Paul Heyse (1830-1914)

Dieser vergessene Autor drängt sich mir seit ein paar Monaten regelrecht auf. Da begegnet er mir auf meiner Märchenjagd für die LibriVox Anniversary Collection; Märchen von einem Literaturnobelpreisträger – die muss man mal lesen. Dann wird er bei LibriVox in der Diskussion möglicher deutscher Texte erwähnt: ein Literaturnobelpreisträger, von dem wir noch fast nichts im Katalog haben! Und schließlich, die Empfehlung schlechthin, ist er langjähriger Briefpartner, Freund und geschätzter Kollege von meinem geliebten Theodor Storm.

Also habe ich ihn gelesen. Und jetzt möchte ich einen Verriss schreiben.

Möglicherweise habe ich nicht das Beste von ihm gelesen. Die Novelle Ein Ring (1904) ist ganz nett, kokettiert mit verbotener Liebe, kokettiert aber eben nur, dabei die Moralvorstellungen der bürgerlichen Gesellschaft glorifizierend. Machte mir keine Lust auf mehr. Die Märchen sind so … so … ich kann keine Worte finden, denn ich kann mich an keins erinnern, dabei ist die Lektüre gerade mal 3 Monate her. Der letzte Zentauer (1904) – die Hälfte der Geschichte ist Einleitung. Dann passiert etwas Fantastisches, aber das ist irgendwie – goethisch. Bei Fantastik würde man jetzt nicht automatisch an Goethe denken. Schließlich habe ich In der Geisterstunde und andere Spukgeschichten (1894) sogar fast ganz gelesen, bis mich die unwiderstehliche Lust überkam, diesen Verriss zu schreiben.

Einem guten Autor ist seine Geschichte wahrhaft innerlich aufgegangen, bevor er sie in der Erzählung Gestalt annehmen lässt. Solche und ähnliche Formulierungen finden sich bei Storm und Mörike, das ist E.T.A. Hoffmanns serapiontisches Prinzip. Das ist das gewisse Etwas, das einen als Leser packt (wie mich der Nolten von Mörike). Nichts davon bei Heyse. Seine Erzählungen sind Kopfgeburten, Konstruktionen, leblose Marionetten. Er hat allerdings ein Talent sich Geschichten auszudenken, aber er ist selbst zu sehr von diesem Talent angetan. Und er schwafelt. Er kommt mir vor wie einer dieser Gäste, die die Gesellschaft den ganzen Abend unterhalten können, ohne zu bemerken, dass man ihrer Stimme und ihrer Pointen schon längst müde geworden ist.

Nehmen wir z.B. In der Geisterstunde. Die Nähe zu Storms Am Kamin liegt auf der Hand, ein geselliges Beisammensein, man erzählt sich gegenseitig Spukgeschichten. Storm wirft das wie ein Skizze mal eben so hin, auch die Spukgeschichten sind knapp und ohne Effekthascherei erzählt. Als Skeptiker möchte mal vielleicht „Ja, aber … “ sagen, aber es verschlägt einem die Sprache. Heyse, will mir scheine, möchte mal zeigen, wie man das „richtig“ macht, tut aber schon beim Setting des Guten zu viel. Man möchte gar nicht so genau wissen, wer da wer ist. Ein Teil der Geschichten ist gut konstruiert, aber viel zu langatmig erzählt. Wie es zu der spukhaften Begebenheit kommt, wird des Langen und Breiten dargelegt, ohne dass es im mindesten gruselt. Dann spukt es mal kurz, einmal sogar nur im Nachsatz und man ist als Leser ein bisschen ratlos. Und dann macht Heyse das Allerallerschlimmste, was man als Autor bei einer Spukgeschichte nur machen kann: Alles wird hinterher rationalisiert und weg erklärt.

Nun ist das alles Spätwerk. Vielleicht ist er früher besser gewesen. Vielleicht sollte ich mal in seinen Briefwechsel mit Storm schauen und sehen, was Storm an ihm geschätzt hat. Aber ganz ehrlich, mir ist die Lust dazu vergangen. Das bemerkenswerte an Heyse ist, dass er den Literaturnobelpreis bekommen hat. Das ist wirklich bemerkenswert, denn er ist bieder, bürgerlich, spießig und langweilig. Deshalb mag er ruhig vergessen bleiben.

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