Tad Williams: Otherland

Vor ein paar Tagen hat Wolfgang alias Buchwolf Otherland bereits besprochen. Es war das erste mal, dass ich einen Blogbeitrag über ein Buch las, dass ich nicht nur kenne sondern das mir auch sehr am Herzen liegt. Meine erste Reaktion auf seine ausgezeichnete Besprechung war deshalb eher zwiespältig. Wolfgangs Beitrag bietet eine Zusammenfassung des Inhalts, die alle Überraschungen des Plots vorweg nimmt und auch den Schluss verrät. Wir haben Mails ausgetauscht und inzwischen verstehe ich, dass das auch seine Berechtigung hat. Aber das ist ein Thema für einen anderen Tag. Ich schreibe, um Euch Lust auf das Buch zu machen.

>Im Schlamm fing es an, wie so vieles.

Das Buch beginnt im ersten Weltkrieg. Der Leser begegnet Paul Jonas im Schlamm der Schützengräben. Nach einer Verletzung findet er im Traum den Weg zu einem Schloss über den Wolken, wo er einer geheimnisvollen Vogelfrau begegnet, die von einem Metallungeheuer dort gefangengehalten wird. Als das Ungeheuer ihn entdeckt und verschlingen will, erwacht Paul Jonas wieder im Schützengraben. Doch er hat eine Feder der Vogelfrau bei sich.

Im nächsten Kapitel lernen wir Renie Sulaweyo kennen. Sie ist eine schlecht bezahlte Universitätsdozentin für virtuelle Realität (VR) in Südafrika irgendwann in der Mitte des 21. Jahrhunderts. Sie kümmert sich um ihren alkoholkranken Vater und vertritt Mutterstelle bei ihrem kleinen Bruder Stephen. Ihre Mutter ist bei einem Brand ums Leben gekommen. Unter großen Mühe hält sie die Familie zusammen.

Einer ihrer Schüler ist der San (oder veraltet Buschmann) !Xabbu. Das ! steht für einen Schnalz- oder Klicklaut. (Kennt jemand den Film „Die Götter müssen verrückt sein“? Da geht es auch um die San, man kann ihre Sprache hören und erfährt auch ein bisschen was über ihre Lebensweise. Amüsanter Film für einen verregneten Sonntag Nachmittag.) !Xabbu absolviert bei Renie einen Crashkurs in VR. Das Netz und die gesamte Technologie hat sich seit heute enorm weiterentwickelt. Man arbeitet nicht mehr mit Tastatur und Maus vor dem Bildschirm, sondern interagiert in einer simulierten Umwelt direkt mit Daten und Medien. Firmen haben keine Website mehr, sondern einen simulierten Shop auf einer virtuellen Einkaufsmeile; die Grenzen zwischen Text, Audio und Video sind kaum noch vorhanden; die richtige Ausstattung vorausgesetzt, kann man die VR nicht nur sehen, sondern auch fühlen, riechen, schmecken und je teurer das Equipment ist, desto echter wirken die Eindrücke. Spitze der Technik ist eine Neurokanüle, mit der die Computerdaten direkt ins Gehirn übertragen werden. Die Netz-Elite trifft sich im Inneren Distrikt, einem besonderen Netzbereich, zu dem Normalbürger wie Renie gar keine Zugang haben, denn das wäre viel zu teuer. Natürlich gibt es Wege, trotzdem in den Inneren Diskrikt zu gelangen, in dem alles noch bunter, exotischer, aufregender und interessanter ist als im Rest des Netzes. Renies kleiner Bruder Stephen kehrt nach einem illegalen Ausflug in den Inneren Distrikt nicht zurück. Er fällt in ein Koma und Renie findet heraus, das weltweit tausende Kinder von diesem Koma betroffen sind, für das die Ärzte weder eine Erklärung noch eine Therapie haben.

