Lebenszeichen

Liebe Leser,

leider komme ich im Moment nicht zum Schreiben, und, was schlimmer ist, auch nicht zum Lesen. Der Grund dafür ist eigentlich ein erfreulicher, später vielleicht mehr. Nachdem sich jedenfalls an die 80 Benachrichtigungen über neue Blogbeiträge in meinem Postfach stapelten, habe ich sie in einem Akt der Selbstverteidigung alle gelöscht. In ein oder zwei Wochen werde ich wieder mehr Zeit haben. Ich freue mich darauf, Euch dann wieder regelmäßig besuchen zu kommen und werde dann auch zurück blättern. Versprochen!

Frisch geschlüpft: Herr und Knecht

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von Leo Tolstoi (1828-1910), übersetzt von Hermann Röhl (1851-1923), gelesen von Karlsson

Der Kaufmann Wasili Andrejitsch Brechunow und sein Knecht Nikita machen sich an einem Dezembernachmittag trotz eisiger Kälte und Schneegestöber mit dem Pferdeschlitten auf, da Wasili Andrejitsch einem benachbarten Gutsbesitzer einen Wald abkaufen will. Während der Fahrt nimmt der Schneesturm zu, sie kommen vom Weg ab und verirren sich, landen jedoch in einem Nachbarort. Mehrfach bietet sich die Möglichkeit, von der Weiterfahrt abzusehen und den nächsten Tag abzuwarten, aber der rücksichtslose und dabei selbstgerechte Wasili Andrejitsch will sich das günstige Geschäft nicht entgehen lassen, und Nikita fügt sich gehorsam. Als es schließlich dunkle Nacht ist und sie sich wiederum in der eisigen Einöde verirrt haben, ist das Pferd am Ende seiner Kräfte, und beide spüren, dass es nun um Leben und Tod geht.

Angesichts des Todes verschwinden die Standesunterschiede. Nicht nur, dass Wasili Andrejitsch dem Nikita durchaus symbolträchtig die Zügel für das Pferd in die Hand gibt und sich den Entscheidungen seines Knechtes fügt, er beginnt auch, im Nachdenken über sein bisheriges Leben und Schaffen neue Einsichten zu entwickeln. Leo N. Tolstoi erzählt in einfacher Sprache die sehr gut ausgearbeitete Geschichte von Nächstenliebe und Übernahme von Verantwortung. (Zusammenfassung von Karlsson)

Hörbuch-Download bei LibriVox

Neues von der Dunkelgräfin

Der Sendetermin für die MDR Dokumentation zur Dunkelgräfin steht fest.

28.7.2014 um 22:05 Uhr im MDR-Fernsehen

Außer den Ergebnissen des DNA Vergleichs soll es auch eine Gesichtsrekonstruktion geben.

Näheres dazu beim Interessenkreis „Madame Royale“.

Über meine erste Begegnung mit der Dunkelgräfin hatte ich hier berichtet.

Der schauerliche Mönch und seine Familie

Gerade ausgelesen: Der Mönch in Weimar von Alexander Röder (2013). Bin bei der Onleihe Hessen darüber gestolpert, gibt es wahrscheinlich auch in anderen Onleihen.

Der Mönch, das ist Matthew Gregory Lewis, der später mit dem Roman The Monk (Der Mönch) sehr berühmt werden soll, kommt 1792 als junger Mann nach Weimar, um seine Kenntnis der deutschen Sprache zu verbessern. Er trifft dort Goethe, Schiller, Wieland, einen Sohn von Herder, Novalis, hat allerhand fiebrige Visionen und Träume und wird in allerhand finstere Illuminaten-Umtriebe verstrickt. Ein Schauerroman alter Schule soll es sein, verspricht der Klappentext. Old school ist die mäßige Schauerlichkeit und das gemächliche Tempo, was mir gefallen hat. Die Figuren erinnern eher an einen Comic, so zweidimensional sind sie geraten, was mir nicht gefallen hat.

Recht nett zu lesen ist das Buch aber trotzdem. Es vermittelt einen Eindruck von möglichen und/oder tatsächlichen Ereignissen hinter den Kulissen des Musenhofs unter den Auswirkungen der französischen Revolution. Der Autor hat sich das nicht einfach ausgedacht sondern tatsächlich recherchiert, was mir wieder gefallen hat. Und das Wichtigste: Es werden haufenweise Bücher erwähnt, was der Grund ist, warum ich hier darüber schreibe.

