf eine: Jud Süß, die Vorlage für den Nazi Propaganda Film. Ja, die ist von Hauff. War er ein Antisemit? Nicht mehr und nicht weniger als der Rest seiner Zeitgenossen, würde ich sagen. Es ist gut, dass uns antisemitische Klischees heute weh tut, dass das gedankenlose Nachplappern von Vorurteilen heute nicht mehr einfach hingenommen wird. Sorgen wir dafür, dass das so bleibt! Aber machen wir Hauff keinen all zu großen Vorwurf daraus. Auch in einem seiner Märchen hat er antisemitische Klischees benutzt, in Abner, der Jude, der nichts gesehen hat aus dem zweiten Märchenalmanach. Trotzdem war ich überrascht, dass dem Text Antisemitismus unterstellt wird. Mir scheint es vielmehr so, als dass sich jeder fühlende Mensch gegen die Ungerechtigkeit, die Abner in der Geschichte widerfährt, empören muss und dass das auch Hauffs Absicht war.

Aber die Geschichte von Abner ist noch aus einem anderen Grund interessant. Man vergleiche mal das Märchen mit dem Kapitel Erster Tag, Prima aus Der Name der Rose. Dann weiß man, wo Eco das her hat. Ob sich auch Kafka von Hauff hat inspirieren lassen, ist nicht ganz so offensichtlich, aber Ein Bericht für eine Akademie liest sich schon ein bisschen wie die Gegendarstellung zu Der Affe als Mensch (Der junge Engländer) auch aus dem zweiten Märchenalmanach.

Aber zurück zu den Erzählungen. Zwei möchte ich noch besonders erwähnen: Othello und Die Sängerin.

Othello ist auf den ersten Blick eine typische Erzählung der Romantik. Vor dem Hintergrund der Oper Othello entwickelt Hauff seine Geschichte über einen Mord, einen Fluch und eine verbotene Liebe. Aber die finsteren Einflüsse unnennbarer Mächte sind nicht die einzige Erklärung für die tragischen Ereignisse. Sie lassen sich auch durch eine Verkettung unglücklicher Zufälle und den Glauben an den Fluch begründen. Beides hält sich in der Erzählung die Waage, der Leser muss selbst entscheiden.

Um Mord geht es auch in Die Sängerin. Auf die Prima Donna Giuseppa Fiametti wird ein Mordversuch verübt. Ganz B … ist in Aufregung und man munkelt allerlei über die dunkle Vergangenheit der Sängerin. Medizinalrat Lange geht der Sache nach. Was der Freizeitdetektiv aufdeckt, ist heute noch brandaktuell: Kindesmissbrauch und Mädchenhandel. Das vor fast 200 Jahren zu thematisieren, war sicherlich sehr mutig. Abgesehen von Das Fräulein von Scuderi ist Die Sängerin die früheste Kriminalerzählung deutscher Sprache, die ich kenne.

Was hätte uns Hauff wohl noch alles schreiben können, wenn er länger gelebt hätte.

Werke von Hauff als Hörbücher bei LibriVox:
Märchen-Almanach auf die Jahre 1826, 1827 und 1828
Der Mann im Mond
Die Sängerin
Othello
u.a.

Werke von Hauff als eBooks bei MobileRead:
Der Mann im Mond Vielen Dank an Frodok.
Märchen-Almanach auf das Jahr 1826
Märchen-Almanach auf das Jahr 1827
Märchen-Almanach auf das Jahr 1828
Lichtenstein
Othello
Die Sängerin

Quellen:
Wikipedia http://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_Hauff
Allgemeine deutsche Biographie http://de.wikisource.org/wiki/ADB:Hauff,_Wilhelm

Karl Wilhelm Salice-Contessa (1777-1825)

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Schon wieder ist es der ungewöhnliche Name, der mich auf diesen interessanten Autor aufmerksam gemacht hat. Kein großer Autor, kein bedeutender Autor, aber viel zu interessant, um vergessen zu bleiben, denn vergessen ist er leider fast ganz. Man erinnert sich seiner eigentlich nur noch als einen der Serapionsbrüder um E.T.A. Hoffmann.

