Frisch geschlüpft: Schachnovelle

von Stefan Zweig (1881 – 1942)

gelesen von Julia Niedermaier

Auf einem Passagierdampfer von New York nach Buenos Aires wird der arrogante und einfältige Schachweltmeister Czentovic während eines Schachspiels gegen den Ölbaron McConnor durch die Hilfe eines Fremden zu einem Unentschieden gezwungen. In der Hoffnung, Czentovic von seinem hohen Ross zu stoßen, versucht man den Fremden zu einer Partie gegen Czentovic zu überreden. Dieser lehnt jedoch ab und flüchtet. Was hat dieses unbekannte Schachgenie zu verbergen? … (Zusammenfassung von Julia Niedermaier)

Download bei Legamus

eBook bei MobileRead

Das brennende Geheimnis von Zweig konnte noch bei LibriVox aufgenommen werden, weil bereits 1911 erschienen. Die Schachnovelle ist von 1942 und damit in den USA und für LibriVox nicht public domain. Wie gut, dass es Legamus gibt, wo wir nach dem europäischen Urheberrecht arbeiten dürfen.

Urheberrecht ist schon eine seltsame Sache. Seltsam, aber so steht es geschrieben. (Ja, gruselig ist das Urheberrecht bisweilen auch.)

Am Rande: Catone in Utica von Antonio Vivaldi

Noch bis zum 24. Februar gibt es bei Radio France den Mitschnitt einer wunderbaren konzertanten Aufführung dieser Oper zu hören. Es singen unter anderem Ann Hallenberg und Sonia Prina.

Das Libretto von Metastasio handelt von Marcus Porcius Cato dem Jüngere und dessen Tod.

Frisch geschlüpft: Brennendes Geheimnis

von Stefan Zweig (1881-1942) gelesen von Julia Niedermaier

Während der Sommerfrische mit seiner Mutter am Semmering, freundet sich der 12-jährige Edgar mit einem im selben Hotel verweilenden Baron an. Dieser ist jedoch nicht an ihm, sondern nur an seiner Mutter interessiert. Edgar versucht mit allen Mitteln eine Freundschaft zwischen dem Baron und seiner Mutter zu sabotieren (ohne wirklich zu begreifen, was vor sich geht). Verzweifelt bemüht er sich schnellstmöglich erwachsen zu werden, doch muss er bald einsehen, dass das Erwachsensein nicht so einfach ist, wie er glaubt. (Zusammenfassung von Julia Niedermaier)

Hörbuch-Download bei LibriVox

eBook bei MobileRead

Der war ein Nazi

Beim Graben nach interessanten gemeinfreien Bücher stößt man zwangsläufig immer wieder auf Autoren, die den Nazis nahe standen, oder welche waren. Das ist kein Wunder, fast ganz Deutschland hat in dem einen oder anderen Punkt mit den Nazis sympathisiert, viele sind auf den fahrenden Zug aufgesprungen um sich Vorteile zu sichern, viele haben später mit mehr oder weniger zusammengebissenen Zähnen geschwiegen und genickt, um das eigene Leben und die Familie zu schützen. Und viele waren auch einfach Nazis.

Die Frage, die mich gerade umtreibt, ist: Wie sollten wir mit „verstrickten“ Autoren und ihren Werken umgehen?

Antisemitische Hetze, tumber Nationalismus, Revanchismus und Militarismus entlarven sich selbst, darüber braucht man nicht groß nachdenken. Man sollte das kennen um es zu er-kennen, aber dazu muss man es weder aufnehmen noch als eBook aufbereiten oder sonst viel Arbeit, Lebens- und Lesezeit investieren.

Es war unglaublich leicht, in etwas hineinzuschliddern und unglaublich gefährlich, den Mund aufzumachen. Als Beispiel zwei Geschichten, die in meiner Familie überliefert werden. Der Großvater meiner besseren Hälfte war Fuhrmann und irgendwann nach 1933 arbeitslos. Er meldete sich beim Arbeitsamt. Dort wurde an diesem Tag die eine Hälfte der Arbeitslosen der Feuerwehr zugeteilt, die andere Hälfte der SA. Der Großvater musste zur SA und war darüber zunächst nicht besonders unglücklich, denn dort „konnt ich wenigstens mein Führerschein mache.“ 1938 war die SA in großem Umfang an den Pogromen gegen die jüdische Bevölkerung, der sog. „Reichskristallnacht“ beteiligt. War der Großvater dabei? Das hat er nicht erzählt.

