Theodor Storm: Ein Doppelgänger

Der Doppelgänger stand schon einige Zeit auf meiner Lesen-will-Liste. Dank dieses gelungenen Beitrags von Buchwolf kommt er ungelesen auf die Vorlesen-will-Liste.

buchwolf

Wolfgang Krisai: Haus im Waldviertel. Aquarell. 1987.

Theodor Storms Erzählung „Ein Doppelgänger“ schlägt den Leser sofort in ihren Bann. Mit geschickten Mitteln wird Spannung aufgebaut. Der Ich-Erzähler, ein junger Mann aus Norddeutschland, der eine Reise in den Süden des Landes getan hat, lernt im Wirtshaus einen freundlichen Oberförster kennen, der ein seltsames Interesse an ihm entwickelt. Die beiden vertiefen sich in eine angeregtes Gespräch, und schließlich bittet der Förster den jungen Mann, doch auf ein paar Tage bei ihm zu Gast sein zu wollen. (Selige Zeiten, wo einem dies auf Reisen passieren konnte.) Der Mann willigt ein und begibt sich am nächsten Tag zu Fuß in die Försterei. Nicht ohne sich zuvor beim Wirt nach dem Förster erkundigt zu haben. Von diesem erfährt er, dass der Oberförster wohl deshalb Interesse gezeigt habe, weil der Gast und die Frau des Försters vermutlich aus derselben Stadt kämen.

Der Erzähler kann sich beim besten Willen nicht an eine Dame des…

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Abenteuer und Magie

55 Novellen von Karl Federn (1868-1943)

Dieser Titel muss Hokuspokus natürlich neugierig machen, also habe ich mich gleich darauf gestürzt, als ich die beiden Bände neulich bei Gutenberg DE fand – und war ein bisschen enttäuscht, als es nicht so wirklich abenteuerlich oder fantastisch wurde.

Bis jetzt habe ich nur ein paar der Novellen gelesen, und wundere mich, warum Federn heute so unbekannt ist. Nein, eigentlich wundere ich mich nicht. Was Themen und Ausführung angeht, erinnern die Novellen an Maupassant und Schnitzler, das ist es wohl. Sie sind nicht ganz originell genug, um 100 Jahre überdauern zu können, obwohl sie tatsächlich heute noch aufgelegt werden und über den Buchhandel zu beziehen sind.

Da ist die Geschichte vom Pfau von Irville, wo der Freiheitsdrang besagten Vogels eine Familientragödie heraufbeschwört. Oder die Geschichte eines italienischstämmigen k & k Offiziers, der in einen unlösbaren Gewissenskonflikt gerät. Oder die Geschichte von den schrecklichen Folgen eines vermiedenen Duells.

Die 55 Novellen der Ausgabe von 1926 scheinen schon 1912/13 zusammen mit anderen unter dem Titel Hundert Novellen erschienen zu sein. Der reißerische Titel der 1926er Ausgabe ist irreführend, was schade ist, denn mit diesem Etikett  kommen die Novellen schwerer an die richtigen Leser. Wer Maupassant und Schnitzler mag und ein Freund der kurzen Form ist, liegt mit Federn nicht ganz falsch. Ich bin jedenfalls gar nicht mehr enttäuscht, sonder freue mich über meinen Fund. Viel zu Schade, um vergessen zu werden. Darum gibt’s das ganze jetzt auch als eBook bei Mobileread.

eBook bei MobleRead

 

 

Frisch geschlüpft: Irrungen, Wirrungen

von Theodor Fontane (1819-1898), gelesen von Hans Hafen

Die Geschichte spielt im Berlin der 1870er Jahre. Die hübsche und pflichtbewusste Lene wohnt mit ihrer alten Pflegemutter Nimptsch in einem kleinen Häuschen. Bei einer Bootspartie lernt sie den gesellschaftlich gewandten und unterhaltsamen Baron Botho von Rienäcker kennen. Im Laufe des Sommers kommen sich die beiden näher. Doch der große Standesunterschied erweist sich als Hindernis für ihre Liebe.

