Frisch geschlüpft: Schachnovelle

von Stefan Zweig (1881 – 1942)

gelesen von Julia Niedermaier

Auf einem Passagierdampfer von New York nach Buenos Aires wird der arrogante und einfältige Schachweltmeister Czentovic während eines Schachspiels gegen den Ölbaron McConnor durch die Hilfe eines Fremden zu einem Unentschieden gezwungen. In der Hoffnung, Czentovic von seinem hohen Ross zu stoßen, versucht man den Fremden zu einer Partie gegen Czentovic zu überreden. Dieser lehnt jedoch ab und flüchtet. Was hat dieses unbekannte Schachgenie zu verbergen? … (Zusammenfassung von Julia Niedermaier)

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Das brennende Geheimnis von Zweig konnte noch bei LibriVox aufgenommen werden, weil bereits 1911 erschienen. Die Schachnovelle ist von 1942 und damit in den USA und für LibriVox nicht public domain. Wie gut, dass es Legamus gibt, wo wir nach dem europäischen Urheberrecht arbeiten dürfen.

Urheberrecht ist schon eine seltsame Sache. Seltsam, aber so steht es geschrieben. (Ja, gruselig ist das Urheberrecht bisweilen auch.)

Am Rande: Catone in Utica von Antonio Vivaldi

Noch bis zum 24. Februar gibt es bei Radio France den Mitschnitt einer wunderbaren konzertanten Aufführung dieser Oper zu hören. Es singen unter anderem Ann Hallenberg und Sonia Prina.

Das Libretto von Metastasio handelt von Marcus Porcius Cato dem Jüngere und dessen Tod.

Frisch geschlüpft: Brennendes Geheimnis

von Stefan Zweig (1881-1942) gelesen von Julia Niedermaier

Während der Sommerfrische mit seiner Mutter am Semmering, freundet sich der 12-jährige Edgar mit einem im selben Hotel verweilenden Baron an. Dieser ist jedoch nicht an ihm, sondern nur an seiner Mutter interessiert. Edgar versucht mit allen Mitteln eine Freundschaft zwischen dem Baron und seiner Mutter zu sabotieren (ohne wirklich zu begreifen, was vor sich geht). Verzweifelt bemüht er sich schnellstmöglich erwachsen zu werden, doch muss er bald einsehen, dass das Erwachsensein nicht so einfach ist, wie er glaubt. (Zusammenfassung von Julia Niedermaier)

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Der war ein Nazi

Beim Graben nach interessanten gemeinfreien Bücher stößt man zwangsläufig immer wieder auf Autoren, die den Nazis nahe standen, oder welche waren. Das ist kein Wunder, fast ganz Deutschland hat in dem einen oder anderen Punkt mit den Nazis sympathisiert, viele sind auf den fahrenden Zug aufgesprungen um sich Vorteile zu sichern, viele haben später mit mehr oder weniger zusammengebissenen Zähnen geschwiegen und genickt, um das eigene Leben und die Familie zu schützen. Und viele waren auch einfach Nazis.

Die Frage, die mich gerade umtreibt, ist: Wie sollten wir mit „verstrickten“ Autoren und ihren Werken umgehen?

Antisemitische Hetze, tumber Nationalismus, Revanchismus und Militarismus entlarven sich selbst, darüber braucht man nicht groß nachdenken. Man sollte das kennen um es zu er-kennen, aber dazu muss man es weder aufnehmen noch als eBook aufbereiten oder sonst viel Arbeit, Lebens- und Lesezeit investieren.

Es war unglaublich leicht, in etwas hineinzuschliddern und unglaublich gefährlich, den Mund aufzumachen. Als Beispiel zwei Geschichten, die in meiner Familie überliefert werden. Der Großvater meiner besseren Hälfte war Fuhrmann und irgendwann nach 1933 arbeitslos. Er meldete sich beim Arbeitsamt. Dort wurde an diesem Tag die eine Hälfte der Arbeitslosen der Feuerwehr zugeteilt, die andere Hälfte der SA. Der Großvater musste zur SA und war darüber zunächst nicht besonders unglücklich, denn dort „konnt ich wenigstens mein Führerschein mache.“ 1938 war die SA in großem Umfang an den Pogromen gegen die jüdische Bevölkerung, der sog. „Reichskristallnacht“ beteiligt. War der Großvater dabei? Das hat er nicht erzählt.