Mein Großonkel war Silberschmied und hat während des Krieges Eiserne Kreuze hergestellt. Ein Nazi Bonze wollte unter der Hand eins habe, worauf mein Großonkel meinte, er solle an die Front gehen und es sich verdienen. Mein Großonkel wurde unter einem Vorwand verhaftet und nur weil die Familie einen der Honoratioren der Stadt gut kannte, konnte er noch am Bahnhof aus einem Zug in Richtung Vernichtungslager geholt werden.

Was mag es bedeuten, in so einer Welt Autor zu sein? Schreiben zu müssen, um den Lebensunterhalt zu verdienen und gleichzeitig befürchten zu müssen, nicht mehr schreiben zu dürfen, wenn man unliebsam auffällt? Wie mag es vorher gewesen sein, in der Weimarer Republik mit ihrer völlig ungewohnten, ungeübten Demokratie – politisch zerstritten und planlos, gesellschaftlich im Umbruch, wirtschaftlich nicht nur am sondern im Abgrund der Inflation? Wir heute bekommen die Zusammenhänge schon in der Schule erklärt, fein säuberlich in sorgfältig recherchierten Dokumentationen dargestellt. Die Autoren von damals schrieben aber aus dem Moment und aus dem, was sie bis dahin erlebt und erfahren hatten. Da kommt dann so mancher zu Ansichten, die er später revidiert, vielleicht sogar bereut hat.

Aber das ist nicht immer so einfach auszumachen. Nehmen wir zum Beispiel Hanns Heinz Ewers (1871-1943), dessen Werk an diesem 1. Januar gemeinfrei geworden ist. Ewers war mir hie und da schon begegnet, vor allem als literarisches „Enfant terrible“ vor dem 1. Weltkrieg. Auf seine Werke hatte ich mich gefreut und mich sofort auf seine Grotesken (1926) gestürzt, als sie bei Gutenberg DE zu haben waren. Interessant! Die eine oder andere wollte ich spontan aufnehmen. Dann las ich in der Wikipedia über ihn. Bekanntschaft mit Bruno Wille, Zusammenarbeit mit Ernst von Wolzogen und Erich Mühsam (!) beim Überbrettl.

Mühsam schreibt über ihn in seinen Unpolitischen Erinnerungen (1927):

„In das zweite freigewordene Zimmer meiner Wirtin zog Hanns Heinz Ewers. Das war der einzige unter uns, dessen Freude an ungezwungenem und bewegtem Leben von praktischem Geschäftssinn wohltätig gebändigt war. So fern von meinen Wegen die Bahn lief, die Ewers manchmal, besonders in späteren Jahren, einschlug, so muß ich gerechterweise zugeben, daß er ein immer zuverlässiger und selbstloser Freund war, der hinter der Pose des Rohlings und Satanisten den stets sprungbereiten Eifer versteckte, anderen aus jeder Patsche zu helfen. […] Er ist ein Mensch, über den jeder schimpft, wenn er nicht dabei ist, und dessen liebenswürdige Selbstverständlichkeit bei der persönlichen Begegnung sofort jede Verstimmung zerstäubt.“

Dieser Ewers trat 1931 der NSDAP bei und machte bis 1934 Propaganda für sie. Doch sein brauner Stern sank schnell. 1934 waren fast alle seine Werke verboten und er durfte jahrelang nicht veröffentlichen. Was war er? Verführer, Verführter, Täter, Opfer, beides? Hat er sich nur deshalb von den Nazis distanziert, weil die ihn verboten haben? Wie sehr Nazi war er überhaupt? Antisemit war er jedenfalls nicht, er hatte eine ganze Reihe jüdische Freunde, denen er Ausreisevisa verschaffte. Reicht das als Rechtfertigung?

Ich muss für mich selbst die Frage beantworten, ob ich ihn vorlesen will oder nicht. Jede Aufnahme, jedes eBook ist ein Werbung für den Autor und sein Werk, sein ganzes Werk, auch das braune.