Wikipedia schreibt:

Der Roman erschien im Jahre 1887 zunächst in der Vossischen Zeitung und stieß bei den Lesern fast durchgängig auf Kritik, ja heftige Ablehnung. Selbst einer der Mitinhaber der Vossischen Zeitung äußerte der Schriftleitung gegenüber: „Wird denn die gräßliche Hurengeschichte nicht bald aufhören?“

Heute ist nur noch schwer nachvollziehbar, dass das Liebesverhältnis zwischen Lene und Botho als zu freizügig angesehen wurde. Auf Ablehnung stieß nicht nur, dass der Roman eine Beziehung zeigt, die keine Standesschranken respektiert. Als problematisch empfunden wurde vor allem, dass Fontane die Frau aus niederem Stand nicht nur als gleichwertig, sondern in mancher Hinsicht sogar als moralisch überlegen darstellt.

Hörbuch Download bei LibriVox

 

Priester und Detektiv

(rebloggt, sozusagen)

von Peter Panter (Kurt Tucholsky) in Die Weltbühne, 10.06.1920

Der lustige Fall, daß einer einen kleinen Religionstraktat schreibt und Detektivgeschichten und nachdenklich-unterhaltsame Betrachtungen über den europäischen Gesellschaftskörper, und das alles in einem hin –: dieser Fall ist wirklich eingetreten. Wer anders kann das getan haben als unser guter dicker alter Chesterton? Habt ihr einmal ein Bild von ihm gesehen? Ihr solltet das nicht versäumen. (Dick sein ist keine physiologische Eigenschaft – das ist eine Weltanschauung.) Der Dicke also, dem der Krieg viel von seiner schönen antiken Ruhe raubte, also daß es geschah, daß er statt guter Erkenntnisse mit giftigen Invektiven aufwartete – im Gegensatz zu Wells, im Gegensatz zu Shaw, die beide mehr nachgedacht hatten – der Dicke also hat vor Jahren ein Buch vom Vater Brown geschrieben, das nun übersetzt vorliegt. (›Priester und Detektiv‹, bei Friedrich Pustet zu Regensburg und Köln, 1920.)

In den Geschichten geht es so her: ein ganz verwickelter und böser Kriminalfall harrt seiner Lösung – niemand weiß aus noch ein. Da kommt ganz zufällig, gerufen oder ungerufen, der bescheidene, unauffällige und kleine Vater Brown dazu, ein Priester, ein Sohn der katholischen Kirche, kommt, sieht, schweigt und siegt. Dieser Sherlock Holmes ist katholisch – ich hätte nie geglaubt, daß Sellerie und Spargel nebeneinander möglich wären. Es schmeckt. Es schmeckt sogar sehr gut.

