Gut gegen Nordwind

Gut gegen Nordwind ist ein Roman des österreichischen Autors Daniel Glattauer von 2006. Ich habe ihn nicht gelesen und hätte ich ihn gelesen, würde ich wahrscheinlich nicht darüber schreiben wolle.  Ich kenne das Buch nur als Hörspielbearbeitung von BBC Radio 4, Love Virtually, mit Emilia Fox und David Tennant. Die ist so gut, dass ich darüber schreiben muss.

Es ist ein moderner Briefroman, ein Emailroman. Wegen eines Tippfehlers landet Emmys Mail Betreff: Abonnementkündigung nicht beim Verlag sondern bei Leo. Es entspinnt sich einen Korrespondenz zwischen den beiden, in der sie sich Mail für Mail näher kennenlernen und sich schließlich eingestehen müssen, dass sie sich ineinander verliebt haben. Der Plot ist ziemlich einfach und ziemlich unwahrscheinlich. Die Figuren wirken unvollständig, aber da der Text für das Hörspiel gekürzt wurde, kann ich nicht sagen, was davon auf das Konto des Autors geht und was auf das Konto der Bearbeitung.

Sehr schön eingefangen ist der Schwebezustand in der virtuellen Realität. Beide sind sind ungeheuer neugierig aufeinander, zögern jedoch, sich dem Fremden am anderen Ende zu öffnen. Beide benutzen den Anderen als Projektionsfläche für die eigenen Wünsche und Sehnsüchte und scheuen deshalb, trotz aller Neugier, eine Begegnung in der wirklichen Welt. So entsteht eine Blase ganz eigener Realität zwischen den beiden.

Mir sind beide Figuren eher unsympathisch. Emmy ist sehr fordernd, eher unreflektiert, fast schon unverschämt. Leo erscheint zögerlich und unentschieden, findet keine klare Linie für sich selbst. Beides ist nötig, um die Geschichte überhaupt weiter zu führen. Es ist eine der Schwächen des Textes, dass man häufig die Zahnrädchen sieht, die das ganze in Bewegung halten. Wären es wirklich Menschen, wäre das Buch schon vor der Hälfte zu Ende, weil die Korrespondenz entweder eingeschlafen wäre oder eine wirklich Begegnung stattgefunden hätte. Hätte ich nur das Buch gelesen, hätte ich es wahrscheinlich noch vor der Hälfte aus der Hand gelegt.

Was mich nicht nur bei der Stange gehalten sondern regelrecht gefesselt hat, war die Schauspielkunst von Emilia Fox und David Tennant (kürzlich als Alec Hardy in Broadchurch zu sehen), die Emmy und Leo in der BBC Produktion darstellen. Den beiden ist eine so lebendige und glaubhafte Darstellung der Figuren gelungen, dass man über die Schwächen der Vorlage nicht nur gerne hinwegsieht, man nimmst sie auf den ersten Blick noch nicht mal war. Das ist große Kunst und unbedingt hörenswert.

Leider gibt es das Hörspiel auf der Seite von BBC nicht mehr zum Nachhören. Die Produktion ist von 2012. Kaufen kann man es, so weit ich sehe, nicht. Aber zum Glück funktioniert die künstliche Verknappung digitaler Güter im Internet nicht wirklich. Einfach mal die Suchmaschine fragen nach Love Virtually und Every Seventh Wav. Das ist die Fortsetzung der Geschichte von Emmy und Leo.

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2 Gedanken zu „Gut gegen Nordwind

  1. Das kann ich 100% unterschreiben – ich habe David Tennant seit Doctor Who geliebt und das Buch ursprünglich nur wegen ihm gehört. Ich war absolut begeistert von den beiden. Gut gegen Nordwind hätte ich sonst nie gelesen. 🙂

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