Hokuspokus live!

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Und diesmal wirklich, nicht nur virtuell! Letztes Jahr ist die geplante Lesung im Schlossturm (ich hatte davon erzählt) ja an organisatorischen Schwierigkeiten gescheitert, diesmal haben wir es grundsätzlich anders angepackt und den Schlosskeller als Location gewählt.

Spukig sollte es wieder werden, für Kinder geeignet und möglichst gemeinfrei. Als die Anfrage im Frühjahr kam, ob ich es noch einmal probieren will, war ich sehr froh, kurz zuvor die deutsche Übersetzung des Gespenstes von Canterville gefunden zu haben. Der Text hat auch nur etwa 10.000 Wörter (dachte ich), so dass er sich mit nur wenigen Kürzungen recht gut für eine etwa einstündige Lesung eignen würde. Dumm nur, dass ich beim Wörter Zählen das letzte Kapitel übersehen hatte. In Wirklichkeit hat der Text mehr als 12.000 Wörter und war viel zu lang. Die Hörbuchfassung für Legamus hat fast eineinhalb Stunden und live liest man eher langsamer. So musste ich Oscar Wilde leider um mehr als ein Drittel kürzen, was er erstaunlich gut vertragen hat. Sehr viele Bezüge und Seitenhiebe auf das kulturelle Leben in England am Ende des 19ten Jahrhunderts sind heute nur witzig, wenn man sich ein bisschen mit der Zeit beschäftigt hat, und sind vor allem für Kinder unverständlich. Schade war allerdings, dass auch dieses herrliche Stelle der Schere zum Opfer fiel:

Wir [Engländer] haben nahezu alles mit Amerika gemeinsam, außer natürlich die Sprache.

Beinahe hätte ich zu viel gekürzt. Erst kurz vor dem Termin ist mir aufgefallen, dass ich den armen Cecil aus der ersten Hälfte völlig getilgt hatte und er erst im zweiten Teil auftaucht, dann aber gleich als Virginias Liebhaber. Cecil wurde also flugs wieder hinein geschrieben. Was den Liebhaber angeht, war ich sehr froh, die Freiheit zu haben, ihn in einen Verehrer ändern zu dürfen. Bei LibriVox und Legamus lesen wir die Texte ja ungekürzt und wie geschrieben/übersetzt. Ausnahmen gibt es nur bei groben Übersetzungsfehlern.

So war der Text also ausgesucht und vorbereitet. Meine Kollegin und Ansprechpartnerin bei der Museumsverwaltung hat sich wunderbar dafür eingesetzt, alle Hindernisse aus dem Weg zu räumen und die Veranstaltung vorzubereiten. An dieser Stelle noch einmal herzlichen Dank dafür!

Dann hieß es üben, üben, üben. Bei einer Aufnahme kann man ja alle Fehler bequem korrigieren, nach Edits und Probehören ahnt keiner mehr,  wie oft man sich versprochen hat. Live geht das nicht. Also am besten keine Fehler machen. Nicht so leicht, wenn es lebendig sein soll. Und man dann solche Sätze hat: „Ich heiße Sie auf Schloss Canterville willkommen.“  Die Proben haben schrecklich viel Zeit gefressen und waren ein Grund dafür, dass ich keine Zeit hatte, Blogbeiträge zu lesen und selbst zu schreiben.

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Ich habe hin und her überlegt, ob ich hier auf dem Blog Werbung für die Lesung machen soll, habe es dann aber nicht getan, weil ich, je näher der große Tag kam, desto unsicherer war, ob ich mich da nicht total übernommen hatte. Es ist eine Sache, Hörbücher aufzunehmen und die im Internet zu verschenken, aber eine ganz andere Sache, live vor Publikum zu lesen, dass dafür Eintritt bezahlt hatte und zum Teil auch noch ein gutes Stück Anfahrt auf sich genommen hatte.

Am letzten Sonntag war es dann so weit. Wir waren so gut wie ausverkauft und ich hatte Lampenfieber bis zum Anschlag. Würde die Lesung gefallen? Würden nach der Pause noch alle da sein? (Wie schrecklich, wenn nicht!) Würde das Publikum erbost sein Geld zurück verlangen? Versteht das bitte nicht falsch, ich neige eigentlich nicht zu Selbstunterschätzung und fische auch nicht nach Komplimenten. Man kann so gut sein, wie man will, es nutzt aber alles nix, wenn das Publikum etwas anderes erwartet. Ich hatte so etwas ja noch nie gemacht. Da geht einem so einiges durch den Kopf, was sich hinterher als großer Unsinn entpuppt.

Aber es ist gut gegangen. Wir hatten hier 30° am Sonntag, im Keller war es richtig kühl, das wurde nach 30 Minuten schon etwas unangenehm. Aber ich hatte ein super Publikum, das sich davon nicht hat stören lassen. In der Pause gab es heißen Tee aus dem Samowar und wer wollte, konnte den Schlossturm besteigen. Und ja, nach der Pause waren alle wieder da. Am Ende war das Publikum zufrieden und ich war es auch. *puh*

Mit etwas Glück machen wir so etwas noch einmal, und dann sage ich vorher Bescheid, falls vielleicht doch jemand aus der Gegend um Hanau hier mitliest.

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6 Gedanken zu „Hokuspokus live!

  1. Ich freue mich riesig für Dich!!! 😀 😀 😀
    Toll, dass das jetzt endlich geklappt hat. Der Schlosskeller war ja genau der richtige Ort für diese Geschichte (das Skelett hinten in der Ecke ist ja total gruselig 😀 ). Da wäre ich gern dabei gewesen.
    Ganz herzlichen Glückwunsch zum Erfolg!

  2. Danke, Karlsson! Wie lieb von Dir. 😀
    Das Skelett, ja. *lach* Das hätte ich beinahe vergessen. In der Pause hörte ich zufällig ein Gespräch mit, in dem sich ein Kind darüber beschwerte, dass es doch ein Gespenst sei und kein Skelett. Als wir dann an die Stelle kamen, wo Virginia ihre Familie in den zugemauerten Raum führt, ging ein Wispern und Raunen durchs Publikum, es wurde in die Ecke gezeigt und geschaut und ich hörte deutlich jemanden sagen: „Da ist er ja!“

  3. Das klingt ja nach einer runden Sache, eine „coole“ Lesung, sozusagen, ich freu mich für dich : ) Karl Kraus sprach übrigens immer von „Vorlesungen“, hab ich neulich beim Karl-Kraus-Abend erfahren, passt eigentlich fast besser, auch wenn wir heute damit meist Universitäres assoziieren … Liebe Grüße
    Petra

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