Frisch geschlüpft: LibriVox Adventskalender 2013

Dieser Adventskalender enthält für jeden Tag vom 1. bis zum 24. Dezember eine Aufnahme. Dieses Jahr sind dabei:

Dezember von Paula Demel gelesen von gelesen von Rebecca Braunert-Plunkett
Alles Still von Theodor Fontane gelesen von Julia Niedermaier
Waldlilie im Schnee von Peter Rosegger gelesen von Availle
Es schneit von Gustav Falke gelesen von Elli
Fliegenbitte von Hoffmann von Fallersleben gelesen von Julia Niedermaier
Lasst und froh und munter sein (Autor unbekannt) gelesen von Claudia Salto
Das erste im ersten Jahr des 20. Jahrhunderts von Selma Lagerlöf gelesen von Karlsson
Weihnacht am Atlas von Albert Richter gelesen von Lord Oider
Wunderweiße Nächte von Rainer Maria Rilke gelesen von Kara Shallenberg
Knecht Nikolaus von Luise Büchner gelesen von Rebecca Braunert-Plunkett
Das Mädchen mit den Schwefelhölzern von Hans Christian Andersen gelesen von Julia Niedermaier
Weihnachtsbesuch von Paula Dehmel gelesen von Rebecca Braunert-Plunkett
Die drei Spatzen von Christian Morgenstern gelesen von Julia Niedermaier
Winter auf dem Semmering von Peter Altenberg gelesen von Availle
Das Christkind von Rainer Maria Rilke gelesen von Hokuspokus
Winterfliegen von Heinrich Seidel gelesen von Ramona Deininger-Schnabel
Die Weihnachtsbäume von Gustav Falke gelesen von Elli
Weihnachten von Kurt Tucholsky gelesen von Herman Roskams
Weihnachten von Erich Mühsam gelesen von Hokuspokus
Wie man das Christkind beherbergen soll von Clemens Brentano gelesen von Julia Niedermaier & Rebecca Braunert-Plunkett
In der Christnacht von Ottokar Kernstock gelesen von Karlsson
Des Kaisers Vision von Selma Lagerlöf gelesen von Kajo
Weihnachten 1830 von Peter Rosegger gelesen von Availle
Die heilige Nacht von Selma Lagerlöf gelesen von Hokuspokus

Download bei LibriVox

Es macht uns jedes Jahr sehr viel Freude, den Adventskalender aufzunehmen. Ich wünsche Euch genau so viel Freude beim Zuhören. Die Adventskalender der letzten Jahre sind hier zu finden.

Wilhelm Hauff (1802-1827)

Eines meiner liebsten Bücher als Kind war Die schönsten Märchen von Wilhelm Hauff und mein Lieblingsmärchen war und ist immer noch Kalif Storch. Mutabor!

Es sind die Märchen, die wir bis heute von Hauff kennen, Zwerg Nase, Der kleine Muck, Das kalte Herz. Meine Ausgabe war nicht vollständig, eben nur die schönsten, und so ist auch wieder LibriVox dafür verantwortlich, dass ich alle Märchen in ihrer ursprünglichen Gestalt kennenlernte. Die Märchen sind in drei Bänden, als Almanach auf die Jahre 1826, 1827 und 1828 erschienen. Jeder Almanach hat eine Rahmenhandlung, in die die Märchen eingebettet sind. Die bekanntest Rahmenhandlung ist wohl Das Wirtshaus im Spessart aus dem dritten Almanach. Als Kind war ich vor allem fasziniert vom orientalischen Gepräge vieler Märchen aus dem ersten und zweiten Band und beim Wiederlesen war die Faszination nicht kleiner. Jetzt konnte ich alle Märchen inklusive Rahmenhandlung lesen; manche sind aus gutem Grund nicht in meiner Kinderausgabe enthalten, denn sie sind aus heutiger Sicht absolut nicht für Kinder geeignet (Die Geschichte von der abgehauenen Hand ist so blutig wie ein Thriller) und waren auch damals nicht für kleine Kinder gedacht. Märchen sind sowieso keine Kindergeschichten, das ist ein Missverständnis aus neuerer Zeit.

