Frisch geschlüpft: Schwarzwaldau

von Karl von Holtei (1798-1880) gelesen von verschiedenen Vorlesern

Das Buch Schwarzwaldau (1856) ist einer der frühesten Vertreter des Genres „Thriller“ in der deutschen Sprache. Die Handlung öffnet mit den unglücklichen Beziehungen zwischen Emil von und zu Schwarzwaldau, seiner Frau Agnes und dem Jäger Franz. Emil und Franz sehen sich beide in ausweglosen Situationen und entscheiden sich unabhängig voneinander gleichzeitig zum Selbstmord, begegnen sich jedoch zufällig kurz vor ihren Taten und verhindern dadurch den Freitod des jeweils anderen. Die Dreiecksbeziehung der beiden mit Emils Frau Agnes, die der Grund für die Verzweiflung beider Männer ist, wird dadurch jedoch nicht entschärft, sondern entwickelt sich durch den Besuch von Agnes‘ Jugendfreundin Caroline und die Freundschaft mit dem Nachbarn Gustav zu einer komplizierten Fünfecksbeziehung. Es dauert nicht lang, bis das kleine Dorf Schwarzwaldau durch den ersten Todesfall erschüttert wird … (Zusammenfassung von Carolin)

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Frisch geschlüpft: Mein Weg als Deutscher und Jude

von Jakob Wassermann (1873-1934)

gelesen von Rebecca Braunert-Plunkett

Die Autobiographie „Mein Weg als Deutscher und Jude“ skizziert die Lebens- und Sinnsuche des Schriftstellers Jakob Wassermanns. Die Schilderung ist geprägt von der Alltagserfahrung des mehr oder weniger latenten Antisemitismus seiner Zeit und dem Aufbegehren gegen Grenzen und Vorurteile.  (Zusammenfassung von Rebecca Braunert-Plunkett)

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Wassermann ist auch ein Autor, den man nicht vergessen sollte.

Der falsche Engel

Zu Weihnachten habe ich das Buch bekommen, dass auf meinem Wunschzettel stand: Gustav Meyrink – Ein Leben im Bann der Magie von Hartmut Binder. Ein dickes Buch, 784 Seiten und bestimmt 3 kg schwer, randvoll mit sorgfältig recherchierten Informationen zu Meyrinks Vita und mit sehr vielen Fotos von Orten und Menschen, die in Meyrinks Leben eine Rolle spielten. Spannende Lektüre, ich werde berichten, wenn ich durch bin.

Doch gleich in der Einleitung versetzt Binder mir einen Schock: „Besonders ‚beeindruckend‘ in diesem Zusammenhang ist die von Joseph Strelka verfaßte Einleitung zu Meyrinks Roman Der Engel vom westlichen Fenster, der – aber das ist schon wieder eine andere Geschichte – gar nicht von Meyrink selbst stammt.“

WAS!?!

Was nehme ich doch gerade für Legamus auf! Rasch das betreffende Kapitel aufgeblättert: Der Autor soll Friedrich Alfred Schmid Noerr (1877-1969) sein, ein Freund Meyrinks aus den Starnberger Jahren. Aber dann wäre das Buch ja gar nicht gemeinfrei! Dafür will ich Beweise sehen! Und Beweise bringt Binder. Keine stilistische Analyse, die man glauben kann oder auch nicht, nein, ganz handfeste Beweise. Im Nachlass von Schmid Noerr befindet sich die erste Fassung vom Engel in Schmid Noerrs Handschrift. In Meyrinks Nachlass nur der Durchschlag einer überarbeiteten Fassung. Es gibt ein Angebot von Meyrinks Verlages über 15.000 Mark für einen neuen Roman und ein Vertrag zwischen Meyrink und Schmid Noerr, wonach Schmid Noerr die Hälfte Einkünfte des Romans bekommen soll. Die beiden haben einen Coup ausgeheckt, um an die 15.000 Mark zu kommen. Schmid Noerr ist nach Prag gefahren, um sich mit der Stadt vertraut zu machen, in der wichtige Teile des Buches angesiedelt sind. Anhand seines Skizzenbuches kann man nachvollziehen, dass er sich in der Altstadt verlaufen hat und dabei in eine Sackgasse mit einem Brunnen und einem bestimmten Hauszeichen geriet. Später im Roman verläuft sich auch John Dee und kommt an diesen Brunnen und dieses Hauszeichen.

