Häkelkrimi 6: Dr. Siri Paiboun von Collin Cotterill

Der Begriff “Häkelkrimi” ist gar nicht abwertend gemeint, im Gegenteil! Ich liebe Krimis, die hauptsächlich durch die Atmosphäre oder ein besonderes Thema funktionieren, und das am liebsten in Serie.

Die Serie um Dr. Siri von Collin Cotterill liebe ich ganz besonders, denn sie ist etwas ganz besonderes. Dr. Siri ist mit seinen 72 Jahren der einzige Pathologe im gerade erst kommunistisch gewordenen Laos um 1980. Dabei sind die Krimis nicht aus dem letzten Jahrhundert, der erste Band, Dr. Siri und seine Toten, erschien 2004.

Dr. Siri war zwar selbst ein kommunistischer Kämpfer, was ihm auch die zweifelhafte Ehre des Pathologenpostens eingebracht hat, aber er betrachtet das Wirken der kommunistischen Verwaltung mit kritischer Distanz, zumal er selbst nicht zu den Gewinnern nach der Revolution gehörte. Er nimmt das Leben mit einer Prise Altersweisheit und viel asiatischer Gelassenheit. Unterbezahlt und völlig unzureichend ausgestattet waltet er seines Amtes, so gut es gehen will, und wird dabei immer wieder mit kniffeligen Rätseln konfrontiert. Zur Seite stehen ihm seine zwei Helfer, Mr. Geung, der das Down-Syndrom hat, und die kluge übergewichtige Krankenschwester Dtui.

Cotterill nimmt diese Figuren aus Randgruppen und schildert sie dann ganz vorurteilsfrei, auch ohne positive Vorurteile, die ja beinahe noch unpassender und demütigender sein können  als negative. Damit zeigt er uns, wie total falsch unser Massenmedienbild von „normal“ oft ist. Das tut er aber sehr leise, so dass mir dieses sympathische Detail eigentlich jetzt erst so richtig klar wird. Mr. Geung und Schwester Dtui sind jedenfalls die perfekten Assistenten für Dr. Siri.

Und auch Dr. Siri selbst ist so normal nicht, denn: Er sieht Gespenster! Er ist nämlich  vom Geist eines Schamanen besessen. (Hokuspokus liebt das!) All zu fantastisch wird es aber nicht, meistens bleibt Cotterill auf dem Boden der anerkannten Wirklichkeit.

Wie wirklich seine Schilderung des kommunistischen Laos ist, kann ich nicht beurteilen, er zeichnet aber ein stimmiges Bild mit vielen Details, dass ich ihm gerne glaube. Und er kommt völlig ohne alle Touristenromantik aus. Dabei erzählt er mit einem trockenen, teilweise schwarzen Humor und er kann wunderbar witzige Dialoge schreiben. Ich kann jetzt gar nicht sagen, wie die Bücher als Krimi zu bewerten wären, das habe ich bei all den anderen wunderbaren Zutaten irgendwie aus dem Blick verloren beim Lesen.

Es gibt 9 Bände, 7 davon auf Deutsch. (Liste der Titel bei Wikipedia).

Ganz klar 5 Brunettis.

Elfenlied

Gefunden bei Lake Hermanstadt: eine sehr interessante Interpretation von Mörikes Gedichte Elfenlied

[…] Mörike gehört schon allein deshalb in die Geschichte der Fantasy, weil er sozusagen der erste Tabletop-Rollenspieler war. Gemeinsam mit einigen Freunden (alles Männer, so weit ich weiß) erdachte er die Sekundärwelt Orplid, wobei Mörike zunächst mündlich in geselliger Runde von den Mythologie und der Geschichte seiner Nebenschöpfung erzählte. Später siedelte er dann einige seiner Texte in Orplid an.*

Interessant ist der Kontrast zwischen den romantischen Elfen Karoline von Günderrodes, die ich letztes Mal vorgestellt habe, und dem biedermeierlichen Elfenbild des schwäbischen Dichters. Sind die romantischen Elfen mit Todessehnsucht, Tanz und Rausch verknüpft, finden sich bei Mörike höchstens noch Spuren dieser Motive: Der Rausch ist im »Elfenlied« auf das verschlafene Herumtappsen des kleinen Elfs reduziert, das an Betrunkenheit erinnert. Mörikes Elf ist – nicht nur wegen seiner Größe – ein Beispiel für die ›niedlichen‹ Elfen, die Tolkien so verachtete, jene »flower-and-butterfly minuteness […], which transformed the glamour of Elfland into mere finesse«. In der Tat ist Mörikes Elf so klein, dass er in einem Schneckenhaus wohnen kann und mit den Glühwürmchen feiern möchte. Doch ist das wirklich »mere finesse«, wie Tolkien es sehen möchte? Ich glaube nicht, denn wie in vielen Texten des Biedermeier lauert im »Elfenlied« gleich unter der verspielten Oberfläche ein Abgrund. Doch zunächst der Text:

Elfenlied

Bei Nacht im Dorf der Wächter rief:
Elfe!
Ein ganz kleines Elfchen im Walde schlief –
Wohl um die Elfe! –
Und meint’, es rief ihm aus dem Thal
Bei seinem Namen die Nachtigall,
Oder Silpelit hätt’ ihm gerufen.
Reibt sich der Elf’ die Augen aus,
Begibt sich vor sein Schneckenhaus,
Und ist als wie ein trunken Mann,
Sein Schläflein war nicht voll gethan,
Und humpelt also tippe tapp
Durch’s Haselholz in’s Thal hinab,
Schlupft an der Mauer hin so dicht,
Da sitzt der Glühwurm, Licht an Licht.
„Was sind das helle Fensterlein?
Da drin wird eine Hochzeit sein:
Die Kleinen sitzen bei’m Mahle,
Und treiben’s in dem Saale.
Da guck’ ich wohl ein wenig ’nein!“
– Pfui, stößt den Kopf an harten Stein!
Elfe, gelt, du hast genug?
Gukuk! Gukuk!

Ganzen Beitrag lesen: Lake Hermanstadt: Elfenlied.

Im Herbste

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Im Herbste

von Theodor Storm

Es rauscht, die gelben Blätter fliegen,
Am Himmel steht ein falber Schein;
Du schauerst leis und drückst dich fester
In deines Mannes Arm hinein.

Was nun von Halm zu Halme wandelt,
Was nach den letzten Blumen greift,
Hat heimlich im Vorübergehen
Auch dein geliebtes Haupt gestreift.

Doch reißen auch die zarten Fäden,
Die warme Nacht auf Wiesen spann –
Es ist der Sommer nur, der scheidet;
Was geht denn uns der Sommer an!

Du legst die Hand an meine Stirne
Und schaust mir prüfend ins Gesicht;
Aus deinen milden Frauenaugen
Bricht gar zu melancholisch Licht.

Erlosch auch hier ein Duft, ein Schimmer,
Ein Rätsel, das dich einst bewegt,
Daß du in meine Hand gefangen
Die freie Mädchenhand gelegt?

O schaudre nicht! Ob auch unmerklich
Der schönste Sonnenschein verrann –
Es ist der Sommer nur, der scheidet;
Was geht denn uns der Sommer an!

(Bild:Herbstlandschaft Jean-Baptiste Armand Guillaumin, 1876)

Musik zum Sonntag: Rock Messias

Seit langem frage ich mich, wie es wohl klingen würde, wenn Barockmusik von einer Rockband interpretiert würde. Heute habe ich das Internet gefragt und bin neben zig eher misslungenen Versuchen auf etwas sehr interessantes gestoßen:

Das Album Messias von David Axelrod aus dem Jahr 1971

Axelrod war in den 60er und 70er Jahren wohl sehr bekannt, allerdings nicht so sehr in Deutschland, es gibt ihn nur in der englischen Wikipedia. Er hat Händels Messias neu interpretiert. Das Ergebnis erinnert an Jesus Christ Superstar, Frank Zappa und Hollywood Filmmusik. Bei AllMusik gibt es eine anscheinend gut informierte Review und man kann auch ein paar Schnipsel hören. Wer mehr hören möchte, kann das bei Spotify. Leider kann man da nur hören, wenn man einen Account hat, der ist aber kostenlos. Man muss auch keine extra Software installieren, es gibt, etwas versteckt, auch einen Browserplayer. Das Schöne an Spotify ist, dass es legal ist und dass die Künstler bezahlt werden. (Ob die Bezahlung fair ist, ist eine ganz andere Frage. Infos dazu bei Wikipedia.)

Wer diese moderne Interpretation gerne mit dem Original vergleichen möchte, findet dutzende z.B. bei YouTube. Rechtlich ist das bestenfalls mittelgrau, wird aber meistens geduldet, weil es eine gute Werbung ist. Besonders hinweisen möchte ich auf diese Produktion: eine inszenierte Aufführung aus dem Theater an der Wien mit dem Ensemble Mattheus unter Jean-Christoph Spinosi. Gibt es bei Gefallen auch auf DVD beim Musikhändler Eures Vertrauens.

Der Messias von Händel ist ein Oratorium in englischer Sprache und eigentlich nicht für eine szenische Aufführung vorgesehen. Die Inszenierung ist nicht hundertprozentig meins, aber sehr interessant. Die Sänger und Musiker sind fantastisch!