Entsprechend spärlich sind die Quellen zu seinem Leben. Der Wikipedia-Artikel ist fast schon winzig und die Allgemeine Deutsche Biographie gibt noch weniger her, verweist aber auf das Vorwort der Gesammelten Schriften, herausgegeben von Contessas Freund aus Jugendtagen, Ernst von Houwald, ebenfalls Schriftsteller und Dramatiker. Hier schreibt der Freund über den erst ein Jahr zuvor verstorbenen Freund. Ich könnte das jetzt zusammenfassen, aber mich berührt die Freundschaft und Liebe, die einem aus den Zeilen entgegen weht so sehr, dass ich Houwald leicht gekürzt selbst zu Wort kommen lassen möchte.

[…] Was von ihm bereits durch den Druck bekannt geworden ist, hat diesem Verfasser die allgemeine Achtung erworben, so daß man dem Namen Contessa einen ehrenvollen Rang unter den Schriftstellern Deutschlands angewiesen hat. Seine dramatischen Dichtungen werden fortwährend und gern auf den Bühnen gesehen, und wegen der geistreichen und fleißigen Behandlung ihres Stoffes, und wegen der überraschenden Wahrheit der Charaktere zu den besten deutschen Lustspielen gezählt. Seine Novellen, reich an Humor, wie an Tiefe des Gefühls, hat man wegen ihrer lebendigen, oft großartigen und dennoch einfachen Darstellung; und wegen der reinen prunklosen gediegenen Sprache als Muster aufgestellt; man hat den Verfasser stets zu den wenigen gezählt, die mit einfachen und gering scheinenden Mitteln bedeutende Wirkungen hervorzubringen wußten, und in ihm deshalb einen Dichter geehrt, der im ruhigen Gefühl seiner Geisteskraft und Sicherheit alle die gewöhnlichen Hülfsmittel, ein schnelles Aufsehen zu erregen, verschmähte, und der immer nur dasjenige anspruchslos darstellen mochte wozu ihn sein Genius aufforderte.

Ein solcher Dichter darf nicht untergehen, ihn wird sein Vaterland nicht vergessen wollen! Es hat vielmehr ein Recht zu der Forderung, daß diejenigen, welche dem Vollendeten am nächsten gestanden, seine geistigen Verlassenschaften nunmehr dem Volke, dem er angehörte, als ein rechtmäßiges Erbe desselben ausantworten sollen. Diesem Gefühle, dieser Überzeugung bin ich gefolgt; ich habe die sämmtlichen Schriften meines Freundes aus diesem Nachlasse gesammelt, sie nach der Zeit ihrer Entstehung geordnet, und so eine heilige Pflicht erfüllt.

Früher gedachte ich, auch seine Lebensbeschreibung diesen Werken anzufügen, sie sollte aus der Feder eines seiner im nächsten Freunde, des Biographen von Callot-Hoffmann und Zacharias Werner fließen, der ihm bis zum letzten Augenblicke mit am nächsten gestanden hat, und deshalb auch willig die Hand dazu bot. – Als wir jedoch die wenigen Materialien hierzu gemeinschaftlich zusammengestellt hatten, und die erste Skitze seines Lebensbildes vor uns stand, wurde es uns bald klar, dass es sich zur weiteren Ausführung und öffentlichen Mittheilung nicht eigne, weil es trotz der reichen Ausstattung, welche Contessa von der Natur erhalten, trotz seiner seltnen Geistesbildung, seiner anspruchslosen Liebenswürdigkeit im Umgang, seines durchaus edlen Sinnes, dennoch nur die Züge eines äußerlich unbedeutenden, an interessanten Ereignissen armen, durch Verstimmung und Kränklichkeit vielfältig getrübten, ja wohl verfehlten Lebens geben würde. Ich habe es daher vorgezogen, bloß ein treues Bild des Dichters mit dem sehr gelungenen Kupferstiche, und, als seine vollständigste Charakteristik, seine Schriften selbst dem Publikum zu übergeben. Nur folgende kurze Nachrichten über ihn mögen hier noch Platz finden:

