The Fruit of the Tree – Des Baumes Frucht

Der Roman The Fruit of the Tree von Edith Wharton liegt jetzt erstmals in deutscher Übersetzung vor.

Edith Wharton ist heute hauptsächlich für The Age of Innocence – Die Zeit der Unschuld bekannt, der 1993 von Martin Scorsese verfilmt wurde. Die Autorin wurde 1862 in New York geboren und wuchs in den sogenannten besseren Kreisen auf. Ihr Erziehung drehte sich hauptsächlich um das ihrer gesellschaftlichen Stellung angemessene Benehmen. Mit 23 Jahren heiratete sie einen zwölf Jahre älteren Bankier, von dem sie sich nach 28 Jahren Ehe scheiden lies. Sie begann schon als Mädchen, sich Geschichten auszudenken und zu schreiben, veröffentlichte aber nur wenig, hauptsächlich Gedichte. Nach ihrer Scheidung übersiedelte sie nach Paris, wo sie mit ihren Romanen großen Erfolg hatte. 1921 erhielt sie, als erste Frau, den Pulitzer-Preis für Age of Innocence. Edith Wharton starb 1937.
Die deutsche Übersetzung von Des Baumes Frucht stammt von Brucewelch, mit dem ich bei MobileRead schon oft zusammengearbeitet habe. Ich hatte Gelegenheit zu einem Gespräch mit dem Übersetzer.

H: Ich freue mich sehr, das Interview mit Dir machen zu dürfen, Bruce. Kannst Du uns bitte zuerst etwas über die Geschichte sagen, die in dem Roman erzählt wird.

B: Der junge stellvertretende Geschäftsführer einer Textilfabrik sieht eine Chance, die zahlreichen Missstände in der Führung des Unternehmens, besonders was die Behandlung der Arbeiter betrifft, zu beseitigen, als die junge Witwe des Inhabers den Besitz übernimmt und aus New York bzw. Long Island zu dem kleinen Industrieort anreist. Daraus ergeben sich die folgenden Verwicklungen, die Wharton in ihrem 1907 erschienenen Roman mit mehreren unerwarteten Wendungen vor dem Leser ausbreitet.

H: Was hat Dich besonders an dem Roman interessiert?

B: Es gibt seit der Verfilmung von „Age of Innocence“ durch Martin Scorsese 1992 zwar eine ganze Reihe von Übersetzungen, aber sie beziehen sich alle auf das Bild, das die Öffentlichkeit auf Grund des Films von dem Schaffen der Autorin hat: Gesellschaftsromane über die „upper ten thousand“ von New York. „The Fruit of the Tree“ lässt sich hier nicht ohne weiteres einordnen. Zudem ist das Werk noch nicht ins Deutsche übersetzt.

H: In dem ausführlichen und sehr fundierten Nachwort Deiner Übersetzung erwähnst Du, dass sich „Des Baumes Frucht“ durch seine Themenvielfalt von den anderen Romanen der Autorin unterscheidet. Ist es nur dieses eine Werk, dass Dich interessiert oder findest Du die Autorin allgemein lesenswert?

B: Edith Wharton gehört für mich zu den interessantesten, nicht nur weiblichen, Autoren aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Ihre feine Ironie und die Art, wie sie ihren Werken durch einen metaphorisch-symbolischen Verweisungszusammenhang eine klare tektonische Form verleiht, finde ich sehr eindrucksvoll.

H: Ich arbeite selbst seit Jahren an der Übersetzung einer einzelnen Kurzgeschichte von Wilkie Collins und bin immer noch nicht fertig – hauptsächlich deshalb, weil ich die meiste Zeit eben nicht daran arbeite. In der gleichen Zeit legst Du jetzt schon Deine zweite Übersetzung eines großen Romans vor. Du hast ja auch eine Übersetzung von Ernest Maltravers von Edward Bulwer-Lytton gemacht. Kannst Du ungefähr überblicken, wie viele Stunden Arbeit in so einer Übersetzung stecken? Und war es beim zweiten Buch leichter?

B: Bulwer-Lyttons Englisch von 1837 ist gemessen am heutigen Sprachgebrauch naturgemäß ein Stück weit „archaischer“ als Whartons amerikanisches Englisch von 1907. Bei „Ernest Maltravers“ kam noch das Nachdichten von um die 100 Motti und weiteren Gedichten hinzu. Insofern hat dieser Roman im Verhältnis mehr Zeit beansprucht. Bei „Des Baumes Frucht“ hatte ich mir zum Ziel gesetzt, jeden Tag 5 Seiten zu schaffen, so war nach ca. 5 Monaten die Rohfassung fertig.

H: Sicher liest Du auch moderne Autoren. Wie groß ist im Vergleich dazu der Anteil gemeinfreier Autoren in Deinen virtuellen und realen Bücherregalen?

B: Deren Anteil überwiegt in beiden „Regalen“ deutlich. Schwerpunkt meines Interesses bildet die Literatur besonders des 19. Jahrhundert.

H: Durch Deine Arbeit bei MobileRead und Deine Übersetzungen machst Du Dich sehr um die Erhaltung und Verbreitung älterer Literatur verdient. Gibt es eine besondere Qualität, die Du nur in alten Büchern findest?