Das überzeugt mich leider restlos. Und auch stilistisch hätte ich schon längst etwas merken müssen. Der Engel ist tatsächlich sehr anders als die anderen Meyrink Bücher. Es gefällt mir besser als Der Golem und Walpurgisnacht, weil es gefälliger erzählt ist, und gefällig erzählt Meyrink eigentlich nie. Also kein Engel für Legamus, dabei war ich zu 2/3 fertig. Und es dauert noch 26 Jahre, bis das Buch tatsächlich gemeinfrei wird.

Von Schmid Noerr hatte ich vorher noch nie etwas gehört, obwohl der Autor heute noch neu aufgelegt wird. Wären seine Text schon gemeinfrei, gäbe es sicher das eine oder andere von ihm bei den einschlägigen Seiten, aber so entschwindet er langsam aber um so sicherer aus dem öffentlichen Bewusstsein. In 26 Jahren wird kaum jemand sich an ihn erinnern und seine Werke werden größtenteils ins Altpapiernirwana entschwunden sein. Die Schutzfrist von 70 Jahren nach dem Tod des Autors ist einfach viel zu lang. Natürlich soll der Autor Zeit Lebens alle Rechte an seinem geistigen Eigentum haben. Auch die Verlage brauchen Planungssicherheit und wenn es für die Kinder von am Hungertuch nagenden Autoren ein bisschen was zu erben gibt, ist das auch nur fair. Aber braucht es wirklich 70 Jahre? Würden 25 oder 50 Jahre nicht genügen? Auch mit gemeinfreien Inhalten lässt sich Geld verdienen, nur müssen die Werke und Autoren dazu wenigstens ein bisschen bekannt sein. Je länger die Schutzfrist dauert, desto weniger schützt sie die Interessen der Autoren, die ja schließlich gelesen werden wollen, desto mehr wird das Urheberrecht zu einer Mauer des Vergessens. Schade eigentlich.

Frisch geschlüpft: Jonathan Frock

von Heinrich Zschokke (1771-1848)

gelesen von Ramona Deiniger-Schnabel

Jonathan Frock hat es nicht leicht, zunächst wird er als Hauslehrer entlassen, weil er den Kindern zu viele freie Gedanken einflösst, und dann schlägt er sich als freiberuflicher Schreiber auch mehr schlecht als recht durchs Leben. Bei liebevollen Bekanntschaften hält er sich auffallend zurück, weil er ein schweres Geheimnis mit sich herumschleppt. Aber dann droht im ein Gerichtstermin! (Summary by crowwings)

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Ein neuer Zschokke, wie schön! Diese Geschichte kenne ich noch nicht und bin schon sehr gespannt darauf.

Fröhliche Weihnachten

Liebe Leser,

dass ich mit dem Blog angefangen habe, war sicherlich eins der großen Abenteuer dieses Jahres. Ich habe sehr viel gelernt, eine Menge Sympathie und Unterstützung erfahren, interessante Menschen kennengelernt und großen Spaß gehabt. Dafür danke ich Euch allen. Ich danke Euch für die Likes und Kommentare, für’s Folgen und Lesen, ich danke Euch für Eure interessanten, spannenden und lustigen Blogbeiträge, für viele Denkanstöße, Einsichten und Anregungen.

In meiner Familie versuchen wir, uns dem Konsumterror so weit wie möglich zu entziehen, aber irgendwie schreit die dunkle Zeit des Jahres nach einem Fest, einem Licht, nach Familie und Freunden, ja und auch nach gutem Essen und Trinken und guten Gesprächen.

