Poesiealbum – Blatt 7

Dieses Albumblatt stammt von Karlsson von LibriVox

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Bild: Kornernte von Peter Bruegel

Trost

von Theodor Fontane

Tröste dich, die Stunden eilen,
Und was all’ Dich drücken mag,
Auch das Schlimmste kann nicht weilen,
Und es kommt ein andrer Tag.

In dem ew’gen Kommen, Schwinden,
Wie der Schmerz liegt auch das Glück,
Und auch heitre Bilder finden
Ihren Weg zu Dir zurück.

Harre, hoffe. Nicht vergebens
Zählest Du der Stunden Schlag,
Wechsel ist das Loos des Lebens
Und – es kommt ein andrer Tag.

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Karlsson schreibt:

In diesem Gedicht liegen Wahrheit und Weisheit. Es erinnert mich an die Worte meiner Oma. An Tagen, die von Sorgen, Arbeit, Kummer oder sonst etwas allzu voll waren, sagte sie wohl: „Es ist gut, dass ein jeder Tag seinen Abend hat“. An diesen Satz denke ich selbst auch an solchen Tagen, und – es ist wirklich gut. Irgendwann findet man auch nach den miesesten oder traurigsten Tagen etwas Ruhe im Schlaf.

Ebenfalls in diese Richtung geht der Bibeltext aus dem alten Testament, Prediger 3, Verse 1 bis 8, der mich berührt:

Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vornehmen unter dem Himmel hat seine Stunde.
Geboren werden und sterben, pflanzen und ausrotten, was gepflanzt ist,
würgen und heilen, brechen und bauen,
weinen und lachen, klagen und tanzen,
Stein zerstreuen und Steine sammeln, herzen und ferne sein von Herzen,
suchen und verlieren, behalten und wegwerfen,
zerreißen und zunähen, schweigen und reden,
lieben und hassen, Streit und Friede hat seine Zeit.

Da kann man nur sagen: das ist so. Zu allem, was geschieht oder was man tun kann, gibt es auch ein Gegenteil – und beides hat jeweils seine Zeit.

Vielen Dank, lieber Karlsson.

Es liegt so viel Wahrheit darin – die sich mir wenigstens mit 20 noch nicht erschloss, die  mir mit 30 langsam zu dämmern begann und die erst jenseits der 40 Wurzeln schlägt und dann wirklichen Trost bringt. Besonders herzlichen Dank, dass Du das Gedicht auch gleich aufgenommen hast.

Frisch geschlüpft: Sammlung deutscher Gedichte 15

Diesmal dabei:

Trost von Theodor Fontane gelesen von Karlsson
Die Libelle von Heinrich Heine gelesen von Julia Niedermaier
Der Panther von Rainer Maria Rilke gelesen von DasPiano
Die drei Teiche von Hellbrunn von Georg Trakl gelesen von Claudia Salto
Trost von Karl May gelesen von Claudia Salto
Das Hohelied von Heinrich Heine gelesen von Julia Niedermaier
Der wackere Schwabe von Ludwig Uhland gelesen von Karlsson
Abenddämmerung von Heinrich Heine gelesen von Kristof Dreier
Vom Büblein auf dem Eise von Friedrich Güll gelesen von Claudia Salto
Die Schnupftabaksdose von Joachim Ringelnatz gelesen von Julia Niedermaier
Das Schlüsselloch von Joachim Ringelnatz gelesen von Julia Niedermaier
Der Ohrwurm mochte die Taube nicht leiden… von Joachim Ringelnatz gelesen von Julia Niedermaier
Ein männlicher Briefmark erlebte von Joachim Ringelnatz gelesen von Julia Niedermaier
Meta und der Finkenschafter von Erich Mühsam gelesen von Karlsson
Kuttel Daddeldu und die Kinder von Joachim Ringelnatz gelesen von Friedrich
Die unmögliche Tatsache von Christian Morgenstern gelesen von Friedrich
Die Mausefalle von Christian Morgenstern gelesen von Friedrich
Entschluss von Joseph von Eichendorff gelesen von Hokuspokus
Osterspaziergang von Kurt Tucholsky gelesen von Hokuspokus
[Osterspaziergang] aus: Faust von Johann Wolfgang von Goethe gelesen von Hokuspokus

Hörbuch-Download bei LibriVox

Meta und der Finkenschafter ist übrigens das Gedicht, das Erich Mühsam nach dem Verzehr von Königsberger Klopse geschrieben haben will. (Vom Wirken des Künstlers, Sammlung kurzer deutscher Prosa 43)

Frisch geschlüpft: David Copperfield

von Charles Dickes, übersetzt von Gustav Meyrink, gelesen von Hans Hafen

Normalerweise zitiere ich an dieser Stelle den LibriVox Katalogtext. Der ist diesmal von Wikipedia übernommen und noch dazu stark gekürzt. Deshalb hier der Link zum vollständigen Wikipedia-Artikel.

