Häkelkrimis 4: Liebermann Papers von Frank Tallis

Wien kurz nach 1900, Psychoanalyse, Freud, Kaffeehaus und Nazis

Der Protagonist der Serie ist der junge Arzt Max Liebermann, ein Schüler Freuds, dessen Erkenntnisse zu dieser Zeit meist noch abgelehnt werden. Liebermanns Freund, der Kriminalpolizist Oskar Rheinhardt, zieht Liebermann bei seinen Ermittlungen zu Rate, obwohl seine Vorgesetzten davon nicht wirklich begeistert sind.

Was mir an den Krimis gefällt, ist die Wiener Atmosphäre dieser spannende Zeit. Das ist ganz wunderbar eingefangen. Man trifft sich regelmäßig zum Musizieren, man interessiert sich für Kunst, zum Beispiel für den fast schon skandalösen Gustav Klimt, man geht in die Oper, wo der umstrittene Gustav Mahler Direktor ist, und man geht ins Kaffeehaus, ziemlich oft, denn man ist ja in Wien. Freud erscheint ein paar mal hinter dicke Rauchschwaden. Über allem droht finster ein zunehmender Antisemitismus und immer salonfähiger werdende deutschnationale Tendenzen.

Liebermann ist eine sehr sympathische und auch glaubhafte Figur, Reinhardt ist zunächst etwas blass, gewinnt aber später an Tiefe. Zu Beginn der Serie ist Liebermann verlobt, macht sich aber ernstlich Gedanken, ob seine Braut auch wirklich die richtige für ihn ist. Als er dann an einer seiner Patientinnen übergroßen Anteil nimmt, ahnt der Leser schon, worauf das hinaus läuft. Das ist ein Plotelement, dass einem in vielen Serien begegnet: Kriegen sie sich oder kriegen sie sich nicht, und wenn ja, dann wie? Das soll den Leser bei der Stange halten, was hier wunderbar funktioniert, denn die spröde Miss Lydgate ist selbst eine interessante Figur, die in Wien Medizin studieren will und sich durch ihr besonderes wissenschaftliches Interesse immer wieder als nützlich für die Ermittlungen erweist.

Was mir an den Krimis nicht gefällt, sind die ziemlich blutigen und reißerischen Verbrechen und Liebermanns „Allwissenheit“ als Psychologe. Obwohl der Autor Frank Tallis selbst Arzt und praktizierender klinischer Psychologe ist, glaube ich ihm einfach nicht, was Liebermann da so alles aus seinen Beobachtungen und Gesprächen erfahren kann, und vor allem, dass er sich dessen immer so sicher ist. Das ist oft etwas zu dick aufgetragen.

Dafür gibt’s ganz viel Wien, angenehm gemächliche Ermittlungen mit ganz viel geschichtlichem, künstlerischem und wissenschaftlichem Hintergrund, der auch ordentlich recherchiert ist. Es gibt bis jetzt 6 Bände, ob es weiter geht, weiß man nicht.

Nur Band 4, Vienna Secrets, fand ich ziemlich schwach. Da geht es um Verbrechen im Umkreis von Synagogen, am Tatort wird immer Lehm gefunden und Dr. Liebermann muss tatsächlich nach Prag fahren, um sich von einem alten Rabbi mit der Nase drauf stoßen zu lassen, was der Lehm da soll. War auch ansonsten etwas langweilig.

Keine Krimis für reine Krimifans, eher ein Ausflug in’s Wien kurz nach 1900 mit Krimi als Zugabe. Mir macht das Spaß, deshalb bekommen die Liebermann Papers von mir 3 von 5 möglichen Brunettis.

Frank Tallis bei Goodreads mit einer Liste aller seiner Bücher.

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4 Gedanken zu „Häkelkrimis 4: Liebermann Papers von Frank Tallis

  1. Zuerst habe ich diesen Beitrag, Häkelkrimis 4, gelesen. Ich fand es sehr interessant, und bin auf andere drei Artikel neugierig geworden. Jetzt habe ich sie alle durch – es hat sich gelohnt!
    Ein sehr beeindruckender Vortrag! Danke dafür!
    Liebe Grüße!
    Marija

  2. Interessante Reihe – Krimis (zB Agatha Christie, Brunetti) haben mich leider noch nie fesseln können (Thriller dann schon eher – aber die sind zum Handarbeiten nicht wirklich geeignet)
    Zum Handarbeiten höre ich gerne entweder sehr leichte Kost wie P.G: Wodehouse oder sehr Langatmiges wie Anna Karenina oder David Copperfield. Jedenfalls Sachen, wo man auch mal 2-3 Sätze verpassen kann [was mal passieren kann, wenn ich irgendwas zähle oder versuche aus einer Anleitung schlau zu werden ;)] ohne gleich aus der Geschichte zu fallen.

    Jetzt interessiert mich aber schon, was du schönes häkelst. Willst du nicht vielleicht mal irgendwann einen Nebensache-Eintrag dazu machen? 😉

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