Christabel Sorensen ist ein kleines Mädchen, 7-8 Jahre alte, das mit seiner Familie auf einem Armeestützpunkt in Amerika lebt. Sie freundet sich mit einem alten Mann an, der bei einem Unfall schreckliche Verbrennungen davongetragen hat und nun (was Christabel nicht weiß oder nicht versteht) unter Hausarrest auf dem Stüzpunkt lebt. Ihre Besuche bei Mr. Sellars sind ein großes Geheimnis, von dem ihre Eltern nichts wissen dürfen. Einmal bitte Mr. Sellars sie, ihm heimlich Seife zu bringen, die er dann isst. Ein großes Geheimnis umgibt Mr. Sellars, doch der Leser erfährt erst viel später in der Geschichte, was ihm zugestoßen ist und das er eine der treibenden Kräfte der Ereignisse ist.

In der Spielewelt Mittland machen sich der Barbar Thargor und der Dieb Pithlit zu einem Abenteuer auf, in dessen Verlauf die Figur des Thagor getötet wird. Orlando Gardiner, der Spieler des Thagor, der in RL (der wirklichen Welt) ein schwer kranker Teenager ist, glaubt fest daran, dass das Spiel manipuliert wurde und versucht zusammen mit seinem Freund Fredericks, dem Spieler des Pithlit, die Drahtzieher hinter der Manipulation zu finden.

Dread ist ein psychopathischer Serienmörder, der über die besondere Fähigkeit verfügt, mittels seiner Gedanken Elektronik zu manipulieren. Er ist der Handlanger eines alten Mannes, der sich ihm in VR als Gott Osiris zeigt und für den er die Drecksarbeit erledigt. Einer seiner Morde ruft in Australien die Polizistin Calliope Skouros auf den Plan.

In all diesen Handlungssträngen, die zunächst nichts miteinander zu tun haben, verdichten sich die Hinweise auf ein supergeheimes, extrem fortschrittliches Netzwerk im Netzwerk – Otherland – dass von einer Gruppe superreicher alter Männer betrieben wird. Auf irgend eine Art hat Otherland mit dem Koma von Stephen und den anderen Kindern zu tun. Paul Jonas ist in diesem Otherland verloren gegangen. Es gelingt ihm, aus der WWI Simulation in eine andere Welt zu entkommen, doch er ist sich nicht bewusst, in einer Simulation zu sein und hat keine Erinnerung an sein Leben in der echten Welt.

Am Ende des ersten von vier Bänden gelingt es Renie und !Xabbu in das Otherland Netzwerk einzudringen. Dort begegnen sie anderen, die aus ähnlichen Gründen ähnlichen Spuren gefolgt sind, um das Geheimnis von Otherland zu ergründen. Doch dann stellen sie fest, dass sie nicht mehr offline gehen können. Sie sind in Otherland gefangen. Auch Orlando und Fredericks sind nach Otherland gelangt und sitzen fest. In RL liegen beide im Koma, in der VR beginnt eine fantastische Reise durch völlig realistisch anmutende simulierte Welten. Die einzelnen Gruppen und Paul Jonas folgen sehr wagen Hinweisen von Mr. Sellars und haben mehr als einmal alle Hände voll damit zu tun, am Leben zu bleiben.
In RL gelingt Sellars mit Hilfe von Christabel die Flucht von dem Stützpunkt. Der Anwalt der Familie Fredericks nimmt Kontakt zu Christabels Eltern auf. Er begegnet der nicht mehr ganz jungen Netzdarstellerin Olga Pirofsky, die für eine Kindershow arbeitet und ihrerseits auf die Komafälle aufmerksam geworden ist.

Und das sind nur die wichtigsten Handlungsfäden, es gibt noch einige weitere, die Tad Williams meisterhaft zu einer extrem komplexen Geschichte verwebt. Williams Schreibstil kann man mögen oder auch nicht. Der durchschnittliche Fantasy- und SciFi-Leser mag ihn oft nicht, denn es gibt relativ wenig Aktion auf die sehr lange Strecke von insgesamt 3591 Seiten der deutschen Übersetzung von Hans-Ulrich Möhring. Dafür gibt es unglaublich eindringliche Beschreibungen, fein gezeichnete Figuren mit richtiger Persönlichkeit, einen wohldurchdachten Plot, der über vier Bände nie bricht oder gewaltsam in eine Richtung gebogen wird. Tad Williams macht „richtige Literatur“ innerhalb eines Genres, über das „bessere Leser“ gerne die Nase rümpfen, weil sich zwischen den Buchdeckeln mit Genreaufkleber nur zu oft Massenlesefutter ohne großen Anspruch findet. Das es auch anders geht, zeigt Williams eigentlich in jedem seiner Bücher, aber ganz besonders in Otherland.