In diesem Sinne, habt ein wunderschönes Weihnachtsfest oder wenn Ihr nicht Weihnachten feiert, geniest die Zeit auf Eure Weise.

Wir lesen uns, und darauf freue ich mich!

Herzlichst, Hokuspokus

Audio: Wintersonne von Max Dauthendey

Erich Mühsam: Unpolitische Erinnerungen

Ich blicke zurück. Hinter mir liegt das Caféhaus, die Boheme, der ungefegte Ballsaal des sorglosen Lebensspiels: Erinnerung – schöne, frohe, liebenswerte Erinnerung; aber keine Sehnsucht nach dem Vergangenen; keine Spur eines Zurückverlangens nach jenen Freuden und Gefahren des Zigeunertums. Das ist vorbei; das liegt hinter mir – endgültig. So wäre denn wohl nichts mehr dagegen einzuwenden, in diesem Teil meiner Vergangenheit, von dem der Gegenwart kaum etwas mehr gehört, zu graben. Ein paar hübsche Anekdoten werden dabei jedenfalls zutage kommen, ein paar Lichter werden auf die Charakterbilder von Menschen fallen, die ihrer Zeit von ihrem Geiste gaben; ein paar Persönlichkeiten, zu Unrecht vergessen oder verkannt, werden aus dem Schatten gehoben werden. Vielleicht lohnt es wirklich, im Gedächtnis zu wühlen und einige Kleinigkeiten zusammenzutragen, von denen dies und jenes späterhin einmal einem fleißigen Seminaristen als Beitrag zu seiner literarhistorischen Doktordissertation dienen mag.

Mühsam schrieb seine Unpolitischen Erinnerungen 1926-27, als er fast 50 Jahre alt war. Er beginnt mit seinen Erinnerungen in der Kindheit, er hat als Schulbub die Reventlow vom Sehen gekannt, und endet mit dem Tod Wedekinds 1914. Am Anfang, scheint mir, tat er sich ein bisschen schwer, aber nach ein paar Kapiteln kommt er ins Erzählen und dann will man gar nicht mehr aufhören zu lesen. Die Boheme in Berlin und vor allem in München Anfang des 20. Jahrhunderts wird aus seinen Worten lebendig. Was für ein wildes, kreatives Durcheinander von Menschen, Ideen, Visionen und Alltagssorgen! Und Mühsam war mit allem bekannt, was in der Schwabinger Boheme Rang und Namen hatte: Reventlow, Meyrink, Dauthendey, Heinrich Mann, Wedekind, …

Besonders interessant, wenn man wie ich, gerade 1913. Der Sommer des Jahrhunderts von Florian Illies (hier vorgestellt von Sätze&Schätze) gelesen hat. Mühsam beleuchtet die selbe Zeit sozusagen von unten.

Unpolitische Erinnerungen eines politischen Menschen! Aber warum soll ein Ackerbauer nicht, ehe das Korn schnittreif ist, die Blumen holen aus seinem herbstelnden Garten? Die Arbeit auf dem Felde wird darum doch getan.
Ich soll Memoiren schreiben? Ich werde euch, meine Freunde, hin und wieder ein paar Blumen aus dem Garten holen. Aber ich habe, wenn auch die Fünfzig bald da sind, auf meinem Ackerfelde noch viel zu tun.

Fazit: Sehr lesenswert!

Unpolitische Erinnerungen als eBook bei MobileRead
Prosa von Erich Mühsam, ebenfalls bei MobileRead

Nebensache: Feigenkonfekt

Plätzchen backen ist eine schöne Sache, aber mir kommen sie immer spätestens am 27.12. aus den Ohren. Wie wäre es denn mal mit was ganz anderem? Selbstgemachtes Feigenkonfekt zum Beispiel. Man kann es verschenken oder selbst essen und es ist ganz einfach zu machen. Ein ideales Last Minute Mitbringsel.