Carl Wilhelm Salice Contessa wurde zu Hirschberg in Schlesien, wo sein Vater ein reicher angesehener Kaufmann war, am 19. August 1777 geboren. Nach dem Tode des Vaters bezog er im Jahre 1794 das Pädagogium zu Halle und ging als einer der ausgezeichnesten Zöglinge desselben im Jahre 1798 auf die Universität nach Erlangen. [Studium der Rechtswissenschaften] Nach einem Aufenthalte von einem Jahre hier kehrte er von dort nach Halle zurück, reiste dann im Winter 1800 auf einige Monate nach Paris, und begab sich im Sommer 1802, nachdem er sich in Halle mit Johanna Jahn verheiratet hatte, nach Weimar, um dort als Privatmann zu leben. Der Tod trennte diese Ehe bald, die Mutter starb mit ihrem Kinde im ersten Wochenbette. Contessa ging hierauf im Jahre 1805 nach Berlin, und ließ hier, im Verein mit seinem ältern Bruder, zuerst einige seiner Dichtungen im Druck erscheinen. Im Jahre 1808 verheiratete er sich zum zweiten Male mit Henriette Nauendorf, von welcher ihm sein jetzt noch lebender Sohn geboren wurde. Auch in Berlin führte Contessa ein höchst eingezogenes nur von wenigen gekanntes Privatleben. Eine öffentliche Anstellung hat er nie gesucht, er widmete seine Zeit abwechselnd einigen literarischen Arbeiten, oder selbstgewählten oft veränderten wissenschaftlichen Studien, als alter und neuer Literatur, Mineralogie, Geschichte u.s.w. oder künstlerischen Beschäftigungen, als Musik und Malerei. Im Jahre 1816 starb ihm auch die zweite Gattin, worauf er Berlin verließ, und nunmehr den Aufenthalt in meinem Hause wählte, um seinen sechsjährigen Sohn mit meinen Kindern erziehen zu lassen. Seit jener Zeit genoss ich nun das seltne Glück meinen ältesten vertrautesten Freund völlig als ein Mitglied meiner Familie betrachten und mit ihm alles was das Leben giebt, selbst jeden Gedanken teilen zu können; bis er sich im Herbst des Jahres 1824, seines bedenklichen Gesundheitszustands wegen, auf einige Monate nach Berlin zu wenden beschloss, wo er Heilung zu finden hoffte. […] und starb dort am 2. Juni 1825. Auf dem St. Hedwigs Kirchhofe in Berlin […] bezeichnen folgende Worte auf einem einfachen Denkmal seine Grabstätte:

Hier ruht Karl Wilhelm Salice Contessa,geboren zu Hirschberg in Schlesien, am 19. August 1777,gestorben zu Berlin, am 2. Juni 1825.

Als Freund den Freunden, als Mensch allen, die in kannten, als Dichter dem ganzen Deutschland teuer und unvergesslich!

Endlich muss ich noch erwähnen, daß mir die Achtung und Liebe, in welcher der Verstorbene allgemeinen stand, aufs neue wieder recht offenbar geworden ist, während ich seine Schriften sammelte; denn man hat mir nicht allein zu dem vollständigen Gelingen dieses Unternehmens allenthalben bereitwillig die Hand geboten, sondern auch die frühern Verleger von Contessas einzelnen Schriften, und namentlich sein erster Verleger, Herr Buchhändler Reimer in Berlin, und die Herren Buchhändler Dümmler in Berlin und Arnold in Dresden haben zu Gunsten des Sohnes, für dessen Vorteil die Schriften des Vaters hier in einer Gesammtausgabe erscheinen, auf alle Ansprüche freiwillig verzichtet, die ihre frühern Verlagsrechte ihnen gesetzlich hierauf gewähren könnten. –

