Trennungsschmerz

Wie war!

Bücher von Eugen Roth. Ein toller Fund von Perlengazelle

gazelleblockt

Bücher

Ein Mensch, von Büchern hart gedrängt,
An die er lang sein Herz gehängt,
Beschließt voll Tatkraft, sich zu wehren,
Eh sie kaninchenhaft sich mehren.
Sogleich, aufs äußerste ergrimmt,
Er ganze Reih’n von Schmökern nimmt
Und wirft sie wüst auf einen Haufen,
Sie unbarmherzig zu verkaufen.
Der Haufen liegt, so wie er lag,
Am ersten, zweiten, dritten Tag.
Der Mensch beäugt ihn ungerührt
Und ist dann plötzlich doch verführt,
Noch einmal hinzusehn genauer –
Sieh da, der schöne Schopenhauer…
Und schlägt in auf und liest und liest,
Und merkt nicht, wie die Zeit verfließt…
Beschämt hat er nach Mitternacht
Ihn auf den alten Platz gebracht.
Dorthin stell er auch eigenhändig
Den Herder, achtundzwanzigbändig.
E.T.A. Hoffmanns Neu-Entdeckung
Schützt diesen auch vor Zwangs-Vollstreckung.
Kurzum, ein Schmöker nach dem andern
Darf wieder auf die Bretter wandern.
Der Mensch, der so mit halben Taten
Beinah schon hätt‘ den Geist verraten,
Ist nun getröstet und…

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Otherland – Drumherum

Es gibt zu Otherland von Tad Williams auch eine Hörspielfassung, die 2004/2005 vom hr produziert wurde. Das Hörspiel ist mit 24 Stunden Länge und 220 Sprechern die größte Hörspielproduktion der deutschen Radiogeschichte. Das schöne an dem Hörspiel ist, dass die Geschichte nicht umgeschrieben sondern nur gekürzt wurde. Der Text stammt fast vollständig aus der deutschen Übersetzung. Wie viel gekürzt wurde, erkennt man, wenn man mit dem ersten Band der englischen Hörbuchfassung vergleicht. Da ist allein der erste Band 28 Stunden lang. Das Hörspiel liefert den Kern der Geschichte, die „Aktion“, und auch ein großer Teil der Atmosphäre wurde hinüber gerettet. Unschön finde ich persönlich die Soundeffekte, aber die gehören zum Hörspiel einfach dazu. Wenn man Hörspiele mag, ist es eine sehr gelungene Umsetzung. Tad Williams war an der Produktion beteiligt, das merkt man auch.

Otherland sollte eigentlich eine Trilogie werden. Es ist eine Eigenheit von Tad Williams, dass er es nicht schafft, Trilogien in drei Büchern zu schreiben. Auch „Das Geheimnis der Großen Schwerter“ („Die Saga von Osten Ard“) sollte eine Trilogie werden, das letzte Buch wurde schon im englischen Original in zwei physikalische Bände geteilt. Bei Otherland hat man dann gleich während der Entstehung das letzte Buch geteilt. Bei seinem nächsten großen Werk „Shadowmarch“ passierte genau das selbe, aus den projektierten drei wurden vier Bände.

Es soll(te) auch ein MMORPG (Massively multiplayer online role-playing game) zu Otherland geben, dass schon seit einigen Jahren in der Entwicklung ist. Es sollte ursprünglich wohl 2012 erscheinen, dann ging die Firma in Konkurs. Angeblich ist das Projekt aber noch nicht ganz vom Tisch.

2012 hat Warner Brothers die Filmrechte an Otherland erworben. Ich persönlich finde Verfilmungen immer enttäuschend, wenn ich das Buch gelesen habe und werde mir den/die Filme eher nicht ansehen, falls den überhaupt etwas daraus wird.

Hier http://www.itsaquestionofbalance.com/pro-life-pro-war-interview-tad-williams-internationally-best-selling-author/ gibt es ein sehr interessantes Interview mit Tad Williams. Das Interview beginnt bei 53 min. Williams erzählt unter anderem, dass er an einer Fortsetzung zu den großen Schwertern schreibt. (Juhu!!!)

