Frisch geschlüpft: Die Burg von Otranto

cover

von Horace Walpole (1717-1797), gelesen von Hokuspokus

Manfred, der Fürst von Otranto ist besorgt um die Zukunft seines Hauses und will deshalb seinen Sohn so bald als möglich mit Isabelle verheiraten, die durch ihren Vater Friedrich selbst Ansprüche auf Otranto machen kann. Friedrich ist auf dem Kreuzzug in Gefangenschaft geraten und gilt als tot. Auf dem Weg zur Trauung erleidet Manfreds Sohn einen tödlichen Unfall – er wird von einem riesigen Helm erschlagen. Kurz darauf erscheint eine riesige Gestalt in der Burg und löst Panik unter den Bediensteten aus. Doch Manfred hat ganz andere Sorgen. Da sein Sohn nun tot ist, will er selbst die schöne Isabelle heiraten, aber dazu muss er seine Gemahlin Hippolite überreden, in eine Scheidung einzuwilligen. Außerdem ist da noch Theodor, der sich unschuldig Manfreds Zorn zuzieht, durch die Fürsprache Mathildens, Manfreds Tochter, gerettet wird und später Isabelle bei deren Flucht vor Manfreds Nachstellungen hilft. Die Situation spitzt sich zu, als 500 Bewaffnete vor der Burg erscheinen, die ein riesiges Schwert mit sich führen und im Namen Friedrichs die Herausgabe von Isabelle fordern. Auch taucht die riesige Gestalt wieder in der Burg auf und man munkelt allenthalben von einer alten Prophezeiung, die Burg und Herrschaft Otranto solle dem Geschlecht Manfreds entwendet werden, wenn dem wirklichen Besitzer seine Behausung zu enge würde.

Die Burg von Otranto gilt als erste Gothic Novel und damit als Wegbereiter für Dracula, Frankenstein und co. Die anonyme deutsche Übersetzung von 1810 ist in einer auch damals schon altertümlichen Sprache gehalten. (Zusammenfassung von Hokuspokus)

Hörbuch Download bei LibriVox

Das wollte ich schon lange machen! LibriVox hat ein sehr gelungenes Hörbuch vom englischen Original, die ich vor ein paar Jahren gehört habe, eine deutsche Übersetzung gibt es bei Zeno, also kam es auf die Liste. Da stand es dann lange. Und dann habe ich zum Glück einen großen Fehler gemacht und die Übersetzung nicht gelesen, bevor ich mit der Aufnahme anfing. Zum Glück deshalb, weil der Text ziemlich schwer zu lesen war. Die Sprache ist so altertümlich und -tümelnd, dass ich an ziemlich viele Stellen meine Fehler gar nicht bemerkt habe. Dabei war mir mein Probehörer Karlsson eine unschätzbare Hilfe. Danke! Dann hat der Text keine Gänsefüßchen und kaum Absätze. Es ist erstaunlich, wie sehr so kleine Dinge die Lesbarkeit eines Textes erhöhen. Also habe ich Abschnitt für Abschnitt den Text vorbereitet und nicht nur still gelesen wie sonst. Trotzdem waren arg viele Edits zu machen, vor dem Hochladen sowieso und auch noch ziemlich viele danach. Manchmal hat mich das Buch schon zur Verzweiflung gebracht, zwischendurch habe ich Nocturno und Die Weissagung aufgenommen, um davon weg zu kommen. Aber jetzt ist es fertig. Hurra!

Die erste Gothic Novel also. Es ist nur an wenigen Stellen wirklich gruselig, an einigen Stellen erinnert es an eine Shakespeare-Kommödie, an anderen an eine Barockoper. Ja, wirklich, einige der Verwicklungen in der Geschichte könnten genau so auch in einem Libretto vorkommen. Wer liebt wen? Wer soll wen heiraten? Wer ist der Sohn von wem?

Die Szenerie ist gothic genug, eine Burg mit unterirdischen Gängen, ein Kloster, ein Höhlenlabyrinth in den Bergen. 100 Jahre später hätte ein Autor die Orte weitläufig beschrieben und eine wunderbar bedrohliche Atmosphäre daraus gewebt. Das tut Walpole nur im Ansatz, 1764 hat man noch nicht so erzählt. Der Leser muss schon mithelfen, sich die Szene selbst ausmalen und im Hinterkopf behalten.

1764 – ein Kind der Aufklärung also, mit Wurzeln im Barock und bei Shakespeare, das einen langen Schatten wirft bis zur schwarzen Romantik und darüber hinaus. Das allein ist schon spannend.

Walpole behauptete übrigens bei der Erstveröffentlichung, es sei nur eine Übersetzung und die Geschichte ein italienisches Manuskript aus der Zeit der Kreuzzüge. Das Buch war aber ein solcher Erfolg, dass er sich in der zweiten Auflage als Autor outete.

eBook der deutschen Übersetzung bei Mobileread
eText/eBook des englischen Originals bei Gutenberg.org
Hörbuch des englischen Originals bei LibriVox

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6 Gedanken zu „Frisch geschlüpft: Die Burg von Otranto

  1. Was das Gruseln angeht, so sind wir heute natürlich ganz anderes gewohnt (sicher auch durch Filme beeinflusst) – für die Menschen damals war das vielleicht wirklich sehr gruselig … Liebe Grüße
    Petra

    • Hm, das kann natürlich sein. Wahrscheinlich hatte Gruseln einen ganz anderen Stellenwert, vielleicht genossen die Menschen das Gruseln gar nicht so sehr wie wir. Ohne elektrisches Licht, ohne wissenschaftliche Erklärung für viele Alltagsphänomene war das Leben an sich wohl bereits gruselig genug, so dass man sich einerseits viel eher gruselte und dadurch andererseits das Gruseln ein Gewürz war, was man besser sparsam verwendete.

  2. Das könnte ich mir auch gut vorstellen. Heute muss es ja immer gleich Horror mit viel Gedöns sein, damit es noch Wirkung zeitigt ; ) Aber so eine Kulturgeschichte des Gruselns, das wäre interessant … Ob es so was schon gibt?

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