Der falsche Engel

Zu Weihnachten habe ich das Buch bekommen, dass auf meinem Wunschzettel stand: Gustav Meyrink – Ein Leben im Bann der Magie von Hartmut Binder. Ein dickes Buch, 784 Seiten und bestimmt 3 kg schwer, randvoll mit sorgfältig recherchierten Informationen zu Meyrinks Vita und mit sehr vielen Fotos von Orten und Menschen, die in Meyrinks Leben eine Rolle spielten. Spannende Lektüre, ich werde berichten, wenn ich durch bin.

Doch gleich in der Einleitung versetzt Binder mir einen Schock: „Besonders ‚beeindruckend‘ in diesem Zusammenhang ist die von Joseph Strelka verfaßte Einleitung zu Meyrinks Roman Der Engel vom westlichen Fenster, der – aber das ist schon wieder eine andere Geschichte – gar nicht von Meyrink selbst stammt.“

WAS!?!

Was nehme ich doch gerade für Legamus auf! Rasch das betreffende Kapitel aufgeblättert: Der Autor soll Friedrich Alfred Schmid Noerr (1877-1969) sein, ein Freund Meyrinks aus den Starnberger Jahren. Aber dann wäre das Buch ja gar nicht gemeinfrei! Dafür will ich Beweise sehen! Und Beweise bringt Binder. Keine stilistische Analyse, die man glauben kann oder auch nicht, nein, ganz handfeste Beweise. Im Nachlass von Schmid Noerr befindet sich die erste Fassung vom Engel in Schmid Noerrs Handschrift. In Meyrinks Nachlass nur der Durchschlag einer überarbeiteten Fassung. Es gibt ein Angebot von Meyrinks Verlages über 15.000 Mark für einen neuen Roman und ein Vertrag zwischen Meyrink und Schmid Noerr, wonach Schmid Noerr die Hälfte Einkünfte des Romans bekommen soll. Die beiden haben einen Coup ausgeheckt, um an die 15.000 Mark zu kommen. Schmid Noerr ist nach Prag gefahren, um sich mit der Stadt vertraut zu machen, in der wichtige Teile des Buches angesiedelt sind. Anhand seines Skizzenbuches kann man nachvollziehen, dass er sich in der Altstadt verlaufen hat und dabei in eine Sackgasse mit einem Brunnen und einem bestimmten Hauszeichen geriet. Später im Roman verläuft sich auch John Dee und kommt an diesen Brunnen und dieses Hauszeichen.

Das überzeugt mich leider restlos. Und auch stilistisch hätte ich schon längst etwas merken müssen. Der Engel ist tatsächlich sehr anders als die anderen Meyrink Bücher. Es gefällt mir besser als Der Golem und Walpurgisnacht, weil es gefälliger erzählt ist, und gefällig erzählt Meyrink eigentlich nie. Also kein Engel für Legamus, dabei war ich zu 2/3 fertig. Und es dauert noch 26 Jahre, bis das Buch tatsächlich gemeinfrei wird.

Von Schmid Noerr hatte ich vorher noch nie etwas gehört, obwohl der Autor heute noch neu aufgelegt wird. Wären seine Text schon gemeinfrei, gäbe es sicher das eine oder andere von ihm bei den einschlägigen Seiten, aber so entschwindet er langsam aber um so sicherer aus dem öffentlichen Bewusstsein. In 26 Jahren wird kaum jemand sich an ihn erinnern und seine Werke werden größtenteils ins Altpapiernirwana entschwunden sein. Die Schutzfrist von 70 Jahren nach dem Tod des Autors ist einfach viel zu lang. Natürlich soll der Autor Zeit Lebens alle Rechte an seinem geistigen Eigentum haben. Auch die Verlage brauchen Planungssicherheit und wenn es für die Kinder von am Hungertuch nagenden Autoren ein bisschen was zu erben gibt, ist das auch nur fair. Aber braucht es wirklich 70 Jahre? Würden 25 oder 50 Jahre nicht genügen? Auch mit gemeinfreien Inhalten lässt sich Geld verdienen, nur müssen die Werke und Autoren dazu wenigstens ein bisschen bekannt sein. Je länger die Schutzfrist dauert, desto weniger schützt sie die Interessen der Autoren, die ja schließlich gelesen werden wollen, desto mehr wird das Urheberrecht zu einer Mauer des Vergessens. Schade eigentlich.

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5 Gedanken zu „Der falsche Engel

  1. Das ist ja ein starkes Stück. Und es tut mir sehr Leid für Dich, da ich weiß, wie lange Du schon am Engel gearbeitet hast und wie schwer das manchmal war. Wenn Du dieses Buch nicht bekommen hättest, wäre Deine Lesung demnächst erschienen, und jetzt soll alles vergeblich gewesen sein… Das Urheberrecht ist wahrlich eine vertrackte Sache.

    Hast Du das gelesen: http://parapsychologie.ac.at/programm/ss2009/harmsen.pdf ? Demnach war Binder wohl zunächst selbst nicht der Meinung, dass Schmid Noerr (Mit-)Autor des Engels am westlichen Fenster war.

    • Danke Karlsson, das tut mir gerade richtig gut.
      Der Link ist sehr interessant. In der Amsterdamer Meyrink Sammlung würde ich mich gerne mal umschauen dürfe. Der Binder aus diesem Text ist aber nicht der Autor der Biographie.

  2. Ich finde die ganze Praxis der Gemeinfreiheit nach dem Tod eines Künstlers etwas fragwürdig. Weil ja dann doch meist keine Stiftung oder etwas ähnliches profitiert, sondern die Nachkommen – was aber haben die mit dem Talent ihres Vorfahren zu tun? Ich denke da an den konkreten Fall eines deutschen, auch politisch verfolgten Dichters, dessen Enkel jeden verklagen, der ihn auch nur ansatzweise zitiert – und somit wird er eben, wie du richtig darstellst, nicht zitiert, es wird nicht erinnert. Solange die Zitate nicht gewerblichen Zwecken dienen, sollte hier mehr Spielraum sein – im Sinne der verstorbenen Künstler. Die gewinnerzielende Vermarktung ist etwas anderes.

    • Bei den Enkeln könnte man fast schon vermuten, sie hätten Ihren Großpapa nicht gemocht, wenn sie schon bei Zitaten klagen.
      Die Erben von S N scheint es bislang wenig zu kümmern, dass der Engel immer noch überall unter Meyrink firmiert, vielleicht gerade mit dem Hintergedanken, dass der Text eine gute Werbung für sein weiteres Werk ist.
      Ich könnte versuchen, diese Erben ausfindig zu machen und eine Erlaubnis einzuholen, aber das wird sicher schrecklich schwierig. Hm …

  3. Pingback: Neues vom Engel | Hauptsache Bücher

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