Was für ein Buch! Ich bin selbst kein großer Freund von Dickes und hab’s nicht gelesen, die Bemerkung bezieht sich rein auf’s Äußerliche. Mehr als 500.000 Wörter, über 43 Stunden Audio, bei LibriVox gibt es nicht sehr viele Hörbücher mit auch nur annähernd dieser Länge.

Es gibt unzählige Übersetzungen davon, gemeinfrei ist neben der von Meyrink noch die von Richard Zoozmann (bei Gutenberg DE). Wenn man nur mal den ersten Satz vergleicht, wird schon deutlich, dass Meyrink besseres Deutsch schreibt. Er hat auch freimütig bekannt, dass er Dickens hier und da korrigiert hat. Die Geschichte wurde nach und nach als Fortsetzungsroman veröffentlicht und da konnte es schon mal vorkommen, dass sich der Meister mit Namen und Orten vertat.

Hörbuch Download bei LibriVox

Bei LibriVox gibt es das englische Original gleich zwei mal, als Gemeinschaftsprojekt von verschiedenen Lesern und als Solo von Tadhg.

Als eBook gibt es bei MobileRead das englische Original und die Meyrink Übersetzung zum selbst Lesen.

So viel Auswahl!

Frisch geschlüpft: Menschenhasser

von Dietrich Theden (1857-1909), gelesen von Ramona Deininger-Schnabel

Hunter, ein Deutsch-Australier kehrt nach langen Jahren als reicher, aber verbitterter Mann nach Berlin zurück, erfährt über Umwege, dass seine Ex-Ehefrau die zwei gemeinsamen Kinder wahrscheinlich umgebracht hat und beschließt, deren Tode zu rächen. Dazu schleicht er sich unter fremden Namen in den bizarren Haushalt der zickigen Frau und ihren geizigen Kauz und Neu-Ehemann ein, lernt deren unterdrückte Tochter und ihren Verlobten kennen, und beschließt, den beiden unglücklichen jungen Leuten gegen den Willen der Eltern den Weg zu ebnen. Doch dabei muss er mit der Niedertracht seiner Exfrau rechnen … ein mörderischer Abgrund aus Geiz und Gier tut sich vor ihm auf.

Menschenhasser ist der berühmteste Kriminalroman von Diedrich Theden. – (Zusammenfassung von Ramona Deininger-Schnabel)

 

Hörbuch Download bei LibriVox

Wo lesen wir unsere Bücher?

(rebloggt, sozusagen)

von Peter Panter (Kurt Tucholsky) in der Vossische Zeitung vom 09.07.1930

Wo –?

Im Fahren.

Denn in dieser Position, sitzend-bewegt, will der Mensch sich verzaubern lassen, besonders wenn er die Umgebung so genau kennt wie der Fahrgast der Linie 57 morgens um halb neun. Da liest er die Zeitung. Wenn er aber zurückfährt, dann liest er ein Buch. Das hat er in der Mappe. (Enten werden mit Schwimmhäuten geboren – manche Völkerschaften mit Mappe.) Liest der Mensch in der Untergrundbahn? Ja. Was? Bücher. Kann er dort dicke und schwere Bücher lesen? Manche können es. Wie schwere Bücher? So schwer, wie sie sie tragen können. Es geht mitunter sehr philosophisch in den Bahnen zu. Im Autobus nicht so – der ist mehr für die leichtere Lektüre eingerichtet. Manche Menschen lesen auch auf der Straße . . . wie die Tiere.

Die Bücher, die der Mensch nicht im Fahren liest, liest er im Bett. (Folgt eine längere Exkursion über Liebe und Bücher, Bücher und Frauen – im Bett, außerhalb des Bettes . . . gestrichen.) Also im Bett. Sehr ungesund. Doch – sehr ungesund, weil der schiefe Winkel, in dem die Augen auf das Buch fallen . . . fragen Sie Ihren Augenarzt. Fragen Sie ihn lieber nicht; er wird Ihnen die abendliche Lektüre verbieten, und Sie werden nicht davon lassen – sehr ungesund. Im Bett soll man nur leichte und unterhaltende Lektüre zu sich nehmen sowie spannende und beruhigende, ferner ganz schwere, wissenschaftliche und frivole sowie mittelschwere und jede sonstige, andere Arten aber nicht.

