„Ezio“ von Christoph Willibald Gluck (1714-1787)

Hokuspokus war mal wieder in der Oper. Ezio ist eine Geschichte voller Intrigen, Gegenintrigen, Komplotten und Verrat, und natürlich, es ist ja eine Oper, auch unglücklicher Liebe. Dabei könnte alles so schön sein. Ezio (Sonia Prina) liebt Fluvia (Paula Murrihy) und Fluvia liebt Ezio, der gerade Attila besiegt hat und nun vom Volk als Held gefeiert wird. Auch Kaiser Valentiniano (Max Emanuel Cencic) ist zunächst voller Huld und Dankbarkeit, doch auch voller Begierde für die schöne Fluvia. Fluvias Vater Massimo (Beau Gibson) sieht in Valentinianos Werben um seine Tochter die lang ersehnte Chance, sich endlich am Kaiser zu rächen, der ganz unkaiserlich Massimos Gattin vergewaltigt hatte. Er bedrängt Fluvia, den Antrag anzunehmen und strickt gleichzeitig ein Mordkomplott gegen den Kaiser. Falls es schief geht, soll Ezio als Sündenbock herhalten, dazu träufelt Massimo vorsorglich schon mal dem Kaiser ins Ohr, dass Ezio beflügelt von der Gunst des Volkes, durchaus mehr wollen könnte, als nur den Dank des Kaisers, vielleicht gleich lieber den Thron. Um dem vorzubeugen und Ezio enger an sich zu binden, soll Ezio Onoria (Sofia Fomina), die Schwester des Kaisers, heiraten. Ezio, ganz Aufrichtigkeit und Treue, ahnt von alle dem nichts und gesteht Valentiniano, dass er Fluvia liebt. Böser Fehler. Das Mordkomplott geht schief, der Verdacht fällt auf Ezio und Fluvia kann nun entweder den Vater verraten, um den Mann, den sie liebt, zu retten, oder den Vater beschützen und Ezio sterben sehen. Doch der Kaiser hat Ezios Tod schon beschlossen. Durch einige weitere Verwicklungen ist Massimos Komplott so gut wie entdeckt und in einem verzweifelten Versuch sich selbst zu retten, versucht Massimo nun selbst ein Attentat auf den Kaiser. Doch in diesem Moment taucht der totgeglaubte Ezio wieder auf und rettet dem Kaiser das Leben. Valentiniano erkennt seine Fehler, wird geläutert und Ezio und Fluvia kriegen sich, ist ja schließlich eine Barockoper und ein Happy-End ist da Pflicht. So weit der wirklich spannende Plot der Oper, deren Libretto von Metastasio stammt, dem Star unter den Librettisten dieser Zeit. Das Libretto wurde unter anderem auch von Händel und Porpora vertont. In der „klassische“ Barockoper wird die Geschichte gekürzt, teils so weit, dass sie kaum noch einen Sinn ergibt. Übrig bleibt eine „Nummernrevue“ aus Bravurarien, durch kurze Dialoge (Rezitative) mehr oder weniger sinnvoll miteinander verknüpft. Gluck wollte weg davon und hin zu einem wirklichen Musik-Theater. Er beginnt, die starre Ordnung aus Arien und Rezitativen aufzulösen und behält die Dialoge, die andere Komponisten zugunsten der Arien rigoros zusammenstreichen, größtenteils bei. Das ist gut für den Plot, aber leider nicht so gut für die Musik. Ich kannte von Ezio nur die Highlights, die man bei YouTube findet (hier und hier) und hatte mich auf mehr davon gefreut, aber leider sind es nur diese zwei oder drei Highlights, der Rest sind schier endlose musikalisch eher langweilige Rezitative und noch endlosere Arien, in denen überwiegend lamentiert wird. Und bei diesem Plot hat einfach jede Figur was zu jammern. Wo sind die furiosen Zornesausbrüche, der herzzerreißende Liebesschmerz, zu dem die Geschichte hinreichend Anlass gegeben hätte? In der Musik habe