Nachtrag: Otherland gibt es nicht als eBook in der Onleihe, in meiner Bibliothek gibt es das pBuch auch nicht mehr. Aber immerhin gibt es dort die Hörspielfassung.

Tad Williams: Otherland

Vor ein paar Tagen hat Wolfgang alias Buchwolf Otherland bereits besprochen. Es war das erste mal, dass ich einen Blogbeitrag über ein Buch las, dass ich nicht nur kenne sondern das mir auch sehr am Herzen liegt. Meine erste Reaktion auf seine ausgezeichnete Besprechung war deshalb eher zwiespältig. Wolfgangs Beitrag bietet eine Zusammenfassung des Inhalts, die alle Überraschungen des Plots vorweg nimmt und auch den Schluss verrät. Wir haben Mails ausgetauscht und inzwischen verstehe ich, dass das auch seine Berechtigung hat. Aber das ist ein Thema für einen anderen Tag. Ich schreibe, um Euch Lust auf das Buch zu machen.

>Im Schlamm fing es an, wie so vieles.

Das Buch beginnt im ersten Weltkrieg. Der Leser begegnet Paul Jonas im Schlamm der Schützengräben. Nach einer Verletzung findet er im Traum den Weg zu einem Schloss über den Wolken, wo er einer geheimnisvollen Vogelfrau begegnet, die von einem Metallungeheuer dort gefangengehalten wird. Als das Ungeheuer ihn entdeckt und verschlingen will, erwacht Paul Jonas wieder im Schützengraben. Doch er hat eine Feder der Vogelfrau bei sich.

Im nächsten Kapitel lernen wir Renie Sulaweyo kennen. Sie ist eine schlecht bezahlte Universitätsdozentin für virtuelle Realität (VR) in Südafrika irgendwann in der Mitte des 21. Jahrhunderts. Sie kümmert sich um ihren alkoholkranken Vater und vertritt Mutterstelle bei ihrem kleinen Bruder Stephen. Ihre Mutter ist bei einem Brand ums Leben gekommen. Unter großen Mühe hält sie die Familie zusammen.

Einer ihrer Schüler ist der San (oder veraltet Buschmann) !Xabbu. Das ! steht für einen Schnalz- oder Klicklaut. (Kennt jemand den Film „Die Götter müssen verrückt sein“? Da geht es auch um die San, man kann ihre Sprache hören und erfährt auch ein bisschen was über ihre Lebensweise. Amüsanter Film für einen verregneten Sonntag Nachmittag.) !Xabbu absolviert bei Renie einen Crashkurs in VR. Das Netz und die gesamte Technologie hat sich seit heute enorm weiterentwickelt. Man arbeitet nicht mehr mit Tastatur und Maus vor dem Bildschirm, sondern interagiert in einer simulierten Umwelt direkt mit Daten und Medien. Firmen haben keine Website mehr, sondern einen simulierten Shop auf einer virtuellen Einkaufsmeile; die Grenzen zwischen Text, Audio und Video sind kaum noch vorhanden; die richtige Ausstattung vorausgesetzt, kann man die VR nicht nur sehen, sondern auch fühlen, riechen, schmecken und je teurer das Equipment ist, desto echter wirken die Eindrücke. Spitze der Technik ist eine Neurokanüle, mit der die Computerdaten direkt ins Gehirn übertragen werden. Die Netz-Elite trifft sich im Inneren Distrikt, einem besonderen Netzbereich, zu dem Normalbürger wie Renie gar keine Zugang haben, denn das wäre viel zu teuer. Natürlich gibt es Wege, trotzdem in den Inneren Diskrikt zu gelangen, in dem alles noch bunter, exotischer, aufregender und interessanter ist als im Rest des Netzes. Renies kleiner Bruder Stephen kehrt nach einem illegalen Ausflug in den Inneren Distrikt nicht zurück. Er fällt in ein Koma und Renie findet heraus, das weltweit tausende Kinder von diesem Koma betroffen sind, für das die Ärzte weder eine Erklärung noch eine Therapie haben.

