Häkelkrimi Nr. 10: William Monk von Anne Perry

Nein, nicht der aus dem Fernsehen, der heißt Adrian. William Monk ist ein Inspektor der Londoner Polizei in der zweiten Hälfte des 19ten Jahrhunderts. Im ersten Buch, The Face of a Stranger, erwacht er nach einem Unfall im Krankenhaus und hat sein Gedächtnis verloren. Er erinnert sich an rein gar nichts mehr und geht daran, aus Beobachtungen und Bemerkungen seiner Umwelt sein altes Leben wieder zusammenzusetzen. Aus Angst, seine Arbeit zu verlieren, verschweigt er jedoch seinen Gedächtnisverlust. Einzig die Krankenschwester Hester Latterly weiß davon.

Die Person, die Monk im Spiegel seiner Mitmenschen neu kennenlernt, ist gar nicht sympathisch. Er ist extrem ehrgeizig, eigenwillig und emotional, womit er sich viele Feinde gemacht hat. Er ist aber auch ein sehr fähiger Inspektor, so dass ihm einige Kollegen einen widerwilligen Respekt entgegenbringen. Allerdings wird Monk in einem der ersten Bände wegen Insubordination aus dem Polizeidienst entlassen und muss sich nun als privater Ermittler über Wasser halten. Die Enthüllung von Monks Vergangenheit ist eines der Hauptmotive der Serie.

Ein weiteres Hauptmotiv ist die Beziehung zu der ebenso willensstarken und unangepassten Miss Latterly, die als Krankenschwester mit Florence Nightingale auf der Krim war und die deren Bemühungen um Reform des britischen Krankenhauswesens unterstützt. Die Zustände in den Krankenhäusern dieser Zeit waren grauenhaft. Hygiene war ein Fremdwort, die Krankenschwestern ohne jede Ausbildung und, laut Anne Perry, meistens betrunken. Kein Wunder also, dass sich jeder, der es sich leisten konnte, zu Hause pflegen lies. Auf diesem Gebiet arbeitet auch Hester Latterly, als ihr Vater bankrott geht und sie nicht als alte Jungfer im Haushalt ihres Bruders leben will.

Wir haben hier also ein Team von Personen, die in der viktorianischen Zeit und Gesellschaftsordnung so nicht vorgesehen waren. Der private Ermittler und die selbständige Krankenschwester halten sich gerade so an der Tischkante des Bürgerlichen – extreme Charaktere in extremen Lebensumständen, die ständig mit den Konventionen der Standesgesellschaft in Konflikt geraten. Für zwei, drei Bände fand ich das ganz reizvoll, später nur noch ermüdend.

Die Fälle, die die beiden bearbeiten, sind ebenfalls extrem. Es geht um Verbrechen aus Leidenschaft, Ehebruch, Kindesmissbrauch, Inzest, Vergewaltigung, … Die Geschichten werden sehr ausführlich und mit einer Füllen von detaillierten Beobachtungen erzählt. Unter den vielen Details verbirgt sich der eine Hinweis, der dann schließlich zur Lösung des Falles führt. Bis dahin haben die Protagonisten (und der Leser) allerdings lange Durststrecken zu überstehen, in denen die Ermittlungen anscheinend nirgendwo hin führen.

Monk und Hester reiben sich ständig aneinander, aber natürlich verlieben sie sich trotzdem. Doch es gibt da noch den Star-Anwalt, interessante Persönlichkeit, gesellschaftlich angesehen und reich, der auch Interesse an Miss Latterly zeigt. Es bleibt über viele viele Bände offen, für welchen Bewerber sie sich entscheidet.

Auch die Enthüllung von Monks Vergangenheit zieht sich und zieht sich. In jedem Band bekommt der Leser ein winziges Häppchen serviert. Monk wird in eigener Sache einfach nicht aktiv. Das sieht ihm überhaupt nicht ähnlich und ist nur dazu da, den Leser bei der Stange zu halten, was in meinem Fall aber nicht funktioniert hat.

Die Atmosphäre des viktorianischen England ist in den ersten zwei, drei Bänden noch sehr schön eingefangen, danach werden die starren gesellschaftlichen Regeln aber oft gebeugt, um die Geschichte voran zu bringen. Wirklich interessant sind nur die Zustände in den Krankenhäusern und Miss Latterlys (Florence Nightingales) Bemühungen um Reformen.

Extreme Charaktere, extreme Verbrechen, außergewöhnliche Situationen – für die ersten drei oder vier Bände hat mich das recht angenehm unterhalten. Danach zog es sich mehr und mehr und ich habe mit Band fünf aufgehört, die Serie weiter zu verfolgen, obwohl ich zu gerne gewusst hätte, ob sie sich kriegen oder nicht.

Fazit: Kann man mal lesen, wenn es einem in die Finger fällt. Man kann’s aber auch lassen.

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2 Gedanken zu „Häkelkrimi Nr. 10: William Monk von Anne Perry

  1. Ich hab im Urlaub den ersten Band als Hörbuch gelesen und obwohl das Setting mir eigentlich sehr gefallen müsste, hat mich das Buch ziemlich kalt gelassen… wie du schreibst: Ist kein großer Verlust, wenn man es nicht gelesen hat. 🙂

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