Dann lesen die Leute ihre Bücher nach dem Sonntagessen – man kann in etwa zwei bis zweieinhalb Stunden bequem vierhundert Seiten verschlafen.

Manche Menschen lesen Bücher in einem Boot oder auf ihrem eigenen Bauch, auf einer grünen Wiese. Besonders um diese Jahreszeit.

Manche Menschen lesen, wenn sie Knaben sind, ihre Bücher unter der Schulbank.

Manche Menschen lesen überhaupt keine Bücher, sondern kritisieren sie.

Manche Menschen lesen die Bücher am Strand, davon kommen die Bücher in die Hoffnung. Nach etwa ein bis zwei Wochen schwellen sie ganz dick an – nun werden sie wohl ein Broschürchen gebären, denkt man – aber es ist nichts damit, es ist nur der Sand, mit dem sie sich vollgesogen haben. Das raschelt so schön, wenn man umblättert . . .

Manche Menschen lesen ihre Bücher in . . . also das muß nun einmal ernsthaft besprochen werden.

Ich bin ja dagegen. Aber ich weiß, daß viele Männer es tun. Sie rauchen dabei und lesen. Das ist nicht gut. Hört auf einen alten Mann – es ist nicht gut. Erstens, weil es nicht gut ist, und dann auch nicht hygienisch, und es ist auch wider die Würde des Dichters, der das Buch geschrieben hat und überhaupt. Gewiß, kann man sich Bücher vorstellen, die man nur dort lesen sollte, ›Völkische Beobachter‹ und dergleichen. Denn sie sind hinterher unbrauchbar: so naß werden sie. Man soll in der Badewanne eben keine Bücher lesen. (Aufatmen des gebildeten Publikums.)

Merke: Es gibt nur sehr wenige Situationen jedes menschlichen Lebens, in denen man keine Bücher lesen kann, könnte, sollte . . . Wo aber werden diese Bücher hergestellt? Das ist ein anderes Kapitel.

Frisch geschlüpft: Die Weissagung

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von Arthur Schnitzler (1862-1931), gelesen von Hokuspokus

Freiherr von Schottenegg ist ein großer Liebhaber des Amateurtheaters und führt jeden Sommer auf seinem Schloss zusammen mit einem Kreis Gleichgesinnter Stücke auf. Auf eine Bitte des Freiherrn schreibt der Ich-Erzähler ein Schauspiel speziell für den Rasenplatz, der für die Aufführungen genutzt wird. Am Tag der Vorstellung erzählt ihm Freiherr von Umprecht, der die Hauptrolle spielen soll, eine äußerst merkwürdige Geschichte: Auf den Tag genau vor 10 Jahren hat er in einer prophetischen Vision sich selbst auf einer Bahre erblickt, umgeben von einer trauenden rothaarigen Frau und zwei Kindern, was der Schussszene des Stücks entspricht, das damals noch nicht geschrieben war. Dieser „dämonischen Zusammenhangs“ zwischen dem Stück und seinem Leben hat ihn überhaupt erst dazu veranlasst, die Rolle zu übernehmen. Doch die Weissagung war nicht ganz exakt. Ein kahlköpfiger Mann mit grünem Schal aus der Vision kommt nicht im Stück vor. Wird sich die Weissagung erfüllen?

Dieses Projekt habe ich mir sozusagen selbst zu Ostern geschenkt, in dem ich mir die Zeit dafür genommen habe, es am Stück aufzunehmen. Meine Probehörerin Availle hat es dann dankenswerterweise auch in einem Rutsch durchgehört und so kann ich es Euch heute schon präsentieren.

