Poesiealbum

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Bei mir im Regal gibt es zwei Poesiealben, eins noch aus der Schulzeit, dass mir lieb und teuer ist, wie viele von uns noch eins haben; oder auch nicht mehr, was schade ist. Das Poesiealbum ist wohl inzwischen ziemlich aus der Mode gekommen. Statt dessen gibt es Freundebücher mit vorgedruckten Linien, auf denen man sein Lieblingstier, seine Lieblingsfarbe u.s.w. aufschreiben soll, und natürlich einen vorgedruckten Rahmen für ein Foto. Aber wahrscheinlich ist auch dass inzwischen zu mühsam geworden.

Für mich war es immer eine ganz besondere Sache, wenn mir eine Klassenkameradin ihr kostbares Album anvertraut hat. Und welche Herausforderung waren die beiden jungfräulich weißen Seiten, auf denen ich mich verewigen sollte. Ich habe mir jedes mal ganz große Mühe gegeben, aber in Schönschrift hatte ich immer eine 4.

Am Ende der Grundschule habe ich mein Album von jemandem nicht zurückbekommen, bevor das Schuljahr zu Ende war. In der ganzen Aufregung um die neue Schule habe ich nicht mehr daran gedacht, erst wieder, als eine neue Freundin aus der neuen Klasse mir ihr Album in die Hand drückte. Aber da waren die Klassenkameraden aus der Grundschule schon in alle Winde zerstreut. Mein erstes Album habe ich nie wieder bekommen und so beginnt meine Kindheit mit der 5. Klasse, was das Poesiealbum angeht.

Das andere Album ist etwas ganz besonderes; ich habe es unter den Sachen meiner Großmutter gefunden, nachdem sie gestorben war. (Bild oben) Es ist ein Album, in das eine Frau namens Anna Brandt von 1868 bis 1873 in Schönschrift Gedichte abgeschrieben hat. Warum? Ich weiß es nicht. Waren das ihre Lieblingsgedichte? Möglicherweise. War es eine Schulaufgabe? Vielleicht. Ich weiß auch nicht, wer diese Frau war oder wie das Album in den Besitz meiner Großmutter gekommen ist.

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Die zarte Schrift in verblasster Tinte auf dem nachgedunkelten Papier berührt mich immer wieder ganz eigentümlich. Auf den ersten Seiten ist sie sehr sauber, akkurat, fast perfekt. Man merkt, wie viel Mühe sich Anna mit der Abschrift gegeben hat. Sie schreibt Sütterlin, wenn sie deutsch schreibt und benutzt eine lateinische Schreibschrift für englische und französische Gedichte. Später wird die Handschrift nachlässiger, Fehler und Verbesserungen kommen vor. Dann hat sie irgendwann aufgehört.

In den letzten Jahren hatte ich immer wieder den Gedanken, wie schön es doch wäre, wieder ein Poesiealbum zu haben und es bei den Menschen herumzugeben, die mir lieb und teuer sind, die mich unterstützt und inspiriert haben oder die aus welchem Grund auch immer ein wichtiger Teil meines Lebens sind. Und da sich ein guter Teil meines Lebens online abspielt, Freunde hunderte von Kilometern entfernt wohnen und man sich nur viel zu selten sieht, warum das Album nicht online anlegen? Und warum, da es hier ja um Literatur geht, das Album nicht auf dem Blog haben? Also habe ich angefangen herumzufragen, ob man vielleicht Lust hätte, ein Gedicht für so ein Album auszusuchen, keinen der üblichen Sprüche, ein richtiges Gedicht, das einen berührt, das einem wichtig ist. Und vielleicht auch ein Bild dazu auszusuchen, eine Audioaufnahme zu machen, ein paar Worte dazu zu schreiben, warum man gerade dieses Gedicht ausgesucht hat.

Die Reaktion waren zunächst verhalten, sehr verhalten, so dass ich den Plan fast schon wieder aufgegeben hatte. Aber dann kamen die ersten Zusagen und auch das erste Albumblatt kam zu mir zurück, so dass ich jetzt zuversichtlich genug bin, das Poesiealbum für Euch alle aufzublättern. Den ersten Eintrag gibt es gleich anschließend. Das Album geht weiter von Hand zu Hand und wie das bei einem Poesiealbum so ist, man kann nie wissen, wie lange es dauert, bis das nächste Albumblatt fertig ist.

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5 Gedanken zu „Poesiealbum

  1. Pingback: In allen vier Ecken | Philea's Blog

  2. Eine feine Idee, die mir sehr behagt. Wie gerne erinnere ich mich noch an die Einträge meines Poesiealbums … manche kenne ich noch auswendig, weil sie allzu skurril und schrullig auf mich wirkten, während ich sie als Erwachsene erneut las. Das gelbe Büchlein besitze ich noch immer.
    Liebe Grüße, mb

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