Spaßig und neu ist an den Geschichten natürlich nicht die Fabel. Das kennen wir nun bis zur Übermüdung, und jeder einigermaßen gewandte Groschenjournalist in Deutschland und auf der ganzen Welt dürfte wohl nachgrade fähig sein, dergleichen zu erfinden. Spaßig ist das Beiwerk (wie fast immer in dieser Art Geschichten). Spaßig ist der unnachahmliche Chestertonsche Humor. »Glauben Sie nicht«, sagt einer, »daß es Sünde ist, Fünfpfennig-Brötchen zu essen? Man sollte sie wachsen lassen, bis sie Zehnpfennig-Brötchen geworden sind . . . « Spaßig sind die kleinen, scheinbar unabsichtlich eingestreuten Privatkollegs über Soziologie und das bürgerliche Leben. Als ob ich den berliner Westen vor mir sehe, den berliner Westen, wie er mit seinen Dienstboten umgeht, so ist mir, wenn ich das da lese: Es ist die Rede davon, daß in ein sehr vornehmes Diner ein Kellner hereinplatzt, offenbar mit irgendeiner Schreckensnachricht. »Der Kellner stand und starrte einige Sekunden, während auf jedem Gesicht am Tisch eine eigentümliche Scham zutage trat, durchaus ein Erzeugnis unsrer Zeit. Es ist die Vermischung des modernen Menschlichkeitsdusels mit dem schrecklichen modernen Abgrunde zwischen den Seelen der Reichen und der Armen. Ein echter historischer Aristokrat würde dem Kellner alles Mögliche an den Kopf geworfen haben, anfangend mit leeren Flaschen und aufhörend wahrscheinlich mit Bargeld. Ein echter Demokrat würde mit kameradschaftlicher Gradheit in der Stimme gefragt haben, was zum Teufel er denn habe. Aber diese modernen Plutokraten konnten einen armen Mann nicht in ihrer Nähe vertragen, weder als Sklaven noch als Freund. Brutal wollten sie nicht sein, und wohlwollend sein zu wollen, davor schreckten sie zurück.« Warum wohl nicht? Ist es das Gefühl einer Schuld . . . ? Und wie famos, wenn manchmal in zwei Sätzen so ein Wurfgeschoß daherflitzt: »Ich finde, daß Leute, die Diamanten stehlen, nicht von Sozialismus reden. Sie sind eher von jener Art, die ihn ablehnen.«

Von Berlin nach Hannover – und wenn ihr einen Sitzplatz bekommt und dieses Buch und wenn euch keine dicke Frau ihr Kind so lange zu halten gibt (ihr seid sicherlich Intellektuelle, also fahrt ihr Dritter) – für so eine Eisenbahnfahrt ist dieser Chesterton grade recht. Man kann ihn aber auch auf dem festen Lande lesen.

Und sollte dann nicht versäumen, die andern, ernsten Werke von ihm zu studieren: ›Häretiker‹ und ›Orthodoxie‹. Und das lustige: ›Der Mann, der Donnerstag war‹.

Hörbuch Priester und Detektiv bei LibriVox

Chesterton bei LibriVox

eBook Priester und Detektiv bei MobileRead

eBook Ein Pfeil vom Himmel bei MobilRead

 

Nebensache: Oper für die Ohren

World Concert Hall – live Musik aus der ganzen Welt

Immer diese Entscheidungen! Almira von Händel in Hamburg, Monteverdis Madrigalen in Prag oder Leucippo von Hasse in Schwetzingen. All das könnte ich morgen erhören.

Nicht, dass plötzliche der Reichtum bei mir ausgebrochen wäre und ich mal eben nach Hamburg oder Prag jetten könnte, das leider nicht. Aber mit den Ohren kann ich hin, und dass noch ganz umsonst*. Die Konzerte oder Aufführungen werden im Radio übertragen und via Internet gestreamt. Das ist sooo coool!

Mein virtueller Audioreisekatalog ist dabei http://www.worldconcerthall.com/ Unter Schedule gibt es das Programm der nächsten 7 Tage mit einem direkten Link zum Stream, sobald die Übertragung anfängt. Das Programm erstreckt sich über den gesamten Bereich der Klassik im weitesten Sinne, Renaissance und Frühbarock, meine geliebte Barockoper, Mozart, Beethoven, Verdi, Puccini bis hin zu Welturaufführungen moderner Komponisten, was das Herz begehrt, von überall auf der Welt.

Und was höre ich jetzt morgen? Hm, wahrscheinlich Leucippo in Schwetzingen. Hasse lerne ich gerade erst kennen und Concerto Köln ist ein ausgezeichnetes Barock Ensemble. Außerdem habe ich Vasily Khoroshev, der den Leucippo singt, letztes Jahr live erlebt und er hat mir gut gefallen. Nach dem, was die Badische Zeitung schreibt, hätte mir die Inszenierung wohl nicht gefallen, aber es ist ja (zum Glück) diesmal nur Oper für die Ohren.

* Na ja, nicht ganz umsonst, aber das sind mal gut angelegte Rundfunkgebühren.