Die größte Überraschung aber war der Wikipedia-Artikel über Hauff. Als Kind habe ich mir keine Gedanken über Autoren gemacht, wenn überhaupt, habe ich mir den Märchenonkel Hauff als alten Herrn mit langem Bart vorgestellt. Doch Hauff hat die Märchen mit Anfang 20 geschrieben und leider ist er auch nicht viel älter geworden, er starb im Alter von 25 Jahren und hat das Erscheinen seines dritten Almanachs gar nicht mehr erlebt.

Geboren wurde Hauff am 29. November 1802 (er hätte heute Geburtstag) in Stuttgart. Er besuchte die Lateinschule in Thübingen und studierte an der dortigen Universität Theologie. 1824 wurde Hauff zum Dr. phil. promoviert. Von 1824 bis 1826 arbeitete er als Hauslehrer in Stuttgart bei Ernst Eugen Freiherr von Hügel. Im Januar 1827 wurde er Redakteur des Cottaschen Morgenblattes für gebildete Stände. Im November des selben Jahres starb er an einer Typhus-Erkrankung, die er sich während einer Reise durch Tirol zugezogen hatte.

Alle seine Veröffentlichungen fallen in die Jahre 1825-1827, wie die Märchen, aber er hat viel mehr geschrieben. Da sind z.B. die Mittheilungen aus den Memoiren des Satan (1825/1826). In der Einleitung beschreibt Hauff den Teufel als Gentleman, der mit seinem Charme eine ganze Tischgesellschaft in einem Gasthaus bezaubert. Was für ein Teufel! Das Motiv kennen wir heute zur Genüge aus Film, Funk und Fernsehen, aber 1825 war das neu, der Teufel neigte damals noch zu Pferdefuß und Schwefelgestank. Und erst das Kapitel über Satans Besuch bei Goethe, dem Zeus im Olymp der Literatur. Da kommt so ein junger, unbekannter Spring-ins-Feld und reibt sich frech und respektlos an dem großen Mann und wagt es, ihn und seinen Mephisto zu kritisieren. Hauff soll das später als seicht und unziemlich zurückgenommen haben. Schade.

Wirklich berühmt wurde er mit Der Mann im Mond, oder eigentlich mit Controvers-Predigt über H. Clauren und den Mann im Mond. Und das kam so. H. Clauren war damals ein unglaublich populärer Unterhaltungsschriftsteller, der süßlich Romanzen nach immer dem selben Muster verfasste und damit vor allem die weibliche Leserschaft entzückte. Von literarischer Qualität keine Spur. Hauff wollte dem Publikum den Geschmack an der überzuckerten Massenware ein für alle mal verderben, schrieb eine Satire nach dem bekannten Muster, eben den Mann im Mond und veröffentlichte sie 1825 unter dem Namen Claurens. Er hat es zu gut gemacht, oder zu schlecht, wie man es nimmt. Das Buch war ein Erfolg, niemand bemerkte die Satire. Es ist auch heute noch eine nette Lektüre, spannend und gut geschrieben, nur die bebenden Busen und kußlichen Mündchen allüberall stören ein wenig. Das Publikum damals hat es nicht gestört und so hat Hauff sich in einer öffentlichen Predigt 1827 als Autor zu erkennen gegeben und sein Absicht erklären müssen. Ein Skandal!

Weitgehend vergessen sind Hauffs Erzählungen, bis auf eine: Jud Süß, die Vorlage für den Nazi Propaganda Film. Ja, die ist von Hauff. War er ein Antisemit? Nicht mehr und nicht weniger als der Rest seiner Zeitgenossen, würde ich sagen. Es ist gut, dass uns antisemitische Klischees heute weh tut, dass das gedankenlose Nachplappern von Vorurteilen heute nicht mehr einfach hingenommen wird. Sorgen wir dafür, dass das so bleibt! Aber machen wir Hauff keinen all zu großen Vorwurf daraus. Auch in einem seiner Märchen hat er antisemitische Klischees benutzt, in Abner, der Jude, der nichts gesehen hat aus dem zweiten Märchenalmanach. Trotzdem war ich überrascht, dass dem Text Antisemitismus unterstellt wird. Mir scheint es vielmehr so, als dass sich jeder fühlende Mensch gegen die Ungerechtigkeit, die Abner in der Geschichte widerfährt, empören muss und dass das auch Hauffs Absicht war.

