Aquarellieren lernen im Papageienwald

Seit einigen Wochen beschäftige ich mich intensiv mit einer alten Liebe, dem Aquarell. (Der Reiz der Ausmalbücher hat nicht lange gehalten.) Obwohl ich mich seit 30 Jahren immer mal wieder mit Wasserfarben beschäftige, sind meine Fähigkeiten nicht viel gewachsen. Eine Sache hat sich aber inzwischen grundlegend geändert: Es gibt das Internet mit einer unüberschaubaren Menge an Informationen, Kursen und Anleitungen.

Es gibt einen wahren Dschungel da draußen, durch den man sich erst mal einen Weg bahnen muss. Und dieser Dschungel wird von vielen Papageien bewohnt. Sie erzählen einem (fast) alle das selbe. Sie malen alle mit Farben von Schmincke oder Winsor & Newton und zwar nur mit den hochpreisigen Künstlerfarben. Und sie empfehlen dem Anfänger (fast) alle, auch nur das Beste vom Besten zu kaufen. Echt jetzt?

Es mag ja Leute geben, denen es egal ist, ob sie für ein halbes Näpfchen Farbe 1,80 oder 4,60 bezahlen. Zu denen gehöre ich leider nicht. Es gibt Firmen, die ihre Farben nach dem Motto Hauptsache billig produzieren, aber die europäischen Traditionshersteller gehören mit Sicherheit nicht dazu. Ich habe Künstlerfarben von Schmincke und Lukas in meinem Kasten und kann trotz Preisunterschied von ein bis zwei Euro keinen Qualitätsunterschied feststellen.

Die namhaften Hersteller haben oft auch eine extra Serie preisgünstiger Studienfarben im Angebot. Sind die jetzt so viel schlechter? Nein, sind sie nicht. Ich habe einige Studienfarben von Lukas ausprobiert und kann keinen Unterschied feststellen. Das mag sich ändern, wenn ich mehr gelernt habe, aber für die nächsten 100 Bilder rechne ich eher nicht damit. Die Studienfarben sind deshalb billiger, weil sie nur die gängigsten Farben umfassen und weil sie vielleicht einen Hauch weniger Pigment enthalten. Bei einigen teuren Pigmenten wird der Farbton der Studienqualität durch eine Mischung von verschiedenen Pigmenten hergestellt, wo die Künstlerqualität nur aus einem Pigment besteht. Schon aus kaufmännischen Gründen kann ich mir nicht vorstellen, dass eine Firma für eine billigere Variante extra schlechtere Rohstoffe einkauft, lagert und verarbeitet, anstatt mit größeren Mengen schon bei Einkauf und Lagerung der Rohstoffe Geld zu sparen.

Meine Beobachtung wird durch eine Untersuchung der  ASTM (American Society for     Testing and Materials) gestützt, die ich in dem Buch The Watercolorist’s Essential Notebook von Gordon MacKenzie aus dem Jahr 2006 zitiert gefunden habe. Untersucht wurde unter anderem Lichtbeständigkeit, Feinheit der Pigmente, performance und Deklaration der Inhaltsstoffe. Danach wurde die überwiegende Mehrzahl der Farben aller 18 Serien (Künstler- und Studienserien) mit excellent, very good und good bewertet. Alle Hersteller hatten 2006 einige wenige Ausreißer im Programm, die mit questionable oder not recommended bewertet wurden, auch Winsor & Newton und Schmincke. (Einzige Ausnahme waren die Farben von Daniel Smith, aber die sind komplett außerhalb meiner finanziellen Möglichkeiten.) Aus welchen Gründen die Farbtöne im einzelnen abgewertet wurde, geht aus der Zusammenfassung in dem Buch nicht hervor und die gesamte Untersuchung einzusehen, kostet leider 45 $.

Es macht also wenig Sinn, dem Anfänger zu empfehlen, diese oder jene Marke zu kaufen und nur und ausschließlich die teure Künstlerqualität. Es sind ganz andere Dinge, die der Anfänger über Farben wissen sollte, aber die erzählen einem die Papageien nicht.

Fakt: Aquarellfarben sind keine Deckfarben sondern transparent, so weit so klar. Trotzdem sind nicht alle Pigmente gleich transparent. Einige lösen sich vollständig in Wasser auf, andere werden extrem fein gemahlen, dass sie so transparent wie möglich werden. Das ist keine Qualitätsmerkmal sondern in erster Linie eine physikalische Eigenschaft des jeweiligen Pigments. Ein Coelinblau ist immer deckender als ein Kobaltblau, egal von welcher Marke. Die Hersteller geben die Transparenz der einzelnen Farben auf ihren Farbkarten an. Die sollte man sich anschauen und wissen, welche Farben im Kasten wie transparent ist. Deckendere oder opake Farben sind in Mischungen dominanter als transparente.

Fakt: Die gleiche Farbe mit dem selben Namen und aus dem selben Pigment kann von Hersteller zu Hersteller leicht unterschiedliche Eigenschaften haben, je nach dem, welche Zusätze verwendet werden und wie genau die Rohstoffe verarbeitet werden. Es lohnt sich also, auch mal Farben anderer Hersteller zu probieren, wenn man mit den Eigenschaften der einen oder anderen Farbe nicht zufrieden ist.

