Der Fall Maurizius von Jakob Wassermann (1873-1934)

Ein Wow-Buch, das mich gepackt und nicht mehr losgelassen hat, bis ich es durch hatte. Dabei ist Der Fall Maurizius ein wahrer Brocken von einem Buch, die gebundene Ausgabe hat 568 Seiten, vom Computer vorgelesen dauert es etwa 20 Stunden.

In dem 1928 erschienenen Buch von Jakob Wassermann geht es um einen Mordfall, der schon 19 Jahre zurück liegt. Leonhart Maurizius ist für den Mord an seiner Frau Elli zu lebenslangem Zuchthaus verurteilt worden, obwohl er immer wieder beteuert, es nicht getan zu haben. Die Indizien sprechen gegen ihn und ein Augenzeuge, Gregor Waremme, hat unter Eid ausgesagt, dass Leonhart die Tat begangen habe. Leonharts Vater, Peter Paul Maurizius, versucht den damaligen Staatsanwalt, heutigen Oberstaatsanwalt Wolf von Andergast, von Leonharts Unschuld zu überzeugen und eine Begnadigung zu erwirken. Doch Oberstaatsanwalt von Andergast lehnt ab. Er ist viel zu sehr von sich selbst und dem Rechtssystem, dem er dient, überzeugt. Da macht Maurizius Senior zufällig die Bekanntschaft von Etzel, dem 16jährigen Sohn des Oberstaatsanwalts. Etzel ist von dem Fall fasziniert, lässt sich alles erzählen und liest die Zeitungsberichte und Unterlagen, die Vater Maurizius gesammelt hat. Teils aus Auflehnung gegen seinen überstrengen unnahbaren Vater, teils aus ausgeprägtem Gerechtigkeitsempfinden beschließt er, von Frankfurt nach Berlin zu fahren, wo Maurizius Gregor Waremme, den Augenzeugen von damals, ausfindig gemacht hat, um von ihm die Wahrheit zu erfahren.

Das Verschwinden seines Sohnes veranlasst den Staatsanwalt, sich doch wieder mit dem alten Fall zu beschäftigen. Zweifel tauchen in ihm auf und er besucht Leonhart Maurizius im Gefängnis, um sich über einige Nebenumstände Klarheit zu verschaffen. In Berlin macht Etzel die Bekanntschaft von Waremme, der hier unter dem Namen Georg Warschauer unter ärmlichen Umständen als Privatgelehrter lebt. Er kann Warschauer dazu bewegen, ihm die ganze Geschichte zu erzählen. Am Ende erfahren beide, der Sohn von Warschauer und der Vater von Maurizius, was damals geschehen ist und viel wichtiger, warum es geschehen ist.

Die Leser erfahren zwei Lebensgeschichten oder besser Lebensbeichten aus dem Munde von Maurizius und Warschauer. Alles dreht sich um Anna Jahn, die Schwester von Maurizus‘ Frau Elli, in die beide unsterblich verliebt waren und an der sie beide letztlich scheitern. Wir erfahren auch, wer es wirklich getan hat, aber das erscheint dann schon gar nicht mehr wichtig.

Mit Waremmes Aussage reist Etzel zurück nach Frankfurt, wo sein Vater inzwischen auch erkannt hat, dass durch ihn ein Mann seit 18 Jahren unschuldig im Zuchthaus sitzt. Für den Oberstaatsanwalt Wolf von Andergast bricht seine ganze Welt zusammen.

Das ist in Kürze das, was passiert. Der Rest der fast 600 Seiten ist gefüllt mit den beiden breit und tief angelegten Lebensbeichten von Maurizius und Warschauer, mit den Gedanken und Gefühlen von Vater und Sohn Andergast und mit der Frage nach Gerechtigkeit. Gerechtigkeit ist das große Thema des Buches. Da ist Vater Andergast, der die Gerechtigkeit professionell betreibt, jedem Buchstaben des Gesetzes bis in Kleinste dient, aber schon lange keine Gerechtigkeit mehr fühlt, oder womöglich noch nie gefühlt hat. Da ist der Sohn, der einen glühenden Eifer für die Gerechtigkeit als Menschenrecht empfindet, und ihr fast schon kindlich naiv zum Sieg verhelfen will. Wassermanns Buch ist eine große Anklage gegen das Justizsystem seiner Zeit. Er prangert ein System an, in dem ein solches Fehlurteil ergehen kann und dass dann in träger Selbstgerechtigkeit eine Revision verhindert. Er prangert die Zustände in den Zuchthäusern an und schildert die geistige und seelische Vergewaltigung, die eingesperrten Menschen angetan wird.