Christabel Sorensen ist ein kleines Mädchen, 7-8 Jahre alte, das mit seiner Familie auf einem Armeestützpunkt in Amerika lebt. Sie freundet sich mit einem alten Mann an, der bei einem Unfall schreckliche Verbrennungen davongetragen hat und nun (was Christabel nicht weiß oder nicht versteht) unter Hausarrest auf dem Stüzpunkt lebt. Ihre Besuche bei Mr. Sellars sind ein großes Geheimnis, von dem ihre Eltern nichts wissen dürfen. Einmal bitte Mr. Sellars sie, ihm heimlich Seife zu bringen, die er dann isst. Ein großes Geheimnis umgibt Mr. Sellars, doch der Leser erfährt erst viel später in der Geschichte, was ihm zugestoßen ist und das er eine der treibenden Kräfte der Ereignisse ist.

In der Spielewelt Mittland machen sich der Barbar Thargor und der Dieb Pithlit zu einem Abenteuer auf, in dessen Verlauf die Figur des Thagor getötet wird. Orlando Gardiner, der Spieler des Thagor, der in RL (der wirklichen Welt) ein schwer kranker Teenager ist, glaubt fest daran, dass das Spiel manipuliert wurde und versucht zusammen mit seinem Freund Fredericks, dem Spieler des Pithlit, die Drahtzieher hinter der Manipulation zu finden.

Dread ist ein psychopathischer Serienmörder, der über die besondere Fähigkeit verfügt, mittels seiner Gedanken Elektronik zu manipulieren. Er ist der Handlanger eines alten Mannes, der sich ihm in VR als Gott Osiris zeigt und für den er die Drecksarbeit erledigt. Einer seiner Morde ruft in Australien die Polizistin Calliope Skouros auf den Plan.

In all diesen Handlungssträngen, die zunächst nichts miteinander zu tun haben, verdichten sich die Hinweise auf ein supergeheimes, extrem fortschrittliches Netzwerk im Netzwerk – Otherland – dass von einer Gruppe superreicher alter Männer betrieben wird. Auf irgend eine Art hat Otherland mit dem Koma von Stephen und den anderen Kindern zu tun. Paul Jonas ist in diesem Otherland verloren gegangen. Es gelingt ihm, aus der WWI Simulation in eine andere Welt zu entkommen, doch er ist sich nicht bewusst, in einer Simulation zu sein und hat keine Erinnerung an sein Leben in der echten Welt.

Am Ende des ersten von vier Bänden gelingt es Renie und !Xabbu in das Otherland Netzwerk einzudringen. Dort begegnen sie anderen, die aus ähnlichen Gründen ähnlichen Spuren gefolgt sind, um das Geheimnis von Otherland zu ergründen. Doch dann stellen sie fest, dass sie nicht mehr offline gehen können. Sie sind in Otherland gefangen. Auch Orlando und Fredericks sind nach Otherland gelangt und sitzen fest. In RL liegen beide im Koma, in der VR beginnt eine fantastische Reise durch völlig realistisch anmutende simulierte Welten. Die einzelnen Gruppen und Paul Jonas folgen sehr wagen Hinweisen von Mr. Sellars und haben mehr als einmal alle Hände voll damit zu tun, am Leben zu bleiben.
In RL gelingt Sellars mit Hilfe von Christabel die Flucht von dem Stützpunkt. Der Anwalt der Familie Fredericks nimmt Kontakt zu Christabels Eltern auf. Er begegnet der nicht mehr ganz jungen Netzdarstellerin Olga Pirofsky, die für eine Kindershow arbeitet und ihrerseits auf die Komafälle aufmerksam geworden ist.