Durch Ewers war ich für dieses Thema bereits sensibilisiert und dachte über einen Blogbeitrag dazu nach, als ein Buchmacher-Kollege bei MobileRead kürzlich ein Werk von Willy Seidel (1886-1934) hochgeladen hat. Vor ein paar Jahren habe ich Der Gott im Gewächshaus (1925) von ihm gelesen. Die Handlung habe ich nicht mehr so genau im Kopf, was sich mir eingeprägt hat, ist die seltsame Beziehung des Ich-Erzählers zu einer Art Guru, der ihn als Schüler annimmt und dafür absolute Unterwerfung und völliges Vertrauen erwartet. Man kann natürlich nicht eins zu eins von einer Romanfigur auf den Autor schließen, aber ich hatte bei Seidel schon sehr den Eindruck, dass er sich selbst nach einem Guru, einem Messias sehnt. Deshalb war ich nicht sehr überrascht, als ich bei Wikipedia las, dass Willy Seidel einer der 88 Autoren war, die das Gelöbnis treuester Gefolgschaft für Adolf Hitler unterzeichnet hatten.

Mir erschien es wichtig, dass die potentiellen eBook-Leser über das Gelöbnis Bescheid wissen, also habe ich diese Info gepostet. Nichts weiter, weil ich zu dem Zeitpunk einfach keine Muße hatte, mehr dazu zu schreiben. Inzwischen wird als Reaktion darauf bei MobileRead Seidel als Autor über den grünen Klee gelobt.

Nazi sein ist ja nicht das selbe wie Antisemit sein, oder KZ Aufseher sein. Da spielen ja noch ganz andere Dinge eine Rolle. Die Menschen damals waren von den zunehmend komplexer und existentieller werdenden Problemen ihrer Zeit total überfordert und sehnten sich nach stabilen Verhältnissen. Sie fühlten sich klein, unbedeutend und ohnmächtig. Seidel hat dieses quälende Lebensgefühl in Der Gott im Gewächshaus eingefangen und ich vermute, dass er 1933, als er schon ein kranker Mann war, überzeugt war, in Hitler den Messias gefunden zu haben, der ihn von dieser Qual erlöst. Da wäre er nicht der einzige. Die Nazis versprachen die Lösung für alle drängenden Probleme, alle Kleinen, Unbedeutenden und Ohnmächtigen waren plötzlich „Herrenmenschen“. Das ist so verführerisch. Es funktioniert immer noch.

Mag sein, dass ich im Fall von Seidel falsch liege, dass er für das Gelöbnis ganz andere Gründe hatte. Möglicherweise hätte er auch ganz anders über das Nazi-Regime gedacht, wenn er ein paar Jahre länger gelebt hätte. Nur weht einem aus vielen Texten der 1920er Jahre ein unguter Geist entgegen, der den Nazis die Segel gefüllt hat.

Es wäre viel zu kurz gegriffen, alle „verstrickten“ Autoren einfach als Nazis abzustempeln und zu ächten. Es ist aber auf gar keinen Fall egal, womit man sich den Kopf füllt. Literatur hat Macht. Anschauung ist ansteckend. Wir leben in einer Zeit, in der uns die zunehmend komplexer und existentieller werdenden Problemen über den Kopf wachsen und wir sehnen uns nach stabilen Verhältnissen. Da ist es angebracht, ein Hinweisschild aufzuhängen: Achtung, Sie betreten hier die Gedankenwelt eines Menschen, der zu einem Zeitpunkt in seinem Lebens ein Fan von Hitler war. Eintritt auf eigene Gefahr!

Wir müssen erinnern.

Am Rande: Die Gartenlaube

Neulich erst habe ich im Zusammenhang mit Gerstäcker die Zeitschrift Die Gartenlaube erwähnt. Jetzt stolpere ich über eine Ausstellung zu diesem Thema in der Deutsche Nationalbibliothek Leipzig.

Illustrierte Idylle?
Die Gartenlaube: Gesichter eines Massenblattes

Eine Ausstellung des Deutschen Buch- und Schriftmuseums im Schautresor der Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig vom 8. November 2013 bis 11. Mai 2014

Auf der Seite der DNB kann man einen virtuellen Rundgang ansehen und den Flyer zur Ausstellung runderladen. Ich liebe ja besonders die alten Illustrationen und das breite Themenspektrum der Zeitschrift. Muss wirklich bald mal ausführlich dazu recherchieren. Wer also nach Leipzig kommt und ein Stündchen Zeit hat, der Eintritt in die Ausstellung ist frei, wenn ich das richtig verstanden habe.

Bei Wikisource gibt es viele Artikel als Scann und OCRt.