Man nehme:
eine Küchenmaschine mit Messer/Cutter
ca. 100 g Mandeln, überbrühen  und häuten, in der Küchenmaschine fein hacken
ca. 200 g getr. Feigen, harte Stielansätze entfernen, halbieren oder vierteln, zu den Mandeln in die Küchenmaschine geben und so lange weiter mit dem Messer bearbeiten, bis eine formbare Masse entstanden ist.

Das genaue Mengenverhältnis hängt ein bisschen vom Feuchtigkeitsgehalt der Feigen ab. Ist die Masse zu trocken, einfach noch ein paar Feigen zugeben, ist sie zu klebrig, braucht es mehr Mandeln.

Hasel- bis walnussgroße Kugeln formen, fertig! Man kann sie noch in fein gemahlenen Mandeln oder Puderzucken wälzen oder mit Kuvertüre überziehen, muss man aber nicht. Man kann das Konfekt auch mit anderen „Nüssen“ oder Trockenfrüchten zubereiten, Datteln und Cashewkerne, Aprikosen und Walnüsse, der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Und weil kein zusätzlicher Zucker oder Honig hinein kommt, ist das Konfekt auch nicht so süß.

Gustav Meyrink (1868-1932)

Von Meyrink war ja nun schon öfter die Rede, es wird Zeit, ihn ausführlich vorzustellen.

Geboren wurde er 1868 in Wien als unehelicher Sohn des württembergischen Staatsministers Karl von Varnbüler und der Hofschauspielerin Marie Meyer und hieß zunächst nach seiner Mutter Gustav Meyer. Den Engagements seiner Mutter folgend ging er in München, Hamburg und Prag zur Schule. Als unehelicher Sohn einer Schauspielerin im 19. Jahrhundert Abitur zu machen, das kann nicht einfach gewesen sein; in den Quellen heißt es, seine Kindheit sei unglücklich gewesen.

Als er mit 21 Jahren von seinem Vater „erhebliche Vermögenswerte“ (NDB) erhielt, gründete er in Prag zusammen mit Johann David Morgenstern, einem Neffen des Dichters Morgenstern, mit dem Meyrink verwandt war, das Bankhaus „Meyer und Morgenstern“. Glücklich hat das Vermögen ihn nicht gemacht, er trug sich mit Selbstmordgedanken, die er nur deshalb nicht ausführte, weil ein zufällig übersandtes Verlagsprospekt ihn zum Studium des Okkultismus anregte. Er war Mitglied in zahlreichen esoterischen Vereinigungen, aus denen er oft bald wieder austrat. Das Okkulte war um 1900 sehr in Mode, verschwurbelte Esoterik trieb die seltsamsten Blüten, aber Meyrink war kein verschwurbleter Schwärmer, er hatte ein wissenschaftliches Interesse und suchte nachprüfbaren Ergebnisse. Er unternahm Versuche in Alchemie, außersinnlicher Wahrnehmung und Telepathie. (Man kann dabei sehr seltsame Erfahrungen machen.)

1900 erkrankte er an einem Rückenmarksleiden, dass er mit Yoga therapierte, von dem er sich aber nie ganz erholte.

1902 verdächtigte man Meyrink des Betruges und nahm ihn in Untersuchungshaft. Die Anschuldigungen erwiesen sich als grundlos, aber der Skandal ruinierte sein Bankhaus. Notgedrungen wandte er sich der Schriftstellerei zu. Angeregt wurde er dazu von einem Schwager Alfred Kubins. Die Geschichte Der heiße Soldat soll erst im Simplicissimus erschienen sein, nach dem Ludwig Thoma sie aus dem Papierkorb gerettet hatte. Das war der Anfang einer Blitzkarriere. Meyrink wurde Mitarbeiter beim Simpicissimus. Seine satirischen Novellen wurden 1913 in drei Bänden gesammelt herausgegeben. Kurt Tucholsky hat sie geliebt. Er schreibt:

Ein neuer Klassiker

Wer hätte das gedacht! Meyrink, unser Gustav Meyrink in drei Bänden. Richtig in einer hübschen Kassette und: ›Gesammelte Schriften‹. Man wild alt.