Frisch geschlüpft: Nocturno

von Kurt Kluge (1886-1940)

gelesen von Hokuspokus

Der Ich-Erzähler, mutmaßlich Schriftsteller, verbringt wegen eines Schneesturms eine Nacht im Gasthof zu Hildburghausen. Angeregt durch zwei Portraits in seinem Zimmer und durch die Lektüre eines alten Beitrags in der Zeitschrift Die Gartenlaube imaginiert er die Ereignissen um die sogenannte Dunkelgräfin, die einige Wochen in diesem Gasthof gewohnt hat und nun schon lange auf der anderen Seite des Tals in ihrem geheimnisvollen Grab ruht. Sein Wirt glaubt fest, die Unbekannte war Marie Thérèse Charlotte, die Tochter von König Ludwig XVI. und Marie Antoinette. Doch alles ist ungewiss.

Download bei Legamus

Die Dunkelgräfin hat mich in ihren Klauen, oder eher in ihren schmalen weißen Händchen, aber los lässt sie mich trotzdem nicht. Die Novelle von Kurt Kluge habe ich gleich gelesen, nach dem ich sie verebookt hatte und war ganz entzückt davon. Wie in einer Schneekugel präsentiert uns Kluge, was damals geschehen sein könnte, Szene um Szene zieht im wirren Flockengestöber des Schneesturms aus der Rahmenhandlung an unserem Blick vorbei. Das musste ich unbedingt aufnehmen! Für unvorbereitete Hörer/Leser ist die Handlung vielleicht zu sprunghaft und zerrissen, aber wenn man den Hintergrund der Geschichte auch nur ein bisschen kennt, ist Kluges Umsetzung sehr gelungen. Die wenigen sichere Fakten schwirren ja tatsächlich durcheinander wie die Flocken in einer Schneekugel und immer noch ist alles ungewiss.

Brieffreundschaft

Es lebte einst ein Jurist mit großer Familie in Hussum und wechselte Briefe mit einem Junggesellen in Zürich, der einmal Maler hatten werden wollen, 10 Jahre lang. Die beiden lernten sich nie persönlich kennen und hatten abgesehen von zwei oder drei Freunden nur eines gemeinsam – beide zählten zu den bedeutendsten Schriftstellern des bürgerlichen Realismus im deutschsprachigen Raum. Theodor Storm und Gottfried Keller.

Den Briefwechsel der beiden, herausgegeben von Albert Köster 1904, gibt es als Scann bei Archive.org

Ich habe sie gelesen, nicht in einem aber in zwei Zügen, 220 Seiten Fraktur Scann, mit großem Vergnügen. Dabei mag ich Keller gar nicht mal besonders. Er ist mir zu realistisch und zu bürgerlich. Probehörenderweise habe ich einige seiner Werke kennengelernt, er erfreut sich bei LibriVox großer Beliebtheit, aber er ist mir nie ans Herz gewachsen. Ganz anders Storm, sein Schimmelreiter war die einzige Schullektüre, die mich wirklich angesprochen hat (und ich habe alle pflichtschuldigst und teilweise auch mit Interesse gelesen, bis auf die Buddenbrooks). Storm war für mich ein Liebe auf den ersten Blick und er ist es bis heute geblieben. Der Schimmelreiter war das erste, was ich für LibriVox aufnehmen wollte, aber da ist mir Felix zuvorgekommen. Dann liebäugelte ich mit Pole Poppenspäler und Aquis submersus, aber während ich noch liebäugelte, hat Christian sie aufgenommen.