Frisch geschlüpft: Das Gespenst von Canterville

von Oscar Wilde (1854-1900) , übersetzt von Franz Blei (1871-1942)

gelesen von Hokuspokus

Die amerikanische Familie Otis kauft Schloss Canterville, obwohl man sie ausdrücklich warnt, dass dort der Ahnherr, Sir Simon de Canterville, als Gespenst sein Unwesen treibt. Als Sir Simon seiner Geisterpflicht nachkommen und die Familie in Angst und Schrecken versetzen will, sind die Amerikaner kein bisschen davon beeindruckt, ganz im Gegenteil. Die beiden kleinen Söhne der Familie spielen ihm alle erdenklichen Streiche, Mr. Otis bittet darum, doch gefälligst die Ketten zu ölen, und der ältere Sohn entfernt jeden Tag den sich erneuernden Blutfleck in der Bibliothek mit einem neumodischen Fleckentferner. Einzig die Tochter Virginia zeigt Mitleid.
Nach einer alten Prophezeiung kann nur ein unschuldiges Mädchen das Gespenst erlösen. Sir Simon bittet Virginia um ihre Hilfe.

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Es freut mich ganz besonders, dass ich diesen wunderbaren Klassiker aufnehmen konnte. Ganz lange habe ich nach einer gemeinfreien Übersetzung gesucht. Es gibt den deutschen Text hier und da im Netz, aber immer ohne den Namen des Übersetzers und ohne Publikationsdatum. Dann ist der Text der Blei Übersetzung irgendwann im letzten Jahr bei Gutenberg DE aufgetaucht, ohne dass ich es mitbekommen habe. Erst vor ein paar Wochen bin ich zufällig darüber gestolpert und habe mich gleich darauf gestürzt.

Es gibt übrigens auch eine ganz wunderbare Aufnahme des englischen Originals bei LibriVox.

Frisch geschlüpft: Deutsche Literaturgeschichte

in einer Stunde. Von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart. von Klabund (1980-1928)

Eine Literaturgeschichte von einem Literaten! Der Stil ist modern (für die PD), persönlich und amüsant zu lesen, z.B. „Er ist kein großer Dichter, aber ein Dichter: zu den Klassikern haben ihn nur die Fabrikanten von Klassikerliteratur gemacht: denen genügen Schiller, Goethe, Kleist aus Geschäftsgründen nicht, die Brautpaare verlangen beim Heiraten zur Komplettierung ihrer Wohnungseinrichtung eine ganze Klassikerausstattung: […]“

1 – Einführung – gelesen von OldZach
2 – Nibelungen, Walter von der Vogelweide – gelesen von Rebecca Braunert-Plunkett
3 – Hans Sachs, Martin Luther, Christoph von Grimmelshausen gelesen von Hokuspokus
4 – Lessing, Klopstock – gelesen von Carolin Kaiser
5 – Schiller, Goethe – gelesen von OldZach
6 – Arnim, Brentano-  gelesen von Rebecca Braunert-Plunkett
7 – Heine, Mörike – gelesen von Hokuspokus
8 – Keller, Fontane, Storm – gelesen von Karlsson
9 – Morgenstern, Trakl – gelesen von Julia Niedermaier

Die einzelnen Abschnitt behandeln neben diesen berühmten Autoren auch die jeweiligen Zeitgenossen.

Vorgelesen sind es dann doch etwas über drei Stunden, vollgepackt mit Namen und Daten, aber auch vollgepackt mit profundem Wissen und Klabunds ganz persönlicher Sicht der deutsche Literatur. Es bietet eine guten Überblick über das, was man mal wusste, aber längst vergessen hat, schließt manche Lücke und gibt jede Menge Anregungen für den SUB.

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Friedrich Gerstäcker (1816-1872)

Auch so ein vergessener, doch nicht ganz vergessener Autor. Immerhin bin ich ihm das erste mal zwischen den Regalen unserer Kleinstadt-Bibliothek begegnet.

Autor trifft es nicht ganz, Gerstäcker war in erster Linie ein Reisender, ein Abenteurer und erst in zweiter oder gar dritter Linie ein Schriftsteller. Man hat bei ihm den Eindruck, er habe geschrieben, um reisen zu können. „Die schriftstellerische Tätigkeit sagte mir allerdings insofern zu, als ich dabei ein vollkommen unabhängiges Leben führen konnte, aber ich hatte selber kaum eine Idee, daß ich je etwas Selbstständiges schaffen könne – die einfache Erzählung meiner Erlebnisse ausgenommen.“ (Gerstäcker in: Selbstbiographie zu einem Bilde in Die Gartenlaube.)