Ja, nun werden ihn die Schulbuben in den Lesebüchern studieren müssen, und ich höre schon, wie mein kleines Enkelmädchen mühsam und ausdrucksvoll buchstabiert: »Bitt – Sie – was ist – das – – ei – gent – lich . . . Bus – – hi – – do – –? fragte der – Pan – ter – und – spielte – Ei – chel – ass – aus . . . « Und ihr fettes Fingerchen wird die Seiten herunter- und herauffahren müssen, und sie wird die Geschichte lesen von der Urne in Sankt Gingolph und die gemütvolle Legende vom Löwen Alois – und kurz und gut: da haben wir nun die ganze Teufelsbibel in drei Bänden wohlgeordnet vor uns liegen. Man wird alt.

Und liebevoll, nicht wie zum ersten Mal, aber schwelgend in Erinnerungen, lesen wir noch einmal alles, was uns damals aufrührte. Jeder hatte seinen eigenen Meyrink, jeder wußte neue Schönheiten zu berichten, die der andre noch gar nicht entdeckt hatte, und wenn wir uns abends nach Hause standen, brachen wir an jeder Straßenecke in ein Geheul aus (darob die Bürger erwachten), weil uns wieder etwas Neues eingefallen war von diesem Teufelskerl.

Wir kennen ja nun die hundert Meyrinks: den lyrischen und den hassenden und den lächelnden und den traurigen und den grinsenden und den schlagenden und den tötenden. Und beim Durchblättern ist uns manches wirklich neu, was wir vorher in alten Heften des ›März‹ und des ›Simplicissimus‹ uns zusammensuchen mußten, dürfen wir uns nunmehr auf der Zunge zergehen lassen: ›Die Belagerung von Serajewo‹ und ›Prag‹ und gar ›Montreux‹ – sehen Sie, das kannten Sie auch nicht! Und wenn man dann noch am Leben ist, darf man sich an dem bisher gänzlich unbekannten ›Wahrheitstropfen‹ erfreuen, an der Geschichte des Herrn Ohrringle. Und an ›Veronika, dem Heimatsschwein‹ und am ›Automobil‹.

Das Schönste aber an diesen reizenden Bändchen ist der Titel. Er ist sinnig, anheimelnd, und der Gebissene merkt erst etwas von seinem zerrissenen Hosenboden, wenn der trauliche Autor schon in weiter Ferne ist, das Hütel auf dem linken Ohr und leise pfeifend: »Drei Lihilien, dreihei Lihilien – die pflanzt ich auf mein Grab . . . «

Der Titel: ›Des deutschen Spielers Wunderhorn‹.

(Peter Panter in Die Schaubühne, 1914.)

1907 übersiedelte Meyrink nach München. Er war zu diesem Zeitpunkt zum zweiten Mal verheiratet und hatte ein Tochter. Sonst geben die Quellen über sein Privatleben nichts her. Er wird aber mehrfach in Erich Mühsams Unpolitische Erinnerungen erwähnt, die ich bei Gelegenheit als eBook aufbereiten und lesen werde.

Meyrink bekam ein monatlichen Fixums vom Verlag des Simplicissimus, aber es reichte nicht, um die Schulden aus dem Bankrott abzudecken und Meyrinks Lebensunterhalt zu sichern. Er arbeitete deshalb auch als Übersetzer, unter anderem von Charles Dickens und Rudyard Kipling. Er ist dabei reichlich frei mit den Originalen umgegangen.

1911 kaufte Meyrink ein Haus in Starnberg, dass er wegen finanzieller Probleme 1928 wieder verkaufen musste.

1915 erschien sein Roman Der Golem, der dank groß angelegter Werbung des Verlags ein Publikumserfolg und Meyrinks bekanntestes Werk wurde. Seine weiteren Romane, Das grüne Gesicht (1917) Walpurgisnacht (1917), Der weiße Dominikaner (1921), Der Engel vom westlichen Fenster (1927) werden immer esoterischer und konnten nicht an den Erfolg anknüpfen.