Aber die Geschichte von Abner ist noch aus einem anderen Grund interessant. Man vergleiche mal das Märchen mit dem Kapitel Erster Tag, Prima aus Der Name der Rose. Dann weiß man, wo Eco das her hat. Ob sich auch Kafka von Hauff hat inspirieren lassen, ist nicht ganz so offensichtlich, aber Ein Bericht für eine Akademie liest sich schon ein bisschen wie die Gegendarstellung zu Der Affe als Mensch (Der junge Engländer) auch aus dem zweiten Märchenalmanach.

Aber zurück zu den Erzählungen. Zwei möchte ich noch besonders erwähnen: Othello und Die Sängerin.

Othello ist auf den ersten Blick eine typische Erzählung der Romantik. Vor dem Hintergrund der Oper Othello entwickelt Hauff seine Geschichte über einen Mord, einen Fluch und eine verbotene Liebe. Aber die finsteren Einflüsse unnennbarer Mächte sind nicht die einzige Erklärung für die tragischen Ereignisse. Sie lassen sich auch durch eine Verkettung unglücklicher Zufälle und den Glauben an den Fluch begründen. Beides hält sich in der Erzählung die Waage, der Leser muss selbst entscheiden.

Um Mord geht es auch in Die Sängerin. Auf die Prima Donna Giuseppa Fiametti wird ein Mordversuch verübt. Ganz B … ist in Aufregung und man munkelt allerlei über die dunkle Vergangenheit der Sängerin. Medizinalrat Lange geht der Sache nach. Was der Freizeitdetektiv aufdeckt, ist heute noch brandaktuell: Kindesmissbrauch und Mädchenhandel. Das vor fast 200 Jahren zu thematisieren, war sicherlich sehr mutig. Abgesehen von Das Fräulein von Scuderi ist Die Sängerin die früheste Kriminalerzählung deutscher Sprache, die ich kenne.

Was hätte uns Hauff wohl noch alles schreiben können, wenn er länger gelebt hätte.

Werke von Hauff als Hörbücher bei LibriVox:
Märchen-Almanach auf die Jahre 1826, 1827 und 1828
Der Mann im Mond
Die Sängerin
Othello
u.a.

Werke von Hauff als eBooks bei MobileRead:
Der Mann im Mond Vielen Dank an Frodok.
Märchen-Almanach auf das Jahr 1826
Märchen-Almanach auf das Jahr 1827
Märchen-Almanach auf das Jahr 1828
Lichtenstein
Othello
Die Sängerin

Quellen:
Wikipedia http://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_Hauff
Allgemeine deutsche Biographie http://de.wikisource.org/wiki/ADB:Hauff,_Wilhelm

Karl Wilhelm Salice-Contessa (1777-1825)

Schon wieder ist es der ungewöhnliche Name, der mich auf diesen interessanten Autor aufmerksam gemacht hat. Kein großer Autor, kein bedeutender Autor, aber viel zu interessant, um vergessen zu bleiben, denn vergessen ist er leider fast ganz. Man erinnert sich seiner eigentlich nur noch als einen der Serapionsbrüder um E.T.A. Hoffmann.

Entsprechend spärlich sind die Quellen zu seinem Leben. Der Wikipedia-Artikel ist fast schon winzig und die Allgemeine Deutsche Biographie gibt noch weniger her, verweist aber auf das Vorwort der Gesammelten Schriften, herausgegeben von Contessas Freund aus Jugendtagen, Ernst von Houwald, ebenfalls Schriftsteller und Dramatiker. Hier schreibt der Freund über den erst ein Jahr zuvor verstorbenen Freund. Ich könnte das jetzt zusammenfassen, aber mich berührt die Freundschaft und Liebe, die einem aus den Zeilen entgegen weht so sehr, dass ich Houwald leicht gekürzt selbst zu Wort kommen lassen möchte.