Gerstäcker wird heute hauptsächlich als Reise- und Abenteuerschriftsteller gehandelt, was auch sein Hauptwerk ausmacht. Seine Bücher waren eine der Hauptquellen für Karl May, der ja die Länder, in denen seine Geschichten angesiedelt sind, nicht selbst gesehen hat, bzw. erst sehr viel später touristisch bereiste. Ich habe einige von Gerstäckers Reisebeschreibungen und Romanen gelesen oder angelesen. Literarisch sind sie nicht berauschend, nicht poetisch oder besonders spannend. Was sie besonders macht, ist die Echtheit des wirklich Erlebten, die Unmittelbarkeit der Darstellung, die wie ein frischer Wind durch die noch sehr biedermeierliche Weltsicht seiner Leser gefahren sein muss. Aber das hat mich nicht dazu gebracht, hier über ihn zu schreiben. Ich mag seine kleinen Erzählungen und besonders seine Berichte, die er unter anderem in der Zeitschrift Die Gartenlaube veröffentlichte. (Die Gartenlaube ist eine höchst interessante Sache, über die ich unbedingt mehr lesen und vielleicht auch bald etwas schreiben werde.) Gerstäckers kleine Schriften zeigen, dass er ein sehr genauer und gut informierter Beobachter war, der sich vergleichsweise unbeeinflusst vom Zeitgeist seine eigenen Gedanken machte.

Nein, gebessert hat die Civilisation die Menschen nicht, und in ihren Leidenschaften und Trieben selbst wenig verändert, […] so sehen wir gerade in der Civilisation, so lange sie nicht unsere Herzen veredelte und uns selber besser machte, auch nichts anderes als die Kunst sich selber Bedürfnisse zu erschaffen, um sie dann zu befriedigen. (Gerstäcker in: Civilisation und Wildnis. Die Gartenlaube, 1855)

Geboren wurde er 1816 in Hamburg als Sohn eines Opernsängers und einer Schauspielerin (Opernsängerin nach einer anderen Quelle.) Nach der mittleren Reife begann er 1833 eine kaufmännische Lehre, brach sie aber nach ein paar Monaten ab. Er wollte nach Amerika auswandern! Dazu inspiriert hatten ihn der Roman Robinson Crusoe von Daniel Defoe und die ersten Lederstrumpferzählungen von James Fenimore Cooper. Seine Mutter konnte ihn überreden, zunächst eine landwirtschaftliche Ausbildung zu absolvieren und so vergleichsweise gut vorbereitet reiste er 1837 zum ersten mal nach Amerika.

Sechs Jahre lang reiste er kreuz und quer durch Nordamerika und verdiente sich seinen Lebensunterhalt als Heizer, Matrose, Farmer, Koch, Silberschmied, Holzfäller, Schokoladenerzeuger, Hotelier und Jäger. Er kam weit herum, von Kanada bis Texas und von Arkansas bis Louisiana, und er schrieb Tagebuch, dass er seiner Mutter schickte.

1843 kehrte er nach Deutschland zurück und verfasste sein erstes Buch: Streif- und Jagdzüge durch die Vereinigten Staaten Nordamerikas (1844) nach seinen Tagebüchern. Dann übersetzte er zunächst bekannte Autoren aus dem Englischen. Eigene Romane folgten. Die Regulatoren in Arkansas (1846) und Die Flußpiraten des Mississippi (1848) wurden zunächst in Zeitschriften veröffentlicht und machten ihn als Autor spannender Abenteuergeschichten bekannt.

Obwohl er 1845 geheiratet hatte, machte er sich 1849 zu einer weiteren großen Reise nach Südamerika, Kalifornien, Tahiti und Australien auf, von der er erst 1852 zurückkehrte. Eine solche Reise wäre auch heutzutage mit Reisebüros, Hotels, Satellitentelefonen, Internet und internationalem Geldtransfer ein großes Abenteurer. Um so mehr vor 160 Jahren. Gerstäcker verdiente sich unterwegs seinen Lebensunterhalt mit allen möglichen Arbeiten. Seine junge Familie war inzwischen durch die Erträge der bereits veröffentlichten Werke versorgt.