Kurt Tucholsky hat dann auch nur noch Das grüne Gesicht rezensiert. Er schreibt:

Ich zweifle nicht, daß Meyrink zu den einsichtsreichsten Menschen gehört, die unter uns leben. Er weiß ungeheuer viel – nicht Positiva, sondern eben das, was man nicht lernen kann –, er hat tief hinunter gesehen, und man muß ihn stets hochachten, eben um dieser Erkenntnis willen. […]

Es liegt also nicht etwa vor: Suchen der Gunst des Publikums. Es liegt aber wohl vor: Bewußtes oder unbewußtes Nachlassen der künstlerischen Kraft. Es ist schade, daß ein großer Erkenner uns einen großen Künstler kostet. Rechnet man dazu, daß sich heute alles, was sonst unterdrückt wird, unter dieses allumfassende Dach der Theosophie flüchtet, weil es sich in den unscharfen und verschwommenen Thesen wiedererkennt und bestätigt zu finden glaubt, so wird man die große Gefolgschaft dieser Bücher verstehen.

[…]

Der Meister zaubert wirklich – stellungslose Kommis und gelangweilte Damen hören zu, freuen sich an den bunten Glaskugeln und sehen den Gott nicht. Der bleibt im Tempel und lächelt. Und so ist in Wahrheit keinem geholfen. Der Meister selbst hat kein Publikum, und das Parkett bestaunt, im Grunde genommen, Kulissen.

(Ignaz Wrobel in Die Schaubühne, 1917)

Während des ersten Weltkriegs kam Meyrink auf sehr kuriose Weise mit der Freimaurerei in Berührung. Er erhielt vom Auswärtigen Amt in Berlin den Auftrag, einen Roman zu verfassen, der suggerieren sollte, dass die Freimaurer am Krieg schuld seien. Meyrink nahm den Auftrag an, verzögerte und verschleppte die Arbeit aber immer wieder, wohl im Bestreben, die Sache scheitern zu lassen. Der Auftrag wurde ihn entzogen und einem deutsch-nationalen Politiker übergeben, der mehrere Pamphlete über die freimaurerisch-jüdische Weltverschwörung verfasste, die später in der Nazi-Zeit besonders traurige Blüten trieb.

1927 konvertiert er vom Protestantismus zum Mahajana-Buddhismus.

Meyrink starb 1932 im Alter von 64 Jahren in Starnberg.

Bei den Recherchen zu diesem Beitrag bin ich auf ein Buch aufmerksam geworden, dass jetzt auf meinem Weihnachtswunschzettel steht: Binder, Hartmut (2009): Gustav Meyrink. Ein Leben im Bann der Magie. Prag.

Meyrink bei LibriVox

Meyrink bei MobielRead
Des deutschen Spießers Wunderhorn, zwei Bände. Band 1 und Band 2
Der Golem
Die Fledermäuse
Das grüne Gesicht
Walpurgisnacht
Der weiße Dominikaner
Vielen Dank an netseeker für Das grüne Gesicht, Der Golem und Der weiße Dominikaner

Quellen:
Wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Gustav_Meyrink
NDB: http://www.deutsche-biographie.de/xsfz62973.html
Literatur Portal Bayern: http://www.literaturportal-bayern.de/autorenlexikon?task=lpbauthor.default&pnd=118582046

Tucholsky über Meyrink bei Zeno.org:
http://www.zeno.org/nid/20005803624
http://www.zeno.org/nid/20005804272

siehe auch Meyrink bei Gutenberg DE http://gutenberg.spiegel.de/autor/413

Kritik

Es gibt da eine App, die die Hörbücher von LibriVox und Legamus! listet und streamt. Da ich kein App-taugliches Mobilgerät habe, weiß ich nicht, ob man eine App dafür braucht, wahrscheinlich kann man sich die Aufnahmen genau so gut über die Kataloge anhören. Diese App jedenfalls erfreut sich anscheinend ziemlicher Beliebtheit. Es gibt die Möglichkeit, Bewertungen in Form von Sternen und Kommentaren abzugeben, wovon die Nutzer auch regen Gebrauch machen. Die App-Leute unterhalten auch eine „richtige“ Homepage, allerdings ohne Bewertungs- und Kommentarfunktion.

