Nebensache: Ist die Jugend für die klassische Musik verloren?

Bei SWR2 gibt es eine hochinteressante Diskussion zum Nachhören über die Frage: Ist die Jugend für die klassische Musik verloren?

Es diskutieren Max Emanuel Cencic – Countertenor, Wien, Dorothea Enderle – SWR2-Musikchefin, Baden-Baden, Thorsten Schmidt – Intendant des Musikfestivals „Heidelberger Frühling“. Gesprächsleitung: Ursula Nusser
Angesprochen werden Aspekte wie Elternhaus, Schule, wirtschaftliche Zwänge, künstlerische Freiheit, Mut zum Experiment.

Die Problemstellung lässt sich von der klassischen Musik auf alle anderen Bereiche der Kultur, auch auf das Lesen übertragen, trifft aber besonders die aufführenden Künste. Was in der Diskussion leider kaum zur Sprache kam, sind die Möglichkeiten, die das Fernsehen hätte. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen hat ja auch einen Bildungsauftrag. Es ärgert mich immer maßlos, wenn ich beim Zappen auf ZDF Kultur eine Wiederholung der Hitparade International sehe, Übertragungen von Oper, Schauspiel, Ballett, Konzert aber fast nie stattfinden.

Das liegt wohl zum einen an den Intendanten der Theater und Opern, die befürchten, durch eine Fernsehübertragung ihr Publikum aus den Sälen auf die Sofas zu schicken. Vielleicht denk man bei der Programmgestaltung auch, das interessiere niemanden. Wen interessiert schon, was man nicht kennt? Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht. Umgekehrt stelle ich mir vor, dass Menschen Lust bekommen, ein Konzert, eine Oper, Ballett oder Theateraufführung live mitzuerleben, wenn sie sich in der Sicherheit des eigenen Wohnzimmers an dieses kulturelle Wagnis herangetastet haben. Man muss es einmal erlebt haben, um zu verstehen, dass der ganze klassische „Bildungskram“ gar nicht langweilig und verstaubt ist, sondern sehr spannend und auch richtig Spaß macht. Fernsehen als Zwischenschritt wäre ein wunderbares Mittel, vielen Menschen zu zeigen, dass sie da etwas verpassen. Mit den vielen öffentlich-rechtlichen Spartenkanälen, die es mittlerweile gibt, sollte es doch möglich sein, jedes Wochenende eine Oper, ein Konzert, ein Ballett und eine Theaterproduktion auf den Bildschirm zu bringen. Es gibt Land auf Land ab so viele interessante Produktionen, die es verdient hätten, von einem viel größeren Publikum gesehen zu werden.

Das es auch anders geht, zeigt dieses Beispiel: Der Live-Mitschnitt einer konzertanten Aufführung von Alessandro von Händel vom 15. September diesen Jahres in der Tchaikovsky Concert Hall  in Moskau. Da sind es die Konzerthausbetreiber selbst, die auf diese Weise Werbung für ihr Programm machen. Der Stream ruckelt bei mir leider ganz grässlich. Offenbar ist der Server nicht auf so viele Zugriffe ausgelegt. Das zeigt das große Interesse an live Musik.

Ich hatte das große Vergnügen, diese Produktion letztes Jahr in einer szenischen Aufführung in Wiesbaden live zu erleben. Das war meine erste live Oper und ich war total begeistert, von der Musik, der Inszenierung, aber hauptsächlich von der live Erfahrung. Nur hätte ich nie dort hin gefunden, wenn ich nicht vorher ein paar Opern im Netz gesehen hätte. Bei YouTube gibt es den Mitschnitt einer anderen konzertanten Aufführung der Produktion ruckelfrei hier: https://www.youtube.com/watch?v=Sth_gsjvVVU (Das gibt es nicht mehr.)
und eine Szene aus der Inszenierung hier: https://www.youtube.com/watch?v=9L828c7plr4

Im Radio gibt es einige sehr spannende Übertragungen, aber bei der Vielfalt der Sender allein in Deutschland würde man jede Woche Stunden brauchen, um das Programm nach den Dingen abzusuchen, die einen interessieren. Schon oft habe ich Sendungen verpasst, weil es kaum vernünftige Programmübersichten und Newsletter gibt. Da liegt noch so einiges im Argen. Es kann doch nicht so schwer sein, eine Zusammenschau aller öffentlich-rechtlichen deutschen Kulturkanäle zu erstellen. Falls es so etwas gibt, ist es gut versteckt. Ich habe es aufgegeben, relevante Informationen zwischen 1000 bunten Aufmerksamkeit heischenden Bildern aufzufinden. Es tut mir Leid um die vielen Lesungen, Berichte, Buchbesprechungen, … , die so Woche für Woche unerhört bleiben. Und eigentlich habe ich mit meinen Rundfunkgebühren ja für all das bezahlt.

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