Und darum geht es (aus Wikipedia):

Messiah (HWV 56, dt. Der Messias) ist ein Oratorium von Georg Friedrich Händel auf Bibeltexte in einer englischsprachigen Zusammenstellung von Charles Jennens für vier Soli (SATB), Chor und Orchester. Es vertont die christliche Glaubenslehre bezüglich des Messias auf Basis der King-James-Bibel und des Book of Common Prayer. Es wurde im Sommer 1741 komponiert und am 13. April 1742 in Dublin uraufgeführt.

Das Werk gehört bis heute zu den populärsten Beispielen geistlicher Musik des christlichen Abendlandes. Es umfasst in drei Teilen die christliche Heilsgeschichte, beginnend mit den alttestamentlichen Prophezeiungen von Propheten wie Jesaja, das Leben Jesu, der als Erfüllung der Prophezeiungen gesehen wird, seine Geburt, seinen Tod am Kreuz und sein erhofftes zweites Kommen. Obwohl das Leben im Neuen Testament geschildert wird, greift der Oratorientext überwiegend auf das Alte Testament zurück.

Im Schmerz geboren

Ein Tatort spaltet die Nation und das gleich in mehrere Fraktionen. Den einen ist dieser ganze Bildungskrempel sowieso und aus Prinzip zuwider. Aber auch ein Teil der bildungsbeflissenen Menschen wendet sich angewidert ab ob der Tatsache, dass hier hohe Kunst für schnöde Fernsehunterhaltung herhalten muss.

Eigentlich wollte ich am Sonntag Abend gar nicht Tatort schauen, doch es kamen so seltsame Kommentare aus dem Wohnzimmer, dass ich doch mal einen Blick riskieren musste. Und es hat sich gelohnt, trotz eines an den Haaren teilweise mit Gewalt herbeigezogenen Plots. Wunderbare Bilder, fantastische Schauspieler, interessanter Soundtrack. Aber das Beste war die wirklich überraschende Erzählweise.

Als nach dem Gemetzel vor der Spielbank der Geist des (Spoiler) kommentierend die Szene betrat, wendete sich meine bessere Hälfte mit Schaudern ab, mir hat es da erst richtig gefallen. Warum soll man denn nicht einen Tatort erzählen wie eine Shakespeare Tragödie? Warum nicht mit Tarantino würzen? Mal was anderes als der Einschaltquoteeinheitsbrei! Das kann in den Händen schlechterer Köche schrecklich schief gehen, zugegeben. Hier waren aber Menschen am Werk, die ihr Handwerk ausgezeichnet verstehen. Mir hat’s geschmeckt. Selten habe ich mich vom deutschen Fernsehen so gut unterhalten gefühlt.

Und Entweihung hehrer Kunst? Kunst in der Vitrine staubt nur ein. Dinge hinter Glas kann man nicht beGreifen. Ich habe Shakespeare und Händel lieber als wohldosierte Würze im Krimi als einen totgenudelten Vivaldi in der Werbung, das ist dann wirklich bäh.

Und wenn das jetzt alles Bahnhof für Euch war, angucken, lohnt sich. Den Tatort Im Schmerz geboren gibt es noch bis zum 21.10. in der ARD Mediathek. Aber erst ab 20:00 Uhr. Die Schauspieler (Ulrich Tukur, Barbara Philipp, Ulrich Matthes, Alexander Held u.a.) sind allesamt ganz großartig. Kann man nicht oft genug sagen.

Und bevor ich’s vergesse: Das Buch aus dem Film, A Story Tellers Story von Sherwood Anderson (1876-1941) gibt’s als Scann bei Archive.org.

Frisch geschlüpft: Stine

von Theodor Fontane, gelesen von Hans Hafen

Die junge Ernestine Rehbein, genannt Stine, lebt in einfachen kleinbürgerlichen Verhältnissen bei ihrer verwitweten Schwester Pauline, die zwei Kinder von zwei verschiedenen Männern hat. Bei einer kleinen Abendgesellschaft lernt Stine den kränklichen jungen Grafen Waldemar Haldern kennen. Dieser verliebt sich in Stine und fängt an, um sie zu werben. Pauline rät Stine zur Vorsicht, um nicht ins Gerede zu kommen. Graf Haldern möchte Stine heiraten, doch sein Onkel rät ihm davon ab, da es die Ächtung seiner Familie nach sich ziehen würde.

Hörbuch Download bei LibriVox

Ich dachte immer, dass ich Fontane nichts abgewinnen kann, bis ich Irrungen, Wirrungen bearbeitet habe. Dabei habe ich gemerkt, wie wunderbar elegant Fontane schreibt und wie unwahrscheinlich gut er seine Figuren durch das charakterisiert, was und wie sie reden. Das ist große Kunst! Fontanes Themen interessieren ich immer noch nicht so recht, aber wie er schreibt, ist schon toll.