Storm ist bürgerlich und realistisch, ebenso wie Keller, aber er ist mehr. Storm ist sehr emotional, die Gefühle in seinen Texten sind wahr und tief und ehrlich. Sein Werk, Lyrik wie Prosa, ist von einer tiefen Melancholie, die mir nicht fremd ist. Es will mir scheine, dass Storm sich traute, auf die Gefühle zu sehen, sich ihnen auszusetzen und Worte für sie zu finden, wo es vielen anderen Autoren genug war, sie von fern zu ahnen und anzudeuten. Und er hat einen Hang zur Spökenkiekerei. In vielen seiner Werke gibt es einen leisen Zug ins Unheimliche, einen Hauch des Übernatürlichen, was mir natürlich besonders gut gefällt. In seinen Märchen kommt das besonders zur Geltung und die hatte ich bei LibriVox zu meiner großen Freude fast ganz für mich allein.

Aber zurück zu den Briefen. Storm eröffnet den Briefwechseln als er selbst 60 und Keller 58 Jahre alt war, beide schon bekannte und gefeierte Schriftsteller auf der Höhe ihres Ruhm. Jeder kannte und schätzte die Werke des anderen und als zusätzlichen Anknüpfungspunkt gab es die gemeinsamen Freunde Wilhelm Petersen und Paul Heyse. Er schickt Keller seine gerade erschienene Novelle Aquis submersus, spart nicht mit Lob für den Kollegen, kann es sich aber doch am Schluss des Briefes nicht verkneifen, auch eine kleine Kritik anzubringen. Das ist typisch für Storm. Schon in seinem Briefwechsel mit dem sehr viel älteren Mörike hält er mit seiner Meinung nicht hinterm Berg. Er ist da sehr direkt. Überhaupt scheint Storm als Mensch sehr offen und an anderen Menschen sehr interessiert gewesen zu sein. Dem Brieffreund Keller schreibt er regelmäßiger und öfter, Keller lässt zwischendurch immer wieder lange nichts von sich hören und seine Briefe geben von ein paar Episoden abgesehen nicht viel Einblick in sein tägliches Leben. Storm dagegen erzählt von der Familie, den Kindern, den Freunden, die zu Besuch kommen, er erwähnt Reisen, die er unternommen hat und immer wieder lädt er den Brieffreund zu sich ein oder spricht von einem Treffen in Berlin, das aber nie zustande kommt. Keller hatte wohl kein großes Interesse daran. Er weicht den Einladungen zunächst aus und später antwortet er gar nicht mehr darauf. Keller scheint nicht gerne Briefe geschrieben zu haben. Ein oder zwei mal erwähnt er, wie sehr er mit seiner ganzen Korrespondenz hinterherhinkt.

Storm ist ganz offensichtlich derjenige, dem die Brieffreundschaft mehr am Herzen liegt, Interesse aneinander hatten wohl beide. Bei Storm paart sich dass mit einer großen Lust am Briefe schreiben und auch einer gewissen Disziplin. Fast jedes Jahr kurz vor Weihnachten schreibt er dem Freund, egal ob er gerade „dran“ ist oder nicht. Bei Keller hält sich das Interesse für den Kollegen die Waage mit einem Gefühl der Lästigkeit, will mir scheinen, und auch einer gewissen Resignation angesichts der Tatsache, dass Storm in diesen Jahren weiter schafft, während sich Keller das Wenige, das er schreibt, mühsam abringen muss, und dabei fühlt, dass es nicht so gut ist wie seine früheren Werke.

Immer wieder kann man den beiden Autoren bei ihrer Arbeit über die Schulter schauen, das ist sehr spannend. Auch interessant, was sie über andere Kollegen gedacht haben. Nebenbei erfährt man einiges über das damalige Verlagswesen und auch das Urheberrecht und Raubkopien spielen eine Rolle.

Seinen vorletzten Brief muss Storm diktieren, wegen schwerer Krankheit „deren Weg mich mehrmals an den schwarzen Seen vorbeiführte“. Keller antwortet nicht. Ein Jahr später schreibt Storm erneut den Weihnachtsbrief, in dem er erzählt, dass es ihm wieder besser geht. Keller antwortet nicht. Ein halbes Jahr später stirbt Storm an Magenkrebs.