Mein Großonkel war Silberschmied und hat während des Krieges Eiserne Kreuze hergestellt. Ein Nazi Bonze wollte unter der Hand eins habe, worauf mein Großonkel meinte, er solle an die Front gehen und es sich verdienen. Mein Großonkel wurde unter einem Vorwand verhaftet und nur weil die Familie einen der Honoratioren der Stadt gut kannte, konnte er noch am Bahnhof aus einem Zug in Richtung Vernichtungslager geholt werden.

Was mag es bedeuten, in so einer Welt Autor zu sein? Schreiben zu müssen, um den Lebensunterhalt zu verdienen und gleichzeitig befürchten zu müssen, nicht mehr schreiben zu dürfen, wenn man unliebsam auffällt? Wie mag es vorher gewesen sein, in der Weimarer Republik mit ihrer völlig ungewohnten, ungeübten Demokratie – politisch zerstritten und planlos, gesellschaftlich im Umbruch, wirtschaftlich nicht nur am sondern im Abgrund der Inflation? Wir heute bekommen die Zusammenhänge schon in der Schule erklärt, fein säuberlich in sorgfältig recherchierten Dokumentationen dargestellt. Die Autoren von damals schrieben aber aus dem Moment und aus dem, was sie bis dahin erlebt und erfahren hatten. Da kommt dann so mancher zu Ansichten, die er später revidiert, vielleicht sogar bereut hat.

Aber das ist nicht immer so einfach auszumachen. Nehmen wir zum Beispiel Hanns Heinz Ewers (1871-1943), dessen Werk an diesem 1. Januar gemeinfrei geworden ist. Ewers war mir hie und da schon begegnet, vor allem als literarisches „Enfant terrible“ vor dem 1. Weltkrieg. Auf seine Werke hatte ich mich gefreut und mich sofort auf seine Grotesken (1926) gestürzt, als sie bei Gutenberg DE zu haben waren. Interessant! Die eine oder andere wollte ich spontan aufnehmen. Dann las ich in der Wikipedia über ihn. Bekanntschaft mit Bruno Wille, Zusammenarbeit mit Ernst von Wolzogen und Erich Mühsam (!) beim Überbrettl.

Mühsam schreibt über ihn in seinen Unpolitischen Erinnerungen (1927):

„In das zweite freigewordene Zimmer meiner Wirtin zog Hanns Heinz Ewers. Das war der einzige unter uns, dessen Freude an ungezwungenem und bewegtem Leben von praktischem Geschäftssinn wohltätig gebändigt war. So fern von meinen Wegen die Bahn lief, die Ewers manchmal, besonders in späteren Jahren, einschlug, so muß ich gerechterweise zugeben, daß er ein immer zuverlässiger und selbstloser Freund war, der hinter der Pose des Rohlings und Satanisten den stets sprungbereiten Eifer versteckte, anderen aus jeder Patsche zu helfen. […] Er ist ein Mensch, über den jeder schimpft, wenn er nicht dabei ist, und dessen liebenswürdige Selbstverständlichkeit bei der persönlichen Begegnung sofort jede Verstimmung zerstäubt.“

Dieser Ewers trat 1931 der NSDAP bei und machte bis 1934 Propaganda für sie. Doch sein brauner Stern sank schnell. 1934 waren fast alle seine Werke verboten und er durfte jahrelang nicht veröffentlichen. Was war er? Verführer, Verführter, Täter, Opfer, beides? Hat er sich nur deshalb von den Nazis distanziert, weil die ihn verboten haben? Wie sehr Nazi war er überhaupt? Antisemit war er jedenfalls nicht, er hatte eine ganze Reihe jüdische Freunde, denen er Ausreisevisa verschaffte. Reicht das als Rechtfertigung?

Ich muss für mich selbst die Frage beantworten, ob ich ihn vorlesen will oder nicht. Jede Aufnahme, jedes eBook ist ein Werbung für den Autor und sein Werk, sein ganzes Werk, auch das braune.