Die einzelnen Handlungsfäden werden aus der Perspektive eines der Hauptcharaktere erzählt, was auch in der Sprache zum Ausdruck kommt. Die Kapitel von Christabel sind kindlich, die Kapitel von Renie gehetzt, Orlandos Kapitel tapfer-resigniert, … Williams findet nicht nur den richtigen Ton für jede Figur, er hält ihn auch die ganze Zeit ohne Misstöne durch.

Otherland bietet nicht nur eine ausgezeichnet erzählte wunderbare Geschichte (oder vielmehr gleich mehrere), dahinter, darunter und dazwischen gibt es Philosophie, Ethnologie, Geschichte und profunde Reflexion über das Wesen der Menschen und der Gesellschaft. Mit !Xabbu tauchen wir in die komplexe Mythologie der San ein, es geht um biologische Identität und virtuelle Selbstdarstellung, es geht um die Macht des Geldes, um Chancengleichheit, um Bildung für alle, um den Preis des Fortschritts, die Kluft zwischen arm und reich, um den Wert kultureller Verschiedenheit und um die alles verbindende Menschlichkeit hinter den Religionen.
Es gibt am Anfang von jedem Kapitel ein Netfeed mit Nachrichten aus der RL Welt der nicht ganz so weit entfernten Zukunft. Diese kurzen Clips aus Politik, Wirtschaft und Kultur stehen da zunächst ganz zusammenhanglos, doch schon bald verbinden sie sich für den Leser zu einem Bild der Welt, in der Renie und Christabel, Orlando und die anderen leben. Das ist ganz großartig gemacht.

Viele der Welten im Otherland Netzwerk fußen auf Büchern, meist Klassikern der englischen Literatur. Das mag so manchen SUB ins Wanken bringen, denn man bekommt große Lust, die Bücher selbst zu lesen. Wir besuchen mit den Protagonisten War of the Worlds, The Wizzard of Oz, Xannadu, aber auch den trojanischen Krieg. Es gibt eine Welt, in der Amerika nie entdeckt wurde; in einer Welt schrumpft der menschliche Besucher auf Insektengröße und sieht sich mit ganz unbekannten Gefahren konfrontiert; wir begegnen den Neandertalern der Eiszeit; es gibt auch völlig fantastische Welten, eine Küche, die von Küchengerät und Werbefiguren bevölkert wird, eine Welt, die vollständig aus einem einzigen gigantischen Haus besteht und vieles mehr.

Als der erste Band von Otherland 1996 erschien, hatte sich Tad Williams mit »Das Geheimnis der Großen Schwerter« bereits einen Namen als Fantasyautor gemacht. Man kann trefflich streiten, ob Otherland zur Fantasy oder zur SciFi zählt, man kann es aber auch lassen, denn das Buch sprengt mit seiner Komplexität und Dichte die Genregrenzen sowieso. Es ist ein Buch, das einen in eine fantastische Welt entführt, aber man braucht einen langen Atem und es ist keine leichte Kost. Die deutsche Übersetzung ist gut und fängt auch die sprachlichen Unterschiede der einzelnen Handlungsträger ein. Vor allem die Übertragung des Netzchargons ist sehr gelungen. Wer Englisch liest, sollte sich das Original besorgen. Das gilt natürlich immer, in diesem Fall aber besonders. Tad Williams Sprache hat eine eigenen Klang, eine unübersetzbare besondere Qualität. Man würde einiges verpassen.
Es gäbe noch das eine oder andere im Zusammenhang mit Otherland und Tad Williams zu erwähnen, aber für heute ist das Post lang genug. Vielen Dank, dass Ihr bis hier gelesen habt. Die nächsten Tage gibt es noch ein bisschen Hintergrund und Drumherum.