Da ist zunächst Der Mönch von Matthew Lewis, einer der erfolgreichsten und skandalträchtigsten Schauerromane überhaupt. Wikipedia schreibt:

Obwohl die meisten Rezensenten, darunter Coleridge, das Werk als schwülstig und unnatürlich ablehnten, andere Rezensenten gar von strafrechtlich zu ahndender Blasphemie und Obszönität sprachen, hatte es doch gerade auf Grund seiner Verrufenheit ungeheuren Erfolg. Die stark kritisierte Erstausgabe wich noch im Jahr ihres Erscheinens einer purgierten Fassung, die insbesondere um sexuell explizite, blasphemische und gewalttätige Passagen bereinigt worden war, aber dennoch den Nimbus des ‚Unanständigen‘ behielt. Als Lewis‘ Autorschaft bekannt wurde, explodierte die öffentliche Entrüstung. Byron schrieb, Lewis habe den „Parnaß in einen Friedhof verwandelt“; in Lewis‘ Kopf könne selbst Satan eine Hölle entdecken, die er noch nicht kenne.

Der Mönch wurde unter anderem angeregt von Das Petermännchen von Christian Heinrich Spieß, das der tatsächliche Lewis wohl während seines Weimar-Aufenthalts kennengelernt hat, und regte seinerseits E.T.A. Hoffmann zu den Elixieren des Teufels an. Weitere Bücher, die in dem Roman erwähnt werden, siehe unter Downloads. Nur Hochwaldnebel von Friedrich Gotthold Loeffler konnte ich nirgends finden.

Außerdem interessant, Lewis wohnt im Roman und wohnte auch tatsächlich bei dem Gymnasialdirektor Böttiger, der mit all den Weimarer Geistesgrößen mehr oder weniger bekannt und eine notorische Klattschbase war. Aus seinen nachgelassenen Papieren hat man 1838 ein Buch gemacht, Literarische Zustände und Zeitgenossen in Schilderungen aus Karl Aug. Böttiger’s handschriftlichem Nachlasse. Leider leider hat Respekt für unsere Dichterfürsten dem Herausgeber den Rotstift in die Hand gedrückt. Daraus wird wohl hoffentlich das eine oder andere in die Sammlung kurzer deutscher Prosa wandern.

Vom Mönch selbst gab es 1799 eine anonyme Übersetzung, die ich leider nicht als Scann finden konnte. Diese war auch die Vorlage für die überarbeitete Übersetzung von 1962, leider nicht gemeinfrei, sonst könnte man es aufnehmen und ein eBook daraus machen. Mal sehen, vielleicht taucht die Übersetzung von 1799 doch noch irgendwo auf.

Downloads:

The Monk von Matthew Lewis * Hörbuch * eBook

Der Geisterseher von Friedrich Schiller * Hörbuch * eBook

Die Elixiere des Teufels von E.T.A. Hoffmann * Hörbuch * eBook

Das Petermännchen von Christian Heinrich Spieß * Scann – Link zu beiden Bänden hier

Der Geisterbanner von Lorenz Flammenberg (Karl Friedrich Kahlert) * Scann

Der Genius. Aus den Papieren des Marquis C* von G** von Carl Friedrich Grosse, 4 Bände * Scann – Link zu allen 4 Bänden hier (aus mir unbegreiflichen Gründen gibt es zwar wunderbar gescannte Einzelseiten, die man auch in drei verschiedenen Auflösungen herunterladen kann und darf, leider aber kein PDF des gesamten Buchs.)

Literarische Zustände und Zeitgenossen. Begegnungen und Gespräche im klassischen Weimar von Carl August Böttiger * Scann

Wie sagt man das?

Die Krux beim Vorlesen ist, dass man ziemlich oft Wörter sagen muss, die man noch nie gesprochen gehört hat. Ich würde gerne Das Schloß Dürande von Eichendorff aufnehmen, aber wie sagt man das? Wären das ü ein u würde ich das Wort skrupellos französisch aussprechen (Dürond), weil das fiktive Schloss in Frankreich liegt. Aber Eichendorff hat ja die Strichelchen draufgeschrieben. Wollte er, dass man es spricht, wie geschrieben? Das kommt mir ziemlich schwer über die Lippen. Oder wollte er seine Leser nur davon abhalten, Duhrande zu denken? Solche Mischschreibweisen gibt es hier und da.