Die Oper: Der Liebhaber nach dem Tode! hatte Contessa eigentlich für seinen Freund Callot-Hoffmann gedichtet, der, nachdem ihm Fouque’s Undine gelungen war, nun auch eine Dichtung von Contessa komponieren wollte. Er [Hoffmann] wurde jedoch hierbei vom Tode überrascht. […]

Neuhaus bei Lübben in der Niederlausitz,
den 1. März 1826.
Ernst von Houwald

(Quelle: Scann bei archive.org https://archive.org/details/cwcontessasschr01contgoog)

Bekannt war Contessa wohl vor allem wegen seiner Lustspiele, die auch den größten Teil seines Werkes ausmachen. Interessanter aus heutiger Sicht sind seine Novellen und Märchen. Die Novellen erinnern sehr an Hoffmann, sind handwerklich sorgfältiger aber nicht ganz so inspiriert wie die des berühmten Freundes. Seine Märchen sind etwas ganz besonderes, selbst in dieser an Märchensammlern und Märchenerzählern so reichen Epoche. Sie erinnern mich irgendwie an Tolkien, obwohl mehr als 100 Jahre zwischen den beiden liegen, vielleicht, weil sich beide ganz bewusst von einer reichen Tradition zu etwas ganz Neuem und Eigenständigen inspirieren ließen und dabei mit einer nicht zu überhörenden Spielfreude ans Werk gingen.

Trotzdem Contessas Lustspiele sehr beliebt waren, konnte er von seiner schriftstellerischen Arbeit allein nicht leben und war auf die Unterstützung seines Bruders Christian Jakob Salice-Contessa angewiesen, der nicht nur Großkaufmann und Kommunalpolitiker sondern auch Schriftstellen war.

In der Berliner Zeit sollen Contessa, Hoffmann und de la Motte Fouqué einmal in einem Biergarten im Tiergarten beobachtet haben, wie einem jungen Fräulein, das mit seiner Familie in diesem Lokal war, ein Billet zugesteckt wurde. Das Mädchen las das Billet in einem unbeobachteten Moment und eine Träne ran über seine Wange. Die drei malten sich aus, was für eine Geschichte wohl hinter dieser Szene stecken mochte und verabredeten, dass jeder eine Erzählung darüber verfassen solle. Hoffmann schrieb darauf Ein Fragment aus dem Leben dreier Freunde und Contessa Die Schatzgräber.

Die Schatzgräber, Das Gastmal und Das Schwert und die Schlagen gibt es als Hörbuch bei LibriVox.

Das gesamte erzählerische Werk könnt Ihr teils als für den eReader aufbereitete Scanns, teils als epub bei Archive.org herunterladen.

Wer E.T.A. Hoffmann mag, wird auch von Contessa nicht enttäuscht werden.

Max Dauthendey (1867-1918)

Das erste, was ich von Max Dauthendey gelesen habe, war „Das Giftfläschchen“. Sprachlich wunderschön beschreibt der erste Teil der Erzählung eine Reise nach Skandinavien und das Eintauchen in die Landschaft. Seine Prosa ist nicht einfach Prosa, er malt mit Worten, sein Sprache ist Musik, schon in seinen Erzählungen, mehr noch in seiner Prosa-Lyrik.

Im Grunde ein Laubberg, olivschwarz Zypressen, dahinter eine Wolkenlawine, dicht getürmt in gelbweißem Schaum. Oben das Abendlicht rostrot über die Baumwülste. Zwei Zypressen abseits, die Spitzen rote Stifte. Am Rand der Wiese dehnt sich der Rauch in weichen Hängen. (Auszug aus: „Das heilige Feuer“ aus: „Ultra Violett“)

Dauthendey kam 1867 in Würzburg zu Welt. Er hasste die Schule und verabscheute die Photographenlehre, die er machen musste, um nach den Wünschen seines Vaters dessen Geschäft zu übernehmen.