[…] Was von ihm bereits durch den Druck bekannt geworden ist, hat diesem Verfasser die allgemeine Achtung erworben, so daß man dem Namen Contessa einen ehrenvollen Rang unter den Schriftstellern Deutschlands angewiesen hat. Seine dramatischen Dichtungen werden fortwährend und gern auf den Bühnen gesehen, und wegen der geistreichen und fleißigen Behandlung ihres Stoffes, und wegen der überraschenden Wahrheit der Charaktere zu den besten deutschen Lustspielen gezählt. Seine Novellen, reich an Humor, wie an Tiefe des Gefühls, hat man wegen ihrer lebendigen, oft großartigen und dennoch einfachen Darstellung; und wegen der reinen prunklosen gediegenen Sprache als Muster aufgestellt; man hat den Verfasser stets zu den wenigen gezählt, die mit einfachen und gering scheinenden Mitteln bedeutende Wirkungen hervorzubringen wußten, und in ihm deshalb einen Dichter geehrt, der im ruhigen Gefühl seiner Geisteskraft und Sicherheit alle die gewöhnlichen Hülfsmittel, ein schnelles Aufsehen zu erregen, verschmähte, und der immer nur dasjenige anspruchslos darstellen mochte wozu ihn sein Genius aufforderte.

Ein solcher Dichter darf nicht untergehen, ihn wird sein Vaterland nicht vergessen wollen! Es hat vielmehr ein Recht zu der Forderung, daß diejenigen, welche dem Vollendeten am nächsten gestanden, seine geistigen Verlassenschaften nunmehr dem Volke, dem er angehörte, als ein rechtmäßiges Erbe desselben ausantworten sollen. Diesem Gefühle, dieser Überzeugung bin ich gefolgt; ich habe die sämmtlichen Schriften meines Freundes aus diesem Nachlasse gesammelt, sie nach der Zeit ihrer Entstehung geordnet, und so eine heilige Pflicht erfüllt.

Früher gedachte ich, auch seine Lebensbeschreibung diesen Werken anzufügen, sie sollte aus der Feder eines seiner im nächsten Freunde, des Biographen von Callot-Hoffmann und Zacharias Werner fließen, der ihm bis zum letzten Augenblicke mit am nächsten gestanden hat, und deshalb auch willig die Hand dazu bot. – Als wir jedoch die wenigen Materialien hierzu gemeinschaftlich zusammengestellt hatten, und die erste Skitze seines Lebensbildes vor uns stand, wurde es uns bald klar, dass es sich zur weiteren Ausführung und öffentlichen Mittheilung nicht eigne, weil es trotz der reichen Ausstattung, welche Contessa von der Natur erhalten, trotz seiner seltnen Geistesbildung, seiner anspruchslosen Liebenswürdigkeit im Umgang, seines durchaus edlen Sinnes, dennoch nur die Züge eines äußerlich unbedeutenden, an interessanten Ereignissen armen, durch Verstimmung und Kränklichkeit vielfältig getrübten, ja wohl verfehlten Lebens geben würde. Ich habe es daher vorgezogen, bloß ein treues Bild des Dichters mit dem sehr gelungenen Kupferstiche, und, als seine vollständigste Charakteristik, seine Schriften selbst dem Publikum zu übergeben. Nur folgende kurze Nachrichten über ihn mögen hier noch Platz finden:

Carl Wilhelm Salice Contessa wurde zu Hirschberg in Schlesien, wo sein Vater ein reicher angesehener Kaufmann war, am 19. August 1777 geboren. Nach dem Tode des Vaters bezog er im Jahre 1794 das Pädagogium zu Halle und ging als einer der ausgezeichnesten Zöglinge desselben im Jahre 1798 auf die Universität nach Erlangen. [Studium der Rechtswissenschaften] Nach einem Aufenthalte von einem Jahre hier kehrte er von dort nach Halle zurück, reiste dann im Winter 1800 auf einige Monate nach Paris, und begab sich im Sommer 1802, nachdem er sich in Halle mit Johanna Jahn verheiratet hatte, nach Weimar, um dort als Privatmann zu leben. Der Tod trennte diese Ehe bald, die Mutter starb mit ihrem Kinde im ersten Wochenbette. Contessa ging hierauf im Jahre 1805 nach Berlin, und ließ hier, im Verein mit seinem ältern Bruder, zuerst einige seiner Dichtungen im Druck erscheinen. Im Jahre 1808 verheiratete er sich zum zweiten Male mit Henriette Nauendorf, von welcher ihm sein jetzt noch lebender Sohn geboren wurde. Auch in Berlin führte Contessa ein höchst eingezogenes nur von wenigen gekanntes Privatleben. Eine öffentliche Anstellung hat er nie gesucht, er widmete seine Zeit abwechselnd einigen literarischen Arbeiten, oder selbstgewählten oft veränderten wissenschaftlichen Studien, als alter und neuer Literatur, Mineralogie, Geschichte u.s.w. oder künstlerischen Beschäftigungen, als Musik und Malerei. Im Jahre 1816 starb ihm auch die zweite Gattin, worauf er Berlin verließ, und nunmehr den Aufenthalt in meinem Hause wählte, um seinen sechsjährigen Sohn mit meinen Kindern erziehen zu lassen. Seit jener Zeit genoss ich nun das seltne Glück meinen ältesten vertrautesten Freund völlig als ein Mitglied meiner Familie betrachten und mit ihm alles was das Leben giebt, selbst jeden Gedanken teilen zu können; bis er sich im Herbst des Jahres 1824, seines bedenklichen Gesundheitszustands wegen, auf einige Monate nach Berlin zu wenden beschloss, wo er Heilung zu finden hoffte. […] und starb dort am 2. Juni 1825. Auf dem St. Hedwigs Kirchhofe in Berlin […] bezeichnen folgende Worte auf einem einfachen Denkmal seine Grabstätte:

Hier ruht Karl Wilhelm Salice Contessa,geboren zu Hirschberg in Schlesien, am 19. August 1777,gestorben zu Berlin, am 2. Juni 1825.

Als Freund den Freunden, als Mensch allen, die in kannten, als Dichter dem ganzen Deutschland teuer und unvergesslich!

Endlich muss ich noch erwähnen, daß mir die Achtung und Liebe, in welcher der Verstorbene allgemeinen stand, aufs neue wieder recht offenbar geworden ist, während ich seine Schriften sammelte; denn man hat mir nicht allein zu dem vollständigen Gelingen dieses Unternehmens allenthalben bereitwillig die Hand geboten, sondern auch die frühern Verleger von Contessas einzelnen Schriften, und namentlich sein erster Verleger, Herr Buchhändler Reimer in Berlin, und die Herren Buchhändler Dümmler in Berlin und Arnold in Dresden haben zu Gunsten des Sohnes, für dessen Vorteil die Schriften des Vaters hier in einer Gesammtausgabe erscheinen, auf alle Ansprüche freiwillig verzichtet, die ihre frühern Verlagsrechte ihnen gesetzlich hierauf gewähren könnten. –

Die Oper: Der Liebhaber nach dem Tode! hatte Contessa eigentlich für seinen Freund Callot-Hoffmann gedichtet, der, nachdem ihm Fouque’s Undine gelungen war, nun auch eine Dichtung von Contessa komponieren wollte. Er [Hoffmann] wurde jedoch hierbei vom Tode überrascht. […]

Neuhaus bei Lübben in der Niederlausitz,
den 1. März 1826.
Ernst von Houwald

(Quelle: Scann bei archive.org https://archive.org/details/cwcontessasschr01contgoog)

Bekannt war Contessa wohl vor allem wegen seiner Lustspiele, die auch den größten Teil seines Werkes ausmachen. Interessanter aus heutiger Sicht sind seine Novellen und Märchen. Die Novellen erinnern sehr an Hoffmann, sind handwerklich sorgfältiger aber nicht ganz so inspiriert wie die des berühmten Freundes. Seine Märchen sind etwas ganz besonderes, selbst in dieser an Märchensammlern und Märchenerzählern so reichen Epoche. Sie erinnern mich irgendwie an Tolkien, obwohl mehr als 100 Jahre zwischen den beiden liegen, vielleicht, weil sich beide ganz bewusst von einer reichen Tradition zu etwas ganz Neuem und Eigenständigen inspirieren ließen und dabei mit einer nicht zu überhörenden Spielfreude ans Werk gingen.