Durch Ewers war ich für dieses Thema bereits sensibilisiert und dachte über einen Blogbeitrag dazu nach, als ein Buchmacher-Kollege bei MobileRead kürzlich ein Werk von Willy Seidel (1886-1934) hochgeladen hat. Vor ein paar Jahren habe ich Der Gott im Gewächshaus (1925) von ihm gelesen. Die Handlung habe ich nicht mehr so genau im Kopf, was sich mir eingeprägt hat, ist die seltsame Beziehung des Ich-Erzählers zu einer Art Guru, der ihn als Schüler annimmt und dafür absolute Unterwerfung und völliges Vertrauen erwartet. Man kann natürlich nicht eins zu eins von einer Romanfigur auf den Autor schließen, aber ich hatte bei Seidel schon sehr den Eindruck, dass er sich selbst nach einem Guru, einem Messias sehnt. Deshalb war ich nicht sehr überrascht, als ich bei Wikipedia las, dass Willy Seidel einer der 88 Autoren war, die das Gelöbnis treuester Gefolgschaft für Adolf Hitler unterzeichnet hatten.

Mir erschien es wichtig, dass die potentiellen eBook-Leser über das Gelöbnis Bescheid wissen, also habe ich diese Info gepostet. Nichts weiter, weil ich zu dem Zeitpunk einfach keine Muße hatte, mehr dazu zu schreiben. Inzwischen wird als Reaktion darauf bei MobileRead Seidel als Autor über den grünen Klee gelobt.

Nazi sein ist ja nicht das selbe wie Antisemit sein, oder KZ Aufseher sein. Da spielen ja noch ganz andere Dinge eine Rolle. Die Menschen damals waren von den zunehmend komplexer und existentieller werdenden Problemen ihrer Zeit total überfordert und sehnten sich nach stabilen Verhältnissen. Sie fühlten sich klein, unbedeutend und ohnmächtig. Seidel hat dieses quälende Lebensgefühl in Der Gott im Gewächshaus eingefangen und ich vermute, dass er 1933, als er schon ein kranker Mann war, überzeugt war, in Hitler den Messias gefunden zu haben, der ihn von dieser Qual erlöst. Da wäre er nicht der einzige. Die Nazis versprachen die Lösung für alle drängenden Probleme, alle Kleinen, Unbedeutenden und Ohnmächtigen waren plötzlich „Herrenmenschen“. Das ist so verführerisch. Es funktioniert immer noch.

Mag sein, dass ich im Fall von Seidel falsch liege, dass er für das Gelöbnis ganz andere Gründe hatte. Möglicherweise hätte er auch ganz anders über das Nazi-Regime gedacht, wenn er ein paar Jahre länger gelebt hätte. Nur weht einem aus vielen Texten der 1920er Jahre ein unguter Geist entgegen, der den Nazis die Segel gefüllt hat.

Es wäre viel zu kurz gegriffen, alle „verstrickten“ Autoren einfach als Nazis abzustempeln und zu ächten. Es ist aber auf gar keinen Fall egal, womit man sich den Kopf füllt. Literatur hat Macht. Anschauung ist ansteckend. Wir leben in einer Zeit, in der uns die zunehmend komplexer und existentieller werdenden Problemen über den Kopf wachsen und wir sehnen uns nach stabilen Verhältnissen. Da ist es angebracht, ein Hinweisschild aufzuhängen: Achtung, Sie betreten hier die Gedankenwelt eines Menschen, der zu einem Zeitpunkt in seinem Lebens ein Fan von Hitler war. Eintritt auf eigene Gefahr!

Wir müssen erinnern.

Am Rande: Die Gartenlaube

Neulich erst habe ich im Zusammenhang mit Gerstäcker die Zeitschrift Die Gartenlaube erwähnt. Jetzt stolpere ich über eine Ausstellung zu diesem Thema in der Deutsche Nationalbibliothek Leipzig.