Fakt: Das gleiche Pigment wird von Hersteller zu Hersteller (oder von Künstlerserie zu Studienserie) mit unterschiedlichen Namen verkauft. Auch da lohnt es sich, in die Farbkarten der Hersteller zu schauen. Da ist angegeben, um welche Pigmente es sich jeweils handelt.

Fakt: Eine ganze Reihe von Farbtönen besteht nicht aus einem einzelnen Pigment sondern aus einer Mischung von Pigmenten. Es gibt ganz berühmte Mischungen wie Hookers Grün oder Paynes Grau. Nachdem ein Künstler immer und immer wieder zwei Farben gemischt hat, ist er irgendwann zu seinem Farbhersteller gegangen und hat sich die Mischung herstellen lassen. Einige dieser „Abkürzungen“ sind viel befahrene Hauptstraßen geworden. Die sind aber nur nützlich, wenn man auch in diese Richtung will. Je mehr Farben man miteinander mischt, desto größer ist die Gefahr, dass das Ergebnis matschig wird. Wenn man Farben mischt, die schon im Näpfchen Mischungen sind, ist diese Gefahr natürlich größer.  Also wieder auf die Farbkarten der Hersteller gucken, damit man weiß, was man in seinem Kasten hat. Die genaue Zusammensetzung dieser Mischungen variiert von Hersteller zu Hersteller.

Fakt: Hersteller überarbeiten von Zeit zu Zeit die Rezeptur ihrer Farben, verkaufen aber weiter unter den gleichen Farbnamen. Lukas z.B. hat vor einigen Jahren auf Kritik reagiert und schneidet bei neueren Test besser ab. Eine Empfehlung oder Warnung von vor 10 Jahren muss heute gar nicht mehr zutreffen.

Fakt: Wenn ich als Anfänger ahne oder weiß, dass meine nächsten 100 Bilder Lernprojekte und für die Schublade sind, kann mir Lichtechtheit ziemlich egal sein. Erst wenn meine Bilder gut genug für die Wand sind, muss ich mir darüber Sorgen machen.

Fakt: Viele renommierte Maler arbeiten mit einer ganz kleinen Palette von 5 oder 7 Farben. Da kann man sich doch bestimmt auch die teuren leisten, oder? Ja, stimmt schon, aber wenn man ein renommierter Maler ist, hat man auch schon 20, 30 oder mehr Jahre Erfahrung. Die muss man als Anfänger erst mal machen, um seine eigene persönliche Palette zu entwickeln und so klein zu kriegen. Wenn man gleich nur mit der Palette von XYZ malt, dann ist die Gefahr groß, dann man bestenfalls zu einem Abklatsch von XYZ wird. Wenn man außerdem noch von ABC lernen will, benutzt der schon wieder andere Töne. Irgend ein berühmter französischer Maler (wer war es noch gleich?) hat mal gesagt, dass man die Anfänger an den großen Farbkästen erkennt. Das muss so sein. Am Anfang muss man ausprobieren und Erfahrungen machen. Nur weil man einen kleinen Kasten hat, ist man noch lange kein Könner, sondern nur einer, der sich seiner Lernmittel beraubt.

Fazit: Als Anfänger sollte man sich lieber früher als später mit den physikalischen Eigenschaften der Farben befassen, um informierte Entscheidungen treffen zu können, sowohl beim Einkauf als auch beim Malen. Ich wünschte, ich hätte das alles schon gewusst, als ich mir meine erste Palette zusammengestellt habe. Dann hätte ich auf Mischfarben weitestgehend verzichtet und eher transparente als opake Farben ausgewählt. Man kann beim Farbenkauf ruhig auf den Preis schauen. Wie gesagt, es gibt keine besseren und schlechteren Marken per se, nur einzelne Farben, die besser oder schlechter abschneiden. So lange man bei namhaften Herstellern kauft, ist auch die Studienqualität OK. Bis man als Anfänger die Unterschiede wirklich merkt, hat man die ersten Näpfchen schon leer gemalt. Nur von no name Billigprodukten kann man getrost die Finger lassen. Dass die nicht taugen, merkt auch der blutigste Anfänger. Bin there, done that.

 

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2 Gedanken zu „Aquarellieren lernen im Papageienwald

  1. Ich kann mir gut vorstellen, dass Ausmalbücher auf die Dauer unbefriedigend sind und sich – wie in Deinem Fall – bald der Wunsch regt, (wieder) etwas Eigenes zu schaffen. Also viel Spaß mit Deiner „alten Liebe“, der Aquarellmalerei. Du scheinst da ja recht systematisch ranzugehen. Es war für mich interessant, den Artikel zu lesen, auch wenn ich selbst nicht male, sondern zeichne, vor allem mit Bleistift, Buntstift und Fineliner.

    • Bei der Fülle an Information, die das Internet bietet, braucht es ein bisschen Systematik. Ich habe Jahrzehnte vor mich hin gepinselt, ohne irgendwo hin zu kommen. Jetzt zeichne ich auch, bzw lerne zu skizzieren. Das und richtigen Künstlern auf YouTube beim Malen zuzuschauen, hat mich ein großes Stück weiter gebracht. Es ist erstaunlich, wie sehr sich der Blick ändert, wenn man den Stift in die Hand nimmt. Das hast Du bestimmt auch erlebt.

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