Trotzdem Contessas Lustspiele sehr beliebt waren, konnte er von seiner schriftstellerischen Arbeit allein nicht leben und war auf die Unterstützung seines Bruders Christian Jakob Salice-Contessa angewiesen, der nicht nur Großkaufmann und Kommunalpolitiker sondern auch Schriftstellen war.

In der Berliner Zeit sollen Contessa, Hoffmann und de la Motte Fouqué einmal in einem Biergarten im Tiergarten beobachtet haben, wie einem jungen Fräulein, das mit seiner Familie in diesem Lokal war, ein Billet zugesteckt wurde. Das Mädchen las das Billet in einem unbeobachteten Moment und eine Träne ran über seine Wange. Die drei malten sich aus, was für eine Geschichte wohl hinter dieser Szene stecken mochte und verabredeten, dass jeder eine Erzählung darüber verfassen solle. Hoffmann schrieb darauf Ein Fragment aus dem Leben dreier Freunde und Contessa Die Schatzgräber.

Die Schatzgräber, Das Gastmal und Das Schwert und die Schlagen gibt es als Hörbuch bei LibriVox.

Das gesamte erzählerische Werk könnt Ihr teils als für den eReader aufbereitete Scanns, teils als epub bei Archive.org herunterladen.

Wer E.T.A. Hoffmann mag, wird auch von Contessa nicht enttäuscht werden.

Frisch geschlüpft: Das Gemeindekind

Von Marie von Ebner-Eschenbach (1830-1916) gelesen von Julia Niedermaier

Eine Geschichte über zwei Kinder, die nach der Exekution des Vaters und der Inhaftierung der Mutter an die Gemeinde zur Obhut übergeben werden. Das Mädchen hat Glück und findet eine reiche Gönnerin, der Junge jedoch landet bei einer schlechten Familie, die ihn schamlos ausnutzt. Seine Schwester darf er jahrelang nicht sehen, weil man seinen angeblichen schlechten Einfluss auf sie unterbinden will. Auch das Dorf lässt ihn immer wieder spüren, dass er bei ihnen nicht willkommen ist – denn sie sind davon überzeugt, dass er eines Tages wie sein Vater enden wird. Pavel setzt sich zur Wehr, wodurch seine Situation noch schlimmer wird. Doch dann tritt jemand in sein Leben, der an ihn glaubt. Wird er doch noch den richtigen Weg einschlagen und den widrigen Umständen zum Trotze sein Glück finden? (Zusammengefasst von Julia Niedermaier)

Download bei LibriVox

Zum Selbstlesen als eBook bei MobileRead.

Ein paar Wochen gab es nichts Neues, dafür sind jetzt gleich zwei Hörbücher fertig geworden. Wie schön! Gerade von Ebner-Eschenbach haben wir noch viel zu wenig im LibriVox Katalog.

Frisch geschlüpft: SPUK

Von Klabund (1890 – 1928) gelesen von Karlsson

Geschrieben im Fieber einer Krankheit, Januar bis April 1921.

In  SPUK erlebt der Ich-Erzähler metaphysische Visionen, die sich immer wieder mit der Realität vermischen, so dass die Grenze zwischen Traum und Wirklichkeit oft aufgehoben zu sein scheint. Er hat mitten im Kabarett einen Blutsturz erlitten und ist zusammengebrochen. Von einem ihm unbekannten Paar wird er in die Charité gebracht. Seine Schwäche und der Einfluss von Medikamenten, Schuldgefühle wegen des Todes seiner Frau und die Erinnerungen an eine lieb- und freudlose Kindheit quälen den Erzähler in einer für ihn aussichtslos erscheinenden Situation.

HINWEIS: Die Geschichte enthält einige recht drastische Schilderungen und ist nichts für zarte Gemüter!

