Warum ich meinen eBook-Reader liebe

Viele Bibliophile kommen ins Schwärmen, wenn vom Geruch und Gefühl neuer Bücher die Rede ist. Der Duft von Druckerschwärze und Papier, die Art, wie die jungfräulichen Seiten beim Durchblättern rascheln – das ist eine Lust, der ich mich auch nur schwer entziehen kann, eigentlich auch gar nicht will. Es ist einfach schön.

Oder das Gefühl, dass einen manchmal in Bibliotheken überkommt – Bücher über Bücher, Bildbände, gebundenen Bücher in Leder und Leinen, Taschenbücher, jedes eine Welt für sich – und wenn man in einer sehr fantasievollen Stimmung ist, meint man manchmal die Bücher miteinander wispern hören.

Bei eBooks wispert nix, riecht auch nix und rascheln tut schon gar nix. Dateien auf einem Speichermedium, was gibt es nüchterneres? Um wenigstens so ein bisschen Gefühl für die Bücher zu haben, speichere ich die Coverbilder extra ab, das ist dann ein klein wenig so wie die Auslage in einem Buchladen. Und trotzdem möchte ich meinen Reader nicht mehr missen.

Der Wunsch nach so einem Gerät kam auf, bald nach dem ich bei LibriVox angefangen hatte. Wir lesen fast ausschließlich von online verfügbaren Texten, wegen der besseren Überprüfbarkeit des Urheberrechts. Vom Bildschirm lesen macht nicht wirklich Spaß, die Augen ermüden, der Nacken verspannt sich. Beim Aufnehmen geht das kaum anders, aber vor dem Aufnehmen steht ja zunächst die Frage, was man aufnehmen möchte und um die interessanten Sachen zu entdecken, muss man lesen, lesen lesen. Für eine kurze Geschichte geht der Computerbildschirm gerade noch an, aber für einen ganzen Roman, 4 Stunden, 6 Stunden, 12 Stunden – nicht schön. Immer alles ausdrucken möchte man auch nicht. Das kostet Papier, Tinte, Strom und ist nicht wirklich gut für die Umwelt. Außerdem geht bei so vielen Seiten oft was schief, der Einzug hängt, das Papier geht aus, die Seiten kommen durcheinander. Da ist so ein Reader wirklich praktisch.

Ein paar Mausklicks entfernt bietet das Netz Tausende von Büchern, die es längst schon nicht mehr im Buchladen gibt und die oft auch antiquarisch nur schwer und schrecklich teuer zu haben sind. Vieles gibt es als fertig formatierte epubs, und es ist kein Geheimnis, dass eBooks von Liebhaberseiten wie MobileRead oft besser und schöner gemacht sind, als 99 Cent Kauf-eBooks oder auch buchpreisgebundenen Bestsellerausgaben. Der Internetgigant mit den zwei o gibt wenigstes einen winzigen Teil des Profits, den er mit all unseren Daten erwirtschaftet, dafür aus, Tonnen und Tonnen von Literatur zu scannen, inzwischen sogar lesbar. Und was es dort nicht gibt, findet sich bei archive.org. Mit ein bisschen Handarbeit kann man die Scanns auch für den Reader aufbereiten, wenn es noch kein korrektur-gelesenes OCR des Buches gibt. Es hat für mich einen besonderen Reiz, die in Fraktur gesetzte Seite eines alten Buches digital zu betrachten.

Der Bestand von hunderten von Bibliotheken für lau, frei Haus geliefert! Man muss sich das mal klar machen, man muss sich mal 20 oder 30 Jahre zurückversetzen, in die Zeit, als es das Internet so noch nicht gab. Man konnte Bücher kaufen, wenn sie neu genug waren, oder wirtschaftlich interessant genug, dass sich Neuauflagen für den einen oder anderen Verlag rechneten, man konnte Bücher leihen, in der Bibliothek oder von Freunden. Aber wehe, man wohnte auf dem Land, in der Provinz, und wollte so etwas seltsames wie Dauthendey oder von Heyking oder Panizza lesen. Damals hatte man kaum die Chance so einen Autor überhaupt lesen zu wollen, wenn man nicht gerade Germanistik studierte, denn man hätte sie schlicht nicht gekannt und ihre Bücher kaum je irgendwo gesehen. Außer vielleicht im Bücherschrank der Großtante. Und wenn die Großtante dann das Zeitliche segnete, was wurde dann aus ihren Bücher? Altpapier.

Heute sind die Bücher da und auf einen Wink mit der Maus auf den Reader verschoben. Dann kuschelt man sich ins Bett oder aufs Sofa und fängt an zu lesen. Und plötzlich ist es egal, ob man von einer Papierseite oder einem Readerbildschirm liest. Die Buchstaben bilden Worte, die Worte bilden Welten und entfalten ihre Magie, von Papier genau so wie vom Lesegerät.

Liebe Leser, Ihr merkt, ich rede von alten Büchern, gemeinfrei, ohne DRM. Dafür ist der Reader einfach fantastisch. eBook-Ausgaben von aktuellen Büchern, mit Kopierschutz, die man kaum verleihen oder verschenken kann, und all den Problemen, die sich in diesem Zusammenhang ergeben, das ist eine ganz andere Sache. Da überwiegen aus manchem Blickwinkel die Nachteile doch. Es ist aber schon praktisch, in dem kleinen Teil 10, 20 oder 100 Bücher immer dabei zu haben, im Urlaub, in der U-Bahn, im Wartezimmer. Und – man muss sie nicht abstauben.

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5 Gedanken zu „Warum ich meinen eBook-Reader liebe

    • Liebe Petra, Du hast natürlich völlig recht. Weil ich befürchtet habe, dass es nicht so schwer ist, wenn man das Gedicht kennt, wollte ich die Kommentare dort bis heute Abend ausgeschaltet lassen. Ich war deshalb so frei und habe Deinen Kommentar editiert.

  1. Danke für diese schönen und treffenden Ausführungen! Viele Leute sagen, wenn sie einen eReader sehen, ein Buch müsste doch aus Papier sein, man müsse blättern können usw., aber etliche von denen habe ich überhaupt noch nie mit einem Buch in der Hand gesehen.

    Für mich ist es auch das wichtigste, dass ich mit meinem eReader Bücher lesen kann, die es eigentlich gar nicht mehr gibt: Gutenberg oder Zeno sei dank. Da ist der Reader unschlagbar.

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