Eisenbahn

Heutzutage kann man sich ja über die Eisenbahn eher ärgern als sich von ihr faszinieren lassen, aber es gab mal Zeiten, da wollte jeder zweite Junge Lokomotivführer werden und jeder dritte Vater baute seinem Sohn eine Modelleisenbahn, um selbst damit zu spielen. Ist noch gar nicht lange her. Die Faszination der Eisenbahn hat Terry Pratchett in seinem jüngsten Scheibenwelt-Roman Raising Steam eingefangen.

Ich bin ein großer Fan der Scheibenwelt. Die Geschichten sind bizarr, humorvoll und unterhaltsam – und noch viel mehr. Im Mikrokosmos Scheibenwelt stellt Pratchett sehr kluge Gedankenexperimente über die verschiedensten Fragen an: Was ist Zeit? Gott? Krieg? Oft im Fokus: Wie funktioniert Gesellschaft? Und auch: Was passiert, wenn … ? Was passiert, wenn sich in einer Gesellschaft die Technologie sprunghaft weiterentwickelt? Wie wirkt sich dass auf die Menschen aus? In Raising Steam kommt die Eisenbahn in die Scheibenwelt. Vom ersten funktionierenden Prototyp bis zu ganzen Schienennetzwerken vergehen nur Monate und nicht Jahrzehnte, wie in der wirklichen Welt. Wie unter einem Vergrößerungsglas lassen sich die wirtschaftlichen und politischen Auswirkungen studieren, und die sind größtenteils positiv. In der Scheibenwelt.

Versteckt in der Geschichte ist eine sehr schön Hommage an eine bedeutende britische Kinderbuch-Autorin: Edith Nesbit (1858-1924), die man leider in Deutschland kaum kennt. Es gibt Übersetzungen aus den ’60er bis ’80er Jahren, heute wohl längst vergriffen. Die englischen Originaltexte sind gemeinfrei und bei Gutenberg.org, MobileRead und natürlich bei LibriVox zu finden.

Besonders erwähnt sei The Railway Children:

Edith Nesbit’s classic story, in which three children, pulled suddenly from their comfortable suburban life, move to the country with their mother, where they come to know and love the ways of the railways. (Summary by Karen Savage)

Nesbit erzählt mit leichtem Ton und einer schönen Mischung aus Kindlichkeit und Ernsthaftigkeit, die besonders im Vergleich zu deutschen Kinderbücher vom Anfang des letzten Jahrhunderts sehr erfrischend und geradezu modern ist. Die LibriVox Lesung von Karen Savage ist sehr gelungen. Auch wenn das Buch ein Happy End hat, halte man für das letzte Kapitel ein Taschentuch bereit. Nesbit sollte man mal gelesen haben.

Pratchett sollte man auch mal gelesen haben, aber vielleicht nicht Raising Steam als erstes. Es stimmt zwar theoretisch, dass jedes Buch eine in sich abgeschlossene Geschichte ist und man man nicht unbedingt alle anderen Scheibenwelt-Romane gelesen haben muss, aber das trifft eher auf die ersten 20 Bücher zu. Raising Steam ist immerhin der 40. Scheibenwelt-Roman und es erschließt sich nicht wirklich, warum Commander Vimes (Mumm in der deutschen Übersetzung) als Tafelwart bezeichnet wird.

„Railway Children“ Hörbuch Download bei LibriVox

E. Nesbit bei Gutenberg.org

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