Bei Archive.org gibt es noch den Briefwechsel mit Mörike und den Briefwechsel mit Heyse. Die werde ich in nächster Zeit auch lesen und freue mich schon sehr darauf. Mit Storm hätte ich gerne einmal eine Tasse Tee getrunken. Sehr gerne würde ich solche Briefe bekommen, wie er sie schrieb, und würde auch gerne solche Briefe schreiben können.

Theodor Storm und Gottfried Keller bei LibriVox

Das ist mein liebstes Gedicht: Weiße Rosen – Klicken zum Anhören.

Bei Wikimedia Commons fand ich noch das:

Theodor Woldsen Storm […] studied and practiced law in Schleswig-Holstein and – emigrated under Danish rule – in Thuringia. He also wrote a number of stories, poems and novellas.

Na ja.

Die Dunkelgräfin oder Das geheimnißvolle Grab

Für LibriVox bin ich ja immer mal wieder auf der Suche nach interessanten Texten. Vor einiger Zeit schon stieß ich dabei in der Gartenlaube auf einen Bericht mit einem interessanten Bild und der vielversprechenden Überschrift Das geheimnißvolle Grab. Ziemlich lang, also ab damit in die Lesezeichen.

Gestern Abend nun kramte ich das Lesezeichen heraus und begann zu lesen. Zunächst schien es eine recht belanglose Reportage über ein unbekanntes Paar zu sein, das 1807 in dem kleinen thüringischen Städtchen Hildburghausen wohnte. Doch die Begleitumstände dieses Wohnens wurden zunehmend geheimnisvoller und nachgerade bizarr. Die Leute am Ort nannten die beiden bald schon Graf und Gräfin, weil sie so sichtbar vornehm waren. Die Gräfin wurde fast ausschließlich tief verschleiert gesehen, um den Garten wurde ein hoher Bretterzaun gezogen, der Graf stand in regem Briefverkehr mit den Pfarrer, bis zu 10 Briefe täglich per Bote, doch er hat nie auch nur ein einziges Wort persönlich mit ihm gewechselt. Die Köchin war vertraglich verpflichtet, das Haus nicht zu verlassen (und sie hat sich beinahe 30 Jahre daran gehalten). Der Graf verweigerte dem sterbenden Diener den Beistand sowohl eines Arztes als auch eines Priesters. Das Grab aus dem Titel des Gartenlauben-Artikels ist das Grab der sog. Gräfin und noch 30 Jahre nach dem Geschehen konnte die Reportage keinen Aufschluss über die Identität der beiden geben.

Nun, dachte ich, wenn es in Hildburghausen wirklich solch ein geheimnisvolles Grab gibt, weiß man heute sicher mehr darüber, Wikipedia wird’s wissen. Wikipedia weiß von dem Grab, das ja, aber bis heute weiß niemand, wer die geheimnisvolle Gräfin und ihr Begleiter waren.

Dafür gibt es viele Spekulationen. Dass es sich um Marie Thérèse Charlotte, die Tochter des hingerichteten französischen Königs Ludwig XVI. und seiner Frau Marie Antoinette, gehandelt haben könnte, lässt schon Friedrich Hofmann, der Autor der Gartenlaube Reportage, durchblicken. Das ist bis heute die meist diskutierte Variante.

Auch literarisch wird spekuliert, unter anderem von Ludwig Bechstein, der sich in seinem Roman Der Dunkelgraf (1854) hauptsächlich mit dem geheimnisvollen Herrn beschäftigt. Von Bechsteins Roman hat die Unbekannte von Hildburghausen auch den Beinamen Dunkelgräfin.

Albert Emil Brachvogel spekuliert in Das Rätsel von Hildburghausen (1872) auch in Richtung Bourbonen-Prinzessin, eben so Kurt Kluge in seiner Erzählung Nocturno (1939)

Über die Bourbonen-Theorie hat der Interessenkreis Madame Royale viel interessantes Material zusammengetragen, darunter eine Literaturliste mit weiteren Titeln.