Schwierig, schwierig. Also dachte ich, stellen wir die Frage mal in den Blog-Raum. Dürond oder Dürande, französisch oder deutsch, was meint Ihr?

Frisch geschlüpft: Furchtbare Rache

von Nikolai Wassiljewitsch Gogol (1809-1852), übersetzt von Korfiz Holm (1872-1942), gelesen von Friedrich

Die Geschichte vom Leben und Tod des ukrainischen Kosaken Danilo Burulbasch und seiner Familie wird vom Autor genutzt, um ein Bild des Kosakenlebens „in alter Zeit“ zu malen.
Dabei werden Heimat- und Naturverbundenheit aber auch religiöse und heidnische Mythen der am Dnjepr lebende Kosaken dargestellt. Realität und tief im Volke verwurzelte Legenden und Sagen erklären verschiedene Naturerscheinungen; Zauberer und Nixen, aus den Gräbern steigende Leichname, personifizierte Flüsse, Berge und Wolken lassen neben der eigentlichen Handlung ein mystisches Bild entstehen und sorgen dafür, dass der Spannungsbogen nicht erschlafft. (Zusammenfassung von Friedrich)

 

Furchtbare Rache stammt aus Abende auf dem Weiler bei Dikanka (1831/1832), dem ersten Erzählband Gogols.

Hörbuch-Download bei LibriVox

Frisch geschlüpft: Die Burg von Otranto

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von Horace Walpole (1717-1797), gelesen von Hokuspokus

Manfred, der Fürst von Otranto ist besorgt um die Zukunft seines Hauses und will deshalb seinen Sohn so bald als möglich mit Isabelle verheiraten, die durch ihren Vater Friedrich selbst Ansprüche auf Otranto machen kann. Friedrich ist auf dem Kreuzzug in Gefangenschaft geraten und gilt als tot. Auf dem Weg zur Trauung erleidet Manfreds Sohn einen tödlichen Unfall – er wird von einem riesigen Helm erschlagen. Kurz darauf erscheint eine riesige Gestalt in der Burg und löst Panik unter den Bediensteten aus. Doch Manfred hat ganz andere Sorgen. Da sein Sohn nun tot ist, will er selbst die schöne Isabelle heiraten, aber dazu muss er seine Gemahlin Hippolite überreden, in eine Scheidung einzuwilligen. Außerdem ist da noch Theodor, der sich unschuldig Manfreds Zorn zuzieht, durch die Fürsprache Mathildens, Manfreds Tochter, gerettet wird und später Isabelle bei deren Flucht vor Manfreds Nachstellungen hilft. Die Situation spitzt sich zu, als 500 Bewaffnete vor der Burg erscheinen, die ein riesiges Schwert mit sich führen und im Namen Friedrichs die Herausgabe von Isabelle fordern. Auch taucht die riesige Gestalt wieder in der Burg auf und man munkelt allenthalben von einer alten Prophezeiung, die Burg und Herrschaft Otranto solle dem Geschlecht Manfreds entwendet werden, wenn dem wirklichen Besitzer seine Behausung zu enge würde.

Die Burg von Otranto gilt als erste Gothic Novel und damit als Wegbereiter für Dracula, Frankenstein und co. Die anonyme deutsche Übersetzung von 1810 ist in einer auch damals schon altertümlichen Sprache gehalten. (Zusammenfassung von Hokuspokus)

