Nebensache: Artaserse von Leonardo Vinci

Hokuspokus geht mal wieder in die Oper, diesmal aber nur mit den Ohren.

Am Samstag, den 10. Mai um 13:00 überträgt der niederländische Radiosender Radio 4 die konzertante Aufführung der Oper Artaserse von Leonardo Vinci. http://www.radio4.nl/

Auf der Seite gibt es einen Livestream.

Diese Opernproduktion ist in so vielerlei Hinsicht etwas besonderes, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll.

Da ist zunächst mal der Komponist Leonardo Vinci, ein Star unter den Barock-Komponisten, der im Alter von 40 Jahren mit vergiftetem Kakao ermordet wurde und daraufhin unverdienterweise in der Versenkung verschwand. Man nennt ihn gerne den italienischen Lully, falls jemand den Film Le roi danse (Der König tanzt) gesehen hat. Im Zuge der Wiederentdeckung der Barockmusik in den letzten Jahrzehnten gab es hier und da mal etwas von ihm zu hören, aber er blieb auch für Barock-Liebhaber eher ein Geheimtipp. Bis sich 2012 die Produktionsfirma Parnassus Arts Production der Oper Artaserse annahm und damit einen Sensationserfolg landete. Die CD Einspielung wurde mit zig Musikpreisen überhäuft, und das keinesfalls nur, weil der Countertenor Superstar Philippe Jaroussky die Titelpartie sang. Auch der Rest der Besetzungsliste liest sich wie das Who-is-who der Countertenor Szene.

Die Oper wurde in Rom 1730 uraufgeführt, wo damals Frauen auf der Bühne verboten waren. Alle Rollen wurden von Männer gesungen, die hohen Partien von Kastraten. Und so hat man für diese neuzeitliche Produktion auch alle Partien mit Männern besetzt, die hohen Partien eben (und zum Glück) mit Countertenören, fünf an der Zahl, und einem Tenor. Das hat so noch niemand vorher gemacht. Die berichtenden Journalisten nennen das gerne exotisch, aber mich beschleicht der verdacht, dass das Publikum das gar nicht so sehr exotisch fand. Ich fand es einfach nur toll, und das, obwohl Artaserse meine erste Begegnung mit einer kompletten Oper war, wenn auch leider leider nicht live sondern nur auf YouTube. Ich hatte damals gerade angefangen, mich für Barockmusik zu interessieren, als ich auf den Mitschnitt der szenischen Aufführung der Produktion stieß und was soll ich sagen, seit dem bin ich ein Fan. Die CD steht hier im Regal und die DVD mit der Inszenierung, die inzwischen erschienen ist, wird wohl bald daneben stehen. Vorher aber freue ich mich auf die konzertante Aufführung am Samstag. Die Besetzung ist fast die selbe wie auf der CD. (Apropos Journalisten: Erstaunlich, wie oft sich bei den Berichten und Interviews ein da in den Namen des Komponisten einschleicht, dass da gar nicht hingehört.)

Worum geht es? Das ganze spielt in Persien am Hof von König Serse, der gleich zu Beginn off scene ermordet wird, weil es den Bösewicht Artabano (Daniel Behle) nach dem Thron gelüstet und weil Serse es gar nicht gerne sah, das Arbace (Franco Fagioli), der Sohn des Artabano, Serses Tochter Mandane (Max Emanuel Cencic) den Hof macht. Mit Serses Tod ist das Ziel jedoch noch nicht erreicht, denn es gibt da noch zwei Söhne. Geschickt lenkt der fiese Artabano den Verdacht auf den einen, der darauf prompt von dem anderen, Artaserse (Vince Yi), zum Tode verurteilt wird. Doch bald schon kommt heraus, dass man da wohl den falschen erwischt hat und Artaserse, der junge König hat auch im weiteren Verlauf der Handlung kein gutes Händchen mit seinen Entscheidungen. Als nächstes fällt der Verdacht auf Arbace. Er wird eingekerkert. Doch Artaserse kann sich nicht dazu überwinden, ihn abzuurteilen, denn Arbace ist sein Freund und der fatale Schnellschuss gegen seinen Bruder steckt ihm ja auch noch in den Knochen. Ausgerechnet Artabano setzt er als Richter über Arbace ein. Der verzweifelt im Kerker vor sich hin, denn außer seine Unschuld zu beteuern, was ihm keiner glaubt, vor allem seine angebetet Mandane nicht, kann er weiter nichts tun. Er kennt zwar den wahren Schurken, aber das ist ja sein eigener Vater, den er unmöglich ans Messer liefern kann.