Bewerten und kommentieren kann man für LibriVox-Aufnahmen bei Archive.org auch, da macht es aber kaum einer. Oft ist das einzige Feedback, dass man als Vorleser bekommt, das PL OK des Probehörers (PL OK = Aufnahme ist nach LibriVox Standards in Ordnung). Deshalb war ich auch ziemlich erfreut, dort mal die Meinung der Hörer zu lesen. Aber je länger ich mir das anschaue, desto weniger erfreut bin ich. Hier mal eine Auswahl, was man so zu lesen bekommt. Ich habe die Leser und Bücher, um die es geht, anonymisiert.

Schade …
(2 Sterne)
… das soviele Geschichten von XXX versucht vorzulesen werden. Diese kann man sich wirklich nicht anhören, weil […]

leider nicht gut
(1 Stern)
ich konnte mir das nur zwei drei minuten antun. leider hat der leser keine gute lese stimme. ich will nicht überheblich oder beleidigend wirken, aber für mich hat es sich wie ein frosch im blecheimer angehört

Frechheit
(0,5 Sterne)
Selbst Amateure sollten ein Mindestmaß an Kompetenz aufweisen, bevor sie so ein Machwerk herausbringen. Sind das Sprachschüler? Am Anfang habe ich gar nicht verstanden, daß es sich dabei um die deutsche Sprache handeln soll.
[Nur beim ersten Kapitel hat der Sprecher einen Akzent]

Schleeeeeeecht
(0,5 Sterne)
Bei dem Sch*** krieg ich Ohrenkrebs Nebenwirkungen der Geschichte: -ohren schmerzen -krebs -übelkeit -Kopf schmerze übrigens: Die erzählerstimme ist ne Kratzbürste oder???? :-\ sehr traurig 😥 …..das die Geschichte der größte mist ist……
[Weltliteratur]

XXX gut, Rest grAuenvoll
(2,5 Sterne)
XXX hat’s drauf. Leser von x-x nuschelt und verschluckt Worte. […] Leser von x ist einfach grauenvoll.
[XXX hat sich gar nicht über den Kommentar gefreut, wie ich weiß]

(2,5 Sterne)
wenn dass soweiter geht gebe ich ûberhaupt keine sterne mehr. Andauert soll ich eine Bewertung geben und springt es immer zum Anfang. Das ist kein Stern wert. Ich wollte es ausprobieren für den Urlaub aber so macht es kein Vergnügen und bekommt von mir Minus-Punkte.

(1 Stern)
die stimme nervt mich total

(1 Stern)
Die Gegenwartsform in der Geschichte, lässt Irrtümer aufkommen.

naja
(1,5 Sterne)
nicht so toll -_- ist ein weeeenig lahm -ich meinte total lahm-
[ist ein Sachbuch]

o_O
(0,5 Sterne)
Schitt it and shut up you ashol

Es gibt auch sehr viele positive Bewertungen und sehr nette Kommentare, tatsächlich mehr als negative, trotzdem kann ich so etwas nicht einfach abschütteln. Man sollte sich solche Kommentare nicht zu Herzen nehmen. Wenn man sich mit Eigenproduktionen in die Öffentlichkeit begibt, muss man damit rechnen, dass es nicht jedem gefällt. Das Internet ist kein netter Ort. Ja, schon klar, aber so was?! Das ist also unser Publikum, die Leute, für die wir Stunden um Stunden am Rechner sitzen? Um eine Stunde Audio zu produzieren, braucht ein Leser 4-6 Stunden Arbeitszeit. Lebenszeit, die wir verschenken. Auch die App-User bekommen die Aufnahmen geschenkt. Und wie meine Oma immer sagte, einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul.

Aber es ist mehr als der Mangel an großmütterlicher Erziehung, die mich wurmt. Es ist so verletzend, selbst dann, wenn die Kritik sich wie bei den Beispielen oben oft selbst disqualifiziert, selbst dann, wenn sie einen anderen Leser betrifft.

