Häkelkrimi 8: Sugawara Akitada von I.J. Parker

Der Begriff “Häkelkrimi” ist gar nicht abwertend gemeint, im Gegenteil! Ich liebe Krimis, die hauptsächlich durch die Atmosphäre oder ein besonderes Thema funktionieren, und das am liebsten in Serie.

Die historischen Kriminalromane von Ingrid J. Parker passen nur zum Teil in diese Rubrik. Sie spielen im Japan der Heian-Zeit (11. Jh.). Akitada (Vorname) ist ein Justizbeamter aus einer altehrwürdigen aber nicht besonders mächtigen oder reichen Familie, den seine Neugier und Sturheit immer wieder in Kriminalfälle verwickeln, die er zum Teil in seiner Beamtenfunktion und zum Teil neben seiner eigentlich Arbeit löst. Damit macht er sich bei seinen Vorgesetzten wenig Freunde, sein Anstellung beim Ministerium ist mehr als einmal in Gefahr und er schlittert von einer Finanzkrise in die nächste. Akitada muss nicht nur den Lebensunterhalt für sich und seine unmittelbare Familie sichern, sondern ist auch für seine Gefolgsleute verantwortlich, die mit ihm auf dem altehrwürdigen und reparaturbedürftigen Stadthaus der Familie leben. Die Familie hält sich gerade so am unteren Rand der Oberschicht.

Es gibt eine durchgehende Hintergrundgeschichte, die für die Romane sehr wichtig ist. Akitadas Verhältnis zu seinen Eltern ist von einem dunklen Familiengeheimnis überschattet, das erst nach ein paar Bänden gelüftet wird. In seiner Ehe gibt es Hochs und Tiefs, an denen der Leser teilnimmt. Der Gefolgsmann Tora ist zunächst eher ein Mann für’s Grobe, entwickelt sich dann mehr und mehr zu einem Co-Ermittler, der eigenständig Spuren verfolgt oder an eigenen Fällen arbeitet. Dabei ermittelt er oft im Rotlichtmilieu, unter Bettlern und Banditen und macht die krassen Gegensätze von Armut und Reichtum, verfeinerter Lebensart und täglichem Überlebenskampf in der mittelalterlichen Gesellschaft sichtbar. Das anderen Dauerpersonal ist nicht ganz so plastisch, aber auch diese Figuren entwickeln sich im Lauf der Romane und haben ihre Momente.

Die Fälle entfalten sich schön langsam, was ich sehr mag. Es ergeben sich mehrere Ansatzpunkte, die parallel verfolgt werden. Das ist aber nicht die Hinhaltetaktik, die man in vielen Krimis findet. Oft wird die eine richtige Spur zwischen lauter falschen Fährten versteckt. Nicht so hier. Fast jeder Ermittlungsfaden bringt wichtige Informationen, die zur Aufklärung beitragen, so dass sich am Ende der ganze Fall mit all seinen Verflechtungen und Verzweigungen wie ein bemalter Fächer vor dem Leser ausbreitet.

Die Welt des Sugawar Akitda ist zeitlich und räumlich sehr weit von unserer entfernt, das macht die Faszination aus. In den ersten Bücher hätte ich gerne etwas mehr Atmosphäre, ausführlichere Schilderung der Gebäude, Landschaft, Kleidung usw. gehabt. Es hilft, sich im Netz Bilder anzusehen und sich die eine oder andere Hintergrundinformation anzulesen, um noch mehr in diese Welt einzutauchen. So weit sind die Romane Häkelkrimis erster Güte mit nur diesem einen kleinen Schönheitsfehler.

Die Fälle selbst allerdings sind zu blutig und grausam, die Aufklärung zu gefährlich, die Zeiten zu brutal für einen echten Häkelkrimi, das Etikett passt nicht wirklich. Es geschehen wirklich schlimme Dinge, die ihre Spuren in den Figuren und auch im Leser hinterlassen. Ja, es sterben auch Figuren aus der Familie, und am Ende ist der Fall zwar aufgeklärt aber lange nicht alles gut. Oft ist Grausamkeit und Blut billiger Nervenkitzel im Thriller. Hier ist das nicht so. Das Furchtbare gehört in diese Welt, ist Teil der Realität, in der die Familie Sugawara lebt. Das macht die Geschichten so echt und deshalb nehme ich die Brutalität in Kauf, die ich sonst bei meiner Krimilektüre lieber vermeide. Es geht um ganz unterschiedliche Verbrechen: Mord aus Habsucht, Totschlag im Affekt, Brandstiftung, politische Intrigen, es gibt sogar einen psychopathischen Serienkiller.

I.J. Parker schreibt ordentliche Prosa ohne viel Schnörkel und realistische Dialoge ohne „flotte Schreibe“. Das lässt dem Leser Raum für seinen eigenen inneren Film, was mir gut gefällt.

Die Bücher sind schön dick und reichen nicht nur für einen verregneten Nachmittag sondern für ein ganzes Wochenende. Ich muss schon etwas besonderes Vorhaben, um sie wieder aus der Hand zu legen, wenn ich einmal angefangen habe.

Aus unbegreiflichen Gründen sind die ersten Bände zunächst nicht in der chronologischen Reihenfolge veröffentlicht worden. Die Autorin hat den Verlag gewechselt, im neuen Verlag ist dann in richtiger Reihenfolge publiziert worden. Es gibt also verschiedene Bandzählungen.

Aus noch unbegreiflicheren Gründen findet die Autorin seit Band 9 keinen Verlag für ihre Bücher und hat sich aus diesem Grund (wie man hört) auf Self-Publishing verlegt. Es gibt inzwischen 14 Bände. Einige sind auch auf Deutsch erschienen, dabei sind leider anscheinend Bände übersprungen worden.

Homepage der Autorin I.J. Parker

Gerade heute fragt Birgit von Sätze&Schätze nach der bevorzugten Schlechtwetter-Lektüre. Sugaware Akitada, zum Beispiel.

Advertisements

7 Gedanken zu „Häkelkrimi 8: Sugawara Akitada von I.J. Parker

  1. Vielen Dank, dass Du mir I.J. Parker und Akitada vorgestellt hast. Neue Namen in meinem Bekanntenkreis! So, wie Du sie beschrieben hast, könnten’s Freunde werden. Grüße aus der Welt der KrimiLese.

  2. Hmm, beim großen Versandhändler werden die Bücher auf Deutsch als vergriffen gemeldet?

    Deine Beschreibung erinnert mich an die Krimis um Richter Di von Robert van Gulik, die ich sehr mag.

    • Kann gut sein. Hab eben nochmal genau geschaut, es scheinen nur 3 Bücher überhaupt auf Deutsch erschienen zu sein, zwei davon gibt es gebraucht bei Booklooker, darunter Der Prinz von Sadoshima, das ich bis jetzt mit am besten fand. Ist allerdings schon fast kein Krimi mehr, eher Abenteuer und Thriller

      Hab bis jetzt nur einen Richter Di gelesen. Es ist ähnlich, aber auch wieder nicht. Akitada ist nicht so schlau wie Richter Di und sein Familienleben spielt eine viel größere Rolle. Parker erzählt schöner, aber die Fälle sind nicht ganz so komplex.

  3. Pingback: Krimi-Überraschungsei | Hauptsache Bücher

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s