Und das sind nur die wichtigsten Handlungsfäden, es gibt noch einige weitere, die Tad Williams meisterhaft zu einer extrem komplexen Geschichte verwebt. Williams Schreibstil kann man mögen oder auch nicht. Der durchschnittliche Fantasy- und SciFi-Leser mag ihn oft nicht, denn es gibt relativ wenig Aktion auf die sehr lange Strecke von insgesamt 3591 Seiten der deutschen Übersetzung von Hans-Ulrich Möhring. Dafür gibt es unglaublich eindringliche Beschreibungen, fein gezeichnete Figuren mit richtiger Persönlichkeit, einen wohldurchdachten Plot, der über vier Bände nie bricht oder gewaltsam in eine Richtung gebogen wird. Tad Williams macht „richtige Literatur“ innerhalb eines Genres, über das „bessere Leser“ gerne die Nase rümpfen, weil sich zwischen den Buchdeckeln mit Genreaufkleber nur zu oft Massenlesefutter ohne großen Anspruch findet. Das es auch anders geht, zeigt Williams eigentlich in jedem seiner Bücher, aber ganz besonders in Otherland.

Die einzelnen Handlungsfäden werden aus der Perspektive eines der Hauptcharaktere erzählt, was auch in der Sprache zum Ausdruck kommt. Die Kapitel von Christabel sind kindlich, die Kapitel von Renie gehetzt, Orlandos Kapitel tapfer-resigniert, … Williams findet nicht nur den richtigen Ton für jede Figur, er hält ihn auch die ganze Zeit ohne Misstöne durch.

Otherland bietet nicht nur eine ausgezeichnet erzählte wunderbare Geschichte (oder vielmehr gleich mehrere), dahinter, darunter und dazwischen gibt es Philosophie, Ethnologie, Geschichte und profunde Reflexion über das Wesen der Menschen und der Gesellschaft. Mit !Xabbu tauchen wir in die komplexe Mythologie der San ein, es geht um biologische Identität und virtuelle Selbstdarstellung, es geht um die Macht des Geldes, um Chancengleichheit, um Bildung für alle, um den Preis des Fortschritts, die Kluft zwischen arm und reich, um den Wert kultureller Verschiedenheit und um die alles verbindende Menschlichkeit hinter den Religionen.
Es gibt am Anfang von jedem Kapitel ein Netfeed mit Nachrichten aus der RL Welt der nicht ganz so weit entfernten Zukunft. Diese kurzen Clips aus Politik, Wirtschaft und Kultur stehen da zunächst ganz zusammenhanglos, doch schon bald verbinden sie sich für den Leser zu einem Bild der Welt, in der Renie und Christabel, Orlando und die anderen leben. Das ist ganz großartig gemacht.

Viele der Welten im Otherland Netzwerk fußen auf Büchern, meist Klassikern der englischen Literatur. Das mag so manchen SUB ins Wanken bringen, denn man bekommt große Lust, die Bücher selbst zu lesen. Wir besuchen mit den Protagonisten War of the Worlds, The Wizzard of Oz, Xannadu, aber auch den trojanischen Krieg. Es gibt eine Welt, in der Amerika nie entdeckt wurde; in einer Welt schrumpft der menschliche Besucher auf Insektengröße und sieht sich mit ganz unbekannten Gefahren konfrontiert; wir begegnen den Neandertalern der Eiszeit; es gibt auch völlig fantastische Welten, eine Küche, die von Küchengerät und Werbefiguren bevölkert wird, eine Welt, die vollständig aus einem einzigen gigantischen Haus besteht und vieles mehr.

Als der erste Band von Otherland 1996 erschien, hatte sich Tad Williams mit »Das Geheimnis der Großen Schwerter« bereits einen Namen als Fantasyautor gemacht. Man kann trefflich streiten, ob Otherland zur Fantasy oder zur SciFi zählt, man kann es aber auch lassen, denn das Buch sprengt mit seiner Komplexität und Dichte die Genregrenzen sowieso. Es ist ein Buch, das einen in eine fantastische Welt entführt, aber man braucht einen langen Atem und es ist keine leichte Kost. Die deutsche Übersetzung ist gut und fängt auch die sprachlichen Unterschiede der einzelnen Handlungsträger ein. Vor allem die Übertragung des Netzchargons ist sehr gelungen. Wer Englisch liest, sollte sich das Original besorgen. Das gilt natürlich immer, in diesem Fall aber besonders. Tad Williams Sprache hat eine eigenen Klang, eine unübersetzbare besondere Qualität. Man würde einiges verpassen.
Es gäbe noch das eine oder andere im Zusammenhang mit Otherland und Tad Williams zu erwähnen, aber für heute ist das Post lang genug. Vielen Dank, dass Ihr bis hier gelesen habt. Die nächsten Tage gibt es noch ein bisschen Hintergrund und Drumherum.