ich sie nicht gefunden. Ich habe ja schon früher bekannt, dass ich eigentlich keine Ahnung von Musik habe, das mag ein Grund gewesen sein, warum ich mich gestern über weite Strecken schlicht gelangweilt habe. Dazu kam, dass die „Action“ sich überwiegend auf der linken Seite der Bühne abspielte und da ich links oben saß, konnte ich ziemlich wenig davon sehen. Ich habe tatsächlich überlegt, ob ich in der Pause nicht lieber gehen soll. Und ich war nicht die einzige, nach der Pause war der Zuschauerraum deutlich leerer. Es gab mehrere Gründe, warum ich doch geblieben bin, allen voran Max Emanuel Cencic als Valentiniano. Und jetzt muss ich mich einen Moment auf meine Hände setzen, um nicht in eine fanatische Lobeshymne auszubrechen. Ich schreibe einfach nur, dass er toll war, wundervolle Stimme, fantastischer Gesang, großartige schauspielerische Darstellung der Figur (ich hätte so gerne auf der anderen Seite gesessen, um mehr davon zu sehen). Unglaublich, welchen Ausdruck der Mann in einen einzigen Ton, eine einzigen Geste legen kann. Genug davon. Ich bin ein Fan. Der zweite Grund war Sonia Prina als Ezio, die gesanglich und darstellerisch ebenfalls wirklich ganz großartig war. Auch die anderen Sänger und Sängerinnen haben mir sehr gefallen. Und falls sich jetzt jemand wundert, dass der durchaus männliche Ezio von einer Frau gesungen wird – das war im Barock durchaus üblich, wenn für die Produktion kein geeigneter Kastrat zur Verfügung stand. Kastraten mit knabenhaft hohen Stimmen aber unglaublichem Lungenvolumen waren die Stars der Barockzeit. Der Film „Farinelli“ wird vielleicht dem einen oder anderen noch in Erinnerung sein. Seit es (zum Glück) an der Oper keine Kastraten mehr gibt, werden diese Partien von Frauen oder von Countertenören gesungen, von denen Cencic unbestritten einer der besten ist. (Ich würde jetzt schreiben: Der Beste, aber ich wollte ja nicht mehr schwärmen.) Wirklich sehenswert waren die Kostüme von Christian Lacroix, sehr schön anzuschauen (ich finde, Oper live sollte auch etwas Schönes zum Gucken sein), aber weit mehr als bloße Dekoration. Jedes Kostüm war eine feine und detaillierte Charakterisierung der Figur. Das Bühnenbild und die Regie waren unaufdringlich, was ich mag. Keiner hat das Rad neu erfinden oder die Geschichte auf den Kopf stellen wollen. In einer Kritik, die ich vorher gelesen hatte, wurde das Licht sehr gelobt. Ich fand es interessant, aber die einzelnen Effekte irgendwie zu schlaglichtartig und zusammenhanglos, was aber gut an meinem billigen Platz oben links gelegen haben kann. Jetzt würde ich gerne schreiben: Hingehen, angucken, aber das kann ich trotz Cencic, Prina und Lacroix nur denjenigen empfehlen, die sicher sind, die Musik von Gluck nicht langweilig zu finden. Und wenn, dann auf jeden Fall einen Platz in der Mitte oder rechts. Mehr Infos zu den weiteren Terminen, Szenenfotos und ein sehenswertes Video gibt es auf der Homepage der Oper Frankfurt. Der spannendste und emotionalste Moment des Abends war übrigens der, in dem ich mutterseelenallein nachts um halb zwölf vor dem Kassenautomaten des Parkhauses stand und das dumme Ding den einzigen Geldschein, den ich noch dabei hatte, einfach nicht schlucken wollte – es ging dann doch, nach gefühlten 100 Versuchen.

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