Hörbuch Download bei LibriVox

Das wollte ich schon lange machen! LibriVox hat ein sehr gelungenes Hörbuch vom englischen Original, die ich vor ein paar Jahren gehört habe, eine deutsche Übersetzung gibt es bei Zeno, also kam es auf die Liste. Da stand es dann lange. Und dann habe ich zum Glück einen großen Fehler gemacht und die Übersetzung nicht gelesen, bevor ich mit der Aufnahme anfing. Zum Glück deshalb, weil der Text ziemlich schwer zu lesen war. Die Sprache ist so altertümlich und -tümelnd, dass ich an ziemlich viele Stellen meine Fehler gar nicht bemerkt habe. Dabei war mir mein Probehörer Karlsson eine unschätzbare Hilfe. Danke! Dann hat der Text keine Gänsefüßchen und kaum Absätze. Es ist erstaunlich, wie sehr so kleine Dinge die Lesbarkeit eines Textes erhöhen. Also habe ich Abschnitt für Abschnitt den Text vorbereitet und nicht nur still gelesen wie sonst. Trotzdem waren arg viele Edits zu machen, vor dem Hochladen sowieso und auch noch ziemlich viele danach. Manchmal hat mich das Buch schon zur Verzweiflung gebracht, zwischendurch habe ich Nocturno und Die Weissagung aufgenommen, um davon weg zu kommen. Aber jetzt ist es fertig. Hurra!

Die erste Gothic Novel also. Es ist nur an wenigen Stellen wirklich gruselig, an einigen Stellen erinnert es an eine Shakespeare-Kommödie, an anderen an eine Barockoper. Ja, wirklich, einige der Verwicklungen in der Geschichte könnten genau so auch in einem Libretto vorkommen. Wer liebt wen? Wer soll wen heiraten? Wer ist der Sohn von wem?

Die Szenerie ist gothic genug, eine Burg mit unterirdischen Gängen, ein Kloster, ein Höhlenlabyrinth in den Bergen. 100 Jahre später hätte ein Autor die Orte weitläufig beschrieben und eine wunderbar bedrohliche Atmosphäre daraus gewebt. Das tut Walpole nur im Ansatz, 1764 hat man noch nicht so erzählt. Der Leser muss schon mithelfen, sich die Szene selbst ausmalen und im Hinterkopf behalten.

1764 – ein Kind der Aufklärung also, mit Wurzeln im Barock und bei Shakespeare, das einen langen Schatten wirft bis zur schwarzen Romantik und darüber hinaus. Das allein ist schon spannend.

Walpole behauptete übrigens bei der Erstveröffentlichung, es sei nur eine Übersetzung und die Geschichte ein italienisches Manuskript aus der Zeit der Kreuzzüge. Das Buch war aber ein solcher Erfolg, dass er sich in der zweiten Auflage als Autor outete.

eBook der deutschen Übersetzung bei Mobileread
eText/eBook des englischen Originals bei Gutenberg.org
Hörbuch des englischen Originals bei LibriVox

Maler Nolten

Was für ein Buch!

Der Maler Nolten von Eduard Mörike ist 1832 als Novelle in zwei Teilen erschienen. Novelle? Eigentlich nicht, eher viele Novellen in einem, mit Gedichten durchsetzt. Zwei der bekanntesten Mörike-Gedichte sind aus dem Maler Nolten: Der Feuerreiter und dieses hier:

Frühling läßt sein blaues Band
Wieder flattern durch die Lüfte,
Süße wohlbekannte Düfte
Streifen ahnungsvoll das Land;
[…]

Ach, und ein Drama ist auch noch dabei.

Theodor Storm schreibt Anfang Oktober 1854 an den 13 Jahre älteren und von ihm sehr verehren Mörike:

„Ich habe das Buch diesen Sommer wieder gelesen, aber wenn Sie mich fragen, was daran zu ändern sei, so muß ich mich in diesem Fall für gänzlich urteilslos erklären. So wie es da ist, ist es seit Jahren für mich eine liebe Tatsache; […] Ändern aber würde ich als Verfasser nichts daran. Es gehört, wie es vorliegt, und überdies hängen wenigstens die von Heyse besprochenen Schwächen so eng mit der Tiefe und eigentümlichen Schönheit des Werkes zusammen, daß mir in der Tat mitunter ist, als hätten Sie es eben um dieser willen geschrieben.“

Als ich dieses Lobeshymne (für den sehr kritischen Storm, geradezu überschwänglich) im Briefwechsel der beiden Dichter las, war klar, dass der Nolten sofort den Platz ganz oben auf dem Stapel zugewiesen bekam.