City of Golden Shadow. DAW Books, 1996, ISBN 0-88677-710-0.
River of Blue Fire. DAW Books, 1998, ISBN 0-88677-777-1.
Mountain of Black Glass. DAW Books, 1999, ISBN 0-88677-849-2.
Sea of Silver Light. DAW Books, 2001, ISBN 0-88677-977-4.

Stadt der goldenen Schatten. Heyne, München 2005. ISBN 978-3-453-53075-1.
Fluss aus blauem Feuer. Heyne, München 2006 ISBN 978-3-453-53216-8.
Berg aus schwarzem Glas. Heyne, München 2007 ISBN 978-3-453-53217-5.
Meer des silbernen Lichts. Heyne, München 2007 ISBN 978-3-453-53218-2.

Wehmütiges Zwiegespräch

von Paul Verlaine (1844-1896), übertragen von Wolf von Kalckreuth (1887-1906)

Im alten Park, der einsam und verschneit,
Sah ich zwei Schatten gehn in Dunkelheit.

Tot ist ihr Aug‘, von welken Lippen beben
Die leisen Worte, die in Nacht entschweben:

Der alte Park ist einsam und verschneit,
Zwei Schatten wecken die Vergangenheit.

– Gedenkst du noch der Wonne einst’ger Liebe?
– Wie willst du, dass mir die Erinn’rung bliebe?

– Schlägt immer noch dein Herz für mich allein?
Kommt meine Seel‘ im Traume zu dir? – Nein.

– O sel’ges Glück in jenen hellen Tagen,
Da Mund auf Mund geruht! – Wer kann es sagen?

Blau war der Himmel, gross der Hoffnung Macht!
– Die Hoffnung floh besiegt in schwarze Nacht.

So schritten sie durchs Gras den Pfad, den schlimmen,
Und nur die Nacht erlauschte ihre Stimmen.

Original

COLLOQUE SENTIMENTAL

Dans le vieux parc solitaire et glacé
Deux formes ont tout à l’heure passé.

Leurs yeux sont morts et leurs lèvres sont molles,
Et l’on entend à peine leurs paroles.

Dans le vieux parc solitaire et glacé
Deux spectres ont évoqué le passé.

—Te souvient-il de notre extase ancienne?
—Pourquoi voulez-vous donc qu’il m’en souvienne?

—Ton coeur bat-il toujours à mon seul nom?
Toujours vois-tu mon âme en rêve?—Non.

—Ah! les beaux jours de bonheur indicible
Où nous joignions nos bouches!—C’est possible.

Qu’il était bleu, le ciel, et grand l’espoir!
—L’espoir a fui, vaincu, vers le ciel noir.

Tels ils marchaient dans les avoines folles,
Et la nuit seule entendit leurs paroles.

Bild: Winter von Alexej Kondratjewitsch Sawrassow (1830-1857)

Frisch geschlüpft: Das Tier im Walde

von Therese Rie (L. Andro) 1878-1934, gelesen von Hokuspokus

Eine Werwolfgeschichte

 

Der junge Maler Ambrosius unternimmt 1836 eine Wanderung im Salzkammergut. Dort sind in letzter Zeit einige tragische Unfälle geschehen, die man der Unvorsichtigkeit der Reisenden zuschreibt. Ambrosius wird von schlechtem Wetter überrascht und findet Unterschlupf bei der Familie eines Försters, wo er einige Tage bleibt. Weitere Unfälle geschehen und die Hinweise verdichten sich, dass die Geschehnisse in dieser Gegend ihren Ursprung haben. Ambrosius gerät unter Mordverdacht.

Hörbuch Download bei Legamus!

