Maler Nolten

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Was für ein Buch!

Der Maler Nolten von Eduard Mörike ist 1832 als Novelle in zwei Teilen erschienen. Novelle? Eigentlich nicht, eher viele Novellen in einem, mit Gedichten durchsetzt. Zwei der bekanntesten Mörike-Gedichte sind aus dem Maler Nolten: Der Feuerreiter und dieses hier:

Frühling läßt sein blaues Band
Wieder flattern durch die Lüfte,
Süße wohlbekannte Düfte
Streifen ahnungsvoll das Land;
[…]

Ach, und ein Drama ist auch noch dabei.

Theodor Storm schreibt Anfang Oktober 1854 an den 13 Jahre älteren und von ihm sehr verehren Mörike:

„Ich habe das Buch diesen Sommer wieder gelesen, aber wenn Sie mich fragen, was daran zu ändern sei, so muß ich mich in diesem Fall für gänzlich urteilslos erklären. So wie es da ist, ist es seit Jahren für mich eine liebe Tatsache; […] Ändern aber würde ich als Verfasser nichts daran. Es gehört, wie es vorliegt, und überdies hängen wenigstens die von Heyse besprochenen Schwächen so eng mit der Tiefe und eigentümlichen Schönheit des Werkes zusammen, daß mir in der Tat mitunter ist, als hätten Sie es eben um dieser willen geschrieben.“

Als ich dieses Lobeshymne (für den sehr kritischen Storm, geradezu überschwänglich) im Briefwechsel der beiden Dichter las, war klar, dass der Nolten sofort den Platz ganz oben auf dem Stapel zugewiesen bekam.

Mörike (1804-1875) zählt zeitlich zum Biedermeier, idyllisch ist er oft, aber hausbacken und spießig nie. Er wurzelt in der Romantik und besonders im Maler Nolten hatte ich oft das Gefühl, E.T.A. Hoffmann späht hinter einem Busch hervor oder schaut durch’s Fenster herein. Da ist z.B. die seltsame Gestalt, die die Ereignisse um den Maler Nolten überhaupt erst in Gang bringt.

Eines Tages kommt „ein verwahrloster Mensch von schwächlicher Gestalt und kränklichem Aussehen, eine spindeldünne Schneiderfigur“ zu dem arrivierten Maler Tillsen, der allerdings keine rechte Schaffenskraft mehr in sich fühlt, und zeigt ihm einige Entwürfe, die dem Maler die Augen öffnen. Dieses verdächtige Subjekt verschwindet und Tillsen kann ihn nicht ausfindig machen. Die Entwürfe habe es ihm aber so angetan, dass er sie in Öl ausführt. Das Publikum ist begeistert. Später stellt sich heraus, der Geheimnisvolle nennt sich Wispel, ist eigentlich Babier von Beruf und als Diener bei dem jungen unbekannten Maler Theobald Nolten, von dem die Skizzen eigentlich stammen. Tillsen nimmt den jungen Kollegen unter seine Fittiche, gibt ihm ein paar Tipps, führt ihn in die richtigen Kreisen ein und bald ist Theobald gar nicht mehr so unbekannt sondern wird vom Herzog protegiert, erhält Zutritt zum Haus des Grafen von Zarlin, lernt dort die schöne junge Witwe Gräfin Constanze kennen und verliebt sich in sie. Diese Zuneigung wird durchaus erwidert, doch unser Theobald ist zu Hause bereits mit der Tochter seines Ziehvaters, der süßen unschuldigen Agnes verlobt.

Die Entfernung von Agnes hat seine Liebe zu ihr schon merklich abgekühlt, als er Constanze begegnet. Agnes ist zwischenzeitlich auch nicht mehr so ganz von dem Verlobten überzeugt. Auf einem Spaziergang trifft sie die Zigeunerin Elisabeth, die ihr prophezeit, sie werde nicht den Maler sondern ihren Vetter heiraten.

Ach ja, der Vetter. Agnes Papa, Theobalds Pflegevater, ist sich nicht so sicher, dass unser Maler sein Töchterlein auch ordentlich wird versorgen können und hätte gerne ein zweites Eisen im Feuer. Agnes mag den Vetter zwar leiden, unterhält sich gern mit ihm usw. usf., denkt sich aber weiter nichts dabei. Diese unschuldige Zuneigung zum Vetter wird Nolten unter ganz falschen Vorzeichen hinterbracht und gibt seiner abgekühlten Liebe den Todesstoß. Doch wie soll er es Agnes beibringen? Er übergibt die ganze Angelegenheit seinem Freund Larkens. Larkens jedoch ist in dieser Sache ganz anderer Meinung als Nolten. Agnes ist die einzig Richtige für Theobald, glaubt Larkens, der Agnes nur aus den Erzählungen des Malers kennt, und führt mit verstellter Schrift unter Theobalds Namen die Briefkontakt zur nun doch nicht Exverlobten weiter. Die war von der Begegnung mit der Zigeunerin und der Prophezeiung so erschüttert, dass sie von einer heftigen Nervenkrankheit befallen worden war.

Das wäre ja jetzt erst mal genug Material für allerlei Ver- und Entwicklungen, sollte man meinen, aber es kommt noch schlimmer. Larkens spielt der Gräfin Constanze, just als sie und Theobald sich ihre gegenseitige Liebe gestanden haben, die Briefe von Agnes zu. Constanze ist verletzt, empört, tief gekränkt, und sorgt dafür, dass Nolten und Larkens wegen unterstellter Majestätsbeleidigung in einem Schattenspiel (das Drama mittendrin) eingesperrt werden. Nach ihrer Freilassung – zu einem Prozess und Verurteilung kam es dann doch nicht – gesteht Larkens Theobald schließlich die Geschichte mit den gefälschten Briefen und taucht erst mal unter. Und Elisabeth ist, wie sich herausstellt, Theobalds Cousine und ein bisschen wahnsinnig.