Mörike (1804-1875) zählt zeitlich zum Biedermeier, idyllisch ist er oft, aber hausbacken und spießig nie. Er wurzelt in der Romantik und besonders im Maler Nolten hatte ich oft das Gefühl, E.T.A. Hoffmann späht hinter einem Busch hervor oder schaut durch’s Fenster herein. Da ist z.B. die seltsame Gestalt, die die Ereignisse um den Maler Nolten überhaupt erst in Gang bringt.

Eines Tages kommt „ein verwahrloster Mensch von schwächlicher Gestalt und kränklichem Aussehen, eine spindeldünne Schneiderfigur“ zu dem arrivierten Maler Tillsen, der allerdings keine rechte Schaffenskraft mehr in sich fühlt, und zeigt ihm einige Entwürfe, die dem Maler die Augen öffnen. Dieses verdächtige Subjekt verschwindet und Tillsen kann ihn nicht ausfindig machen. Die Entwürfe habe es ihm aber so angetan, dass er sie in Öl ausführt. Das Publikum ist begeistert. Später stellt sich heraus, der Geheimnisvolle nennt sich Wispel, ist eigentlich Babier von Beruf und als Diener bei dem jungen unbekannten Maler Theobald Nolten, von dem die Skizzen eigentlich stammen. Tillsen nimmt den jungen Kollegen unter seine Fittiche, gibt ihm ein paar Tipps, führt ihn in die richtigen Kreisen ein und bald ist Theobald gar nicht mehr so unbekannt sondern wird vom Herzog protegiert, erhält Zutritt zum Haus des Grafen von Zarlin, lernt dort die schöne junge Witwe Gräfin Constanze kennen und verliebt sich in sie. Diese Zuneigung wird durchaus erwidert, doch unser Theobald ist zu Hause bereits mit der Tochter seines Ziehvaters, der süßen unschuldigen Agnes verlobt.

Die Entfernung von Agnes hat seine Liebe zu ihr schon merklich abgekühlt, als er Constanze begegnet. Agnes ist zwischenzeitlich auch nicht mehr so ganz von dem Verlobten überzeugt. Auf einem Spaziergang trifft sie die Zigeunerin Elisabeth, die ihr prophezeit, sie werde nicht den Maler sondern ihren Vetter heiraten.

Ach ja, der Vetter. Agnes Papa, Theobalds Pflegevater, ist sich nicht so sicher, dass unser Maler sein Töchterlein auch ordentlich wird versorgen können und hätte gerne ein zweites Eisen im Feuer. Agnes mag den Vetter zwar leiden, unterhält sich gern mit ihm usw. usf., denkt sich aber weiter nichts dabei. Diese unschuldige Zuneigung zum Vetter wird Nolten unter ganz falschen Vorzeichen hinterbracht und gibt seiner abgekühlten Liebe den Todesstoß. Doch wie soll er es Agnes beibringen? Er übergibt die ganze Angelegenheit seinem Freund Larkens. Larkens jedoch ist in dieser Sache ganz anderer Meinung als Nolten. Agnes ist die einzig Richtige für Theobald, glaubt Larkens, der Agnes nur aus den Erzählungen des Malers kennt, und führt mit verstellter Schrift unter Theobalds Namen die Briefkontakt zur nun doch nicht Exverlobten weiter. Die war von der Begegnung mit der Zigeunerin und der Prophezeiung so erschüttert, dass sie von einer heftigen Nervenkrankheit befallen worden war.

Das wäre ja jetzt erst mal genug Material für allerlei Ver- und Entwicklungen, sollte man meinen, aber es kommt noch schlimmer. Larkens spielt der Gräfin Constanze, just als sie und Theobald sich ihre gegenseitige Liebe gestanden haben, die Briefe von Agnes zu. Constanze ist verletzt, empört, tief gekränkt, und sorgt dafür, dass Nolten und Larkens wegen unterstellter Majestätsbeleidigung in einem Schattenspiel (das Drama mittendrin) eingesperrt werden. Nach ihrer Freilassung – zu einem Prozess und Verurteilung kam es dann doch nicht – gesteht Larkens Theobald schließlich die Geschichte mit den gefälschten Briefen und taucht erst mal unter. Und Elisabeth ist, wie sich herausstellt, Theobalds Cousine und ein bisschen wahnsinnig.