Das ist ein echter Glücksfund, der meine Pläne mal eben über den Haufen geworfen hat. Unter der Oberfläche der schlichten, gruselromatischen Novelle tut sich ein Reich an religionsphilosophischen Bezügen auf. Im Gewand wunderbar zarter Waldmystik beleuchtet die Erzählung das Böse im Menschen. Rückblickend mutet die Erzählung der jüdischen Autorin, die 1934 starb, fast schon prophetisch an.

Zuerst begegnet ist mir Therese Rie, die unter dem Pseudonym L. Andro veröffentlicht hat, als Übersetzerin einiger Musikhistorischer Essays von Romain Rolland (französischer Literaturnobelpreisträger, der dieses Jahr gemeinfrei geworden ist). Eigentlich wollte ich nur die Gemeinfreiheit der Übersetzung überprüfen, da verriet mir Wikipedia, dass  Therese Rie selbst geschrieben und sich auch mit phantastischen Stoffen beschäftigt hat. Dem musste Hokuspokus natürlich nachgehen. Das Tier im Walde gab es online. Die Geschichte nahm mich sofort gefangen und ich musste sie auf der Stelle aufnehmen. Ich hoffe, sie macht Euch genau so viel Freude wie mir.

Nachtrag: Ich würde gerne Das entschwundene Ich von Therese Rie in die Finger bekommen. Ich konnte es weder antiquarisch noch online finden. Falls jemand darüber stolpert oder es vielleicht sogar hat und leih- oder verkaufsweise davon trennen würde, würde ich mich über eine Mail sehr freuen.

Häkelkrimi 8: Sugawara Akitada von I.J. Parker

Der Begriff “Häkelkrimi” ist gar nicht abwertend gemeint, im Gegenteil! Ich liebe Krimis, die hauptsächlich durch die Atmosphäre oder ein besonderes Thema funktionieren, und das am liebsten in Serie.

Die historischen Kriminalromane von Ingrid J. Parker passen nur zum Teil in diese Rubrik. Sie spielen im Japan der Heian-Zeit (11. Jh.). Akitada (Vorname) ist ein Justizbeamter aus einer altehrwürdigen aber nicht besonders mächtigen oder reichen Familie, den seine Neugier und Sturheit immer wieder in Kriminalfälle verwickeln, die er zum Teil in seiner Beamtenfunktion und zum Teil neben seiner eigentlich Arbeit löst. Damit macht er sich bei seinen Vorgesetzten wenig Freunde, sein Anstellung beim Ministerium ist mehr als einmal in Gefahr und er schlittert von einer Finanzkrise in die nächste. Akitada muss nicht nur den Lebensunterhalt für sich und seine unmittelbare Familie sichern, sondern ist auch für seine Gefolgsleute verantwortlich, die mit ihm auf dem altehrwürdigen und reparaturbedürftigen Stadthaus der Familie leben. Die Familie hält sich gerade so am unteren Rand der Oberschicht.

Es gibt eine durchgehende Hintergrundgeschichte, die für die Romane sehr wichtig ist. Akitadas Verhältnis zu seinen Eltern ist von einem dunklen Familiengeheimnis überschattet, das erst nach ein paar Bänden gelüftet wird. In seiner Ehe gibt es Hochs und Tiefs, an denen der Leser teilnimmt. Der Gefolgsmann Tora ist zunächst eher ein Mann für’s Grobe, entwickelt sich dann mehr und mehr zu einem Co-Ermittler, der eigenständig Spuren verfolgt oder an eigenen Fällen arbeitet. Dabei ermittelt er oft im Rotlichtmilieu, unter Bettlern und Banditen und macht die krassen Gegensätze von Armut und Reichtum, verfeinerter Lebensart und täglichem Überlebenskampf in der mittelalterlichen Gesellschaft sichtbar. Das anderen Dauerpersonal ist nicht ganz so plastisch, aber auch diese Figuren entwickeln sich im Lauf der Romane und haben ihre Momente.

Die Fälle entfalten sich schön langsam, was ich sehr mag. Es ergeben sich mehrere Ansatzpunkte, die parallel verfolgt werden. Das ist aber nicht die Hinhaltetaktik, die man in vielen Krimis findet. Oft wird die eine richtige Spur zwischen lauter falschen Fährten versteckt. Nicht so hier. Fast jeder Ermittlungsfaden bringt wichtige Informationen, die zur Aufklärung beitragen, so dass sich am Ende der ganze Fall mit all seinen Verflechtungen und Verzweigungen wie ein bemalter Fächer vor dem Leser ausbreitet.