Trotzdem wendet sich alles zunächst zum Guten, Theobald kehrt zu Agnes zurück, die Hochzeit wird beschlossen, man reist zusammen nach einer anderen, entfernten Stadt, wo Theobald einen Posten antreten soll. Auf der Reise aber geht alles schief. Theobald trifft Larkens wieder, und der bringt sich um. Theobald gesteht Agnes die Sache mit den Briefen, und die fällt zurück in ihr Nervenleiden, „einen stillen Wahnsinn“. Dann wird alles nur noch schlimmer.

Es ist ein ganz verschwurbelter Haufen von Geschichten in Geschichten, Bildern in Bildern, und über allem Mondschein und Frühlingsduft, ganz viel davon. Und Theobald mitten drin, als Spielball seiner eigenen Vorstellungen und Wünsche, als Opfer seltsamer Verwicklungen aus der Vergangenheit und dem willkürlichen Eingreifen Dritter hilflos ausgeliefert. Er begreift nichts (wie auch!), ist unfähig, sein Leben in die Hand zu nehmen, teils, weil er sich treiben lässt, teils, weil sein Leben sich auch gar nicht in die Hand nehmen lässt. Es wendet sich alle Augenblicke in unvorhersehbare Richtungen.

Diese Geschichten sind unwahrscheinlich, an den Haaren herbeigezogen zum Teil, und doch lassen sie mich nicht mehr los. Die Figuren wirken auf uns heute oft hahnebüchen, man will sich an den Kopf greifen und laut ausrufen: Kein Mensch tut das, kein Mensch fühlt so! Aber man greift nicht und man ruft nicht, den trotz aller hahnebüchenen Verschwurbeltheit sind sie wahr und lebendig, auch oder gerade weil sie so sind. Wir denken nicht mehr, dass Menschen so sind, kein Autor würde heute solche Figuren erdichten, aber in Mörikes Text sind diese Personen und ihre Schicksale gefühlsmäßig glaubhaft. Deshalb lassen sie mich nicht los.

Und auch Mörike hat der Maler Nolten nicht wieder losgelassen. Etwa 10 Jahre nach der Erstveröffentlichung sollte eine zweite Auflage gedruckt werden, doch Mörike wollte das Buch erst  noch einmal überarbeiten. Eine Nachdruck des ursprünglichen Textes hat er strikt untersagt. Mit der Überarbeitung war Mörike dann den Rest seines Lebens beschäftigt und hat doch nur den ersten Teil geschafft. Nach Mörikes Tod hat Julius Klaiber aus dem fertiggestellten ersten Teil und Mörikes Notizen und Entwürfen zum zweiten Teil eine neue Version zusammengesetzt.  Diese Fassung, erster Teil von Mörike, zweiter Teil von Mörike und Klaiber zu unwägbaren Anteilen, gibt es bei Interesse als Scann bei Archive.org.

Der Text, der bis heute immer wieder aufgelegt wird, ist meist die erste Fassung von 1832, von der Mörike nicht gewollt hat, dass sie noch einmal gedruckt wird. Das ist auch der Text, den ich gelesen habe. Falls Ihr den Nolten im Regal habt, und nicht dabei steht, welche Fassung es ist, die Fassung von 1832 beginnt mit diesem Satz: Ein heiterer Juniusnachmittag besonnte die Straßen der Residenzstadt. In der zweiten Fassung heißt es: An einem heiteren Sonntagabend um die Mitte des Mai lustwandelte, ritt oder fuhr die elegante Welt der Residenz in den schattigen Alleen und offenen Gängen des Hofgartens. Welch ein Unterschied schon im ersten Satz! Es wäre interessant, die Unterschiede weiter zu verfolgen. Also auf Wiederlesen, Maler Nolten!

Auf Wiederhören? Es wäre reizvoll, das als Hörbuch bei LibriVox zu machen.  Für mich allein als Solo wäre es allerdings viel zu lang und dann ist da ja noch das Drama mitten drin, der Text der Schattenspiels. Als Gruppenprojekt vielleicht? Mal sehen …

Quellen und Links:
Wikipedia hat eine ausführlicher Zusammenfassung des Inhalts.
Text der 1832er Ausgabe bei Zeno.org
ePub der 1832er Ausgabe bei MobileRead
Scann der 1878er Fassung bei Archive.org

Und zum Schluss, weil’s so schön ist, noch einen Ausschnitt aus Mörikes Haushaltsbuch, der einem der Scanns beigegeben ist. (Quelle: Archive.org)

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6 Gedanken zu „Maler Nolten

  1. Was für eine Rezension! Danke für all die Lebendigkeit, Liebe zum Detail und überhaupt für die Auswahl dieses Titels. Auch war mir bis dito nichts über die unterschiedlichen Auflagentexte bekannt; sehr spannend das alles.

    Sehr gelungen die Besprechung. Habe meinen Mörike sofort aus dem Regal gezogen und auf den Bücherlesetisch verfrachtet. Die guten Sachen müssen einfach öfter gelesen werden … 🙂

  2. als großer enthusiast für den maler nolten begrüsse ich diesen
    meinungs-leseschmaus. diesen blog muß ich mir merken. 😉
    empfohlen wurde er mir von frank duwald.

  3. Pingback: Sonntagsleserin KW #23/24 – 2014 | buchpost

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