B: Der Umgang mit der Sprache ist in „alten Büchern“ für mich oft zufriedenstellender. Und die erzählten Geschichten finde ich nicht selten einfach interessanter.

H: Aus unserer Zusammenarbeit weiß ich, dass Du bei Deinen Ausgaben sehr sorgfältig arbeitest. Da könnte sich so mancher professionelle eBook Verlag eine Scheibe abschneiden. Warum machst Du Dir die Mühe, die alten Bücher so schön aufzubereiten? Ist das einfach nur Spaß an der Sache oder steckt da mehr dahinter? Soziales oder bildungspolitisches Engagement vielleicht?

B: Ja, Du hast Recht: was da manchmal gegen Geld auf die eReader der Leser gerät, ist schauerlich. Mich wundert, dass es da keine empörten Aufschreie gibt. Das ästhetische Herrichten „alter Bücher“ als eBooks kommt aus dem Bedürfnis, die schönen alten Werke, um die sich die heutigen Verlage nicht mehr kümmern, angemessen in die Gegenwart zu retten; das macht mir tatsächlich Spaß, aber es gehört auch in den größeren Zusammenhang von Weiterführung des kulturellen Erbes mit den Mitteln elektronischer Gestaltung und Speicherung: sozusagen literaturarchäologische Arbeit mit Hilfe digitaler Gestaltung und Konservierung.

H: Von vielen Buchliebhabern hört man immer wieder, dass ein eBook einfach nicht so hochwertig gestaltet werden kann wie ein „echtes“ Buch.

B: eBooks können heute mit einigem Aufwand sehr komfortabel gestaltet und sogar opulent illustriert werden. Allerdings scheint sich bei gewissen heute gängigen eReadern die Software infolge des Touchscreen-Hypes von der Hoffnung auf universale Lesegeräte immer mehr zu verabschieden. Die hochwertige Gestaltung eines eBooks ist aber nur nutzbar, wenn die Hersteller wieder zum Gebrauch sämtlicher Möglichkeiten des eReaders zurückkehren.

H: Was sind Deiner Meinung nach die Vorteile des eBooks gegenüber dem Papierbuch? Gibt es Bereiche, wo das Papierbuch dem eBook überlegen ist?

B: Das gegenständliche Print-Buch mit seiner eigentümlichen Haptik bleibt unersetzbar. Aber wer kann schon eine Bibliothek von Tausenden von Büchern mit sich herumschleppen? Mit einem eReader geht das. Auch die Navigation innerhalb eines Buches erledigt ein (kompetenter!) eReader rascher und unaufwendiger, als wenn man „toten Baum“ in der Hand hat – vorausgesetzt, das eBook ist entsprechend üppig programmiert und der eReader schöpft softwaremäßig die Möglichkeiten des Geräts aus.

H: Wie sieht Deine persönliche Bibliothek aus? Liest Du mehr eBooks oder greifst Du dann doch gerne mal zum pBook?

B: Die pBooks überwiegen bei mir zahlenmäßig immer noch weit, und ich greife auch weiterhin gerne zum beblätterbaren „wirklichen“ Buch. Durch die „literaturarchäologische“ Arbeit ist allerdings die Beschäftigung mit dem eBook deutlich nach vorne gerückt. Unterwegs lese ich vor allem eBooks.

H: Hast Du schon wieder neue Buchprojekte in Arbeit? Auf welche eBook Ausgaben aus Deiner Werkstatt können wir uns in nächster Zeit freuen? Gibt es Pläne für eine weitere Übersetzung?

B: Neben einigen kleineren Projekten geht es mir z.Z. vor allem darum, nun die großen Gesellschaftsromane von Bulwer-Lytton in zeitgenössischen Übersetzungen zugänglich zu machen. Was Pläne zu weiteren eigenen Übersetzungen angeht: Ja, es gäbe von Edith Wharton noch Unübersetztes, an das ich mich gerne begeben würde. Nur erscheinen die Downloadzahlen bislang nicht gerade motivierend. Verhalten sich die „Kunden“ etwa nach dem rheinischen Grundsatz „Wat nix kost, dat is nix“?

H: Ich hoffe sehr, wir können mit diesem Interview viele Leser verlocken, sich selbst ein Bild von der Qualität Deiner Übersetzung zu machen. Vielen Dank, dass Du Dir die Zeit genommen hast, meine Fragen zu beantworten. Und vielen Dank, dass Du uns mit Deiner „literaturarchäologischen“ Arbeit eine so spannende Autorin näher bringst.

Des Baumes Frucht von Edith Wharton in der Übersetzung von Brucewelch ist bei MobileRead unter der Lizenz CC Namensnennung – Keine kommerzielle Nutzung – Keine Bearbeitungen 3.0 Deutschland erschienen.

Update 4. 8. 2017: Die Bücher gibt es leider nicht mehr bei MobileRead. Ihr könnt sie jetzt bei ngiyaw bekommen.

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2 Gedanken zu „The Fruit of the Tree – Des Baumes Frucht

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