In einem sehr viel späterer Artikel für die Gartenlaube von 1886 nennt Friedrich Hofmann weitere Untersuchungen zu dem Thema und stützt sich hauptsächlich auf die Veröffentlichung Der Dunkelgraf von Eishausen. Erinnerungsblätter aus dem Leben eines Diplomaten, von R. A. Human, Bd. I (1883) und II (1886). Human muss direkten Zugang zum Nachlass des Grafen gehabt haben, Briefe gelesen und Dokumente eingesehen haben, und auch er kommt dem Geheimnis nicht auf die Spur und kann nur Theorien aufstellen. Dieses Buch habe ich noch nicht ausgraben können, aber ich arbeite weiter daran.

Das ist alles so unglaublich spannend, dass ich kurzerhand aus den Gartenlaube Artikeln von Hofmann ein epub gemacht und bei MobileRead eingestellt habe. Link siehe unten.

Die größte Überraschung aber war, dass sich eben jetzt der mdr der Sache annimmt. In einer Dokumentation ähnlich der zu Schillers Schädel will der Sender die Frage klären, ob es sich bei der Person im geheimnisvollen Grab tatsächlich um Marie Thérèse Charlotte, Madame Royal handelt. Letzten Herbst wurde das Grab geöffnet, Proben zur DNA Analyse wurden entnommen, seit März wird am Originalschauplatz an den Spielszenen gedreht. Ergebnisse sind noch nicht veröffentlicht, ein Sendetermin steht auch noch nicht fest, die Doku soll aber wohl dieses Jahr noch ausgestrahlt werden. Ich bin sehr gespannt.

Der Fortschritt dieses Jahrhunderts hat so Vieles gewirkt, er hat auch Archive an das Tageslicht gezogen, die früher dem Forscher hermetisch verschlossen waren – nur über dieses Geheimniß ergoß er kein Licht. Man hat, mit menschlicher Gefühlsweise, geglaubt, in den vielen Räumen des Eishäuser Schlosses könne doch wohl irgend Etwas sich verborgen finden, das zur Enthüllung der peinigenden Dunkelheit des hier vollendeten Schicksals einen Fingerzeig biete – auch das war vergeblich. Das Schloß ist niedergerissen und beim Einlegen der Dächer und Wände, beim Aufreißen der Böden und Keller auf das Eifrigste durchsucht worden – aber das Haus blieb stumm. Nichts ist von den Geheimnißvollen noch sichtbar, als ihre Gräber. Aber – diese Steine reden noch, sie reden noch heute mit aller Macht und allem Zauber des Geheimnisses.

[…] Zu beklagen wäre es, wenn die Hülle von einer offenbaren Unthat ungehoben bliebe. Ist das arme Wesen um sein Leben betrogen worden, hat es abgeschlossen von der menschlichen Gesellschaft sterben müssen und liegt nun so einsam auf dem Stadtberg von Hildburghausen begraben, was wäre dann gerechter, als daß ihm wenigstens das Andenken der Nachwelt gerettet und das an ihm begangene Verbrechen von der Geschichte gerichtet würde! –

Friedrich Hofmann, Noch heute das „geheimnißvolle Grab“. Die Gartenlaube 1886

Ich bin gerade schrecklich dankbar. Vor 20 Jahren hätte ich all das nicht an einem Nachmittag herausfinden, recherchieren und zusammentragen können, ohne auch nur das Haus zu verlassen.

Downloads, Links und Quellen

eBooks bei MobileRead
Ludwig Bechstein: Der Dunkelgraf http://www.mobileread.com/forums/showthread.php?t=63232
Friedrich Hofmann: Ein geheimnißvolles Grab und andere Beiträge aus Die Gartenlaube http://www.mobileread.com/forums/showthread.php?t=239488
Kurt Kluge: Nocturno http://www.mobileread.com/forums/showthread.php?p=2831350#post2831350

Wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Dunkelgr%C3%A4fin
Die Dunkelgräfin bei Wikisource: http://de.wikisource.org/wiki/Dunkelgr%C3%A4fin
Interessenkreis „Madame Royal“ http://www.madame-royale.de/