City of Golden Shadow. DAW Books, 1996, ISBN 0-88677-710-0.
River of Blue Fire. DAW Books, 1998, ISBN 0-88677-777-1.
Mountain of Black Glass. DAW Books, 1999, ISBN 0-88677-849-2.
Sea of Silver Light. DAW Books, 2001, ISBN 0-88677-977-4.

Stadt der goldenen Schatten. Heyne, München 2005. ISBN 978-3-453-53075-1.
Fluss aus blauem Feuer. Heyne, München 2006 ISBN 978-3-453-53216-8.
Berg aus schwarzem Glas. Heyne, München 2007 ISBN 978-3-453-53217-5.
Meer des silbernen Lichts. Heyne, München 2007 ISBN 978-3-453-53218-2.

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9 Gedanken zu „Tad Williams: Otherland

  1. Liebe Hokuspokus! Das ist eine außerordentlich interessante und reichhaltigung Rezension, und genussvoll zu lesen. Mir geht’s in so einem Fall, wo ich schon selbst uber das Buch geschrieben habe, oft so: Ja, genau, diesen Aspekt hab ich gar nicht so beachtet! Und über das hätte ich auch schreiben sollen, usw. Höchst anregend, bringt mir ein für mich doch schon einige Zeit zurückliegendes kraftvolles Leseerlebnis wieder lebendig vor Augen.
    lg, buchwolf

    • Oh, vielen Dank, lieber Wolfgang, das freut mich. Bei einem so dicken und vor allem komplexen Buch ist es eigentlich unmöglich, alles anzusprechen. Neben Deiner und meiner ist gut noch Material für ein paar weitere Rezensionen übrig, um alles wichtige auch nur zu erwähnen.

  2. Als ich deinen Blogeintrag las fiel mir ein, dass ich das Hörspiel hier rumliegen habe. Ich hatte es letztes Jahr für meinen Sohn gekauft. Ich mag Hörspiele nicht besonders, darum habe ich es noch gar nicht angehört. Na mal sehen. Bis jetzt gefällt es mir nicht (nicht des Inhaltes wegen, sondern wegen der Geräusche).

      • Genau, deswegen höre ich normalerweise keine Hörspiele. Schlimm genug dass die Reckless Hörbücher einen mit nerviger Musik bombardieren. Otherland gibt es zwar als Hörbuch (im Original), kostet aber € 44 pro Buch…

  3. Vielen Dank für die Rezension. Klingt so, als wäre das etwas für mich 🙂

    Ich habe diese Buchreihe immer nur sozusagen aus dem Augenwinkel in der Buchhandlung gesehen, aber nie weiter beachtet.

    Rezensionen, die das Ende oder spannende Wendungen verraten, gehören verboten. Das hasse ich bei Wikipdia-Einträgen zu Filmen. Dort wird auch immer ALLES erzählt.

    Wenn schon, dann sollte ein entsprechender Hinweis, neudeutsch Spoiler, eingebaut werden, damit man als Leser die Wahl hat. In einem meiner Lieblingsblogs wurde z. B. ohne Vorwarnung das Ende von „Breaking Bad“ verraten. Ich habe die Seite nie wieder aufgerufen.

    Gruß,
    Klaus

    • Würde mich freuen, Dir zu einem guten Buch verholfen zu haben 🙂

      Wikipedia ist ja quasi dazu da, alles zu schreiben. Bei Rezensionen usw. ist eine Spoilerwarnung ziemlich nützlich, da hast Du recht. Aber wo fängt das an? Ein Freund hat sich gestern bei mir „beschwert“, ich hätte in meinem Beitrag auch arg gespoilert. Aber er ist ja auch erst im ersten Band und weiß noch nicht, was ich alles nicht erzählt habe 😉

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