Klabund ist das Pseudonym des Schriftstellers Alfred Henschke. In SPUK erzeugt er mit kurzen Sätzen und einer kraftvollen und schonungslosen Sprache eine eindringliche Stimmung. Bezeichnenderweise hat Klabund den 1922 erschienenen Roman im Januar bis April 1921 „im Fieber einer Krankheit“ geschrieben, wie er in einer Vorbemerkung festhält. Der Autor litt seit seiner frühen Jugend an Tuberkulose; als 1928 noch eine Lungenentzündung hinzu kam, erlag er seinen Leiden im Alter von nur 38 Jahren. Klabund verfasste 25 Dramen und 14 Romane, die zum Teil erst postum veröffentlicht wurden, viele Erzählungen, zahlreiche Nachdichtungen und auch literaturgeschichtliche Werke. (Zusammenfassung von Karlsson)

Download bei LibriVox

Was für ein Buch! Nicht nur im Fieber geschrieben, eine Fieberfantasie, ein Fieberwahn!  Ich war Probehörer für die Aufnahme und kenne es also schon. Zwischenzeitig hat mich der Autor an einer Stelle verloren, Kapitel 31 insbesondere ist wirklich nichts für zarte Gemüter. Aber auch danach wollte ich unbedingt wissen, wie es weiter geht. Es ist ein besonderes Buch, ein Buch, das einen berührt, wenn auch bisweilen unangenehm. Karlssons Lesung aber ist an keiner Stelle unangenehm oder unangemessen, ganz im Gegenteil.

Poesiealbum – Blatt 1

Ich freue mich sehr, heute mit Euch mein neues Poesiealbum aufblättern zu dürfen. Das erste von hoffentlich noch ganz vielen Albumblättern stammt von brucewelch, eBookmacher bei MobileRead.

Liebeskampf

von August Stramm 1874-1915

Das Wollen steht
Du fliehst und fliehst
Nicht halten
Suchen nicht
Ich
Will
Dich
Nicht!
Das Wollen steht
Und reißt die Wände nieder
Das Wollen steht
Und ebbt die Ströme ab
Das Wollen steht
Und schrumpft die Meilen in sich
Das Wollen steht
Und keucht und keucht
Und keucht
Vor dir!
Vor dir
Und hassen
Vor dir
Und wehren
Vor dir
Und beugen sich
Und
Sinken
Treten
Streicheln
Fluchen
Segnen
Um und um
Die runde runde hetze Welt!
Das Wollen steht!
Geschehn geschieht!
Im gleichen Krampfe
Pressen unsre Hände
Und unsre Tränen
Wellen
Auf
Den gleichen Strom!
Das Wollen steht!
Nicht Du!
Nicht Dich!
Das Wollen steht!
Nicht
Ich!

Hat August Stramm in seinem Gedicht das Bild „Liebeskampf“ von Cézanne vor Augen gehabt, mit seinen erotischen Phantasien inmitten archaischer Natur? Faunische Gestalten bevölkern die Szene, die Landschaft scheint über den Kämpfenden zusammen zu stürzen – so sehr nimmt sie am Geschehen teil.

Einen Kampf liefert sich der Dichter auch mit seinem Wortmaterial, das er nicht als gegeben hinnimmt. Da ist er, trotz zeitlicher Trennung, mit dem bildenden Künstler einig: der Umgang mit dem Material muss die eigentliche Auskunft geben. Keiner unter den Wortkünstlern seiner, der expressionistischen Generation, ist da so weit gegangen – ein genialer Dichter, jedoch unbekannt, strikt der Wahrheit verpflichtet und kompromisslos. Er hat den ersten Weltkrieg nicht überlebt, wie viele seiner Dichterkollegen. In Geistern wie Arno Schmidt, dem er Vorbild war, lebt er weiter.

