Fundstück

Das Unglück war nur, daß diese Arbeit eine streng philologische war – ganz herausgeschrieben aus der Lehramtskandidatenseele Wilhelm Straubings. Der war Germanist mit Leib und Seele, hatte aus innerstem Drang seinen Beruf ergriffen und war durch die Studienjahre sehr getreu der mildleitenden Hand seiner Professoren gefolgt. Er begriff sehr bald, daß es auf das eigentliche Werk des Dichters überhaupt nicht ankomme, sondern daß dies vielmehr ein an und für sich vollkommen gleichgültiges Objekt sei für philologischen Scharfsinn. Das wirklich Wichtige waren die Quellen, die dem Werke zugrunde lagen; die Originale der Figuren, die eventuellen Fehler, die sich der Verfasser hatte zuschulden kommen lassen. Dann  die Entstehungsjahre des Werkes und das Datum der Veröffentlichung, die Korrekturen während des Druckes, die Verschiedenheiten der einzelnen Ausgaben, die Druckfehler, Varianten und vor allem die Kommentare anderer Gelehrter über das Werk. Das war wissenschaftliches Denken, und Wilhelm Straubing fühlte sich so wohl darin wie die Kröte im Krautgarten. Es ist keine Frage, daß aus ihm eine Zierde der Germanistik an jeder deutschen Universität geworden wäre, ein Professor, wie er sein soll, wenn nicht eine dumme Kugel diese blühende Hoffnung der Wissenschaft vernichtet hätte.

Aus Der Geisterseher von Hanns Heinz Ewers, eine Fortsetzung der Erzählung von Friedrich Schiller. Online bei Gutenberg DE

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