Die Welt des Sugawar Akitda ist zeitlich und räumlich sehr weit von unserer entfernt, das macht die Faszination aus. In den ersten Bücher hätte ich gerne etwas mehr Atmosphäre, ausführlichere Schilderung der Gebäude, Landschaft, Kleidung usw. gehabt. Es hilft, sich im Netz Bilder anzusehen und sich die eine oder andere Hintergrundinformation anzulesen, um noch mehr in diese Welt einzutauchen. So weit sind die Romane Häkelkrimis erster Güte mit nur diesem einen kleinen Schönheitsfehler.

Die Fälle selbst allerdings sind zu blutig und grausam, die Aufklärung zu gefährlich, die Zeiten zu brutal für einen echten Häkelkrimi, das Etikett passt nicht wirklich. Es geschehen wirklich schlimme Dinge, die ihre Spuren in den Figuren und auch im Leser hinterlassen. Ja, es sterben auch Figuren aus der Familie, und am Ende ist der Fall zwar aufgeklärt aber lange nicht alles gut. Oft ist Grausamkeit und Blut billiger Nervenkitzel im Thriller. Hier ist das nicht so. Das Furchtbare gehört in diese Welt, ist Teil der Realität, in der die Familie Sugawara lebt. Das macht die Geschichten so echt und deshalb nehme ich die Brutalität in Kauf, die ich sonst bei meiner Krimilektüre lieber vermeide. Es geht um ganz unterschiedliche Verbrechen: Mord aus Habsucht, Totschlag im Affekt, Brandstiftung, politische Intrigen, es gibt sogar einen psychopathischen Serienkiller.

I.J. Parker schreibt ordentliche Prosa ohne viel Schnörkel und realistische Dialoge ohne „flotte Schreibe“. Das lässt dem Leser Raum für seinen eigenen inneren Film, was mir gut gefällt.

Die Bücher sind schön dick und reichen nicht nur für einen verregneten Nachmittag sondern für ein ganzes Wochenende. Ich muss schon etwas besonderes Vorhaben, um sie wieder aus der Hand zu legen, wenn ich einmal angefangen habe.

Aus unbegreiflichen Gründen sind die ersten Bände zunächst nicht in der chronologischen Reihenfolge veröffentlicht worden. Die Autorin hat den Verlag gewechselt, im neuen Verlag ist dann in richtiger Reihenfolge publiziert worden. Es gibt also verschiedene Bandzählungen.

Aus noch unbegreiflicheren Gründen findet die Autorin seit Band 9 keinen Verlag für ihre Bücher und hat sich aus diesem Grund (wie man hört) auf Self-Publishing verlegt. Es gibt inzwischen 14 Bände. Einige sind auch auf Deutsch erschienen, dabei sind leider anscheinend Bände übersprungen worden.

Homepage der Autorin I.J. Parker

Gerade heute fragt Birgit von Sätze&Schätze nach der bevorzugten Schlechtwetter-Lektüre. Sugaware Akitada, zum Beispiel.

Leo Perutz: Nachts unter der steinernen Brücke

Auf dem Umschlag steht: historischer Roman. Man schlägt es auf und liest eine Novelle, dann noch eine und noch eine. Man will schon auf den Verlag schimpfen, der mit diesem verkaufsfördernden Etikett so schlampig umgeht, da dämmert einem, dass sich aus den Novellen langsam ein Roman zusammensetzt. Das passiert nicht auf dem Papier, das passiert im Kopf des Lesers und das ist ein faszinierendes Leseerlebnis.

Es geht in der Hauptsache um Rudoph II und Mordechai Meisl, den Bankier des Kaisers, deren Lebensweg die 14 Novellen nachzeichnen, allerdings nicht chronologisch. Sie begegnen sich nur 2 mal, doch ihr Leben ist durch die Liebe zu Esther, der Ehefrau Meisls, die auf magische Weise im Traum die Geliebte des Kaisers wird, unauflöslich miteinander verbunden. Daneben geht es noch um viel mehr.