1860-61 folgte eine Reise nach Südamerika. 1861 starb auch seine Frau, ich konnte aber nicht herausfinden, ob vor oder nach Gerstäckers Rückkehr. 1862 war er Mitglied der Reisegesellschaft von Herzog Ernst II. von Sachsen-Coburg und Gotha, den er nach Ägypten begleitete. 1863 heiratete er ein zweites mal und 1867 brach er zu seiner letzten großen Reise auf, die ihn nach Nordamerika, Mexiko, und über die Westindischen Inseln nach Venezuela führte. Am Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 nahm er als Kriegsberichterstatter teil.

1872 starb er im Alter von 56 Jahren an einem Hirnschlag, mitten in den Vorbereitungen für eine weitere Reise, die ihn nach Asien und Indien führen sollte.

Man sollte meinen, dass ein solcher Mensch, hartgesotten durch seine sicher mehr als unbequemen und gefahrvollen Reisen, ein knallharter Realist war. Aber Gerstäcker hat mehr als eine Facette und in seinem Werk gibt es immer wieder Einsprengsel von Fantastischem und Spukhaftem, ganz besonders in seinem Roman Das alte Haus, den wir auch bei LibriVox haben. Man hat bei dem Buch den Eindruck, E.T.A. Hoffmann habe eine Fortsetzung zu Bulemanns Haus von Storm geschrieben.

Es ist nicht geheuer in dem alten Haus nebenan, davon sind die Dienstboten im Hause Hechner fest überzeugt und auch im Städtchen gehen wunderliche Geschichten um von Lichtern in der Nacht und dem alten Herrn Quetzlinberger, der dort schon seit wohl 100 Jahren seine einsame Wacht halten soll. Manch einer möchte wohl gerne einmal einen Blick riskieren hinter die gelben Seidengardinen, doch das Haus ist verschlossen und versiegelt, denn schon lange streiten die Erben um das Haus und das hinterlassene Vermögen. Einzig die kleine Marie Hechner ist einmal durch die Verbindungstür im Treppenhaus des Hechnerschen Hauses nach nebenan geschlüpft und hat wunderliche Dinge dort gesehen. Oder war das alles nur ein Äthertraum? Jahre später, als das Erlebnis fast vergessen ist, nähert sich der Prozess um das Quetzlinbergersche Erbe seinem Höhepunkt. Der junge Herr Schierling soll sich als Haupterbe legitimieren. Gastfreundlich wird er von Familie Hechner aufgenommen, doch Marie kann es kaum fassen, als sie in ihm Gundelrebe aus ihrem Traum, einen der geisterhaften Bewohner des alten Hauses erkennt. Sein Hauptgegner in dem Prozess ist Doktor Hetzelhofer, der mit seiner Schwester, einer Freundin Maries, und seinem Famulus Schwiebus gegenüber dem verschlossenen Haus wohnt. Schwiebus‘ freundliches Wesen bildet einen krassen Gegensatz zu den grausigen fantastischen Geschichten, die er manchmal erzählt. Auch er scheint eine Verbindung zu dem alten Haus zu haben.

Ich wollte es unbedingt aufnehmen, nachdem ich es gelesen hatte, aber es war mir immer ein bisschen lang, andere Texte waren reizvoller und so habe ich es lange vor mir her geschoben. Bis dann Karlsson einen anderen Text von Gerstäcker ausgenommen hat: Das Wrack. Und da ich Karlssons Geschmack schon ein bisschen kannte, kam mir der Verdacht, Das alte Haus könne auch ihn interessieren. Also habe ich mal ganz beiläufig erwähnt, dass ich gerne Das alte Haus aufnehmen würde. Karlsson bestätigte meinen Verdacht und ohne langes hin und her haben wir uns darauf geeinigt, das Buch gemeinsam aufzunehmen. Die Arbeit daran gehört zu den angenehmsten Erfahrungen, die ich je bei LibriVox gemacht habe und ich denke, das merkt man dem Hörbuch auch an. Danke, Karlsson!