Texte bei Gutenberg DE
Ludwig Bechstein: Der Dunkelgraf http://gutenberg.spiegel.de/buch/622/1
Friedrich von Bülau: Die Geheimnisvollen im Schlosse zu Eishausen http://gutenberg.spiegel.de/buch/6188/1
Kurt Kluge: Nocturno http://gutenberg.spiegel.de/buch/7777/1
Alber Emil Brachvogel: Das Räthsel von Hildburghausen Bd. 1 http://reader.digitale-sammlungen.de/resolve/display/bsb11015719.html (Band 2-4 ebenfalls dort)

Videoclips zur Doku in der ARD Mediathek http://www.ardmediathek.de/mdr-fernsehen/geschichte-mitteldeutschlands/das-geheimnis-der-dunkelgraefin?documentId=18083740
Artikel in der FAZ zu Graböffnung und Fernsehdoku http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/dokumentation-dunkelgraefin-ein-leichenschauermaerchen-12589875.html

Frisch geschlüpft: Bobbie oder die Liebe eines Knaben

Hugo Bettauer (1872-1925), gelesen von Julia Niedermaier

Bobbie (13) und Gertie (11) haben völlig unterschiedliche soziale Hintergründe und sind dennoch die besten Freunde. Und wenn es nach ihnen geht, werden sie irgendwann auch heiraten. Als Gertie eines Tages plötzlich spurlos veschwindet, werden alle Hebel in Bewegung gesetzt um sie zu finden. Doch die Polizei scheint ratlos und man nimmt das Schlimmste an, denn »Wenn man ruhig über den Fall nachdenkt, so kann man kaum noch Hoffnung haben. Das Mädchen ist jetzt seit vierundzwanzig oder mehr Stunden in der Gewalt eines Menschen. Entweder sie weilt nicht mehr unter den Lebenden oder – aber das ist nicht auszudenken! Vielleicht ist es besser, wenn sie tot ist, als wenn sie noch lebt! Denn das ist doch klar, zum Zeitvertrieb wurde sie nicht geraubt. Schreckliches muß dem armen Kinde widerfahren sein!«

Doch Bobbie ist davon überzeugt, dass er – und nur er – seine Gertie finden kann und begibt sich auf die Suche. Doch wo ist Gertie? Wer hat sie entführt? Und wird Bobbie sie rechtzeitig finden?
(Zusammenfassung von Julia Niedermaier)

Hörbuch Download bei Legamus

Apropos Bettauer, Die Freudlose Gasse, zu hören ebenfalls bei Legamus!, wurde zu Stummfilmzeiten mit Greta Garbo und Asta Nielsen verfilmt. Bei Archive.org gibt es eine gekürzte Fassung davon.

https://archive.org/details/TheJoylessStreet1926

Frisch geschlüpft: Die Lady Makbeth des Mzensker Landkreises

von Nikolai LESKOW (1831 – 1895), übersetzt von Alexander ELIASBERG (1878 – 1924), gelesen von Friedrich

Katerina Lwowna, eine junge Frau aus armen Verhältnissen, geht eine Vernunftehe mit dem über 25 Jahre älteren Kaufmann Ismajlow ein. Ihr neues Leben in der russischen Provinz verläuft voller Langweile, ohne Freude, ohne Liebe und ohne Kinder. Sie nutzt die erste Gelegenheit, sich einen Geliebten zuzulegen, den jungen hübschen Hilfsarbeiter Sergeij. Die Beziehung wird von ihr mit solcher Leidenschaft geführt, dass sie skrupellos und mit viel krimineller Energie alle sich ihr in den Weg stellenden Hindernisse beseitigt. Als Sergeijs Leidenschaft verebbt und er noch dazu Katerina öffentlich verhöhnt, strebt die Handlung rasant einem furchtbaren Ende zu. (Zusammenfassung von Friedrich)

Hörbuch-Download bei LibriVox