Perutz nimmt seinen Stoff aus der Geschichte (nicht immer historisch korrekt) aber mehr noch aus der jüdischen Überlieferung und den Legenden der magischsten aller Städte: Prag. Wir begegnen Wallenstein und Kopernikus, dem weisen Rabbi Löw, Hunde sprechen und Geister erscheinen auf dem nächtlichen Friedhof. Aber es spukt nur oberflächlich. Darunter geht es um Schuld und Unschuld, Schicksal und Entscheidung, Vergessen und Erinnern und um die Unmöglichkeit, glücklich zu sein.

Jede der Novellen ist eine eigenständige Geschichte von hoher erzählerischer Dichte, die den Leser noch eine Weile beschäftigt. Nachts unter der steinernen Brücke ist kein Buch, dass man mal einfach so wegschmökert. Ich habe gut 6 Wochen an den nicht mal 300 Seiten gelesen, es zwischendurch immer wieder für Tage aus der Hand gelegt, es aber immer wieder gerne aufgenommen, was sonst mit weggelegten Büchern eher selten passiert. Es ist wie ein Puzzle, mit jeder Novelle nimmt man ein Puzzleteil auf und erst, wenn es den richtigen Platz gefunden hat, kann man sich dem nächsten Teil zuwenden. Auf diese Weise entsteht der Roman erst im Kopf des Lesers. Ich habe mich immer wieder dabei beobachtet, wie ich auch fremde Puzzleteile in das Bild einfüge und denke, Perutz hat das durchaus beabsichtigt. Jeder Leser erschafft sich so beim Lesen seinen eigenen Roman, und das in noch viel größerem Maße als bei konventioneller Erzähltechnik.

Leo Perutz wurde 1882 in Prag geboren, wo er auch seine Kindheit und Jugend verbrachte. Er stammt aus einer nicht besonders religösen jüdischen Familie. 1905-1907 studierte er als Gasthörer in Wien, er hatte die Hochschulreife nicht. Perutz arbeitete ab 1907 (wieder in Prag?) als Versicherungsmathematiker für die gleich Gesellschaft, für die auch Kafka tätig war. Seine erste Erzählung wurde 1906 veröffentlicht. Später übersiedelte er nach Wien und arbeitete auch hier für eine Versicherung. Nebenbei schreibt er mit immer größerem Erfolg weiter. Seine Bücher waren bei Publikum und Kritikern beliebt. Nach dem Anschluss Österreichs emigrierte er mit seiner Familie 1938 nach Palästina. Heimisch wurde er dort nicht, unter anderem, weil er die Sprache nicht sehr gut beherrschte und kulturell vereinsamte. Bereits 1945 dachte er über eine Rückkehr nach Europa nach. Das war allerdings bei den damaligen politischen Verhältnissen nicht einfach. Erst 1950 konnte Perutz wieder nach Österreich reisen. Ab 1952 verbrachte er regelmäßig die Sommermonate dort. Er starb 1957 in Bad Ischl.

Nachts unter der steinernen Brücke ist der letzte Roman, der zu Perutz‘ Lebzeiten erschien. Obwohl er die Arbeit daran schon 1924 begonnen hatte, stellte er ihn erst 1951 fertig. Danach brauchte es noch zwei Jahre, bis sich ein Verleger fand, da das Thema zu jüdisch war. Der Roman wurde von der Kritik wegen seiner einzigartigen Erzähltechnik sehr gelobt, war aber nur ein mäßiger Publikumserfolg.

Schon nach den ersten 2 oder 3 Novellen wollte ich das Buch unbedingt aufnehmen. Aber damit muss ich noch bis 2028 warten. Wenn ich jedes Jahre eine Novelle aufnehme, ist es fertig, wenn Perutz gemeinfrei wird und ich die Aufnahmen veröffentlichen darf. Vielleicht sollte ich das machen … Inzwischen besorge ich mir auf jeden Fall den nächsten Perutz.