Ich weiß noch, wie stolz ich war, als ich meine erste Aufnahme fertig hatte. Kurz darauf kam eine alte Freundin zu Besuch und ich habe sie ihr ganz stolz vorgespielt. Sie hat ungefähr 1 Minute durchgehalten und dann gesagt, das müsse so klingen wie die Märchenschallplatten, die wir als Kinder hatten.

* schluck *

Ich hatte mich bemüht, es so zu machen. Offenbar mit wenig Erfolg. Das, was sie sagte und wie sie es sagte, hat mich so getroffen, dass ich beinahe nicht weiter gemacht hätte. Und das war noch nett im Vergleich. Kritik verletzt. Sie ist wichtig und nützlich, aber es kommt dabei sehr darauf an, von wem sie kommt und wie sie geäußert wird. Kritik von einem völlig Fremden über’s Internet ist nicht nützlich. Sie tut einfach nur weh, selbst wenn sie vielleicht gut gemeint war, wie diese hier:

(3 Sterne)
Nicht aufdringlich. Gut wenn melancholisch vorgetragen. jedoch voellig verfehlt wenn eine lebhafte Stimmung zum Ziel steht. Zudem hoert sich die nicht gedrueckte Stimme stellenweise stark voegelesen an. Alles in allem vielfach besser als was man sonst hoert. aber stark verbesserungsbeduerftig wenn auch grosses Potential besteht. Mut zur Emotion . Mut zur Freude und zum Feuer und man koennte dem Vorleser ungestoert zuhoeren

Sie bezieht sich auf Der Golem von Gustav Meyrink, mein drittes Solo, aufgenommen vor mehr als 5 Jahren. Das die Aufnahme so alt ist, hat der Kritiker offenbar nicht gewusst, hat ihn wohl auch nicht interessiert. Hätte ich damals so eine Kritik kurz nach der Veröffentlichung bekommen, ich hätte mein Mikro weggeschmissen und nie wieder einen Ton vorgelesen. Habe ich aber zum Glück nicht und dank der LibriVox Philosophie, jede Aufnahme anzunehmen und im Forum keine ungefragte Kritik zuzulassen, habe ich weiter gemacht und mit den Jahren einiges dazu gelernt.

Wir sind Amateure, das hört man auch. Aber ich finde, das macht gar nichts. Uns macht das Vorlesen Spaß und es gibt Leute, denen macht es Spaß uns zuzuhören. Und die andern sollen doch bitte zu dem Hörbuchverlag ihres Vertrauens gehen und dort Profi-Aufnahmen kaufen. Wenn sie da meckern, bekommen sie vielleicht sogar ihr Geld zurück. Und wenn sie im Internet mal wieder was geschenkt bekommen, das ihnen nicht gefällt, dann sollen sie doch bitte einfach den Mund halten und wo anders hin gehen.

„Er kann die Tinte nicht halten, und wenn es ihm ankommt, so besudelt er sich gemeiniglich am meisten.“ – Georg Christoph Lichtenberg Aphorismen

Am Rande: Niobe – Regina di Tebe von Agostino Steffani

Noch 166 Tage gibt es bei Arte live Web den Mitschnitt einer wunderbaren konzertanten Aufführung dieser Oper zu sehen. Es singen unter anderem Philippe Jaroussky und Karina Gauvin.

Das Libretto beruht auf einer Geschichte aus Ovids Metamorphosen. Die gibt es bei MobileRead gleich zwei mal: Hier und hier. Danke an mmat1, brucewelch und Josch91.

Bei LibriVox gibt es ein Hörbuch auf Englisch.

Der Komponist Agostino Steffani ist die heimliche Hauptfigur von Donna Leons Roman The Jewels of Paradise (Himmlische Juwelen), als Roman nicht so doll, aber die Biographie Steffanis, die im Laufe der Handlung entdeckt wird, ist ziemlich spannend.