Illustrierte Idylle?
Die Gartenlaube: Gesichter eines Massenblattes

Eine Ausstellung des Deutschen Buch- und Schriftmuseums im Schautresor der Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig vom 8. November 2013 bis 11. Mai 2014

Auf der Seite der DNB kann man einen virtuellen Rundgang ansehen und den Flyer zur Ausstellung runderladen. Ich liebe ja besonders die alten Illustrationen und das breite Themenspektrum der Zeitschrift. Muss wirklich bald mal ausführlich dazu recherchieren. Wer also nach Leipzig kommt und ein Stündchen Zeit hat, der Eintritt in die Ausstellung ist frei, wenn ich das richtig verstanden habe.

Bei Wikisource gibt es viele Artikel als Scann und OCRt.

Frisch geschlüpft: Das Gespenst von Canterville

von Oscar Wilde (1854-1900) , übersetzt von Franz Blei (1871-1942)

gelesen von Hokuspokus

Die amerikanische Familie Otis kauft Schloss Canterville, obwohl man sie ausdrücklich warnt, dass dort der Ahnherr, Sir Simon de Canterville, als Gespenst sein Unwesen treibt. Als Sir Simon seiner Geisterpflicht nachkommen und die Familie in Angst und Schrecken versetzen will, sind die Amerikaner kein bisschen davon beeindruckt, ganz im Gegenteil. Die beiden kleinen Söhne der Familie spielen ihm alle erdenklichen Streiche, Mr. Otis bittet darum, doch gefälligst die Ketten zu ölen, und der ältere Sohn entfernt jeden Tag den sich erneuernden Blutfleck in der Bibliothek mit einem neumodischen Fleckentferner. Einzig die Tochter Virginia zeigt Mitleid.
Nach einer alten Prophezeiung kann nur ein unschuldiges Mädchen das Gespenst erlösen. Sir Simon bittet Virginia um ihre Hilfe.

Download bei Legamus

Es freut mich ganz besonders, dass ich diesen wunderbaren Klassiker aufnehmen konnte. Ganz lange habe ich nach einer gemeinfreien Übersetzung gesucht. Es gibt den deutschen Text hier und da im Netz, aber immer ohne den Namen des Übersetzers und ohne Publikationsdatum. Dann ist der Text der Blei Übersetzung irgendwann im letzten Jahr bei Gutenberg DE aufgetaucht, ohne dass ich es mitbekommen habe. Erst vor ein paar Wochen bin ich zufällig darüber gestolpert und habe mich gleich darauf gestürzt.

Es gibt übrigens auch eine ganz wunderbare Aufnahme des englischen Originals bei LibriVox.

Frisch geschlüpft: Deutsche Literaturgeschichte

in einer Stunde. Von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart. von Klabund (1980-1928)

Eine Literaturgeschichte von einem Literaten! Der Stil ist modern (für die PD), persönlich und amüsant zu lesen, z.B. „Er ist kein großer Dichter, aber ein Dichter: zu den Klassikern haben ihn nur die Fabrikanten von Klassikerliteratur gemacht: denen genügen Schiller, Goethe, Kleist aus Geschäftsgründen nicht, die Brautpaare verlangen beim Heiraten zur Komplettierung ihrer Wohnungseinrichtung eine ganze Klassikerausstattung: […]“

1 – Einführung – gelesen von OldZach
2 – Nibelungen, Walter von der Vogelweide – gelesen von Rebecca Braunert-Plunkett
3 – Hans Sachs, Martin Luther, Christoph von Grimmelshausen gelesen von Hokuspokus
4 – Lessing, Klopstock – gelesen von Carolin Kaiser
5 – Schiller, Goethe – gelesen von OldZach
6 – Arnim, Brentano-  gelesen von Rebecca Braunert-Plunkett
7 – Heine, Mörike – gelesen von Hokuspokus
8 – Keller, Fontane, Storm – gelesen von Karlsson
9 – Morgenstern, Trakl – gelesen von Julia Niedermaier

Die einzelnen Abschnitt behandeln neben diesen berühmten Autoren auch die jeweiligen Zeitgenossen.

Vorgelesen sind es dann doch etwas über drei Stunden, vollgepackt mit Namen und Daten, aber auch vollgepackt mit profundem Wissen und Klabunds ganz persönlicher Sicht der deutsche Literatur. Es bietet eine guten Überblick über das, was man mal wusste, aber längst vergessen hat, schließt manche Lücke und gibt jede Menge Anregungen für den SUB.

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