Verwickelte Geschichte, aber für eine Barockoper noch lange nicht verwickelt genug. Da gibt es noch die holde Semira (Valer Sabadus), in die Artaserse verliebt ist und die ist – ja, genau, die Tochter von Bösewicht Artabano. Kann aus den beiden was werden, wo doch ihr Bruder den König ermordet haben soll? Wenn es nach Artabano geht, auf keinen Fall, den der will Semira an seinen Handlanger Megabise (Yuriy Mynenko) verschachern. In dieser verfahrenen Situation fasst sich der junge König Artaserse ein Herz, verhilft seinem Freund Arbace zur Flucht aus dem Kerker und überredet ihn, sich in Sicherheit zu bringen. Artabano plant inzwischen, den König bei der Krönungszeremonie mittels vergiftetem Wein aus dem Weg zu schaffen. Im letzten Moment wird das von Arbace verhindert, der lieber den vergifteten Kelch selbst leeren will, als zuzulassen, dass sein Vater einen weiteren Mord begeht. Das bewegt das verstockte Herz des Schurken so sehr, dass er seine Untaten gesteht. Und Artaserse hat seinen ersten königlichen Moment in der ganzen Oper, als er ganz in der barocken Tradition den Bösewicht nicht zum Tode sondern nur zur Verbannung verurteilt. Artaserse und Semira kriegen sich, Arbace und Mandane kriegen sich und Happy End! Ich liebe das – egal, wie an den Haaren herbeigezogen, es geht (fast) immer gut aus in der Barockoper.

Das Libretto ist von Operndichter-Superstar Metastasio und wurde nach Vinci noch von Hasse, Gluck, Johann Christian Bach und einigen weiteren vertont.

Das also kann man am Samstag hören und ich bin sicher, dass es (toitoitoi) fantastisch werden wird, denn ich kenne es ja schon in zwei Versionen. Trotzdem finde ich es wahnsinnig interessant, auch diese Übertragung zu hören. Erstens ist live, wenn auch nur über’s Radio, immer etwas besonderes und immer ein kleines bisschen anders als vor einem Jahr oder ganz und gar auf CD, dann habe ich von Vince Yi noch kaum etwas gehört und bin sehr gespannt, wie er den Artaserse singen wird, den ich ja bis jetzt nur von Jaroussky kenne. Daniel Behle hatte ich schon mit großer Freude in Frankfurt wirklich live gehört und freue mich auf ein Wiederhören. Valer Sabadus hat eine ganz besonders hübsche Stimme und die Arien der Semira sind die hübschsten der Oper, wie ich finde. Das passt ausgezeichnet. Franco Fagioli fand ich, ich muss es gestehen, ganz schrecklich, als ich ihn das erste mal hörte. Inzwischen hat sich mein Geschmack weiterentwickelt und ich bin ganz hingerissen von seinem geradezu akrobatischen Gesang. Ich finde aber immer noch, dass er besser klingt, wenn man ihn nicht sieht dabei. Und schließlich kriege ich von Max Emanuel Cencic einfach nicht genug. Seine Stimme geht bei mir einfach ohne Umweg vom Ohr direkt in Herz – Gänsehaut – bekennender Fan. Und gerade diese gebrochenen Figuren, wie die Mandane, der die Liebe zu dem vermeintlichen Mörder ihres Vaters schier das Herz zerreißt, kann er ganz besonders gut.

Es spielt Concerto Köln unter der Leitung von Diego Fasolis (glaube ich wenigstes, denn auf der CD ist es so).

Eine Kostprobe gefällig? Bitte sehr: https://www.youtube.com/watch?v=svLFzbjjpQw

Disclaimer: Nach wie vor habe ich eigentlich keine Ahnung von Musik.

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