Trotzdem wendet sich alles zunächst zum Guten, Theobald kehrt zu Agnes zurück, die Hochzeit wird beschlossen, man reist zusammen nach einer anderen, entfernten Stadt, wo Theobald einen Posten antreten soll. Auf der Reise aber geht alles schief. Theobald trifft Larkens wieder, und der bringt sich um. Theobald gesteht Agnes die Sache mit den Briefen, und die fällt zurück in ihr Nervenleiden, „einen stillen Wahnsinn“. Dann wird alles nur noch schlimmer.

Es ist ein ganz verschwurbelter Haufen von Geschichten in Geschichten, Bildern in Bildern, und über allem Mondschein und Frühlingsduft, ganz viel davon. Und Theobald mitten drin, als Spielball seiner eigenen Vorstellungen und Wünsche, als Opfer seltsamer Verwicklungen aus der Vergangenheit und dem willkürlichen Eingreifen Dritter hilflos ausgeliefert. Er begreift nichts (wie auch!), ist unfähig, sein Leben in die Hand zu nehmen, teils, weil er sich treiben lässt, teils, weil sein Leben sich auch gar nicht in die Hand nehmen lässt. Es wendet sich alle Augenblicke in unvorhersehbare Richtungen.

Diese Geschichten sind unwahrscheinlich, an den Haaren herbeigezogen zum Teil, und doch lassen sie mich nicht mehr los. Die Figuren wirken auf uns heute oft hahnebüchen, man will sich an den Kopf greifen und laut ausrufen: Kein Mensch tut das, kein Mensch fühlt so! Aber man greift nicht und man ruft nicht, den trotz aller hahnebüchenen Verschwurbeltheit sind sie wahr und lebendig, auch oder gerade weil sie so sind. Wir denken nicht mehr, dass Menschen so sind, kein Autor würde heute solche Figuren erdichten, aber in Mörikes Text sind diese Personen und ihre Schicksale gefühlsmäßig glaubhaft. Deshalb lassen sie mich nicht los.

Und auch Mörike hat der Maler Nolten nicht wieder losgelassen. Etwa 10 Jahre nach der Erstveröffentlichung sollte eine zweite Auflage gedruckt werden, doch Mörike wollte das Buch erst  noch einmal überarbeiten. Eine Nachdruck des ursprünglichen Textes hat er strikt untersagt. Mit der Überarbeitung war Mörike dann den Rest seines Lebens beschäftigt und hat doch nur den ersten Teil geschafft. Nach Mörikes Tod hat Julius Klaiber aus dem fertiggestellten ersten Teil und Mörikes Notizen und Entwürfen zum zweiten Teil eine neue Version zusammengesetzt.  Diese Fassung, erster Teil von Mörike, zweiter Teil von Mörike und Klaiber zu unwägbaren Anteilen, gibt es bei Interesse als Scann bei Archive.org.

Der Text, der bis heute immer wieder aufgelegt wird, ist meist die erste Fassung von 1832, von der Mörike nicht gewollt hat, dass sie noch einmal gedruckt wird. Das ist auch der Text, den ich gelesen habe. Falls Ihr den Nolten im Regal habt, und nicht dabei steht, welche Fassung es ist, die Fassung von 1832 beginnt mit diesem Satz: Ein heiterer Juniusnachmittag besonnte die Straßen der Residenzstadt. In der zweiten Fassung heißt es: An einem heiteren Sonntagabend um die Mitte des Mai lustwandelte, ritt oder fuhr die elegante Welt der Residenz in den schattigen Alleen und offenen Gängen des Hofgartens. Welch ein Unterschied schon im ersten Satz! Es wäre interessant, die Unterschiede weiter zu verfolgen. Also auf Wiederlesen, Maler Nolten!

Auf Wiederhören? Es wäre reizvoll, das als Hörbuch bei LibriVox zu machen.  Für mich allein als Solo wäre es allerdings viel zu lang und dann ist da ja noch das Drama mitten drin, der Text der Schattenspiels. Als Gruppenprojekt vielleicht? Mal sehen …

Quellen und Links:
Wikipedia hat eine ausführlicher Zusammenfassung des Inhalts.
Text der 1832er Ausgabe bei Zeno.org
ePub der 1832er Ausgabe bei MobileRead
Scann der 1878er Fassung bei Archive.org