1891 erlitt er einen geistigen und körperlichen Zusammenbruch und wurde in eine Nervenheilanstalt eingewiesen. Nach der Genesung verfasste er erste kleinere schriftstellerische Arbeiten, die auch veröffentlicht wurden. Im selben Jahr floh er vor der bürgerlichen Enge und der Strenge seines Vaters in die Welt, in der er nie richtig heimisch wurde. Bereits nach zwei Wochen musste er seinen Vater brieflich um Geld bitten.

Geld hatte Dauthendey fast nie. Er lebte hauptsächlich von der Unterstützung seiner Freunde, borgte (gab aber wohl kaum je zurück), weniger von den meiste spärlichen Honoraren.

1896 heiratete er die schwedische Kaufmannstochter Annie Johanson, die zuvor mit einem Freund Dauthendeys verlobt gewesen war.

Er liebte das Reisen: Skandinavien, Italien, Mexiko, Südostasien. Auf Sizilien wollte er von der Landwirtschaft leben, in Mexiko eine internationale Künstlerkolonie gründen, eine Stickschule sollte die Dauthendeys aus ihrer wirtschaftlichen Dauermisere befreien. Die Pläne zerschlugen sich alle.

„Denn ich bin hier unter so jungen dummen Leuten, die alle rechnen und nie künstlerisch auszugeben verstehen.“ (1903 in einem Brief an sein Frau)

In Dauthendeys Leben wechselten immer wieder Phasen von intensiver künstlerischer Arbeit mit Phasen großer Unrast und Reiselust, doch von seinen Reisen zog es immer wieder nach Deutschland zurück. 1912 hatte Dauthendey ausnahmsweise einmal Geld und steckte es überstürzt in den Bau eines Hause im japanischen Stil in der Nähe von Würzburg. Der Bauplatz war nicht gut gewählt, das Haus wurde 1913 von starken Regenfälle zeitweise von der Umwelt abgeschnitten. Im selben Jahr verließ Dauthendey es für immer.

1914 brach er zu seiner zweiten Asienreise auf. Auf Java wurde er vom Ausbruch des 1. Weltkriegs überrascht und als deutscher Staatsangehöriger vom Kriegsgegner Niederlande interniert. Während der Haft erkrankte er an Malaria. An dieser Erkrankung starb Max Dauthendey 1918 kurz vor Ende des Krieges.

Ich mag nicht alles von ihm, vieles erschließt sich mir gar nicht, erscheint mir wie selbstverliebte Nabelschau durch eine asiatisch getönte Weisheitsbrille, aber immer wieder findet man bei ihm wahre Perlen. Eine lohnende Entdeckungsreise.

[…]Hinter den Baumriesen
Dampfen die Seenebel auf den ersten Strohhäusern drunten in den Hakonewiesen. Ein hölzernes Shintotor im Wald, ein paar Steinlaternen davor,
Bezeichnet den Eingang ins Dorf. Ein gewaltiger Baumzug von Riesenzedern läuft am See entlang, als wären die höchsten Bäume der Welt hier ans Ufer gewandert.
Und die Riesen machen halt und machen ihre Stämme lang, um über die Schilfwiesen in das Seewasser als Schatten zu fließen,
Damit sie im Seespiegel mit dem Bild des heiligen Fushiberges zusammenstießen.
[…]
(Auszug aus: „Der Fushiyama am Hakonesee“ aus: „Die geflügelte Erde“)

Quellen:
Wikipedia http://de.wikipedia.org/wiki/Max_Dauthendey
NDB http://www.deutsche-biographie.de/xsfz9385.html

Links:
Dauthendey bei LibriVox http://librivox.org/author/307
eBooks bei MobileRead (vielen Dank an brucewelch)
Die geflügelte Erde http://www.mobileread.com/forums/showthread.php?t=206590
Gedichte http://www.mobileread.com/forums/showthread.php?t=183787
Das Märchenbriefbuch der heiligen Nächte im Javanerlande http://www.mobileread.com/forums/showthread.php?p=1171826#post1171826