Erich Mühsam: Unpolitische Erinnerungen

Ich blicke zurück. Hinter mir liegt das Caféhaus, die Boheme, der ungefegte Ballsaal des sorglosen Lebensspiels: Erinnerung – schöne, frohe, liebenswerte Erinnerung; aber keine Sehnsucht nach dem Vergangenen; keine Spur eines Zurückverlangens nach jenen Freuden und Gefahren des Zigeunertums. Das ist vorbei; das liegt hinter mir – endgültig. So wäre denn wohl nichts mehr dagegen einzuwenden, in diesem Teil meiner Vergangenheit, von dem der Gegenwart kaum etwas mehr gehört, zu graben. Ein paar hübsche Anekdoten werden dabei jedenfalls zutage kommen, ein paar Lichter werden auf die Charakterbilder von Menschen fallen, die ihrer Zeit von ihrem Geiste gaben; ein paar Persönlichkeiten, zu Unrecht vergessen oder verkannt, werden aus dem Schatten gehoben werden. Vielleicht lohnt es wirklich, im Gedächtnis zu wühlen und einige Kleinigkeiten zusammenzutragen, von denen dies und jenes späterhin einmal einem fleißigen Seminaristen als Beitrag zu seiner literarhistorischen Doktordissertation dienen mag.

Mühsam schrieb seine Unpolitischen Erinnerungen 1926-27, als er fast 50 Jahre alt war. Er beginnt mit seinen Erinnerungen in der Kindheit, er hat als Schulbub die Reventlow vom Sehen gekannt, und endet mit dem Tod Wedekinds 1914. Am Anfang, scheint mir, tat er sich ein bisschen schwer, aber nach ein paar Kapiteln kommt er ins Erzählen und dann will man gar nicht mehr aufhören zu lesen. Die Boheme in Berlin und vor allem in München Anfang des 20. Jahrhunderts wird aus seinen Worten lebendig. Was für ein wildes, kreatives Durcheinander von Menschen, Ideen, Visionen und Alltagssorgen! Und Mühsam war mit allem bekannt, was in der Schwabinger Boheme Rang und Namen hatte: Reventlow, Meyrink, Dauthendey, Heinrich Mann, Wedekind, …

Besonders interessant, wenn man wie ich, gerade 1913. Der Sommer des Jahrhunderts von Florian Illies (hier vorgestellt von Sätze&Schätze) gelesen hat. Mühsam beleuchtet die selbe Zeit sozusagen von unten.

Unpolitische Erinnerungen eines politischen Menschen! Aber warum soll ein Ackerbauer nicht, ehe das Korn schnittreif ist, die Blumen holen aus seinem herbstelnden Garten? Die Arbeit auf dem Felde wird darum doch getan.
Ich soll Memoiren schreiben? Ich werde euch, meine Freunde, hin und wieder ein paar Blumen aus dem Garten holen. Aber ich habe, wenn auch die Fünfzig bald da sind, auf meinem Ackerfelde noch viel zu tun.

Fazit: Sehr lesenswert!

Unpolitische Erinnerungen als eBook bei MobileRead
Prosa von Erich Mühsam, ebenfalls bei MobileRead

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3 Gedanken zu „Erich Mühsam: Unpolitische Erinnerungen

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