Mir gefällt vor allem die Konstruktion des Buches. Alles wird ständig gespiegelt, immer gibt es eine Parallele. Die Beziehung von Vater und Sohn bei den beiden Maurizius und den beiden Andergasts, Maurizius und Warschauer, ihre Lebenswege und ihre Liebesbeziehungen. Das ist zum großen Teil Wassermanns Absicht. Es spiegelt sich auch in Untertönen das Leben vor und nach dem ersten Weltkrieg, allerdings ohne die bewusste Absicht des Autors, wie ich vermute. Das ist alles ungemein packend erzählt, man will einfach immer weiter lauschen. Das Buch verführt einen zu lauschen, ohne weiter nachzudenken. Denkt man nach, aber das passiert erst hinterher, fallen einem die Schwächen der Figuren auf. Alle sehr eindimensional, konzentriert auf eine Facette, ein Interesse, einen Antrieb. Man könnte einwenden, alles andere sei für dieses sorgfältig konstruierte Scheitern zweier Leben (oder dreier, wenn man Wolf von Andergast mitzählt) auch gar nicht notwendig. Man ahnt aber immerhin, dass da noch mehr sein muss. Nur beschleicht den Leser der Verdacht, dass ein paar mehr Facetten, ein breiter aufgestelltes Leben, dieses Scheitern womöglich sehr leicht hätten verhindern können. Aber die Erzählung ist so dicht gewoben, dass man das erst hinterher denkt; so lange man liest, will man nur lauschen, und das mit großem Vergnügen.

Es gibt ein paar Punkte, die einem das Lauschen verderben können. Wassermann ist ein Autor mit Mission. Das mag nicht jeder, vor allem, wenn es so deutlich ausgesprochen wird wie hier. Mit Wassermanns Kampf gegen Ungerechtigkeit sympathisiert man zwar  gerne, wenn er allerdings so weit geht, die Legitimität menschlicher Gerechtigkeit, ja überhaupt ihre Möglichkeit völlig zu verneinen, wollte ich ihm nicht mehr so recht folgen, vor allem, weil er uns mit „geht nicht, weil ist nicht“ allein im Nebel stehen lässt. An diesen Stellen fängt er leider auch an zu schwafeln. Es sind zum Glück nur wenige.

Der zweite Kritikpunkt sind die Frauen. Obwohl, dieses Wort haben die röcketragenden Staffagen in dem Buch eigentlich gar nicht verdient. Die Männer sind schon sehr eindimensional, weil alle für die Geschichte nicht relevanten Facetten weggelassen wurden. Die vorhandenen sind dafür aber sehr schön herausgearbeitet und glaubhaft erzählt. Diese Mühe hat sich Wassermann bei den Frauen nicht gemacht. Ihnen wird die Motivation ihres Handelns angeklebt wie bei diesem Gesellschaftsspiel, bei dem man raten muss, welcher Name einer berühmten Person einem auf der Stirn klebt. Das ist zum Teil sicher aus der Zeit zu erklären, in der Frauen grundsätzlich als minderwertig und minderwichtig angesehen wurden. Aber hat Wassermann denn nicht Fontane gelesen? Falls er hat, konnte er nicht viel von ihm lernen, denn sein Frauenbild ist leider ganz genau das seiner Zeit. Minderwertig und minderwichtig. Das wird besonders da deutlich, wo eine Vergewaltigung als psychologisch notwendig (für den Mann), als nachvollziehbar und damit entschuldbar dargestellt wird. Und zum Teufel mit den Konsequenzen für die Frau. Wie sich Wassermann diese Konsequenzen denkt, ist ein weiterer Beweis, wie wenig er sich in seine Frauen hinein denkt.

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, Wassermann genau an dem scheitern zu sehen, woran auch seine Protagonisten scheitern, an den Frauen nämlich, die als Projektionsfläche männlicher Fantasien herhalten müssen und kein Eigenleben haben. Hätten sie Eigenleben, hätte die eine oder andere einen der handelnden Protagonisten mal bei den Ohren nehmen und kräftig schütteln können und einiges wäre anders gekommen.

Ein Wow-Buch hatte ich gesagt? Zu 80% ein Wow-Buch. Nach genauerer Betrachtung sind 20% so wenig wow, dass mich das Schreiben dieses Beitrags immerhin von dem dringenden Wunsch kuriert hat, den Fall Maurizius aufzunehmen. 100 Stunden Arbeit ist es wahrscheinlich nicht wert, doch vielleicht doch … ? Lesen lohnt sich für die 80% aber auf jeden Fall.

Der Fall Maurizius ist übrigens der erst Teil einer Trilogie. Am zweiten Teil, Etzel Andergast, lese ich gerade. Kann schon jetzt sagen, dass sich das nicht lohnt. Muss nur erst etwas anderes finden, dann höre ich damit auf.

Normalerweise verlinke ich gerne zu Wikipedia, der Artikel zum Fall Maurizius ist aber so gar nicht empfehlenswert, um es vorsichtig zu sagen. Hier ist aber immerhin der Link zum eBook bei MobileRead

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2 Gedanken zu „Der Fall Maurizius von Jakob Wassermann (1873-1934)

    • Danke.
      Ja, in ihrer Zeit gefangen sind viele Autoren, was ja auch nur menschlich ist. Nur den ganz großen gelingt es, sich zum Teil darüber zu erheben, wie ja auch Fontane mit seinem Frauenbild.

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