Bei der Recherche für dieses Post bin ich auf diesen interessanten Artikel in Das Blättchen gestoßen. Gerstäcker wird ja immer noch neu aufgelegt, aber wie der Blättchen-Autor Matthias Käther berichtet, hauptsächlich in stark überarbeiteter Form, was sehr schade ist. Ich halte das Kürzen und Überarbeiten alter Texte nicht per se für schlecht. Es kann dazu beitragen, einem Autor neue Leserschaft zu erschließen, aber eine Bearbeitung sollte auf jeden Fall gekennzeichnet sein und der Zugang zu den Originalen gewährleistet bleiben. Wie schön, wie wichtig ist es da, dass wir heute Digitalisate der Originalpublikationen von vielen Autoren über das Internet jederzeit zur Verfügung haben. Von Gerstäcker findet sich vieles im Zentralen Verzeichnis digitalisierter Drucke, besonders auch Sammelbände seiner kleineren Schriften, die er selbst besorgt hat.

Das ZVDD ist überhaupt eine Fundgrube für alte Texte, hier gibt es vieles, das noch nicht auf Gutenberg.org, Zeno.org oder Gutenberg DE zu finden ist und das man auch bei Archive.org vergeblich sucht. Die Scanns sind meist von sehr guter Qualität. Mehrere Gerstäcker Sammelbände habe ich mir dort besorgt und das eine oder andere wird bestimmt über kurz oder lang in der Prosa-Sammlung bei LibriVox auftauchen.

Quellen und Links:

Wikipedia
Allgemeine deutsche Biographie
Wikisource (Liste von Veröffentlichungen mit Links zu Quellen)
Gerstäcker bei ABLIT
Gerstäcker bei LibriVox
ZVDD Startseite
Auch MobileRead hat einiges von Gerstäcker. Titel und Links finden sich in dieser Liste.

Frisch geschlüpft: Die freudlose Gasse

von Hugo Bettauer (1872-1925)

gelesen von crowwings Ramona Deininger-Schnabel

Krimi im zwielichtigen Milieu Wiens in den goldenen 20er Jahren. Ein rätselhafter Mord, ein junges Mädchen, das aus Geldnot an eine ,Vermittlerin’ gerät, und ein ambitionierter Reporter, der allen Dingen auf den Grund zu gehen versucht, und sich dabei unerwartet verliebt … (Zusammenfassung von crowwings)

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Sozialkritische Unterhaltung aus den gar nicht so goldenen 20ern. Ich hatte die Freude, Probehörer zu sein, Buch und Lesung haben mir viel Spaß gemacht.

Frisch geschlüpft: Sammlung deutscher Gedichte 14

Das Jahr fängt gut an! Eine neue Sammlung mit 20 Gedichten ist fertig geworden. Diesmal mit:

Der Mond ist aufgegangen von Matthias Claudius gelesen von Claudia Salto
Die Bürgschaft von Friedrich Schiller gelesen von Julia Niedermaier
Waldnacht von Hermann Lingg gelesen von Hokuspokus
Herr Oluf von Johann Gottfried Herder gelesen von Hokuspokus
Erlkönig von Johann Wolfgang von Goethe gelesen von Hokuspokus
Der frohe Wandersmann von Joseph von Eichendorff gelesen von Claudia Salto
Ein feste Burg ist unser Gott von Martin Luther gelesen von Claudia Salto
Der Panther von Rainer Maria Rilke gelesen von Malone
Des Baches Wiegenlied von Wilhelm Müller gelesen von Malone
Wer weiß wo von Detlev von Liliencron gelesen von Karlsson
Herbstlich sonnige Tage von Emanuel Geibel gelesen von Claudia Salto
Ganz entsetzlich ungesund von Heinrich Heine gelesen von Rebecca Braunert-Plunkett
Seraphine von Heinrich Heine gelesen von Hokuspokus
Die Fahn‘ im Friedhof von Hermann von Gilm gelesen von OldZach
Lore Lay, die Zauberin von Clemens Brentano gelesen von OldZach
Die Sinnsprüche Omars des Zeltmachers von Omar Khayyám gelesen von Algy Pug
Die Kartenlegerin von Adelbert von Chamisso gelesen von Hokuspokus
Das Zauberschwert von Franz Grillparzer gelesen von Hokuspokus
Begegnung von Conrad Ferdinand Meyer gelesen von Hokuspokus
Winter von Adelbert von Chamisso gelesen von Hokuspokus

Download bei LibriVox

Euch allen eine guten Start ins neue Jahr und viel Freude und Erfolg bei all Euren Projekten.

Wäre doch schön, wenn wir uns nicht nur lesen sondern auch mal hören würden. Wenn sich die eine oder der andere selbst mal als Vorleser probieren möchte, die nächste Sammlung ist hier schon in Arbeit.