Überhaupt bin ich geradezu verliebt in Schnitzler, seit ich Die drei Elixiere von ihm gelesen habe. Schnitzler hat ein tiefes Verständnis für das Seelenleben seiner Figuren und scheut nicht vor Tabus zurück. Ganz im Gegenteil scheinen ihn Grenzbereiche besonders zu interessieren. Sigmund Freund schrieb ihm einmal:

„Ich habe mich oft verwundert gefragt, woher Sie diese oder jene geheime Kenntnis nehmen konnten, die ich mir durch mühselige Erforschung des Objekts erworben, und endlich kam ich dazu, den Dichter zu beneiden, den ich sonst bewundert. So habe ich den Eindruck gewonnen, daß Sie durch Intuition – eigentlich aber infolge feiner Selbstwahrnehmung – all das wissen, was ich in mühsamer Arbeit an anderen Menschen aufgedeckt habe.“

 

Mir gefallen die Geschichten am besten, die auch noch ein wenig Hokuspokus haben. Neben der Weissagung und den Elixieren habe ich auch Das Tagebuch der Redegonda und Der Andere für LibriVox aufgenommen. (Klicken zum Anhören)

Die Weissagung – Hörbuch-Download bei LibriVox

Weitere Schnitzler Texte bei LibriVox

Zum selbst Lesen: Novellen und Erzählungen bei MobileRead

 

Märchen und ein neunter Geburtstag

Dieses Jahr wird LibriVox neun Jahre alt. Anlässlich des Geburtstags gibt es seit ein paar Jahren immer die Multilingual Anniversary Collection, für die die Texte (Gedicht, Märchen, Erzählung, was auch immer) eine 9 oder 8,7.6 in der vorangegangenen Jahren, im Titel haben müssen. Mit 9 fällt mir so spontan gar nichts ein und die Suche bei den üblichen Verdächtigen wie Zeno.org, Gutenberg.org und GutenbergDE hat bis jetzt auch nichts ergeben, was mich überzeugen würde. Also dachte ich, ich schaue mal bei den Märchen nach.

Bei Märchen denkt man natürlich zuerst an Grimm und Andersen, Kenner denken vielleicht noch an Hauff und Bechstein, aber die Welt der Märchen ist viel größer und vor allem an den Rändern viel bunter. Da gibt es endlos viele Sammlungen mit ethnografischem Hintergrund, wie z.B.

Arabische Erzählungen aus der Zeit der Kalifen übersetzt von Eduard Sachau (1845-1930) http://gutenberg.spiegel.de/buch/6010/1

Märchen und Sagen der nordamerikanischen Indianer von Karl Knortz(1841-1918) http://www.archive.org/details/mrchenundsagend01knorgoog

Ein kurze Suche nach dem Stichwort Märchen bei Archive.org bringt so einiges zu Tage. Das ist nur eine kurze Liste der interessanteren und obskursten Titel. Insgesamt listet Archive 201 Bücher.

Neue Märchen von Paul Heyse (1830-1914), lang vergessener Literaturnobelpreisträger. https://archive.org/details/neuemrchen00heysgoog

Phantasien und Märchen von Gustav Kastropp (1844-1925) https://archive.org/stream/phantasienundmr00kastgoog#page/n10/mode/2up

Es war einmal von Rudolf Baumbach (1840-1905) https://archive.org/details/eswareinmalmrch01baumgoog

Märchen für die Jugend von Heinrich Pröhle (1822-1895) https://archive.org/details/mrchenfrdiejuge00prgoog

Phantasieen und Märchen von Isolde Kurz (1853-1944) Kein Link, weil erst nächstes Jahr gemeinfrei.

Deutsche Märchen seit Grimm von Paul Zaunert (1879-1959) Hrsg.. Auch noch nicht pd. Der Band ist Teil der Reihe Die Märchen der Weltliteratur http://de.wikipedia.org/wiki/Die_M%C3%A4rchen_der_Weltliteratur , herausgegeben von Friedrich von der Leyen (1873-1966). Herausgeberschaft bedingt an und für sich noch kein eigenes Urheberrecht, so weit ich weiß, aber wenn kein eigentlicher Autor angegeben ist, was soll man da machen?

Musikalische Märchen von Elise Polko (1823-1899) https://archive.org/details/musikalischemrc00polkgoog

Makulaturia. Ein Märchen für Bücherfreunde von Julius R. Haarhaus (1867-1947) Dauert noch bis 2018, aber darauf bin ich schon seeehr gespannt.

Neue medizinische und anthropologische Märchen von Ludwig Hopf (Philander) (1838-1924) https://archive.org/details/neuemedizinisch00hopfgoog

Die Prinzessin von Banalien von Marie von Ebner-Eschenbach (1830-1916) https://archive.org/details/dieprinzessinvo00escgoog Ist mir bei den üblichen Verdächtigen sonst noch nie begegnet.

Gelesen habe ich noch nichts davon, leider auch nichts mit neun im Titel gefunden, aber neuen Lesestoff die Menge. Digital, verbraucht keinen Platz im Regal 😉