Poesiealbum

Bei mir im Regal gibt es zwei Poesiealben, eins noch aus der Schulzeit, dass mir lieb und teuer ist, wie viele von uns noch eins haben; oder auch nicht mehr, was schade ist. Das Poesiealbum ist wohl inzwischen ziemlich aus der Mode gekommen. Statt dessen gibt es Freundebücher mit vorgedruckten Linien, auf denen man sein Lieblingstier, seine Lieblingsfarbe u.s.w. aufschreiben soll, und natürlich einen vorgedruckten Rahmen für ein Foto. Aber wahrscheinlich ist auch dass inzwischen zu mühsam geworden.

Für mich war es immer eine ganz besondere Sache, wenn mir eine Klassenkameradin ihr kostbares Album anvertraut hat. Und welche Herausforderung waren die beiden jungfräulich weißen Seiten, auf denen ich mich verewigen sollte. Ich habe mir jedes mal ganz große Mühe gegeben, aber in Schönschrift hatte ich immer eine 4.

Am Ende der Grundschule habe ich mein Album von jemandem nicht zurückbekommen, bevor das Schuljahr zu Ende war. In der ganzen Aufregung um die neue Schule habe ich nicht mehr daran gedacht, erst wieder, als eine neue Freundin aus der neuen Klasse mir ihr Album in die Hand drückte. Aber da waren die Klassenkameraden aus der Grundschule schon in alle Winde zerstreut. Mein erstes Album habe ich nie wieder bekommen und so beginnt meine Kindheit mit der 5. Klasse, was das Poesiealbum angeht.

Das andere Album ist etwas ganz besonderes; ich habe es unter den Sachen meiner Großmutter gefunden, nachdem sie gestorben war. (Bild oben) Es ist ein Album, in das eine Frau namens Anna Brandt von 1868 bis 1873 in Schönschrift Gedichte abgeschrieben hat. Warum? Ich weiß es nicht. Waren das ihre Lieblingsgedichte? Möglicherweise. War es eine Schulaufgabe? Vielleicht. Ich weiß auch nicht, wer diese Frau war oder wie das Album in den Besitz meiner Großmutter gekommen ist.

Die zarte Schrift in verblasster Tinte auf dem nachgedunkelten Papier berührt mich immer wieder ganz eigentümlich. Auf den ersten Seiten ist sie sehr sauber, akkurat, fast perfekt. Man merkt, wie viel Mühe sich Anna mit der Abschrift gegeben hat. Sie schreibt Sütterlin, wenn sie deutsch schreibt und benutzt eine lateinische Schreibschrift für englische und französische Gedichte. Später wird die Handschrift nachlässiger, Fehler und Verbesserungen kommen vor. Dann hat sie irgendwann aufgehört.

In den letzten Jahren hatte ich immer wieder den Gedanken, wie schön es doch wäre, wieder ein Poesiealbum zu haben und es bei den Menschen herumzugeben, die mir lieb und teuer sind, die mich unterstützt und inspiriert haben oder die aus welchem Grund auch immer ein wichtiger Teil meines Lebens sind. Und da sich ein guter Teil meines Lebens online abspielt, Freunde hunderte von Kilometern entfernt wohnen und man sich nur viel zu selten sieht, warum das Album nicht online anlegen? Und warum, da es hier ja um Literatur geht, das Album nicht auf dem Blog haben? Also habe ich angefangen herumzufragen, ob man vielleicht Lust hätte, ein Gedicht für so ein Album auszusuchen, keinen der üblichen Sprüche, ein richtiges Gedicht, das einen berührt, das einem wichtig ist. Und vielleicht auch ein Bild dazu auszusuchen, eine Audioaufnahme zu machen, ein paar Worte dazu zu schreiben, warum man gerade dieses Gedicht ausgesucht hat.

Die Reaktion waren zunächst verhalten, sehr verhalten, so dass ich den Plan fast schon wieder aufgegeben hatte. Aber dann kamen die ersten Zusagen und auch das erste Albumblatt kam zu mir zurück, so dass ich jetzt zuversichtlich genug bin, das Poesiealbum für Euch alle aufzublättern. Den ersten Eintrag gibt es gleich anschließend. Das Album geht weiter von Hand zu Hand und wie das bei einem Poesiealbum so ist, man kann nie wissen, wie lange es dauert, bis das nächste Albumblatt fertig ist.