Lebens-Ansichten des Kater Murr

nebst fragmentarischer Biographie des Kapellmeisters Johannes Kreisler in zufälligen Makulaturblättern von E.T.A. Hoffmann

Ein Kater, der schreibt. Nun, von Hoffmann sind wir ja einiges gewohnt. Diesmal ein schreibender Kater, der uns seine Lebensansichten mitteilt. Erlebt hat er ja einiges, der Murr. Schon als Katzenbaby beinahe aufgefressen und beinahe ertränkt, wird er von dem gelehrten Meister Abraham aufgenommen und schaut ihm die Fertigkeit des Lesens und dann des Schreibens ab. Er liest sich plan- und wahllos durch Abrahams Bibliothek, häuft dabei jede Menge „Bildung“ an, aber keine Weisheit. Auch seine Ausflüge in die Welt der Katzen und Hunde machen ihn nicht klüger, denn er dünkt sich den anderen Tieren sowieso schon weit überlegen. Eine Satire auf den Bildungsroman, gespickt mit jeder Menge Zitaten, und weil’s von Hoffmann ist, auch amüsant zu lesen.

Das allein würde uns Lesern aber nicht genügen. Obwohl, es soll Ausgaben nur mit dem Murr Teil der Geschichte geben. Da hat man Hoffmann aber so was von missverstanden. Zum Glück des Lesers hat Murr ein Manuskript seines Besitzers zerrissen, um die Blätter als Unterlage und Löschblätter zu verwenden. Diese losen Seiten sind aus Versehen auch an die Druckerei gegangen und mit abgedruckt worden. Sie beinhalten die fragmentarische Biographie des Kapellmeisters Johannes Kreisler und machen 2/3 des Buches aus. Kreisler ist eine echte Künstlernatur. Gerade hat er seine Anstellung an einem Fürstenhof fluchtartig verlassen, weil er sich mit der Jobbeschreibung (wie man heute sagen würde) nicht arrangieren konnte. Eher zufällig kommt er nach Sieghartsweiler und bringt dort alles durcheinander. Dieses Sieghartsweiler ist so recht eine Schöpfung Hoffmanns. Es ist die Residenz des nicht mehr regierenden Fürsten Irenäus, dessen Ländchen in einem größeren Herzogtum aufgegangen ist. Der Fürst lässt sich seine fürstliche Hofhaltung aber trotzdem nicht nehmen. Alles nur Staffage und Dekoration, aber trotzdem hochwichtig für alle Beteiligten. Hier begegnet Kreisler auch einem Meister Abraham, den er von früher kennt. Dieser Abraham ist aber Orgelbauer, was der aus der Murr-Geschichte nicht ist. Auch Kreisler ist uns schon bei Murr begegnet, allerdings nicht als Kapellmeisters. Was ist Wirklichkeit, was Fiktion? Ein schreibender Kater kann ja nun wirklich nicht wirklich sein. Und doch ist die Geschichte Kreislers noch viel fantastischer.

Kreisler verläuft sich also in den Park des Fürsten Irenäus und stolpert dort über die Tochter des Fürsten, die Prinzessin Hedwiga, und deren Freundin Julia. Julia ist fasziniert von dem Künstler, Hedwiga entsetzt. Im Grunde aber verlieben sie sich beide in ihn. Und Kreisler? Man ahnt, dass er für beide Frauen Gefühle entwickelt, aber das ist gar nicht so wichtig. Die Musik, seine Musik, ist viel wichtiger. Überhaupt ist Musik sehr wichtig in diesem Buch. Hoffmann war ja auch Musiker und Komponist.

Dann ist da noch die Rätin Benzon, Julias Mutter, die mit dem Fürsten viel vertrauter ist, als die Öffentlichkeit wissen darf. Das ist eine Geschichte, die nicht erzählt, nur angedeutet wird. Die Geschichte von dem Orgelbauer Abraham und seinem unsichtbaren Mädchen wird erzählt, auch die Geschichte vom verrückten Maler, der Hedwiga einst so sehr erschreckte, die Geschichte des Mönch, der von der Jungfrau Maria wieder ins Leben zurückgebracht wurde, die Geschichte des Prinzen, der – aber halt, hier will ich nicht zu viel verraten. All diese Geschichten sind miteinander verflochten, bilden ein Netz, in das sich Kreisler immer mehr verstrickt.

Diese verwickelten Geschichten und Bruchstücke von Geschichten werden immer wieder unterbrochen von den Ergüssen des Kater Murr, die ohne Zusammenhang dazwischen auftauchen und die Kreislergeschichte an den spannendsten Stellen unterbrechen. Ohne Zusammenhang? So scheint es, und doch bilden sie einen raffinierten Kontrapunkt zur Kreisler-Melodie. Das eine kommentiert das andere durch die Hintertür.

Überhaupt wird Hoffmann hier sehr autobiographisch, nicht nur, was die Musik angeht. Kreislers Vita enthält viele Elemente aus Hoffmanns eigener Kindheit und Jugend. Auch Kreisler war zunächst Jurist. Hoffmann hat unter dem Namen Johannes Kreisler in der Leipziger Allgemeinen Zeitung Musikrezensionen veröffentlicht. Und er war unsterblich in eine Julia verliebt, als er schon lange verheiratet war. Auch dass Hoffmann besonders im zweiten der beiden Bände sehr viel von Religion spricht, scheint mir autobiografisch begründet.

Die Auflösung seines Geschichtennetzes bleibt Hoffmann uns schuldig. Am Ende des Buchs in zwei Teilen verspricht er einen dritten, der zur Ostermesse erscheinen soll, der kam aber nie. Hoffmann ist im Jahr der Veröffentlichung des zweiten Bandes gestorben. Aber war ein dritter Band wirklich geplant oder ist der dritte Teil auch nur eine Fiktion? Hat Hoffmann sich hoffnungslos in seinem eigenen Netz verfangen und konnte es nicht mehr auflösen? Oder wollte er es vielleicht von Anfang an nicht auflösen? Wollte er uns selbst die Auflösung überlassen? Die Entscheidung, in welcher Welt wir leben wollen, wie wir die Welt sehen wollen? Die Auflösung der Geschichte nach der Weltsicht des Katers liegt auf der Hand – und wäre furchtbar. Eine Auflösung à la Kreisler kann nur besser sein. Doch wie könnte die aussehen? Happy End nicht in Sicht, aber die Geschichte geht weiter, in unseren Köpfen.

Neugierig? Lesen! Lohnt sich.

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6 Gedanken zu „Lebens-Ansichten des Kater Murr

    • Dankeschön!
      Hab gar nicht den Ehrgeiz, eine „Rezension“ zu schreiben. Du kannst das ja wirklich, bei mir hapert’s da schon am Formalen. Aber wie soll man das sonst nennen? In diesem Sinne danke für das Lob.

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